Krebstherapie: Die phantastischen Viren

18. November 2011
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Das Prinzip ist schon lange bekannt, die Umsetzung dauerte mehr als ein halbes Jahrhundert. Jetzt aber steht die Krebstherapie mit Viren vor der Anwendung in der Klinik. Sie könnte vor allem denjenigen helfen, bei denen es für andere Methoden zu spät ist.

Es ist eine niederschmetternde Diagnose, wenn der Arzt nicht nur den Primärtumor im Patienten sieht, sondern auch zahlreiche verstreute Metastasen. Operation und Bestrahlung helfen nur bedingt, die Chemotherapie stößt mit resistenten Zellen an ihre Grenzen.

Impfung beeinträchtigt das Krebswachstum

Zu den Hoffnungen auf neue Ansätze bei der Krebsbehandlung gehört der Einsatz von Viren. Viren, die nur den Tumor angreifen und normales Gewebe unbehelligt lassen. Der Wunsch nach einem solchen Krebsfresser spukt nicht nur in Köpfen von Gen-Konstrukteuren herum, sondern kommt ganz ohne menschliches Zutun in der Natur vor.

Infiziert sich ein Krebskranker mit einem Virus, so führt das nicht selten zu einem spontanen Rückgang des Tumors – ebenso wie eine Impfung mit attenuierten Viren. Aus den Erkenntnissen aus lang zurückliegender Zeit haben sich erst in den letzten Jahren konkrete Strategien mit onkolytischen Viren entwickelt. Ergebnisse in späten klinischen Studien lassen darauf schließen, dass wir bald mit dem Einsatz viraler Armeen rechnen können, nicht nur gegen seltene Tumorarten, sondern auch beispielsweise gegen Dickdarmkrebs.

Vermehrung ausschließlich im Tumor

„Zum ersten Mal in der Medizingeschichte konnten wir zeigen, dass sich Viren dauerhaft und selektiv in Tumorgewebe bei Menschen nach i.v.-Injektion vermehren“, beschreibt John Bell den jüngsten Erfolg seines kanadisch-amerikanischen Forschungsteams, den „Nature“ vor einigen Wochen veröffentlichte. Grundlage seiner Studie war ein abgewandeltes Vacciniavirus, das robust genug ist, Angriffe des menschlichen Immunsystems zu überstehen und über die Blutbahn auch zu kleinen Metastasen zu gelangen. Weil der speziell entwickelten Virusvariante das Thymidin-kinase-Gen fehlt, kann es sich nur in stark proliferierendem Gewebe vermehren. Das schnelle Wachstum des Tumors sorgt zudem für höhere Durchgängigkeit der entsprechenden Zellwände für das Virus.

23 austherapierte Patienten mit verschiedenen metastasierenden Tumoren bekamen in dieser Phase II-Studie unterschiedliche Dosen des onkolytischen Virus. Trotz bestehender Pockenschutz-Impfung bei allen Empfängern vermehrten sich bei sieben von acht Patienten mit den höchsten Dosis die Viren im Tumorgewebe – bei nur leichten grippeähnlichen Nebenwirkungen. In normalem Gewebe hatten die Zuchtviren dagegen keine Chance. Auch nach den RECIST-Kriterien zum Ansprechen von Tumorgewebe war die vorsätzliche Infektion erfolgreich. Allerdings führte die „one-shot“ Strategie der Ärzte in Ottawa noch nicht zu deutlichen klinischen Effekten.

Hohe Ansprechrate beim Melanom

Onkolytische Viren sind eine wiederentdeckte Option in der Onkologie, nachdem sich die Wissenschaft lange Zeit nicht um sie gekümmert hatte. Schwere Nebenwirkungen, tödliche Infektionen oder ein aktives Immunsystem, das schnell mit den Eindringlingen fertig wurde, machten die Winzlinge unattraktiv. Inzwischen gibt es aber eine ganze Reihe verschiedener Virenfamilien, die zur Tumortherapie taugen. Am verbreitesten ist dabei das Herpes simplex Virus, inzwischen in Phase III Studien bei Melanom-Patienten und solchen mit Kopf- und Halstumoren. Eine 20-Prozentige Ansprechrate beim schwarzen Hautkrebs hat bisher noch kein anderes Agens erreicht.

Polio gegen Hirntumore

Die Gründe, warum die Viren normales Gewebe nicht attackieren und sich nur für Krebszellen interessieren, sind ganz unterschiedlich. Adenoviren bekommen vom Labor einen modifizierten Rezeptor mit, der es ihnen erlaubt, an Zellen mit einem bei Tumorzellen exprimierten Liganden anzudocken. Coxsackieviren infizieren Zellen, deren Oberfläche dicht mit dem Adhäsionsmolekül ICAM1 besetzt ist. Auch hier interessieren sich die Entwickler von „Viralytics“ besonders für die Behandlung des malignen Melanoms. Andere Viren infizieren auch normales Gewebe, nutzen aber für ihre Vermehrung Stoffwechselwege in Zellen, die schnell wachsen.

Zu den Viren, die Tumoren ganz ohne Manipulation an ihrem Erbgut anfallen gehört etwa das Parvovirus H1. In diesen Tagen gab das Deutsche Krebsforschungszentrum bekannt, dass die Arbeitsgruppe von Jean Rommelaere in Zusammenarbeit mit der Neurochirurgischen Uniklinik Heidelberg und der Firma Oryx eine Phase I/IIa bei Glioblastom-Patienten gestartet hat. Der Parvovirus ist normalerweise in Nagern zu Hause. Es hat für den Menschen keinerlei Nebenwirkungen und wird auch vom Immunsystem nicht sofort angegriffen. Ihre geringe Größe hilft den Viren, die Blut-Hirn-Schranke zu überwinden und sich auch über sehr diffuse Tumore herzumachen. Ein weiteres Beispiel für die Krebsaffinität von Wildtyp-Viren ist das Vesicular Stomatitis Virus. VSV scheint ebenfalls bei Gehirntumoren gute Chancen auf einen späteren Einsatz zu haben, genauso wie das Poliovirus, dem das IRES-Gen fehlt. Diese attenuierten Organismen greifen dann Gliomgewebe an, nicht aber normale neuronale Zellen.

Kombination von Schnell- und Güterzug

Besonders große Viren bieten den Vorteil, dass sie neben ihrem eigenen Genom auch noch implantierte Gene transportieren können. In das Vacciniavirus bauten die Wissenschafter aus den USA und Kanada das Gen für GM-CSF (Granulocyte macrophage colony-stimulating factor) ein, der das Immunsystem zu einer Antwort gegen den Tumor stimuliert. Die „indirekte“ Tumorlyse spielt auch für die Zukunftsaussichten eine ganz wichtige Rolle. Denn durch die Vermehrung der Viren im Tumor entstehen bei der Zerstörung des Wirts freie Tumorantigene, die dem Immunsystem nützen, um wirkungsvoll gegen den körpereigenen Feind vorzugehen.

Die Kombination von kleinen Viren mit schneller Vermehrung und großen Viren mit Transportfunktion könnten onkolytische Viren noch attraktiver für die Krebstherapie machen. Wenn dabei beispielsweise Viren mit RNA und DNA-Genom zusammenkommen, sinkt auch das Risiko, dass durch Rekombination ein neuer gefährlicher Erreger entsteht.

„Eines Tages werden Viren und andere biologische Therapien die Ansätze zur Behandlung von Krebs grundlegend verändern.“ Dass diese Prognose von John Bell vom Ottawa Hospital nicht nur der Euphorie seiner erfolgreichen Studien entspringt, zeigt ein Biotech-Deal im Januar dieses Jahres. Damals kaufte der Biotech-Riese Amgen die Entwicklungsfirma für onkolytische Viren Oncovex auf. Für eine Milliarde Dollar.

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21 Kommentare:

Medizinjournalist

Eine kleine Modifikation zu den Ansprechraten für das Melanom: Aus einer PM von Biovex: “Overall, 20% of patients ultimately achieved a complete response and 28% of patients achieved an overall objective response (complete response or partial response).” Zugleich hat mich auch eine Mitarbeiterin der Firma Roche auf Ergebnisse hingewiesen, die im Sommer im New England Journal publiziert wurden. Dort erreichte der Wirkstoff Vemurafenib Ansprechraten von 48% bei Melanom-Patienten mit einer BRAF V600E Mutation (laut Wikipedia etwa 60% aller Melanompatienten)
Quelle: http://litbot.doccheck.com/de/cont_40.startseite.php?page=1&abstractid=21639808

#21 |
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Ich wäre an einschlägigen Studien interessiert.

#20 |
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Altenpfleger

Meines Wissens nach hat sich das Newcastle Disease Virus als selektiver “Krebsvernichter” am besten bewährt. Wirkt effizienter als das Poliovirus und faktisch nebenwirkungsfrei, weil es mit dem Verschwinden der Krebszellen im Körper keine Existenzgrundlage mehr findet.

Dazu vielleicht ein weiterführender Link: http://www.cancer.gov/cancertopics/pdq/cam/NDV/healthprofessional

@ Nr.21

Zitat: “Was wäre denn, wenn wir die Pharmaindustie nicht hätten? Will jemand vielleicht wieder mit Kräutern und Esoterikunfug therapieren?”

Zunächst einmal eine Anmerkung zum viel missbrauchten Begriff “Esoterik”. Korrekte Wortbedeutung = “Den inneren Kreis des Wissens betreten”. Insofern waren alle Pioniere der Wissenschaft irgendwann mal Esoteriker. Bis ihr Wissen zum Allgemeingut wurde. Dann nennt man es Exoterik.

Und ja – “Kräuter” (Wirkstoffkomplexe, für die es keine künstlichen Imitate gibt) sind gottseidank wieder im Kommen. Vielleicht sollten Sie mal einen Blick außerhalb ihrer ehrenwerten Gemäuer riskieren. Da draußen tut sich was!

Was wäre, wenn wir die Pharma_industrie_ nicht hätten? Gute Frage. Im günstigen Fall hätten wir dann eine Pharmazeutische Forschungs- und Entwicklungs-Institution, die sich aus öffentlich-rechtlichen Geldern finanziert (so wie jetzt bsw. der Etat für Nationale Verteidigung) Forschungsprojekte würden dann nach medizinischer Dringlichkeit vergeben und weniger nach gewinnträchtigen Kriterien. Es würde weniger gefälschte Studien geben usw.

Insgesamt sehe ich da keine schlechte Prognose. Sie etwa?

#19 |
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Uwe Dietze
Uwe Dietze

komisch: statt sich zu freuen, dass es vielleicht einen neuen Weg mit neuen Chancen gibt, wird sofort wieder gemeckert, negative Beweggründe vermutet(vor allem dass die böse Pharmaindustrie daran verdienen könnte, pfui!) Wäre ich Industrie-Apotheker würde ich nach Amerika auswandern wo die Neid-Unkultur nicht solche Ausmaße hat. Was wäre denn, wenn wir die Pharmaindustie nicht hätten? Will jemand vielleicht wieder mit Kräutern und Esoterikunfug therapieren?

#18 |
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Rita Wiedemann
Rita Wiedemann

Die Frage ist doch immer wieder, warum ein Tumor überhaupt erst entsteht.
Auch wenn diese Therapie den Tumor verkleinert oder sogar zum verschwinden bringt, ist das nicht mit Heilung gleichzusetzen.
Allzuoft kommt er nach wenigen Jahren wieder (wird nach 5 Jahren jedoch als Neuerkrankung gewertet). Mich würde es freuen, wenn die Forschung mehr in die Ursachenforschung und behebung investieren würde. Damit wäre echte Heilung bzw. erst gar keine Erkrankung möglich.

#17 |
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Medizinjournalist

Ja, die meisten Karzinome der Kopf-Hals-Gruppe sind wohl Plattenepithelkarzinome.
Möglicherweise, hätte eine “Virentherapie” wirklich Erfolgsaussichten – mangels Zulassung aber wohl vorerst nur im Rahmen einer Studie.

#16 |
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Sie sprechen von Herpesviren im Kopf- und Halsbereich. Btrifft deren Zutändigkeit also das Plattenepithel? Bei einem Patienten wurde Plattenepithel in einem Halslymphknoten gefunden, nicht jedoch der Primärtumor in irgendeiner Körperregion. Also machte man eine Neck-dissection im Halsbereich. Da wurde nichts mehr gefunden, aber eine Virenbehandlung wäre ja DIE Prävention!

#15 |
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Medizinjournalist

@ 9
Hallo Herr Dr. Galler;
Ja, meines Wissen gibt es zwei Phase III Studien:
http://cancerhelp.cancerresearchuk.org/trials/trial-oncovex-gmcsf-melanoma-cannot-be-removed und
http://www.oncolyticsbiotech.com/clinical_pr.html

und noch eine Bemerkung zu Kommentar 1: Richtig: Die Großen im Pharmageschäft mischen dabei kräftig mit, aber wenn ich z.B. die erwähnte DKFZ-Studie anschaue, so ist die Firma Oryx ledigleich eine sehr junge Ausgründung des Forschungszentrums, das selber keine Wirkstoffe/Therapien vermarkten kann.

#14 |
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Warum hat man diese Therapie bei unseren Haustieren, die häufig gleiche oder ähnliche Tumoren haben wie der Mensch nicht bereits auprobiert? Bei z.B. Hunden mit infauster Prognose wäre so ein Versuch lohnend und ethisch unproblematisch.

#13 |
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Dr. Hans Stange
Dr. Hans Stange

Hallo Herr Dr. Harendorf,

bitte nenen Sie die hoffnungsvolle Addresse des KLollegen.

#12 |
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Chemikerin

Ich hoffe, dass diese Therapie bald flächendeckend eingesetzt werden kann!!!

#11 |
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Es wäre schön, wenn diese hoffnungsvolle Forschung endgültig von Erfolg gekrönt würde. Viel Glück den Wissenschaftlern!

#10 |
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Dr. med.univ. Arno Galler
Dr. med.univ. Arno Galler

Sensationelle Entwicklung mit nachvollziehbarer Logik.
Zulassung ist danach bald zu erwarten.-Phase III -Studien offenbar bereits vorhanden!?

#9 |
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Sicher ein Ansatz mit Zukunft

#8 |
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Wir sollten dies aufmerksam weiterhin beachten – vielleicht doch ein Hoffnungsschimmer

#7 |
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Dr. med. Hrvoje Franjkovic
Dr. med. Hrvoje Franjkovic

begrüsse jede forschung,auch wenn pharma industri noch reicher wird,aber leztendlich am ende kann jedem von uns nützlih sein,hofentlich balld?Nur weiter so !

#6 |
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Dr Imre Gyulay
Dr Imre Gyulay

Sehr geehrter Herr Kollege Harrendorf,bittelassen Sie mich mehr wissen,bin selbst betroffen,habe Bronchialkarzinom(Adenokarzinom,nicht Kleinzeller,T2N3M0).Mit kollegialem Gruss Ihr Imre Gyulay
Gyulay&t-online.de

#5 |
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Gesundheits- und Krankenpflegerin

Bravo Dr.med. Sven Harrendorf,daß Sie Ihr Wissen weitergeben.

#4 |
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Medizinjournalist

Hallo Herr Dr. Harrendorf,
Klar würde es mich interessieren, welche Erfahrungen der Kollege gemacht hat. Gibt es dazu Studien oder publizierte Erfahrungsberichte? Welche Art von Viren verwendet der Kollege – einen normalen Impfstoff, der schon lange zugelassen und damit geprüft ist?

#3 |
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Medizinjournalist

Endlich scheinen Viren einmal zu etwas nützlich zu sein …

#2 |
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das ist schon lange bekannt und wird von ? erfolgreich praktiziert. Wenn sie die Therapie brauchen, ich vermittel gerne den Kollegen, der .. und ohne das sich die Industrie so daran bereichern kann, denn es geht auch ohne die Pharma im Rahmen individualisierter Therapie.

#1 |
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