Uro-Famulatur: Pipi-Alarm auf Station

16. November 2011
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Müssen Urologen den ganzen Tag Katheter legen? Wie operiert man einen Harnblasentumor? Und warum wird man Urologe? Ganz klar: Zu Beginn meiner Famulatur in einer urologischen Klinik hatte ich so manche Fragen und Vorurteile. Und alles kam anders.

Was macht ein „Pipidoktor“?

Schon meine ersten Minuten auf der urologischen Erwachsenenstation schienen sämtlich Vorurteile zu bestätigen. Ein älterer Patient, der nichts weiter als ein rückenfreies OP-Hemdchen und seine Thrombose-Strümpfe trug, rollte seinen vollen Katheterbeutel mit Hilfe eines Infusionsständers zur nächsten Toilette. Ich hatte eine exzellente Aussicht auf seine Rückseite und war beinahe abgelenkt, als mich der Stationsarzt entdeckte. Mein erster Tag blieb dann auch ein Sprung ins kalte Wasser. Da ich das Fach Urologie bis dahin im Studium noch nie behandelt hatte, verstand ich während der morgendlichen Tagesbesprechung nur „Bahnhof und Kofferklauen“. Die meistens Ärzte verwendeten fast ausschließlich Abkürzungen, und so sollte es 3 Tage dauern, bis ich den meisten Fachgesprächen folgen konnte.

Auf die Frühbesprechung folgte auf meiner Station zunächst die Tagesvisite. Der zuständige Assistenzarzt stellte dem Oberarzt die Fälle vor und besprach im Team gemeinsam mit dem Patienten das jeweilige Vorgehen. Der Großteil der Patienten war im höheren Lebensalter und hatte die Klinik entweder zur Spezialdiagnostik oder zwecks eines operativen Eingriffs aufgesucht. Das überraschend breite Spektrum der Krankheitsbilder reichte von seltenen Erkrankungen wie einem Peniskarzinom bis hin zu unkomplizierten Harnwegsinfekten. Da Krebserkrankungen die meistens Indikationen zur OP darstellen, sind Urologen natürlich weit mehr als nur Urinspezialisten. Um dem Klinikgeschehen besser folgen zu können, erklärte mir der Assistenzarzt immer sehr geduldig die Besonderheiten der einzelnen Patientenfälle und zeigte mir die Grundtechniken des urologischen Ultraschalls. Mit dem Legen oder Ziehen eines Blasenkatheters bin ich übrigens erst nach vier Tagen in Berührung gekommen. Vorurteil Nummer Eins – Urologen legen dauernd Katheter – konnte also ziemlich schnell aus dem Weg geräumt werden.

Die hohe Kunst der Urindiagnostik

Ein wesentlicher Bestandteil der urologischen Diagnostik ist die Untersuchung des Urins. Mit Hilfe von sogenannten Urinstix lassen sich beispielsweise erhöhte Konzentrationen von Proteinen oder von Glukose feststellen. Bei einigen Erkrankungen wie einer verletzten Harnröhre oder auch bei Blasenkrebs ist ein pathologischer Urin sogar oft mit einem Blick erkennbar. Blutungen färben den Urin dunkelrot, eine erhöhte Eiweißkonzentration ist meist an einer starken Schäumung zu erkennen. Schon spannend, was sich alles aus einer Urinprobe ersehen lässt, oder?! Neben diesen Standardverfahren sind auch Ultraschallgeräte aus einer urologischen Klinik nicht mehr wegzudenken. Einmal kam zum Beispiel eine junge Frau mit kolikartigen Schmerzen am späten Nachmittag in die Notaufnahme. Der Assistenzarzt meiner Station hatte derzeit gerade Dienst und so konnte ich ihn zur Patientin begleiten. Im Anschluss an die orientierende Kurzanamnese begutachtete der Arzt den Urin, tastete den Unterleib ab und machte schließlich eine Ultraschalluntersuchung. Kaum hatte er die Sonde in der linken Nierengegend aufgesetzt, wurde auf dem Bildschirm die Schmerzursache sichtbar. Knapp unterhalb der Niere hatte sich im Harnleiter ein kleines Steinchen verirrt und blockierte den Urinabfluss, sodass sich der Urin schmerzhaft in der Niere staute. Die glatte Muskulatur versuchte durch starke Kontraktionen, den Stein aus der Klemme zu befördern, und erzeugte damit die starken, krampfartigen Schmerzen, die sogar bis in die Leistengegend ausstrahlten. Basierend auf dieser Ultraschalluntersuchung konnte also schnell die passende Diagnose gestellt, und die Patientin auf Station entsprechend erfolgreich versorgt werden.

Ein Fach der unbegrenzten Möglichkeiten

Am letzten Tag meiner zweiwöchigen Famulatur brannte mir noch eine letzte Frage unter den Nägeln: Warum wird man eigentlich Urologe oder Urologin? In einer ruhigen Minute nach dem Mittagessen sprach ich kurz mit dem Stationsarzt über seine Berufswahl und konnte schon wieder überrascht werden. Sein wichtigstes Argument pro Urologie war die große Bandbreite dieses „kleinen“ operativen Faches. So haben die Ärzte im Teilgebiet Kinderurologie nicht nur mit betagten Patienten zu tun und können sich besonders im Operationssaal mit verschiedenen und ganz modernen Behandlungsmethoden wie der minimal invasiven Chirurgie (MIC) richtig „austoben“. Darüberhinaus erfordert auch die konservative Therapie beispielsweise von Infektionen großes Fingerspitzengefühl und ist immer wieder eine echte Herausforderung. Schließlich fügt er noch dazu: „Die Urologen sind im Vergleich zu Chirurgen einfach viel netter. Schon bei meinem ersten Praktikum habe ich mich sehr wohl gefühlt.“ Bei dieser Antwort muss ich gleich lächeln. Denn das kann ich nur bestätigen!

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