Opiate nach deutschem Reinheitsgebot

7. Juli 2015
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Modifizierte Hefen sollen den Arzneimittelmarkt unabhängig vom Schlafmohn machen, indem sie Opiate produzieren. Der Nutzen ist offensichtlich, die Risiken auch: Opiate könnten illegal und einfach hergestellt werden. Droht die Heroinherstellung in der heimischen Brauerei?

Opiate gehören zu den ältesten Schmerzmitteln der Menschheit. Bis heute werden sie aus dem eingetrockneten Milchsaft des Schlafmohns hergestellt, der hauptsächlich in Afghanistan, Mexiko, Laos und Myanmar wächst. Auch der illegale Anbau floriert.

Abkömmlinge des Opiums finden in der Medizin vielfachen Einsatz: Morphine helfen gegen Schmerzen, Codein lindert den Hustenreiz. Auch als Arzneimittelgrundstoff spielen diese Substanzen eine Rolle. Dementsprechend hoch ist auch die Nachfrage nach Schlafmohn – nicht nur für medizinische Anwendungen. Auch der Schwarzmarkt boomt. Denn mit Heroin aus dem Saft des Schalfmohns lässt sich jede Menge Geld verdienen. Alleine in Deutschland sind Schätzungen zufolge 100.000 bis 150.000 Menschen von Heroin abhängig – weltweit kommen über 16 Millionen Menschen nicht ohne Opiate über den Tag.

Erstmals Produktion unabhängig von Mohn möglich

Nun haben Wissenschaftler einen Weg gefunden, die gefragten Substanzen von gentechnisch veränderten Bäckerhefen produzieren zu lassen. Was Entwarnung für die Arzneimittelherstellung verspricht, birgt jedoch jede Menge Potential für Drogenproduzenten. Denn ist die Opiat-Hefe erst auf dem Markt, wird es für durchschnittlich begabte Hobby-Bierbrauer ein Leichtes sein, Opiate in den eigenen vier Wänden herstellen zu lassen. Ein „Do-it-yourself-Kit“ zum Bierbrauen und die neue, gentechnisch veränderte Hefe reichten dazu aus, schreiben Wissenschaftler in einem Kommentar zu einer aktuellen Studie. Sie fordern daher, die Verbreitung der Hefe staatlich zu kontrollieren und zwar bevor sie marktreif ist.

Abgabe nur mit Lizenz

Einen möglichen Weg dazu sehen die Forscher darin, nur lizensierten Wissenschaftlern Zugang zu den neuen Hefestämmen zu gewähren. Die Politik müsse handeln und dem biotechnologischen Fortschritt in naher Zukunft entsprechende Gesetze folgen lassen. Denn im Moment berichten die Wissenschaftler erst von einem „Proof of principle“. Die Herstellung von Morphinen und anderen Opiaten in Hefe ist nun grundsätzlich machbar. Dazu braucht die neue Bäckerhefe (Saccharomyces cerevisiae) lediglich gewöhnlichen Zucker als Ausgangsstoff.

Marktreife noch offen

Wann die wichtigen Schmerzmittel von Mikroorganismen großtechnisch hergestellt werden, ist bisher noch offen. Die Erfinder der opiatproduzierenden Hefen sind zuversichtlich und rechnen schon in wenigen Jahren mit einer marktreifen Produktion: „Mit unserer Studie sind nun alle Schritte beschrieben, und es geht nur noch darum, sie zusammenzubringen und die Produktion aufzustocken“, zitiert die University of California in Berkeley ihre Forscher in einer Meldung. Die momentan noch geringe Ausbeute des Prozesses wollen die Wissenschaftler in wenigen Jahren optimiert haben. Kollegen sind jedoch skeptisch, denn bis zu einem marktreifen Verfahren müsse die Hefe etwa tausendmal mehr des Wirkstoffes produzieren als zum jetzigen Zeitpunkt. Ob Saccharomyces cerevisiae solche Mengen überhaupt verkraften kann, ist offen.

Komplexe Stoffwechselvorgänge

Die Stoffwechselvorgänge, mit denen die Schlafmohnpflanze natürlicherweise Opiate produziert, sind komplex. Um alle Stoffwechselschritte von Hefen umsetzen zu lassen, haben die Wissenschaftler etwa zehn Jahre geforscht. Eine Forschergruppe der University of California baute das Genom der Hefe zunächst so um, dass sie den ersten Schritt der Morphinsynthese bewerkstelligen konnte – sie wandelt nun mit Hilfe von Enzymen aus der Zuckerrübe, des Schlafmohns sowie aus Bodenbakterien Glukose in das Benzylisochinolin Retikulin um. Dieser Ausgangsstoff wird üblicherweise bei der Morphinherstellung benutzt.

Ein weiteres Forscherteam von der Concordia University in Montréal kreierte eine Hefe, die aus diesem Retikulin Morphin herstellen kann. In einem letzten Schritt sollen die beiden Hefen in ihren Fähigkeiten vereint werden.

Schneller und günstiger

Opiate in Hefen statt aus Schlafmohn zu produzieren, hätte gleich mehrere Vorteile. Zum einen tragen die neuen Hefen zu einer schnelleren und kostengünstigeren Produktion von Arzneistoffen bei, da ihre Ausgangstoffe – anders als beim Schlafmohn – nahezu unbegrenzt vorhanden und unabhängig von Wettereinflüssen sind.

Manche Derivate weisen im Vergleich zu natürlichen Opiaten auch verbesserte Eigenschaften auf. So wirkt das Schmerzmittel Hydromorphon beispielsweise 7,5-fach stärker als das verwandte Morphin. Die neuen Hefezellen sind daher gleich mit zwei Genen eines Bakteriums (Pseudomonas putida) ausgestattet, das natürlicherweise auf Mohnpflanzen lebt, mit deren Hilfe sich die begehrten Derivate in einem Produktionsschritt herstellen lassen.

Ob die Politik Nutzen und Missbrauch der neuen Technologie trennen kann und rechtzeitig Regularien gegen den illegalen Gebrauch der Hefen verabschiedet, bleibt abzuwarten.

Origialpublikationen:

An enzyme-coupled biosensor enables (S)-reticuline production in yeast from glucose
W.C. DeLoache et al.; Nature Chemical Biology, doi: 10.1038/nchembio.1816; 2015

Drugs: Regulate ‘home-brew’ opiates
K.A. Oye et al.; Nature Comment, doi: 10.1038/521281a; 2015

57 Wertungen (4.65 ø)

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5 Kommentare:

Klaus Samer
Klaus Samer

Ich sehe hier keinen entscheidenden Vorteil zur klassischen Produktion. Ich frage mich ob es nicht billiger Wäre beschlagnahmte Opiate der pharmazeutischen Industrie zur Verfügung zu stellen, fals diese hinreichend geeignet sind und sich ohne grossen Aufwand aufreinigen lassen . Den Kampf gegen Drogenkartelle hat man eh verloren so das auch in Zunkunft für hinreichenden Nachschub durch Beschlagnahme gesorgt sein dürfte.

#5 |
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klugscheißer
klugscheißer

der begriff reinheitsgebot ist etwas fehl am platz.

ziel des reinheitsgebots (1434 weißensee, 1487 münchen, 1516 herzogtum bayern)
war die verbannung von halluzinogenen aus bier,
wie z.b. bilsenkraut (daher vermutlich der name ‘pils’…)
und evtl. alraune, tollkirsche, stechapfel, engelstrompete
(= halluzinogene nachtschattengewächse)
außerdem: fliegenpilze, psilocin-pilze (magic mushrooms, psilocybe),
muskatnuss…

man kann das reinheitsgebot als teil der hexenverfolgungen sehen
(unter anderem in europa 1450 bis 1750)
weil schamanen (hexen, zauberer)
psychoaktive pflanzen und pilze für ihre flugsalben nutzten.
der weiße markt (öffentlich, legal) sollte befreit (gereinigt) werden
von (angeblich) schädlichen halluzinogenen.
von autoritäten oder über denunziation wurden schamanen
als schadzauberer diffamiert und exemplarisch ermordet,
um die menschen vom schamanismus abzuschrecken.

nachfolger des reinheitsgebotes sind das deutsche opiumgesetz von 1930
und das deutsche betäubungsmittelgesetz (btmg) von 1981.

halluzinogene nachtschattengewächse werden nicht im btmg gelistet,
weil sie relativ starke nebenwirkungen haben (z.b. sedierung)
und relativ unbekannt sind.
das btmg verbietet vor allem bekannte und gute rauschmittel
mit relativ schwachen nebenwirkungen…

#4 |
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Na und?
Besser, als das die Opiatabhängigen diesen Dreck aus Russland usw. konsumieren, mieseste Qualität, die sterbenskrank macht, zu Kriminalität aus Verzweiflung führt und die “da Oben”, die sich mit diesem Dreck noch reicher machen!

Wie bereits gesagt: das BTMG ist lachhaft, in mehreren Ländern (auch europäischen) wird bewiesen, daß es nichts bringt, Opiatabhängigkeit zu kriminalisieren, die Menschen, die abhängig werden haben einfach ein Defizit in der körpereigenem Chemie!

Und könnten bei Zufuhr von ausreichend sauberen Opuaten normal arbeiten, sozial integriert sein und damit 100 H.alt werden, den Morphium schädigt die Leber nicht und zahllose abhängige Mediziner sind damit uralt geworden und ihrem Beruf erfolgreich nachgegangen!
Dahinter steckt doch wieder nur die Ph.-Industrie, die ihre Chemie los werden will…und so werden die Abhängigen polytoxikoman…von Tabletten usw. zusätzlich und schlimmer als zuvor abhängig!
So isses, genau so, ich sehe es jeden Tag!

#3 |
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Gast
Gast

Wieso sollte der Staat die Forschung regulieren; das ist völliger Schwachsinn.
Und durch die Regulation des Konsums gibt es einen kriminalisierten Schwarzmarkt, am Ende leiden die Konsumenten die kontaminierten Stoff bekommen.

Das BTM – Gesetz ist eine Farce; die Einteilung der Stoffe ist zu einem grossen Teil willkürlich und nicht wissenschaftlich fundiert. Schlimmer noch, sie verhindert die dringend notwendige Forschung an vielversprechenden natürlichen Substanzen, wie Dimethyltriptamin, Psilocybin, THC, u.a., welche in der Psychiatrie und Neurologie neue Heilungsmethoden und Wirkmechanismen hervorbringen könnte!

#2 |
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Dr. Martin Kauer
Dr. Martin Kauer

Die entscheidende Fragestellung lautet eben NICHT:
“Ob die Politik Nutzen und Missbrauch der neuen Technologie trennen kann und rechtzeitig Regularien gegen den illegalen Gebrauch der Hefen verabschiedet, bleibt abzuwarten.”
Es ist ein GRUNDSÄTZLICHER Irrglaube, “DIE Politik” könne durch “Regularien” das “Böse” absolut vom “Guten trennen”!
Im konkreten Fall ist die Tatsache entscheidend, dass das ENDPRODUKT ohnehin bereits unter das BTM-gesetz fällt. Der infrastrukturelle und administrative Weg zum Endprodukt spielen dabei eine untergeordnete Rolle.
Tatsache wird allerdings sein, dass wenn das Verfahren erst mal “Marktreife” hat es nur eine Frage der Zeit ist, bis auch die kriminelle Intention sich dorthin verlagert … und die bisherigen “Trampelpfade” verlässt. Man muss es nicht “gut” finden, sich aber damit abfinden müssen: Aufhalten lässt sich dieser Prozess, der letztlich den Gesetzen des Marktes gehorcht mit hoher Wahrscheinlichkeit NICHT.
Die Gesellschaft wird diesen Prozess “begleiten” müssen, so wie sie im Prinzip seit Jahrtausenden das Phänome “Droge” mal gut, mal weniger gut begleitet und sich mit Vor- und Nachteielen arrangiert.

#1 |
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