Alice im Warcraftland

17. November 2011
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Im Rahmen des Themenschwerpunktes „Jugendmedizin“ der 49. Jahrestagung der ÖGKJ warnten Kinder- und Jugendfachärzte vor dem negativen Einfluss von Computerspielen auf die Gesundheit von Kindern. Sie fordern verstärkte Schutzmaßnahmen.

„Laut einer Deutschen Studie aus dem Jahr 2009 (Rehbein-Studie) zeigen über 4% der Mädchen und fast 16% der Jungen ein exzessives Spielverhalten mit mehr als 4,5 Stunden täglicher Computerspielnutzung“, berichtet ÖGKJ-Tagungspräsident Univ.-Prof. Dr. Robert Birnbacher. 3% der Jungen und 0,3% der Mädchen werden als computerspielabhängig und weitere knapp 5% der Jungen und 0,5% der Mädchen als gefährdet diagnostiziert. Diese Zahlen seien auch auf österreichische Kinder und Jugendliche übertragbar.

Wie entsteht Computerspielabhängigkeit?

Die Entstehungsbedingungen von Computerspielabhängigkeit sind vielfältig und müssen in einem Zusammenspiel von Persönlichkeitsmerkmalen des Kindes/Jugendlichen und integralen Eigenschaften des Computerspieles selbst gesehen werden. „Ich möchte jedoch davor warnen, dass auch Spiele, die vom Erzeuger als für Kinder unbedenklich eingestuft werden, in zunehmendem Ausmaß beim kindlichen oder jugendlichen Anwender psychische Probleme verursachen“, so Birnbacher, Leiter der Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde im Landeskrankenhaus Villach. Der Suchtproblematik im Zusammenhang mit Computerspielen liegt, ähnlich wie bei anderen Suchterkrankungen, ein multifaktorielles Ursachenmodell zugrunde. Von Seiten der Persönlichkeit des Anwenders spielen neben motivationalen Aspekten auch Traumatisierungserlebnisse, Belastungsfaktoren und Eigenschaften der Persönlichkeit eine Rolle. Mitbestimmend sei jedoch auch die Wahl der Computer- und Videospiele, da diese im Spielformat, Belohnungsmodell, Sanktion von Misserfolgen, Zusammenschluss mit Zwischenspielern und Bindung an den eigenen Spielcharakter unterscheiden und somit auch unabhängig von der Person des Spielers eine verhaltensverstärkende Wirkung aufweisen.

Besonders das Computerspiel „World of Warcraft“ zeige dabei das deutlich größte Abhängigkeitspotential. Die tägliche Spieldauer beträgt bei Jungen nahezu vier Stunden, wobei 36% mehr als 4,5 Stunden pro Tag spielen. „20% der Jungen sind bereits abhängigkeitsgefährdet oder bereits abhängig“, warnt Birnbacher. Eine weitere Gefahr geht vom so genannten Cyberbullying aus. Dabei werden die Betroffenen online durch intime Fotos, Unwahrheiten, Beleidigungen oder Veröffentlichung persönlich gedachter Botschaften bloßgestellt und gedemütigt. Laut einer US-Studie sind bereits die Hälfte der amerikanischen Jugendlichen zwischen 14-24 Jahren Opfer von Cyberbullying geworden.

So äußern sich Computerspielabhängigkeiten

Die bestehenden, nachweisbaren Zusammenhänge zwischen Computerspielabhängigkeiten und psychosozialen Belastungsindikatoren belegen den Störungsbildcharakter dieser Abhängigkeit und zeigen Parallelen zu anderen Abhängigkeitserkrankungen. „Jungen entwickeln häufiger eine zeitlich exzessive Nutzung als auch eine psychische Abhängigkeit von Computerspielen als Mädchen“, warnt Birnbacher. Dies dürfte nach Studien darauf zurückzuführen sein, dass Jungen eine höhere Impulsivität und erhöhte Gewaltakzeptanz aufweisen. Jugendliche, welche eine Computerabhängigkeit aufweisen, zeigen häufiger Leistungseinbrüche in der Schule, vermehrt Fehlstunden, Schulschwänzen, Schulangst, Defizite im Erleben ihrer Selbstwirksamkeit und eine unregelmäßige Freizeitbeschäftigung, welche auch durch Bewegungsmangel gekennzeichnet ist. Bei zahlreichen Jugendlichen sei – in Übereinstimmung mit anderen Suchterkrankungen – ein in der Vergangenheit zurückliegendes Traumatisierungserlebnis von ätiologischer Bedeutung. Weiter ist der kompensatorische Einsatz von Computerspielen bei tatsächlichen Problemen und Misserfolgen im Leben und im sozialen Kontext zu beachten, denn in diesen Phasen wird der Missbrauch der Computerspiele intensiviert.

Flächendeckende Beratungs- und Behandlungsangebote von Computerspielabhängigkeiten gäbe es derzeit nicht. Zudem bestehe die Gefahr, dass alternative Diagnosen wie „Anpassungsstörungen“, „Depression“ oder „Persönlichkeitsstörung“ vergeben werden, um die Patienten in eine Behandlung überführen zu können, was zu einer Stigmatisierung der Betroffenen führt und das eigentliche Problem des Abhängigkeitspotentials von Computerspielen aus dem Blickfeld rückt. Die American Medical Association hat in diesem Zusammenhang bereits weltweit dazu aufgerufen, Computerspiel- und Internetabhängigkeiten genauer zu untersuchen, um zu entscheiden, ob das Krankheitsbild in der nächsten Revision des DSM (=Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) im Jahr 2012 berücksichtigt werden kann.

Forderung auf Abhängigkeitspotential hinzuweisen

„Zu fordern ist, dass beim Jugendmedienschutz auf das unterschiedliche Abhängigkeitspotential diverser Spiele im Rahmen der Prüfverfahren Rücksicht genommen werden muss und die entsprechenden Spiele erst ab 18 Jahren zugänglich sein sollten“, so Dirnbacher. Insbesondere müssen Merkmale der Gewaltlegitimation und Belohnung von Gewalt konsequent in die Abwägung der Alterseinstufung einbezogen werden, was derzeit nicht der Fall sei. Ziel müsse es sein, Hersteller, Spieler und Eltern für die Abhängigkeitsproblematik hinsichtlich der Spielformen zu sensibilisieren und dem Jugendmedienschutz zu verpflichten, künftig auch Spielmerkmale zu untersuchen, die das Risiko besonders hoher Spielzeiten und das Risiko der Entwicklung von Computerspielabhängigkeiten erhöhen.

58 Wertungen (3.34 ø)
Medizin

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6 Kommentare:

Die Kids spielen zuviel WOW? Da frage ich mich, warum stellen die Eltern die Spielzeit nicht ein? Wow verfügt über ein Tool “Elterliche Freigabe” in dem man beispielsweise eine Spielzeitbegrenzung einstellen und sich Spielzeitberichte ansehen kann. An einen anderen PC auszuweichen nutzt nichts, da die Einstellungen accountgebunden sind – ist die tägliche Spielzeit verbraucht, schließt sich das Spiel. Wir nutzen dieses System und es funktioniert.

#6 |
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Sind wir doch mal ehrlich, wir leben unseren Kinder ein Leben am PC vor, da auch wir inzwischen mehr Arbeitszeit am PC verbringen als in persönlichen Kontakten. Abarbeiten von Mails, Fortbildungen, Gutachten schreiben, Abrechnungen….Als Kinder sehen die kaum einen Unterschied zu ihrem Spielen am PC. Alternativ kommt es gut an sich frei nehmen und Gesellschaftsspiele mit Kindern und Jugendlichen spielen. Das wird heutzutage viel zu selten praktiziert. Da werden dann auch die sozialen Kompetenzen gefördert.
Außerdem bin ich aus meiner Erfahrung heraus der Meinung, dass wenn ein intakter Freundeskreis mit Aktivitäten besteht auch nicht soviel Zeit übrig ist für die PC – Beschäftigung. Es wird ja nicht nur gespielt. Gefacebookt, geblogt, gechatet, gemailt, gesimst…. Das alles gab es als Freizeitbeschäftigung bei uns doch gar nicht. Und durch die veränderten Kommunikationsarten ändert sich auch das Verhalten der Kinder.
Ich erinnere mich an die Stoppuhr am Telefon und die Auflage nach 5 Minuten das Gespräch zu beenden wegen übermäßiger Kosten! Da würde uns die heutige Jugend ja auslachen. Und übrigens ich bin nicht 100 Jahre alt, sondern knapp über 50 Jahre.
Die Jugendlichen sind sicher heute schwieriger anzuleiten mit den vielfältigen Medien umzugehen und dennoch soziale Kompetenzen zu entwickeln. Dies ist für Eltern, Erzieher und Bezugspersonen eine echte Herausforderung im Medienzeitalter.

#5 |
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Weitere medizinische Berufe

Ich habe selbst einen 19jährigen Sohn, den man wohl zu den von Abhängigkeit bedrohten Jugendlichen zählen muss. Er sitzt lieber vorm PC als sich mit Freunden zu treffen und wenn man nicht auf drastische Weise (Strom abstellen, PC einschliessen etc) einschreitet, keine Grenzen kennt. Die Schuld dafür den Spielen zu geben, ist Blödsinn. Er würde andere wählen, wenn man einige verbieten würde. Gewiss fördern manche Spiele gewisse intellektuelle Fähigkeiten, es entwickeln sich auch IT-Kompetenzen, und man staunt, welche Kreativität der Junge entwickelt, wenn man versucht, sein PC-Spiel zu unterbinden (verlegt Kabel durch Fenster, benutzt externes Modem, wenn man das eigene versteckt, hackt meinen PC mit seinem Handy, wenn man seinen entfernt etc). Trotzdem, die sozialen Kompetenzen verkümmern total, und vor allem, der interessiert sich mehr für seine Spiele als für seine Zukunft und das macht Angst! Solche Probleme löst man nicht durch Verbote/Aufhebung der ALtersgrenze von einzelnen Spielen! Nicht mal durch Diskussionen oder dadurch, dass man ihm Alternativen aufzeigt oder ihm AUfgaben aufzwingt, die ihn vom PC fernhalten. Ein weiteres Problem ist, dass ja praktisch die ganze Generation gar keine anderen Interessen hat als PC-Spielen. Wenn die sich überhaupt treffen, dann wird “gezockt”. Selbst Fussballspielen finden sie inzwischen offenbar langweilig.
Sind das wirklich nur 20% der Jungen, die auf diese Weise gefährdet sind? Nach meinen eigenen Beobachtungen sind es deutlich mehr.

#4 |
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Tierarzt

…Schulnote in Spanisch (Korrektur des Beitrages nicht möglich)

#3 |
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Tierarzt

Der Sohn eines Freundes spielt intensiv WoW und kann dadurch fließend Englisch (durch die Kommunikation mit seinen Mitspielern). Nun hat er sich vor einiger Zeit auf einem spanischen Server angemeldet. Seine Schulnote wanderte von 5 auf 2.
Sicher sind zuviel zocken und zuwenig Ablenkung/Erfahung/Sozialkontakt in der realen Welt alles andere als gut für die meisten, doch darf man nichts verallgemeinern. Leider haben die, die dies alles beruteilen meistens keine Ahnung wovon sie überhaupt sprechen…

#2 |
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Die Folgen eines falschen Umganges von Kindern mit den “neuen Medien” (der Begriff zeigt im Übrigen ganz gut das die Bewerter dieser Medien die meisten Probleme in Ignoranz verharren) sind nicht nur auf Computer beschränkt. Ursächlich ist jedoch der falsche Umgang, nicht das Medium.
Hier könnte man ohne weiteres andere Suchtfelder hinzufügen (TV, Briefmarkensammeln ectr.). Was Kinder und bevorzugt Jungs in virtuelle Welten treibt sind Neugier und eine Bereitschaft Neues zu entdecken. Alles positive Dinge, die in der Realwelt unserer Gesellschaft VIEL zu kurz kommen.

#1 |
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