Soldatenkinder: Stress im Kinderzimmer

10. November 2011
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Kinder, deren Eltern als Soldaten im Krieg eingesetzt werden, zeigen gehäuft psychische Auffälligkeiten. An erster Stelle stehen akute Stressreaktionen, aber auch Anpassungssyndrome als Folge lang anhaltenden Stresses. Das konnte nun eine Studie belegen.

Kinder, deren Eltern als Soldaten im Krieg eingesetzt werden, zeigen gehäuft psychische Auffälligkeiten. An erster Stelle stehen akute Stressreaktionen, aber auch Anpassungssyndrome als Folge lang anhaltenden Stresses. An zweiter und dritter Stelle zeigen sich Depressionen und Verhaltensauffälligkeiten. Zu diesem Ergebnis kommen Alyssa J. Mansfield und ihre Kollegen von der University of North Carolina, USA.

Bis ins dritte Glied …

Spannend ist dieses Ergebnis im Hinblick auf die aktuellen Diskussionen um die Spätfolgen des Zweiten Weltkrieges. Die Kölner Autorin Sabine Bode beschreibt in ihren Büchern “Kriegskinder”, “Kriegsenkel“ und “Nachkriegskinder“, wie sich die Folgen des Krieges bis in die dritte Generation einer Familie bemerkbar machen. Sie stellt anhand vieler Biografien dar, wie Kinder traumatisiert werden können, obwohl sie selbst den Krieg nicht miterlebt haben. Eltern, die psychisch von ihren eigenen traumatischen Erlebnissen vereinnahmt sind, können nicht ausreichend auf die emotionalen Bedürfnisse ihrer Kinder eingehen.

In ihren Büchern zeigt Bode, wie sogar Kriegsenkel noch Depressionen und Beziehungsstörungen entwickeln, obwohl der Krieg selbst fast vergessen scheint. In dieses Erklärungsmodell könnte auch die Tatsache passen, dass die Zahl der erwachsenen Kinder, die sich vollständig von ihren Eltern abwenden, zu wachsen scheint. Beispielsweise wächst die Selbsthilfegruppe verlassene-eltern.de stetig. Die Klagen wiederholen sich: Die Eltern sagen, sie hätten alles gegeben und ihre Kinder wohlbehütet aufwachsen lassen. Die Kinder hingegen erzählen von Gewalt in der Erziehung und massiven Grenzüberschreitungen der Eltern. Zwischen Eltern und Kind steht die Sprachlosigkeit.

Auch der Psychoanalytiker Werner Bohleber beschreibt, wie Traumata über das Unbewusste weitergegeben werden können: Kinder traumatisierter Eltern können sich in das Unbewusste der Eltern einfühlen und den Schrecken der verdrängten Erlebnisse erspüren.

Je besser die Mutter „psychisch funktioniert“, desto gesünder ist das Kind

Wie abhängig die Emotionen der Kinder vom „Funktionieren“ besonders der Mutter ist, zeigten bereits 2001 Nathaniel Laor von der Universität Tel Aviv. Sie untersuchten in einem Follow-Up 81 Kinder im Alter von 8-10 Jahren, die fünf Jahre zuvor während des Golf-Krieges den SCUD-Raketen-Angriff auf Israel erlebt hatten, bei dem ihre Häuser zerstört wurden. Die Autoren wiesen nach, dass psychische Störungen wie die Posttraumatische Belastungsstörung stark vom Familienzusammenhalt und vom psychischen Funktionieren der Mutter abhing. Je mehr die Mutter emotional verfügbar für die Kinder war, desto stärker war die posttraumatische Belastungsstörung zurückgegangen.

Die Ergebnisse machen deutlich, wie sehr die Erlebnisse und Emotionen der Eltern die psychische Gesundheit der Kinder beeinflussen. Fachleute, die sich mit traumatisierten Patienten beschäftigen, sollten auch immer einen Blick auf die Kinder haben.

74 Wertungen (4.34 ø)
Medizin

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15 Kommentare:

Dr. med Karen Awiszus
Dr. med Karen Awiszus

Wenn ein Kind geboren ist, braucht es eine Wohnung,
Kleider, eine Spielzeugkist, Bonbons als Belohnung,
Murmeln und ein eignes Bett, einen Kindergarten
Bücher und ein Schaukelbrett, Tiere aller Arten.

Wälder, Wiesen, eine Stadt, Sommer Regen Winter,
Häuser, Flieger und ein Rad, viele andree Kinder,
Einen Mann der Arbeit hat, eine kluge Mutter,
Länder wo es Frieden gibt und auch Brot und Butter.

Wenn ein Kind nichts davon hat, kanns nicht menschlich werden.
Das ein Kind das alles hat, sind wir hier auf Erden.
Murmeln und ein eignes Bett, einen Kindergarten
Bücher und ein Schaukelbrett, Tiere aller Arten.

Dieses Lied wurde 1980 veröffentlicht.

#15 |
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Arzthelferin

Gerne würde ich mich jetzt hier äußern, aber im Moment fehlen mir die Worte.
Als Frau eines Offiziers, der zuletzt 7 Monate in Afghanistan war und Mutter einer 4-jährigen Tochter, weiß ich sehr gut worum es geht.

Ein viel größeres Problem, als die hoffentlich funktionierende Familienstruktur der Soldatenangehörige ist das Umfeld.
Das Image der SOldatenfamilien ist insgesamt so schlecht, dass kaum auf Hilfe von Außen gehofft werden darf und wenn ein Kind von anderen gesagt bekommt, dass der Papa im Krieg kaltblütig erschossen werden kann, dann ist das nicht unbedingt aufbauend, für Kind wie auch Mutter… Wenn wundert es wenn solche Kinder psychisch auffällig sind!

#14 |
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Ärztin

@ Kollege dr. Heins.

Vielen Dank für diesen Kommentar!
Denn genau so schauts aus, die allermeisten Politiker haben leider so gar keine Ahnung, was in Afghanistan abgeht.
– und dann wollen die Gemeinden Geld von der bundeswehr, wobei wir doch alle von diesen Sparmaßnahmen der bundeswehr profitieren.
Es sollte lieber geld bereit gestellt werden, damit die Soldaten und ihre Familien besser betreut werden, und es dann nämlich wiederum weniger PTBS störungen gibt, bzw. den Betroffenen besser geholfen werden kann.

#13 |
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Sehr mutiger Artikel, der (endlich) mal ausspricht, was zu erfahren/beobachten ist. Die Belastung der Kinder entsteht nicht (nur) durch den Umgang mit dem traumatisierten Elternteil, sondern auch durch die starke Eltern-Kind-Bindung, die nicht bewusst ist. Das Trauma gehört sozusagen in das Familienschicksal und bewegt die gesamte Familie. Das kann man sich so einfach nicht erklären, daher wurde es lange nicht so gesehen.
Auch die Kinder, ggf. Enkel und sogar Urenkel bei Gefallenen sind betroffen.
In meiner Familientherapie erlebe ich deutlich, dass der 2. Weltkrieg in unserer Generation noch seine Auswirkungen hat. Ich vermute, dass auf diese Weise auch der Krieg in Afghanistan in den Soldaten-Familien seine Wirkung haben wird.
Vielen Dank an die Autorin, dieses Thema einmal anzubringen.
(Das gleiche gilt ja auch für andere Gewalt-Schicksale in Familien – bis ins 7. Glied)
Also, ehren wir diejenigen, die das Schicksal auf sich genommen haben und im Krieg waren und evtl. dort geblieben sind.

#12 |
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Weitere medizinische Berufe

Dabei ist zu berücksichtigen, dass Kriegserlebnisse auch einen direkten Einfluss auf die Kinder hatten und psychische Auffälligkeiten ein Leben lang weiter bestehen können, unabhängig davon, ob Eltern im Krieg eingesetzt worden sind.

#11 |
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Ärztin

Natürlaich haben Kinder, deren Eltern in den Krieg geschickt werden massive Probleme. Da spielen Verlustängste eine große Rolle. Aber wir sollten von amerikanischen Studien nicht unbedingt auf europäische Verhältnisse rückschließen. Hierzulande ist es nämlich nicht üblich, dass Kinder von Soldaten ihren Vätern mit militärischem Gehorsam folgen müssen. Dieser Umgang ist von ungleublicher Härte und Gefühllosigkeit geprägt.Da tut eine liebevolle Muter Not. Auf der anderen Seite ist es nicht zwingend erforderlich, dass die Mutter den liebevollen Part übernimmt. Väter können das auch und es gibt auch traumatisierte Mütter. Das kann auch einfach Gewalt oder Missbrauch in der Familie dahinterstecken.
Insgesamt erscheint die Studie stark von amerikanischm Selbstverständnis geprägt.
Wenigsten ein Rückschluss aud dieser Studie ist allerdings, dass Kinder zu gedeihen mindestens einen liebevollen Elternteil brauchen. Vor diesem Hintergrund darf man sich gerne über die in Deutschland politisch gewollte Situation bereits fremd betreuter Kleinkinder bei voll berufstätiger alleinerziehender Mutter machen.
Arme Kinder Deutschlands!

#10 |
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All die Besoffskies die nach ihrem verlorenen Krieg auch zuhause nicht mehr zurande kamen und ihre kriegserlebnisse in Alkohol ertränkten sind heute in Form ihrer kinder in den Sprechuziommern der Psychotherapeuten und bis heute fragen die wenigsten Therapeuten nach den kriegserlebnissen der Eltern weil das alles in den Wohnhzimmern tabuisiert wurde und nicht angesprochen werden durfte.
Nicht zu verfgessen alldie Helden die erleben mussten dass ihre Soldatenfrauen in der Heimat auch ohne die männlichen Helden das Leben organisiert hatten . Was für eine Kränkung dass Frauen Strassenbahn Auto und sogar lastwagen fahren konten und durften..
Und mit diesen verletzbaren Helden haben die hautrigen nurotisierten Kiinder und Enkel bis haute kein Mitleid, aber daraus ein Drame für Soldatenkinder zu konsturuieren heisst dass man den Typus Soldatgenfamilie und Soldatenehefrauen noch garnicht in seiner endlichen
Perspektikve des Vatertodes als Berufsrisiko erfasst hat. Daran krankt diese Metastudie auch…

#9 |
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Diplompsychologe Axel Lohse
Diplompsychologe Axel Lohse

@ 7 “aber manchmal habe ich das Gefühl, wir haben zu viel Zeit zum Nachdenken… ”

Naja, eher zu wenig zum Nachfühlen. Die PTBS ist vorrangig keine Störung des Denkens. Sie ist eine Störung des emotionalen Erlebens. Da werden Sie mit Nachdenken nicht viel erreichen. In unserer durch und durch rationalisierenden Gesellschaft spielt Emotionalität eine untergeordnete Rolle, wird vernachlässigt und nicht ‘trainiert’, kommt man/frau dann in unvermeidlich belastende Situationen, was nicht zwingend Kreigserfahrungen sein müssen, ist die emotionale Überforderung schnell erreicht…..

Ich denke, es ist an der Zeit, dass dieses Thema die Öffentlichkeit erreicht. Viele Menschen ändern erst ihre Einstellung dazu, wenn sie selber mit der Problematik konfrontiert sind, leider.
Rationalisierungen verzögern eher diesen Prozess.

#8 |
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Tierärtzin Kathrin Reich-Jatzen
Tierärtzin Kathrin Reich-Jatzen

Meine Güte, wie haben unsere Ureltern und die Generationen davor es bloß geschafft, überlebensfähige Nachkommen zu produzieren??? Ich will Nichts schönreden, aber manchmal habe ich das Gefühl, wir haben zu viel Zeit zum Nachdenken…

#7 |
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ad Dr. Netzer:
neben vielen anderen hat etwa Horst Eberhard Richter in seinen Büchern “Patient Familie” und “Eltern, Kind, Neurose” schon in den Sechzigern ausführlich und allgemeinverständlich darüber berichtet.

ad Herr Heins:
Richtig, helfen ist noch wichtiger.
Das Wichtigste wäre aber: Erst gar nicht in den Krieg ziehen!
Schon gar nicht in einen vollkommen sinnlosen!

#6 |
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Führen Sie keine Studien durch – helfen Sie!
Vermutlich ist es Vielen noch nicht klar geworden, dass diese Männer in den Krieg geschickt werden, der offiziell eigentlich keiner sein dürfte.
Dass sie Gefahren ausgesetzte werden, die nach politischen Interessen in Berlin auch noch potenziert werden – nach dem Gusto derer, die sich dort in der vermeintlichen Wichtigkeit ihrer politischen Meinungen sonnen.
Mit Sicherheit wirkt sich das auf die Familien – und damit auch auf deren schwächsten Glieder, die Kinder – aus.
Bedenken Sie, dass die Soldaten – wenn auch mit Sicherheit missbraucht – letzten Endes für unsere Freiheit, unser Leben so leben zu dürfen, wie wir es wollen, einstehen.

#5 |
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Dr. Matthias Warzecha
Dr. Matthias Warzecha

Welche Rolle spielt die Epigenetik hierbei? Wir wissen, dass Mäusekinder und Mäuseenkel von Ausgangstieren, die unter hohen Stress gesetzt wurden und dadurch mit hohen Vasopressinwerten und damit manifestem Bluthochdruck leben, ebenfalls höhere Blutdruck- und Vasopressinwerte aufweisen. Dies liegt hier an den methylierten Basenpaaren, welche die Gene für die erhöhte Vasopressinproduktion anschalten – und in diesem methylierten Zustand vererbt werden… Vermutlich wird dies bei Menschen ähnlich sein. Und es sind sicher nicht nur die “Vasopressingene” die bei Kriegsteilnehmern angeschaltet werden… ? Kennt jemand Untersuchungen hierüber?

#4 |
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Das betrachte ich als einen sehr gewagten und sehr weiten Bogen, der da gezogen wird vom “Kriegsenkel” zu den “verlassenen Eltern”. Ich denke, da spielen aktuellere Fakten eine größere Rolle.
Wenn man beobachtet, wie gestandene Menschen im Arbeits- und Schaffensprozeß respektlos abgekanzelt werden von einer noch nicht etablierten jungen Generation- immer mal langsam mit den jungen Pferden!

#3 |
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Jürgen Mark
Jürgen Mark

Hier ein link zu einem “aktuellen” Beispiel
eines Soldaten, der vierzehn Monate in Afghanistan im Einsatz war
von ¿Eisblume¿ einr Selbsthilfegruppe für Angehörige von an PTBS erkrankten Soldatinnen und Soldaten.

Erlebte Realität – Soldatenfamilien

Die Ehefrau eines Majors, der vierzehn Monate in Afghanistan im Einsatz war. In einem offenen Brief erzählt sie von der hohen psychischen Belastung ihrer Tochter.

ttp://ptbs-eisblume.de/erlebte-realitaet.html

#2 |
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Dr. med. Wolfram  Netzer
Dr. med. Wolfram Netzer

Schlaue Erkenntnisse ! Was ist eigentlich aus den Kindern geworden, deren Väter im 2. Weltkrieg gefallen sind und teilweise ihre Väter nie gesehen haben ?

#1 |
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