Entscheidungsprozesse: Wechselspiel im Großhirn

25. Juni 2015
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Kleine Alltagsentscheidungen treffen wir meist ohne Nachdenken: Klingelt das Telefon, nehmen wir den Anruf spontan an. Stört er uns, drücken wir den Anrufer schnell weg. Eine Studie zeigt: Selbst bei einfachen Handlungen leistet ein Netzwerk von Gehirnregionen komplexe Schwerstarbeit.

Entscheidungen fallen uns oft schwer und dauern lange. Doch wenn wir von den kleinen Entscheidungen des Alltags sprechen, wie der eingehende Telefonarnruf, wissen wir meist ohne Nachdenken was zu tun ist. Solche kontextabhängigen Entscheidungen, die sehr schnell getroffen werden müssen, sind eine wesentliche Grundlage intelligenten Verhaltens.

Wie verschiedene Hirnregionen während solch flexibler Entscheidungen zusammenarbeiten, konnte der Tübinger Neurowissenschaftler Markus Siegel vom Werner Reichardt Centrum für Integrative Neurowissenschaften gemeinsam mit Kollegen vom MIT und der Universität Princeton zeigen. Die neue Studie gibt wichtige Hinweise darauf, wie das gesunde Gehirn Entscheidungen hervorbringt. Diese Erkenntnisse helfen, auch krankhafte Veränderungen des Denkens und der Wahrnehmung bei neuropsychiatrischen Erkrankungen, wie zum Beispiel einer Schizophrenie, besser zu verstehen und langfristig Therapien zu entwickeln.

Aktives Netzwerk in Frontal- und Parietallappen

Entscheidungen werden nicht in einer einzigen Region gefällt, sondern entstehen gleichzeitig in einem dichten Netzwerk sogenannter Assoziationsbereiche des Frontal– und Parietallappens. Von dort werden die neuronalen Entscheidungssignale sowohl an motorische Regionen zur Steuerung der Bewegungshandlung weitergeleitet, als auch an sensorische Regionen, wo die Sinnesreize zuerst verarbeitet werden, die der Entscheidung zugrunde liegen. Die getroffene Entscheidung wird also auch an die Hirnregionen zurückgemeldet, von denen die sensorische Information stammt. In diesem Netzwerk wird auch der Kontext verarbeitet. Während der Entscheidung werden Kontextsignale an verschiedene andere motorische und sensorische Hirnregionen gesendet.

Selbst einfachen Handlungsentscheidungen liegt also ein komplexes Wechselspiel zwischen weit verteilten Hirnregionen zugrunde. Das Wegdrücken oder Annehmen eines Anrufs, je nach Situation, kommt uns von außen wie die natürlichste Handlung überhaupt vor. Doch in unserem Gehirn leistet ein Netzwerk vieler weit verteilter Regionen in Sekundenbruchteilen Schwerstarbeit. Sie berücksichtigen die Art des Reizes, gleichen ihn mit dem Kontext ab, tauschen Informationen aus und leiten schließlich die passende Reaktion ein, die sich für uns ganz natürlich anfühlt.

Originalpublikation:

Cortical information flow during flexible sen-sorimotor decisions
Markus Siegel et al.; Science, doi: 10.1126/science.aab0551; 2015

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Medizin, Neurologie, Psychiatrie

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