Selftracking bis der Arzt kommt

17. Juli 2015
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Vor allem junge Männer und Frauen stehen auf Selftracking, das Sammeln von Daten über den eigenen Körper. Meist geht es um die Selbsterkenntnis und die Optimierung auf Zahlenbasis. Doch der Trend birgt auch Risiken und könnte zu einem Umbruch im Gesundheitssystem führen.

Kaffeekonsum, UrinpH-Wert, gelaufene Schritte, Aufwachen zum optimalen Zeitpunkt … Es gibt unzählige Möglichkeiten der Selbstoptimierung durch „Selftracking“ – einer Bewegung, die 2007 unter dem Namen „Quantified Self“ in den USA aufkam und auch in Deutschland immer mehr Anhänger findet.

Optimaler Aufwachzeitpunkt

„Selftracker“ tragen beispielsweise einen Schlafphasenwecker in Form eines Stirnbands. Dieses zeichnet die ganze Nacht über Hirnströme auf und weckt seinen Träger genau dann, wenn sich der Körper natürlicherweise dem Aufwachen nähert – natürlich in einer vorher bestimmten Zeitspanne. „Das funktioniert richtig gut“, berichtete der Björn Ewers, freier Fotograf aus Berlin, gegenüber DocCheck. Nach dem Aufwachen lässt sich auf dem Smartphone die individuelle Schlafkurve nachverfolgen. Ein Score kombiniert mit vielen bunten Linien und Diagrammen verrät, ob man in der Nacht gut geschlafen hat. Manche „Sleeptracker“ erfassen sogar die Herzfrequenz, Umgebungsgeräusche und Lichtverhältnisse im Raum und zeichnen so ein detailliertes Bild von der Schlafqualität des Anwenders.

Trend zieht vor allem Männer an

„Quantified Self“ ist mehr als pures Datensammeln. Es ist auch eine Lebenseinstellung: „Selftracking mache ich hauptsächlich zur Eigenmotivation beim Sport. In Verbindung mit Freunden und Bekannten kann aus den Daten eine unterhaltsame Challenge entstehen“, erklärte Ewers weiter. Anhänger der Bewegung treffen sich jedes Jahr in San Francisco und Amsterdam, um sich über Neuigkeiten der Branche auszutauschen. Auch in Deutschland entstehen derzeit immer mehr regionale „Quantified Self“-Gruppen. Vor allem technikaffine Männer sind von den neuen Programmen und Geräten zur Körpervermessung begeistert.

Selbsterkenntnis durch Zahlen

Den meisten Anwendern geht es um Selbsterkenntnis durch Zahlen, aber auch um den Ansporn, sich zu verbessern. Der Hamburger Jungmanager und Selftracker Benedikt Schaumann sagte in einem Interview: „Beim Selftracking habe ich gemerkt, dass die Transparenz gegenüber den eigenen Handlungen einen sehr viel stärker auf dem Pfad hält und der soziale Druck über die Community hilfreich für die eigene Motivation ist.“ Als „Einstiegsdroge“ fungiert bei vielen Selftrackern ein Schrittzähler, den man sich unkompliziert an den Hosenbund klemmen kann. Auch andere „Wearables“ – kleine, am Körper tragbare Geräte wie Fitbit, Shine und Jawbone – sammeln ständig Fitnessdaten ihrer Nutzer ein.

Unter Läufern ist vor allem die App „runtastic“ beliebt. Mit ihr lassen sich gelaufene Kilometer, aber auch geschaffte Liegestützen und verbrauchte Kalorien mit Freunden und „Followern“ teilen. Eine Computerstimme motiviert und informiert während des Trainings.

Differenziertere Therapiemöglichkeiten für Ärzte

Doch Selftracking kann mehr sein als eine technische Spielerei und Motivationshilfe. Ärzten und Patienten können die neuen Tools hilfreiche Daten liefern. Mit Apps lassen sich mittlerweile Diäterfolge und Herzfrequenz erfassen sowie Blutdruck– oder Blutzuckermessungen verwalten. „Indem Daten wie Schrittzahl oder Herzschlag, die erst einmal nur schön zu haben sind, in einen neuen Kontext gestellt werden, eröffnen sich für Ärzte differenziertere Behandlungsmöglichkeiten“, so die Medizinerin Meghan Conroy auf dem diesjährigen DLDsummer – dem Digital-Life-Design Kongress in München. Auf Anwendungen wie captureproof können Patienten Fotos ihrer Symptome hochladen oder das Programm mit Daten ihrer Tracking-Apps füttern. Dabei können Patienten zunächst für sich ihre Symptome dokumentieren und später entscheiden, welche Informationen sie mit Ärzten teilen möchten. Werden die „Wearables“ und „Fitness-Tracker“ unser Gesundheitssystem bald fundamental verändern?

Selftracker mit Schattenseiten

Dagegen, dass die Menschen sich intensiver mit ihrer Gesundheit beschäftigen, ist soweit nichts einzuwenden. Ebenso wenig gegen geprüfte medizinische Apps. Womöglich könnte die winzige Patientenakte am Handgelenk künftig Tätigkeiten, die den Ärzten Zeit rauben, ersetzen und ihnen dabei helfen, bestimmte pathologische Entwicklungen zu verstehen und dem Patienten eine individuelle Therapie zu ermöglichen. Doch so positiv sich dieser Selbstvermessungs-Trend auch auf die Lebensweise der Menschen auswirkt, die Mini-Computer, die den Alltag auf Schritt und Tritt aufzeichnen, haben auch Schattenseiten: So macht es der übersättigte App-Markt schwer, nutzbringende Anwendungen aus der Angebotsflut herauszufiltern. Braucht man wirklich eine App, die anzeigt, ob man gute oder schlechte Laune hat? Vieles sagt einem auch schon der gesunde Menschenverstand, so etwa, dass Völlerei am Abend den Schlaf negativ beeinflusst. Eine Studie des Universitätsklinikums Freiburg im Auftrag der Techniker Krankenkasse hat gezeigt, dass viele Apps keinen richtigen Mehrwert für die Nutzer haben, nicht nachhaltig angelegt sind oder ein rein kommerzielles Interesse verfolgen.

Fahrlässiges Vertrauen in Daten

Nicht hinter jeder App stehen zwangläufig Gesundheits- und Fitness-Experten. Gerade den Entwicklern vieler kostenfreier Apps fehlt das nötige Fachwissen. Den Nutzern wiederum fehlt das Know-How, um einschätzen zu können, ob die Informationen tatsächlich korrekt sind. Verlassen sich Selftracker leichtgläubig auf falsche Werte, kann es richtig gefährlich werden. So können Apps, mit denen man Bilder von Hautveränderungen machen kann, dem Nutzer mehr schaden als helfen; denn die Kriterien, nach denen die Aufnahmen bewertet werden, sind oft nicht bekannt. Wenn der rote Fleck am Ende doch Hautkrebs ist, hat der Patient bis zum Artbesuch wertvolle Zeit verloren. Weitere Gefahren von Selftraking sind die Überlastung der eigenen Körperkräfte und nicht zuletzt das unterschätzte Suchtpotenzial.

Vom Selftracker zum Body-Hacker

Ein weiteres Problem: Viele der sensiblen Gesundheitsdaten werden in Clouds oder auf den Servern der App-Betreiber gespeichert. Kritisch sehen Datenschützer dabei vor allem die Gesundheitsknotenpunkte – also Programme wie Microsoft Health, Google Fit oder das Apple Health Kit – die Daten verschiedener Tracking-Apps zusammentragen. Aber auch Kranken- und andere Versicherer haben Interesse an gesammelten Gesundheitsdaten.

Gerade in Zeiten der NSA-Affäre drängen Fragen nach der Sicherheit der Daten, die über Gesundheits-Apps erfasst werden. Wer seine Schritte zählt, hilft auch dabei, sein Bewegungsprofil zu erstellen. Doch noch intimer als der Standort sind eben die Daten, die den Gesundheitszustand eines Menschen verraten. Vielen der digitalen Tools mangelt es aber an Transparenz hinsichtlich der Datenspeicherung und -weitergabe. Der Durchschnittsnutzer weiß oft nicht, von wem die Apps stammen und was sie tatsächlich sammeln. Gerade Dienstleister, die ihren Sitz außerhalb Europas haben, könnten in Sachen Datenschutz schwer greifbar sein. Deshalb ist es besonders wichtig, sich die Frage zu stellen, ob die Daten vor einem unerlaubten Zugriff geschützt sind: „Wenn der App eine Datenschutzerklärung fehlt, oder nicht klar ist, wie sich diese finanziert, ist man sicher gut beraten, nach einer Alternative zu schauen“, sagte Ursula Kramer, eine Mitautorin der Freiburger Studie.

Gut informiert, oder schon gläsern?

Oliver Dziemba, Autor verschiedener Trend- und Zukunftsstudien, prognostiziert: „In den kommenden Jahren wird das Selftracking eine neue Dimension erreichen. […] Im Jahr 2030 redet sicherlich keiner mehr vom automatisierten Puls-, Bewegungs- oder Blutdruck-Scanning, weil das bis dahin zur Alltagsausrüstung gehören wird. Zumal Krankenkassen das Selftracking bereits heute schon belohnen.“ So etwa die Barmer GEK, die ihre Mitglieder für regelmäßige Bewegung mit Bonuspunkten belohnt, die sie im hauseigenen Bonusprogramm einsetzen können. Doch die schwärmerische Sorglosigkeit im Umgang mit den eigenen Gesundheitsdaten bereitet Kritikern Sorgen: „Eine Krankenkasse, die alles über die Patienten weiß, neigt schnell zur Diskriminierung“, warnt Alexander Markowetz, Juniorprofessor für Informatik an der Universität Bonn. Auf längere Sicht könnte also der Selftracking-Trend den Solidargedanken in der Krankenversicherung gefährden und dazu führen, dass Versicherte gezwungen werden, entweder am Datenaustausch teilzunehmen oder schlechtere Tarife in Kauf zu nehmen. Ähnlich sieht es auch der ehemalige Gesundheitsminister: „Wir wollen gut informierte Patienten. Aber ich möchte keinen gläsernen Patienten“, sagte Daniel Bahr auf dem Podium des DLDsummer. Wie sich der Selbsterfassungswahn auf unser Gesundheitssystem auswirken wird, bleibt abzuwarten. Die Ärzte in Deutschland akzeptieren die Telediagnose noch nicht, so Bahr.

91 Wertungen (4.66 ø)

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22 Kommentare:

Carmen Katharina Emmerich
Carmen Katharina Emmerich

Mal abgesehen von dem positiven Aspekt der gesteigerten Eigenverantwortung….es geht immer mehr nach außen, nur die Fassade, kein self tracking einer inneren, menschlichen Entwicklung. Wo bleibt dann beim “self-tracking” das SELBST?

#22 |
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P. Klein, Arzt
P. Klein, Arzt

….Hr. Planckton….Hut ab…..

#21 |
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Max Planckton
Max Planckton

Der Wahn der Selbstoptimierung befeuert seinen eigenen Markt und wird auf Basis eines sowieso schon schmerzhaft verzerrten Eigenbildes ausgelebt, so dass einem richtig Angst werden kann, sich vor zu stellen, wie das Selbst denn wohl daherkäme, wäre es erst optimiert.

#20 |
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Gast
Gast

@Dr. biol. hum. Claudia Arnold wichtiger finde ich, ganz unverbindlich natürlich,
dass Sie die Haare nicht so kurz tragen.
Diese selftrekker sind oft so kurz geschoren, das lässt sie irgendwie unmenschlich wirken, ferngesteuert, das macht mir richtig Angst.

#19 |
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Gast
Gast

Die Daten, die jeder Benutzer/Patient mit seinem Handy selbst erstellt und weiterleitet sollte man mit Vorsicht genießen. Ich habe es im Bekanntenkreis erlebt, wie die frisch gewaschenen Möhren für den Sohn oder der Obstteller für die Gäste fotografiert und per Handy mit der Angabe “eigene (gesunde) Mahlzeit” weitergesandt wurden und am Abend beim Wein das Handy mit entsprechenden rhythmischen Handbewegungen einen Jogginglauf simulieren und an die App weiterleiten sollte.

#18 |
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Sind derlei Daten, egal wie umfassend man sich trackt, nicht doch immer aus dem Zusammenhang gerissen und ohne Weiteres nicht auszuwerten? Vor ein paar Jahren wurde mal eine Antioxidantien-Maus angekündigt, ein computermausgroßes Spektrophotometer, das anhand von drei Wellenlängen die Konzentration dreier Antioxidantien in der Haut messen sollte (Beta-Carotin, Lycopin und das Dritte habe ich vergessen). Aber was bedeuten solche Werte an sich? Je gelb, desto gesund? Vielleicht ist ein Schrittzähler als Einstig ganz gut, damit einem vor Augen geführt wird, wie erschreckend wenig man sich eigentlich bewegt. Aber die Fixierung auf bestimmte Zahlen, die man dann auf Deubelkommraus erhöhen will, kann letztlich nichts bringen. Ich bin gerne bereit, über mein Erlebnis mit getrackter Ballaststoffaufnahme zu berichten – der Wert alleine war irreführend bis schädlich. Wenigstens war in meiner Toilette keine Waage eingebaut.

#17 |
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KJL
KJL

Information ist gut, doch manchmal ist es besser, auf die körpereigenen
Signale zu achten. die melden sich schon, wenn etwas nicht stimmt und
dann hilft hoffentlich der Fachmann und nicht der Computer.

#16 |
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Simone Pfaue
Simone Pfaue

Auch hier gilt: Wer viel misst, misst viel Mist.

#15 |
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Gast
Gast

Lieber #11Gast, ich versteh nicht was das Thema mit Ärzten zu tun hat?

#14 |
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Dipl.-Heilpäd. Michel Fahnert
Dipl.-Heilpäd. Michel Fahnert

Ja die kleinen Gerätschaften. Wohin die führen können sehe ich täglich bei weiblichen und zunehmend auch männlichen Patienten unseres Hauses.

Die nutz(t)en auch die Waage als das Allerheiligste, was nun deren Leben bestimmt und sie in die Anorexie und andere Essstörungen treibt.

Anders wird es mit den Apps auch nicht sein, es wird immer anfällige Leute geben, die sich dann irgendwie steigern wollen und nicht merken, wie sie daran zugrunde gehen.

#13 |
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P. Klein, Arzt
P. Klein, Arzt

….aus all dem Mumpitz klingt nichts anderes als eine erschreckende Unzufriedenheit…

#12 |
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Gast
Gast

Die Szenarien, die hier erläutert werden haben wir im Übrigen schon. Bisher laufen jedoch viele Bonusprogramme auf die Nutzung äusserst umstrittener Vossorge-Untersuchungen hinaus. Die Tatsache, dass sich die Meinungen der Bürger teilen, hat lediglich zur Zwangversicherung geführt und keineswegs wirkliche Alternativen ermöglicht. Besser als fragwürdige Vorsorge-Untersuchungen zu fördern wäre dann doch wohl eigene Gesundheitsvorsorge zu fördern. Dass sich der Trend dahin entwickelt, kommt ja auch nicht von ungefähr. Wenn man sieht, was man von unseren Ärzten noch zu erwarten hat, ist es schon besser sich gut um sich selber zu kümmern. Optimal wäre natürlich, wenn das dann auch entsprechend gewürdigt würde. Gerade das ist bisher in der Relation keineswegs der Fall.

#11 |
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Dipl.Oec.troph Birte Jacobsen
Dipl.Oec.troph Birte Jacobsen

Ich sehe dem Trend eher mit Sorge entgegen . Wir machen uns damit zum Sklaven des Gesundheitssystems, auch wenn es sicher gute Apps und Diagnosemöglichkeiten damit gibt. Ein gezielter Umgang ja, aber eine challange ? – der Druck in der Leistungsgesellschaft ist schon hoch genug !

#10 |
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Arzt
Arzt

Jeder soll nach seiner facon seelig werden.
Zu mir kommen allerdings eher Kranke,
ich nichts dagegen, wenn die gut informiert sind.

#9 |
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Robert Dettmann
Robert Dettmann

Dann war ich also total angesagt, als ich mit telemetrischer Hirndruckmesssonde ausgestattet sehr interessante Druckmessfahrten mit dem ICE über die Höhenzüge von Süd nach Nord durch die Republik machte? Ein Novum, meine Idee und alle Spezialisten fanden’s auch toll. Ich erzähl’ das jetzt mal besser nicht bei den gelangweilten und wichtigen Menschen so rum, könnte sonst ein neuer Hype werden?

#8 |
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Angelika Sitter-Linnemann
Angelika Sitter-Linnemann

Dann kann die “Head-Down-Generation” auch gleich mal ihre Schäden an der Halswirbelsäule analysieren ;-)

#7 |
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Dr. med.dent Stefan Troendle
Dr. med.dent Stefan Troendle

Hypochonder aller Länder vereinigt Euch

#6 |
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Dr. med.dent Stefan Troendle
Dr. med.dent Stefan Troendle

So ein Schwachsinn !!

#5 |
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Robert
Robert

Hm, was ist mit den Tracking-Daten von einer quasi “Dark Side of life”, mit denen während eines realen Arbeits- oder Familientages? Im Büroalltag wird’s dann etwas schwierig mit so einer Running-App? Und könnte der erhöhte Puls beim Negativ-Arbeits-Stress dann nicht auch falsch-positiv als Aktivitätsnachweis für positive Körpermotivation fehlgedeutet werden? Oder zeichnen die Apps gar auch wie auch immer das Environment in jeder Beziehung und Lage auf? Wow…

#4 |
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Auch ich habe jetzt sehr schöne Fotos der Darmschleimhaut ;-)

#3 |
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Beamter im Gesundheitswesen

Für den Hämoccult-Test sind Smartphones von Nokia bestens geeignet

#2 |
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Student der Humanmedizin

Urin-pH-Wert? Jetzt ist mein Smartphone kaputt.

#1 |
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