Ein resistenter Keim kommt selten allein

9. Juni 2011
Teilen

Mehr Menschen als vermutet tragen sogenannte MRSA-Bakterien in ihrem Körper. Forscher haben untersucht, wie häufig Antibiotika-resistente Staphylococcus aureus-Bakterien in Braunschweiger Altenheimen vorkommen.

Die Häufigkeit lag im Mittel sechsfach über dem geschätzten Wert. In fast allen untersuchten Altenheimen fanden die Forscher MRSA-Bakterien. MRSA steht für Methicillin-resistente Staphylococcus aureus. „Entscheidend ist daher eine gute mikrobiologische Diagnostik, um diese Patienten frühzeitig zu erkennen und richtig zu behandeln“, betont Dr. Wilfried Bautsch, Chefarzt im Institut für Mikrobiologie, Immunologie und Krankenhaushygiene am Städtischen Klinikum Braunschweig. „Denn auch, wenn die hygienischen Standards gut eingehalten werden, kann der Keim auftauchen“, fügt Dr. Sabine Pfingsten-Würzburg, Leiterin des Gesundheitsamts Braunschweig, hinzu. Viele Menschen brächten den MRSA-Keim nämlich schon mit ins Heim.

Das Bakterium Staphylococcus aureus gehört zur normalen Bakterienflora des Menschen. Jeder Fünfte trägt die Keime in der Nase, ohne etwas davon zu merken. Ein Problem entsteht erst, wenn das Immunsystem geschwächt ist oder die Bakterien in eine offene Wunde gelangen. Schwerwiegende Infektionen wie Lungenentzündung oder Blutvergiftung können die Folge sein. Ein antibiotikaresistenter Keim erschwert die Behandlung. Die gefährlichste Form liegt bei MRSA-Keimen vor: sie sind gegen alle Penicillin-verwandten Antibiotika resistent, aber auch gegen viele andere verfügbare Antibiotikaklassen. Die Therapie von Patienten mit MRSA-Infektionen ist langwierig und beinhaltet die Gabe bestimmter Reserveantibiotika.

Um zu untersuchen, wie häufig MRSA-Bakterien in der Region vorkommen, nahmen die Forscher des Klinikums Nasenabstriche von 1.827 Bewohnern Braunschweiger Altenheime. Sie untersuchten, ob Staphylococcus aureus-Keime in den Proben vorkamen und ob es sich um antibiotikaresistente MRSA-Bakterien handelte. „MRSA ist ein weltweites Gesundheitsproblem, das vor allem Risikogruppen wie alte Menschen betrifft“, sagt Bautsch. In 139 Proben fanden die Wissenschaftler MRSA-Keime, obgleich in den Heimen vor den Untersuchungen nur 24 Bewohner als Träger von MRSA bekannt waren. „Dies bedeutet, dass der Großteil der MRSA-Träger in den Heimen nicht als solche erkannt wurden“, so Bautsch.

Wissenschaftler des HZI klassifizierten die MRSA-Stämme dann weiter. Sie fanden heraus: bei mehr als 70% der MRSA-positiven Proben handelt es sich um den MRSA-Stamm „Barnim“, der häufig in Norddeutschland vorkommt. Europa- und weltweit kommen bestimmte MRSA-Stämme regional gehäuft vor. „Wir möchten in Zukunft die Ursachen für diese Verteilung untersuchen“, sagt Dr. Dietmar Pieper, Leiter der Arbeitsgruppe „Mikrobielle Interaktionen und Prozesse“ am HZI.

Die weltweite Ausbreitung von Antibiotikaresistenzen ist ein schwerwiegendes Problem bei der Behandlung bakterieller Infektionen. Jährlich infizieren sich allein in Deutschland eine halbe Million Menschen in Krankenhäusern mit multiresistenten Keimen. Antibiotika, die Bakterien normalerweise erfolgreich bekämpfen, sind dann wirkungslos. Für bis zu 15.000 Menschen endet eine solche Infektion jedes Jahr tödlich.

Originalpublikation:
Prevalence and molecular epidemiology of Methicillin-resistant Staphylococcus aureus in nursing home residents in Northern Germany Sabine Pfingsten-Würzburg et al.; Journal of Hospital Infection, 78(2): 108-12; 2011

0 Wertungen (0 ø)
Allgemein

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

6 Kommentare:

Ernst Pawlowsky
Ernst Pawlowsky

wenn bei der Reihenuntersuchung 139 Fälle gefunden worden sind, von denen nur 24 bekannt waren, so zeigt das doch, daß anscheinend viele der vorher unerkannten Fälle recht gut mit ihrer Infektion zurechtkamen. Das stützt ganz stark die Aussage von Hrn. Rehm (4), daß es nicht darum gehen muß, Sterilität herzustellen, sondern ein Gleichgewicht zu Gunsten der Nützlinge zu erzeugen. Doch an solcher wahren Prävention kann die ( Pharma- ) Industrie weniger verdienen. Da hilft allenfalls Aufklärung der Bevölkerung. Doch erreicht diese nur einen kleinen Teil, wie wir an so offenkundigen Entwicklungen wie dem zunehmenden Körpergewicht der Bevölkerung sehen können.

#6 |
  0
Bernd Westbomke
Bernd Westbomke

Man kann ihre Aussage, lieber Herr Rehm, auch anders deuten: Über die 15000 MRSA-Todesfälle und die ca. 10000 Verstorbenen, die an einer winterlichen Pneumonie gelitten haben, redet niemand. Das sind nämlich die alten, multimorbiden Menschen in den Altenheimen oder in häuslicher Pflege befindlichen. Diese Mneschen sind weithin ohne Lobby, sie tauchen selten in Fernsehmagazinen auf. In ihrer Logik sind das die “Schädlinge”.
EHEC-Erkrankte, die im Fernsehn dann auch zu Wort kommen, sind durchweg junge Menschen. “Nützlinge”
An diesem Beispiel wird doch sonnenklar, das wir längst in einer Gesellschaft leben, die in dieser Hinsich gnadenlos selektiert!

#5 |
  0
Arzt

Wir sollten die ökologische Nische nicht vergessen!
Jeder Nützling nimmt einem Schädling Platz weg, sich breit zu machen. Wenn wir alle Nützlinge mit der chemischen Keule beseitigt haben, können sich die resistenten(!) Schädlinge umso besser vermehren!

#4 |
  0
dr. med.dent. Wolfgang Stute
dr. med.dent. Wolfgang Stute

MRSA , etc Keime , Viren ::::: unterstützende Desinfektion durch Anwendung von Gasen wie Ozon u. Singulett-Sauerstoff sowie Licht
( UV …… ) im weitesten Sinne des Wortes führen wider aller Kenntnis ihres keimtötenden Potentials unbegreiflicherweise immer noch ein Schattendasein .

#3 |
  0

Frage mich erneut weshalb be einer Todesrate von 15 Tausend Menschen pro Jahr die vergleichsweise so raren Fälle von EHEC – und E.coli mutiert doch schon immer munter vor sich hin und auch die Toxinbildung ist altbekannt – in der Öffentlichkeit so stark in den Focus geraten sind. MRSA ist schon lange ein ernstzunehmendes Problem – wie schärft man endlich die Aufmerksamkeit hierfür ? Erst wenn es etwas zu verdienen gibt, für wen auch immer ?

#2 |
  0
Martin Schiebel
Martin Schiebel

Im Regelfall bringen die Bewohner in unserem Heim die Keime von außen, vor allem aus Kliniken mit. Leider geschieht dies fast immer unbemerkt, oder wird uns nicht mitgeteilt. Dadurch ist die Gefahr der Besiedelung der anderen Bewohner und des Pflegepersonls sehr groß. Leider ist die Diagnostik in den Krankenhäusern oft sehr ungenau. Zum Beispiel kam vorige Woche ein Bewohner von einer stationären Behandlung mit einem MRSA zurück, der durch einen Mischabstrich in Nase, Rachenraum und perianal festgestellt worden war. Aus dem Krankenhaus bekamen wir keine genauere Diagnose, nur einen Behandlungsplan für alle drei Bereiche.

#1 |
  0


Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: