Medizinische Dienstleistungen: Wer hat Vorrang?

17. Juni 2015
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Medizinische Dienstleistungen werden zukünftig nicht allen Mitgliedern der GKV im vollen Umfang zur Verfügung stehen, so eine aktuelle Prognose. Doch ein großer Teil der Deutschen lehnt es ab, den Zugang zu Therapien von Patienteneigenschaften abhängig zu machen.

Wenn medizinische Güter und Dienstleistungen knapp werden, wie soll dann beispielsweise der Zugang zu aufwändigen Diagnose- und Operationstechnologien oder zu teuren Medikamenten geregelt werden? Sind Patienten in jeder Situation gleich zu behandeln, oder gibt es Kriterien, die neben medizinischen Indikatoren eine Bevorzugung rechtfertigen? Ebenso stellt sich die Frage, ob sich wohlhabende Bevölkerungsschichten einen besseren Zugang zur Gesundheitsversorgung leisten können sollten. Über alle diese Probleme wird seit vielen Jahren in Wissenschaft, Wirtschaft und Politik lebhaft diskutiert. Bislang war jedoch unklar, wie die Öffentlichkeit über die damit verbundenen Herausforderungen denkt.

Das International Social Survey Programme

Mit den Einstellungen in der deutschen Bevölkerung befasst sich eine neue Studie, die Dr. Christian Pfarr, Finanz- und Sozialwissenschaftler an der Universität Bayreuth, und Prof. Dr. Dr. Marlies Ahlert, Professorin für Mikroökonomie und Finanzwissenschaft an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, gemeinsam erarbeitet haben. Die Untersuchung stützt sich auf das International Social Survey Programme (ISSP).

Im Jahr 2011 wurden in das ISSP erstmalig Fragen zum Umgang mit knappen Ressourcen im Gesundheitswesen aufgenommen, die von 1.681 deutschen Bürgern – einer repräsentativen Stichprobe – beantwortet wurden. „Derartige Erhebungen sind unverzichtbar, um ein genaueres Bild darüber zu gewinnen, welche Kriterien den Umgang mit knappen Ressourcen aus der Sicht der Bevölkerung bestimmen sollten. Politische Entscheidungen zur Priorisierung im Gesundheitswesen sollten nicht über die Köpfe der Menschen hinweg getroffen werden“, so Dr. Christian Pfarr.

Kategorisierte Patienteneigenschaften

Wie ist zu verfahren, wenn zwei Herzpatienten in medizinischer Hinsicht gleichermaßen dringend eine Herzoperation benötigen, aber nicht zur selben Zeit operiert werden können? Sollte bei der Entscheidung, wer zuerst operiert wird, ins Gewicht fallen, ob ein Patient Raucher oder Nichtraucher ist, alt oder jung ist, Kinder hat oder nicht?

Die Antworten der Befragten sind nicht selten von eigennützigen Überlegungen geleitet – je nachdem, welcher dieser Kategorien sie selbst angehören. Angenommen, einer der zwei Herzpatienten ist Raucher, der andere Nichtraucher: Dann votieren 31 Prozent der befragten Nichtraucher dafür, dass der Nichtraucher zuerst eine Operation erhalten sollte; 68 Prozent von ihnen erklären hingegen, dass das Rauchverhalten kein Grund sei, einen der beiden Patienten zu bevorzugen. Von den befragten Rauchern hingegen halten 82 Prozent diesen Unterschied für irrelevant, und deutlich weniger – nämlich nur 17 Prozent – meinen, dass der Nichtraucher früher operiert werden solle.

Priorisierung von jungen Menschen und Eltern?

Ein ähnliches Bild ergibt sich, wenn über die beiden Patienten nicht mehr bekannt ist, als dass der eine 30 und der andere 70 Jahre alt ist. Von den Befragten, die jünger als 50 Jahre sind, wollen 45 Prozent den jüngeren Patienten bevorzugen. Nur etwas mehr als die Hälfte von ihnen – nämlich 53 Prozent – halten das Alter der Patienten bei der Entscheidung, wer zuerst operiert werden solle, für irrelevant. Bei den Befragten im Alter ab 50 Jahren steigt dieser Anteil auf 64 Prozent, während nur noch 35 Prozent dem jüngeren Patienten den Vorzug geben wollen.

Weniger auffällig sind die Unterschiede, wenn die Befragten über die beiden Patienten lediglich wissen, dass der eine junge Kinder hat und der andere nicht. Dieser Unterschied solle keine Rolle spielen, meinen 66 Prozent der Befragten mit Kindern und 71 Prozent der Kinderlosen. Dass der Patient mit jungen Kindern zu bevorzugen sei, erklären 33 bzw. 29 Prozent. Dabei sind deutlich mehr Männer als Frauen der Meinung, der Patient mit Kindern solle vorrangig behandelt werden.

Grundsätzliche Skepsis gegenüber Bevorzugung

Wenn es also um die Frage geht, welche Kriterien bei der Gewährung knapper medizinischer Dienstleistungen ins Gewicht fallen sollten, machen offenbar nicht wenige Menschen in Deutschland die eigene Einstellung davon abhängig, inwieweit sie selbst diese Kriterien erfüllen oder nicht.

Besonders signifikant ist für die Autoren der Studie aber ein anderer Befund: „Bei einer vertieften Auswertung der Daten hat sich gezeigt, dass 38 Prozent der Befragten meinen, keines der drei Kriterien – Rauchgewohnheiten, Alter und zu versorgende Kinder – solle für die Gewährung einer möglichst frühzeitigen Herzoperation in Betracht gezogen werden. Demgegenüber sind nur 9 Prozent der Meinung, dass jedes dieser Kriterien berücksichtigt werden sollte“, erklärt Dr. Christian Pfarr. „In Deutschland scheint also eine ablehnende oder skeptische Einstellung gegenüber einer Priorisierung im Gesundheitswesen, die sich auf die drei genannten Patienteneigenschaften bezieht, relativ weit verbreitet zu sein. Die Verantwortlichen in der Politik, in medizinischen Einrichtungen und im Versicherungswesen sollten daher mit öffentlicher Ablehnung rechnen, wenn sie es wegen der Altersstruktur der Bevölkerung, der Preisentwicklung im Gesundheitssektor und des medizinischen Fortschritts eines Tages für geboten halten, Patienteneigenschaften zu definieren, an denen sich die Gewährung knapper medizinischer Dienstleistungen orientieren sollte.“

Einkommensabhängigkeit als unfair abgelehnt

Ist es fair, wenn sich Wohlhabende eine bessere gesundheitliche Versorgung leisten können? Die Studie unterteilt die Gesamtheit der Befragten in fünf Einkommensgruppen ein: In jeder Gruppe sind weit über 60 Prozent der Befragten der Meinung, der einkomƒmensabhängige Zugang zu einer besseren Gesundheitsversorgung sei unfair; insgesamt teilen 69 Prozent der Befragten diese Auffassung. Der Anteil derjenigen, die diese Einkommensabhängigkeit zumindest in gewisser Hinsicht für fair halten, steigt zwar mit wachsenden Einkommen leicht an; er liegt aber selbst in der Gruppe mit den höchsten Einkommen nur bei knapp 13 Prozent.

„In der deutschen Bevölkerung gibt es offenbar einen breiten Konsens darüber, dass es unfair ist, wenn hohe Einkommen einen privilegierten Zugang zu medizinischen Gütern und Dienstleistungen gewährleisten“, resümiert Prof. Marlies Ahlert. „Bei genauerer Auswertung der Daten zeigt sich allerdings: Die eigene Einkommenshöhe als solche hat keinen ausschlaggebenden Einfluss darauf, ob die Befragten wohlhabenden Bevölkerungsschichten eine bessere Gesundheitsversorgung zugestehen wollen. Viel entscheidender ist beispielsweise, ob ihr eigenes Vertrauen in das Gesundheitssystem stark ist und ob sie selbst eine private zusätzliche Krankenversicherung abgeschlossen haben. Ist beides der Fall, wächst offenbar die Bereitschaft, einen einkommensabhängigen Zugang zu einer verbesserten Versorgung zumindest teilweise für fair zu halten.“

Ländervergleiche sind geplant

Derzeit sind die Autoren dabei, die im Rahmen des International Social Survey Programme (ISSP) gewonnenen Daten aus anderen Ländern auszuwerten. „Dann können wir die Einstellungen der Menschen hinsichtlich einer Priorisierung im Gesundheitswesen oder einer einkommensabhängigen Gesundheitsversorgung von Land zu Land zueinander in Beziehung setzen. Derartige Vergleiche, beispielsweise zwischen Deutschland und Großbritannien oder zwischen Deutschland und den Niederlanden, werden sicher zu aufschlussreichen Ergebnissen führen“, so Dr. Christian Pfarr.

Originalpublikation:

Attitudes of Germans towards distributive issues in the German health system
Dr. Christian Pfarr et al.; The European Journal of Health Economics, doi: 10.1007/s10198-015-0693-x; 2015

18 Wertungen (4.39 ø)

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7 Kommentare:

Gast
Gast

“orientiert” ja, aber es gibt angeblich Ärzte, die an dieser Form von “Versicherung ” kein Interesse haben, auch nicht dazu verpflichtet sind im Gegensatz zum offiziellen KV-Tarif.

#7 |
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Medizinphysiker

Ist es nicht so:
Wer als Selbständiger jetzt nicht krankenversichert ist, zuletzt aber privat versichert war, kann seit 2007 in die private Krankenversicherung zurück. Dabei hat er Anspruch darauf, zum Standardtarif aufgenommen zu werden. Dieser ist am Tarif und Leistungsumfang der gesetzlichen Krankenkassen orientiert..

#6 |
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Dr.Bayerl
Dr.Bayerl

zu#4 nein, #3 hat recht, wer als Selbständiger privat versichert war,
im Alter nicht mehr arbeiten kann und “verarmt”, also deutlich unter die Beitragsbemessungsgrenze der GKV fällt, wird er von dieser NICHT mehr angenommen.
Steigerung:
hat er dann noch eine nicht erwerbstätige Frau + Kind in Ausbildung, durchaus realistisch, gilt das auch für diese, bis das Kind sich selbst versichern darf z.B. mit Studententarif.

#5 |
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Gast
Gast

Ist es nicht so, dass die GKV jeden nehmen muss? Und gibt es noch Menschen ohne Versicherung in unserem schönen Land? Oder täusche ich mich da?

#4 |
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Gast
Gast

Lieber Gast #1 ein alter Mensch, der nicht mehr arbeiten kann und deutlich unter die Beitragsbemessungsgrenze fällt kommt trotzdem nicht mehr in die GKV, auch wenn er möchte!

#3 |
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Gast
Gast

Scheinheilige Diskussion. “Kostendämpfungsgesetze” gibt es in der Bundesrepublick seit Willi Brand, ca. 1975 und damit selbstverständlich auch RATIONIERUNG von Medizin für ALLE gesetzlich versicherten. Das ist letztlich international nichts ungewöhnliches, wobei Deutschland nur damit deutlich aus dem Rahmen fällt, dass die Gesundheitspolitik nicht bereit ist mit Ärzten vernünftig zu kooperieren. Das liegt ganz sicher AUCH am fehlenden Sachverstand im Gesundheitsministerium, traditionell KEIN Arzt, wie im Ausland üblich.
Wenn Leistung dem Geld folgt, kann man nicht ernsthaft fordern, dass sich zahlungsbereite Menschen aus dieser RATIONIERUNG befreien. Das wäre ja als ob Menschen nur noch Tyota oder Fiat kaufen dürften.
Zudem machen “Arme” nicht weniger Kosten, sondern mehr, das kann ihnen jede Krankenkasse vorrechnen, da sie mehr rauchen, mehr trinken und dicker sind.
Das ist noch viel unfairer! gegenüber Gesunden.
Das ewige schielen nach den 10% Privatpatienten ist daher unerträglich.
Ein Blick ins Ausland, besonders die USA ist hier augen-öffnend.
Da ist der Unterschied noch wesentlich größer, warum darüber aufregen?
In keinem Land der Welt gibt6 es so viel Rollatoren wie in Deutschland.

#2 |
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Gast
Gast

Wenn schon von Einkommensabhängigkeit und Fairness die Rede ist, dann gehört aber auch die (lächerlich niedrige) Beitragsbemessungsgrenze in der GKV erwähnt!

#1 |
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