Bakterien und Pilze schützen vor Asthma

25. Februar 2011
Teilen

Verschiedene Studien zeigten in den letzten Jahren, dass Bauernkinder deutlich seltener unter Asthma leiden als andere Kinder. Den Grund dafür deckte nun Forscher auf.

Das Wissenschaftlerteam um die Mediziner Dr. Markus Ege und Professor Erika von Mutius vom Dr. von Haunerschen Kinderspital (Klinikum der Universität München) deckte nun mithilfe epidemiologischer Studien auf: Das niedrigere Asthmarisiko von Bauernkindern kann zu einem großen Teil durch die höhere Vielfalt an Umweltmikroorganismen erklärt werden, denen diese Kinder ausgesetzt sind.

Welche Mechanismen dabei eine Rolle spielen ist zwar noch unklar, aber die Forscher haben bereits einige Keime identifiziert, die für das geringere Asthmarisiko verantwortlich sein könnten. Dieses Ergebnis könnte auch für die Vorbeugung von Asthma bei anderen Bevölkerungsgruppen von Bedeutung sein. „Der Weg zur Behandlung ist zwar noch weit, aber uns stehen damit zumindest Kandidaten für eine Impfstoffentwicklung zur Verfügung“, sagt Ege.

Asthma: Gesellschaftliche und gesundheitspolitische Relevanz

Asthma gehört in Europa zu den wichtigsten chronischen Krankheiten im Kindesalter, und Asthmatiker leiden oft ein ganzes Leben lang an ihrer Krankheit. Daher kommt Asthma eine besondere gesellschaftliche und gesundheitspolitische Relevanz zu. Verursacht wird die Krankheit durch eine Kombination genetischer und umweltbedingter Faktoren, wobei verschiedene Studien der letzten Jahre ergaben, dass Bauernkinder ein deutlich niedrigeres Asthmarisiko haben als andere Kinder. Um der Ursache dieses Phänomens auf den Grund zu gehen, untersuchten die LMU-Forscher nun Schulkinder in Bayern. Im Rahmen der beiden großen europäischen Epidemiologiestudien GABRIEL und der PARSIFAL verglichen Ege und seine Kollegen Kinder, die auf einem Bauernhof lebten, mit anderen Kindern aus denselben ländlichen Regionen, die allerdings nicht auf einem Bauernhof lebten.

Umweltkeime als Gesundheitswächter

Das Besondere an der neuen Untersuchung: Die Wissenschaftler beschränkten sich auf Innenräume und untersuchten den Staub aus den Kinderzimmern auf Pilze und bakterielle DNA. Im Ergebnis zeigte sich, dass sich Bauernkinder auch in Innenräumen mit viel mehr verschiedenen Umweltmikroben auseinandersetzen müssen als andere Kinder. Dabei erschienen die Umweltkeime quasi als Gesundheitswächter: Je vielfältiger der Mikrozoo im Hausstaub war, desto geringer war das Asthma-Risiko. Auf welche Weise diese Keime das Asthmarisiko senken, ist aber noch unklar. Die Wissenschaftler halten verschiedene Erklärungen für denkbar. „Eine Möglichkeit wäre, dass die Kombination bestimmter Umweltkeime das angeborene Immunsystem anregt und eine Asthma begünstigende Immunlage dadurch verhindert wird”, erklärt Ege. Eine andere Erklärung könnte darin liegen, dass die Auseinandersetzung mit vielfältigen Umweltmikroorganismen die übermäßige Besiedelung der unteren Atemwege mit Asthma auslösenden Keimen verhindert – ähnlich wie im Darm, der für eine reibungslose Funktion auch eine ausgewogene Keimflora benötigt.

Schutzwirkung: Kombination spezifischer Arten

Mikrobielle Vielfalt allein reicht vermutlich allerdings nicht aus, um Asthma zu verhindern. Wahrscheinlich ist es eine Kombination spezifischer Arten, die eine Schutzwirkung entfalten kann. „Im gesamten untersuchten Spektrum fanden sich einige Keime, die besonders interessant sein könnten”, berichtet Ege, „dazugehören außer bestimmten Bazillen und Staphylokokken – etwa die Art Staphylococcus sciuri – auch Schimmelpilze der Gattung Eurotium.“ Die nächste Herausforderung für die Wissenschaftler ist es nun, den Zusammenhang zwischen der Präsenz von Mikroben im Hausstaub und dem Schutz vor Asthma artspezifisch zu untersuchen – und so auf lange Sicht unter den Kandidaten die Keime zu finden, die für einen potenziellen Impfstoff infrage kommen.

Publikation:
Exposure to Environmental Microorganisms and Childhood Asthma
Markus J. Ege et.al., New England Journal of Medicine online
24. Februar 2011

0 Wertungen (0 ø)
Allgemein
,

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

7 Kommentare:

Horst Rieth
Horst Rieth

zu 6

impfung bedeutet erst einmal nur das vorsätzliche und vorbeugende in kontakt bringen von degeneriertem antigen potentieller krankheitserreger mit dem immunsystem.

sorry, war ich besoffen ?

#7 |
  0

Es ist schon erstaunlich, wie einseitig man in der LMU München die o.g. Problematik sieht! Es ist doch hinreichend bekannt, dass bei der Entstehung von Asthma Allergien und damit auch die Pollinosis eine entscheidende Rolle spielt. Kinder, die auf dem Lande aufwachsen, machen schon sehr früh, d.h.im Kleinkind-Alter durch stärkere Konfrontation mit Baum-, Gräser- und Kräuterpollen wie auch mit Hausstaub eine natürliche Hyposensibilisierung durch, so dass trotz genetischer Disposition ein Asthma und natürlich auch der Heuschnupfen bei ihnen sehr viel seltener auftritt als bei Stadtkindern; letztere werden durch die deutlich geringere Allergen-Exposition schließlich auch weniger auf natürlichem Wege hyposensibilisiert.

#6 |
  0
Horst Rieth
Horst Rieth

impfung bedeutet erst einmal nur ein vorsätzliches und vorbeugendes in kontaktbringung von potentiellen auslösern einer krankheit mit dem immunsystem.

#5 |
  0
Dr. Gero Beckmann
Dr. Gero Beckmann

Die LMU wartet wieder mit einer gelungenen, da vielzitierten Pressearbeit auf. Letztlich sind die Ergebnisse seit Jahrzehnten nichts Neues. Wieso auch? Kinder von Bauernhöfen stehen mitten im (mikrobiellen) Leben, nicht die in einer SACROTAN-Welt. Außerdem ist die mikrobielle Nähe von Mensch und Tier evolutionär näher an uns alten Höhlenmenschen…Was mich ärgert, sind die m.E. völlig unrealistischen Ausblicke auf einen “Impfstoff”. Entweder ist das Ausdruck monokausalen Denkens oder, was wahrscheinlicher ist, das “Anfüttern” neuer Forschungsgelder.

#4 |
  0
Dr. Rudolf  Richard Ruessmann
Dr. Rudolf Richard Ruessmann

Es ist anzunehmen, dass Bauernkinder in den ersten Lebensmonaten oral genügend Dreck inkorperieren, um sich voll und ganz mit der Umwelt auseinander setzen zu können. Bei vielen Stadtkindern fehlt diese Auseinanderseztung über den Darm, so dass ungeeignetere Organe (Haut, Lunge) diesen Part übernehmen müssen.

#3 |
  0

Ist denn der einzige Unterschied zwischen ländlicher Umgebung und etwa Stadt die Bakterien- und Pilzpopulation?

Wie ist es mit Stress, Ernährung, Bewegung, Lärm, Abgasen etc pp? Wie will man derartig viele Faktoren kontrollieren?

#2 |
  0

Die Beobachtung ist ja nicht ganz neu: Bakterien-Endotoxine im Hausstaub können die Produktion von Interferon Gamma und Interleukin-12 stimulieren, wodurch sie theoretisch ein Desensibilisierungspotential besitzen. Fakt ist, dass wiederholt beobachtet wurde, dass mikrobielle Infektionen, die ein TH1-Zytokinmuster induzieren, mit niedrigen Raten von Atopie und Asthma vergesellschaftet sind. Gereda, JE et al.: Relation between house-dust endotoxin exposure, type 1 T-cell development, and allergen sensitisation in infants at high risk of asthma. Lancet 355 (2000) 1680-1683.
Interessant dabei ist, dass die klassischen Umsti,mmungsverfahren in der Naturheilkunde wie z.B. Eigenblut-Therapie genau an diesem Punkt ansetzen.
Eine Impfung ist also weniger nötig als ein Umdenken!

#1 |
  0


Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: