Alkoholabusus: Nicht berührt, nicht geschüttet

19. Februar 2013
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Ethanol ist und bleibt Volksdroge Nummer eins, verbunden mit einer hohen Morbidität und Mortalität. Ärzte können Patienten mit neuen Strategien helfen, Wege aus ihrer Sucht zu finden – oder den Konsum wenigstens zu verringern.

Deutschland einig Trinkerland: Experten schätzen, dass derzeit 1,3 Millionen Menschen akut alkoholabhängig sind. Bei weiteren acht Millionen Menschen gehen Ärzte von einem kritischen Konsumverhalten aus, darunter sind 160.000 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. Jahr für Jahr sterben rund 40.000 Menschen an direkten oder indirekten Folgen ihrer Abhängigkeit – meist noch vor dem 60. Lebensjahr. Viele rutschen in die Sucht ab, ohne es bewusst wahrzunehmen.

Erfolgreich, wohlhabend, alkoholabhängig?

Privatdozent Dr. Udo Schneider und Dr. Brit Schneider untersuchten Einflussfaktoren im Detail. Mit Daten des sozio-oekonomischen Panels (SOEP) , einer repräsentative Wiederholungsbefragung, kamen sie zu interessanten Erkenntnissen: Je höher Bildungsstand und Einkommen, desto größer ist das Risiko, regelmäßig Alkohol zu konsumieren – bei Frauen sowie bei Männern. Udo Schneider schließt Informationsdefizite aus, vielmehr seien Bier und Wein gesellschaftlich akzeptiert. Generell von Alkoholabhängigkeit zu sprechen, wäre falsch. Betrachtungen des US-amerikanischen Forschers Elvin Morton Jellinek (1890-1963) zeigen, dass dieses Verhalten zum sogenannten Beta-Typus führen kann: Betroffene trinken bei gesellschaftlichen Anlässen, bleiben ansonsten jedoch unauffällig. Vor gesundheitlichen Folgen sind auch sie nicht gefeit.

Tödliche Getränke

Professor Dr. Ulrich John, Greifswald, beschäftigte sich speziell mit der Mortalität von Alkoholabhängigen. Er untersuchte 4.070 Menschen zwischen 18 und 64 Jahren – und fand promt 153 Patienten mit entsprechendem Suchtverhalten. Nach 14 Jahren kamen 149 dieser Patienten zum Follow-up. John fand bei alkoholabhängigen Frauen eine um den Faktor 4,6 erhöhte Mortalität, bei Männern war der Wert 1,9-fach erhöht. Erstaunlich: Patienten, die sich wegen ihrer Suchterkrankung in stationäre Behandlung begaben hatten, profitierten hinsichtlich ihrer Lebenserwartung nicht. Ausgehend von dieser Erkenntnis fordert Ulrich John jetzt, Frauen stärker als bisher in den Fokus zu rücken und Therapieprogramme kritisch zu überdenken.

Komplexe Biologie

Die Abhängigkeit selbst beruht auf molekularen Effekten. Ethanol hemmt NMDA-Rezeptoren und stimuliert GABA-A-Rezeptoren, was entspannende und angstlösende Effekte erklärt. Schließlich kommt es zur Adaptation, und Patienten konsumieren immer größere Mengen, um den gleichen Effekt zu erzielen. Beim Entzug fehlt plötzlich die Kontrolle entsprechender Bindungsstellen. Es kommt zu teils lebensgefährlichen Symptomen wie Krampfanfällen, Angstzuständen, Tachykardie und Tremor – bekannt als Delirium tremens. Unbehandelt würde bis zu einem Drittel aller Patienten an diesen Symptomen versterben. Entgiftungen finden deshalb meist stationär statt, mit medikamentöser Unterstützung durch Haloperidol, Benzodiazepine, Clomethiazol und Clonidin. Ist der erste Schritt getan, müssen Patienten langfristig stabilisiert werden.

Stoppt den Durst

Als Ergänzung zu Verhaltenstherapien und Selbsthilfegruppen verringern Anti-Craving-Substanzen das Verlangen nach Hochprozentigen. Neben bekannten Pharmaka wie Acamprosat, Disulfiram (mittlerweile in Deutschland nicht mehr verfügbar) oder Naltrexon hat in den letzten Jahren ein weiterer Arzneistoff für Furore gesorgt. Das Interesse vieler Medien an Baclofen ist untrennbar mit einem Namen verbunden: Dr. Olivier Ameisen, Kardiologe aus Frankreich. Er besiegte seine Alkoholabhängigkeit mit hohen Dosen dieses Muskelrelaxans. Nach anfänglichen Zweifeln – ging es ihm vielleicht doch nur um Publicity – brachte die Wissenschaft Licht ins Dunkel. Eine retrospektive Studie mit 181 Patienten, von denen 132 am Ende auswertbare Daten lieferten, bescheinigte Baclofen gute Erfolge. Zu Beginn lag der Alkoholkonsum bei 182 ± 92 Gramm pro Tag. Nach einem Jahr waren 78 Personen abstinent, weitere 28 hatten ihren Konsum deutlich verringert. Alle Studienteilnehmer hatten 129 ± 71 Milligramm des Wirkstoffs pro Tag erhalten. Daraufhin gab die französische Arzneimittelbehörde ANSM (Agence nationale de sécurité du médicament et des produits de santé) grünes Licht, Baclofen „von Fall zu Fall“ einzusetzen.

Erfolg mit dem Kuschelhormon

Auch Oxytocin hat interessante Eigenschaften. Normalerweise als “Kuschelhormon” und als Auslöser von Wehen bekannt, profitieren Suchtpatienten ebenfalls von diesem Neuropeptid. Forscher verabreichten bei einer randomisierten, doppelt verblindeten Studie sieben Patienten Oxytocin, während vier Patienten Placebo erhielten. Alle Teilnehmer hatten zu Beginn viel Alkohol konsumiert und beim Versuch, von ihrer Sucht loszukommen, über starke Entzugssymptome geklagt. Unter Verum benötigten die Betroffenen kein beziehungsweise weniger Lorazepam als Personen im Placebo-Arm. Weitere Arbeiten müssen folgen, um den langfristigen Wert des Peptidhormons zu bewerten.

Weniger ist mehr

Nicht immer gelingt es, Patienten in die Abstinenz zu führen. Therapeuten versuchen alternativ, den Alkoholkonsum wenigstens zu verringern. Hier kommt der Opioid-Rezeptor-Antagonist Nalmefen zum Einsatz. Patienten sollten den Arzneistoff einnehmen, bevor sie zur Flasche greifen – um ihren Konsum zu verringern. Für Nalmefen liegen Ergebnisse aus diversen Phase-III-Studien vor. Die Teilnehmer haben vor Studienbeginn mehr als sechs “heavy drinking days” (HDD) mit täglich mindestens 60 Gramm Ethanol (Männer) beziehungsweise 40 Gramm Ethanol (Frauen) zu Protokoll. Parallel zur Psychotherapie erhielten sie Nalmefen oder Placebo. Nach einem Jahr hatte sich der Konsum unter Verum signifikant um bis zu 60 Prozent verringert. Daraufhin sprach sich die Europäische Arzneimittelagentur EMA für eine Zulassung aus. Zielgruppe sind Patienten mit hohem Alkoholkonsum, bei denen keine Entgiftung möglich ist. Ihnen könnte bereits Mitte 2013 Nalmefen verordnet werden.

Unpopuläre Maßnahmen

Jenseits von Medizin und Pharmazie bleiben noch gesetzliche Eingriffe zu bewerten. Kollegen des Zentrums für Suchtforschung in British Columbia ermittelten, dass Preise für alkoholische Getränke eine zentrale Rolle spielen. Von 2002 bis 2009 verteuerten kanadische Politiker alkoholische Getränke um zehn Prozent, indem sie Mindestpreise einführten. Und siehe da – zeitgleich sank die alkoholassoziierte Mortalität um 32 Prozent. Selbst starke Trinker ohne jegliche Behandlung schränkten ihren Konsum ein.

Als der Staat sein Monopol, Hochprozentiges nur in eigenen Geschäften zu verkaufen, schließlich fallen ließ, entstanden zusätzlich private Verkaufsstellen. Prompt stieg die Mortalität wieder um zwei Prozent an. Entsprechende Zahlen belegen, dass bei Maßnahmen gegen Alkoholabhängigkeit Medizin, Pharmazie und Politik an einem Strang ziehen müssen.

214 Wertungen (4.1 ø)
Allgemeinmedizin, Medizin

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17 Kommentare:

Dipl.-Ing. Matthias Seidler
Dipl.-Ing. Matthias Seidler

Danke, Herr Dr. M. Kratofiel als Zahnarzt => Nr. 5
Über allen Volksdrogen steht die nach Dr. Klinghardt und
meinen derzeitigen aktuellen eigenen Erfahrungen die “Droge” Amalgam-Füllung.
Zitat”statistisch gesehen sind Zahnärzte die Berufsgruppe, die die größte Rate an Suiziden hat und statistisch gesehen die Berufsgruppe ist mit der größten Zahl der neurologischen Erkrankungen” (infolge Quecksilber-Vergiftungen)…Mit Ausnahmen, so sie Gold antatt Amalgam tragen…

#17 |
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horst kurzer
horst kurzer

mit der sucht ist es wie mit religion oder fußball: jeder hat was dazu zu sagen !
nach 24 jahren arbeit mit obdachlosen suchtkranken kann ich mich nur herrn van wasen anschließen.

#16 |
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Jens Schaefer
Jens Schaefer

Patienten, welche mit Buprenorphin behandelt werden, (nicht nur Opioidabgängige sondern auch Schmerzpatienten” berichten immer wieder, dass ihnen Alkohol nicht mehr schmeckt und sie sich davon regelrecht “abgestoßen” fühlen – auch bei Patienten, welche vorher “gerne” getrunken haben.

#15 |
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Heilpraktiker

Das erweiterte Verständnis biologischer Vorgänge in den Neurotransmittersystemen kann das Symptom des Alkoholismus auf eine Störung dieses Gleichgewichts zurückführen. Daraus ergibt sich ein völlig neues Verständnis über Erkrankungen, die auf stofflichen Süchten beruhen.
Insbesondere das bisher als Muskelrelaxans bekannte Baclofen scheint in der Lage zu sein, als Agonist des GABA-B-Rezeptors dieses Gleichgewicht wieder herzustellen.

Jede begleitende therapeutische Intervention könnte zielführender wirken, wenn der Patient weitgehend ohne Craving ist. Craving verhindert die zielführende Interaktion.

#14 |
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Dr. Cornelia Weigel
Dr. Cornelia Weigel

Süchtiger Konsum ist kein eigenständiges Problem, sondern vielmehr die Antwort auf nichtgelingende Bewältigung bestehender körperlicher oder seelischer Probleme. Craving (Suchtdruck, Gier, Verlangen) erklärt, warum Menschen, trotz klarer kognitiver Intention nicht exzessiv zu konsumieren, dennoch immer wieder scheitern. Die Minimierung des Craving ist somit ein wichtiges Ziel, damit Suchtarbeit gelingen kann. Eine medikamentöse Unterstützung erscheint sinnvoll, der Wille zur Veränderung der Trinkgewohnheit ist unabdingbare Voraussetzung. Die schwere Arbeit, das nüchterne Betrachten der eigenen Lebenssituation und die schrittweise notwendige Veränderung werden so möglich.
Schön, dass endlich erfolgversprechende Ergebnisse (insbesondere aus Frankreich) mit dem preiswerten und gut untersuchten Medikament Baclofen -für dessen Wirksamkeit seit Langem deutliche Hinweise bestehen- hier in Deutschland auch in den Medien Beachtung finden. Unverständlicherweise ist die ¿off-label-Verschreibung¿ bei Psychopharmaka guter Usus, sobald es sich aber um Baclofen handelt wird es zum ¿no-go¿. Erfolgsquoten wie sie mit Baclofen erzielt werden können, sind mit keinem anderen Medikament zur Behandlung der Alkoholerkrankung erreichbar.
Danke für den Artikel.

#13 |
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Ich bezweifle daß Alkoholabhängigkeit lediglich nur mit Pharmaka erfolreich behanelt werden kann.

#12 |
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Biologisch- / Chemisch- / Physikalisch-technischer Assistent

Aha, @Michael Tischler, um 10 % verteuert und zeitgleich sank die Mortalität? Bestimmt nicht wegen 10%.Raucher hält es auch nicht vom Rauchen ab wenn die Schachtel 6.-¿ kostet.
Wenn hier schon was behauptet wird dann mit nachprüfbaren Quellen , alles Andere ist gutenbergisieren .
Sie scheinen sich ja über die Spirituosenpreise gut zu informieren, um up to date zu sein?

#11 |
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..gut recherchiert und auf den Punkt gebracht. Weil sozial akzeptiert müssen die selber verschuldeten Folgezustände von der Kasse auch noch übernommen werden. Hinweis: Auch der Opioidantagonist Nalmefen soll laut EU zur Verringerung des Alkoholkonsums (nicht der totalen Abstinenz !) zugelassen werden.

#10 |
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….sehr pharmalastig, eine Suchtkrankheit im eigentlichen Sinn ist nicht so vordergründig mit Medikamenten zu behandeln. Es lohnt sich, immer auch die Persönlichkeit und verborgenen Interessen derjenigen zu prüfen, die sich da für neue Medikamente stark machen. Nalmefene wird bald in den Vordergrund kommen.
Auffällig, dass kein Wort über das von Frau Prof. Ehrenreich und KollegInnen schon vor Jahren in Göttingen entwickelte ALITA Programm berichtet wird; siehe die gestern im WDR Fernsehen gezeigte Sendung “Quarks &Co” zum Thema Alkohol, (oder einfach ALITA in die Suchmaschine eingeben)

#9 |
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Nichtmedizinische Berufe

namasté- in den Kreis der Suchtkomponenten Alkohol sind Brot / Weizenmehlprokte und Zucker unbedingt mit einzubeziehen. qer sich mit der Verstoffwechselung von Brot / weizenmehlprodukten und Zucker befasst, dem fällt die Nähe der alkoholumsetzung auf! Jeder übermäßige Verzehr von diesen Produkten führt in eine Abhängigkeit und ist einer Alk-sucht gleichzusetzen auch wenn kein Alkohol konsumiert wird.
Es wundert mich, dass Kudzu, normalerweise u Rauchentwöhnung als pflanzlicher Rezeptorenblocker eingesetzt, als Nebenwirkung erheblich das Verlangen nach Alk einschränkt.
In diesem Zusammenhang sind mir weder auf Nikotin noch auf Alk bezogen direkte nebenwirkungen bekannt. Der Einsatz sollte inkl. Aus- u.

#8 |
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Prof. Dr. med. Eckhard Klieser
Prof. Dr. med. Eckhard Klieser

interessanter artikel, wie siehts mit tiefer hirnstimulation aus?

#7 |
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Ingolf Andrees
Ingolf Andrees

Der Einsatz von Medikamenten sollte sehr kritisch betrachtet werden. Bisher konnte sich keines der Präparate als Standard etablieren. Schon viele hochgejublete Pilotstudien hielten einer kritischen Überprüfung nicht stand. Die Angaben zum “Delirium” sind fast alle ungenau: Beschrieben ist hier das vegetative Entzugssyndrom mit Krampfanfall (ICD 10: F10.31); das Entzugsdelir (= gültige Nomenklatur) erfordet zusätzlich noch eine Reihe weiterer psychopathologischer Symptome, dabei obligat eine Bewußtseinstrübung, meist auch Halluzinationen (ICD 10:F10.4).

#6 |
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Dipl. -Psych. Axel Ralph Smolarek
Dipl. -Psych. Axel Ralph Smolarek

Unsere psychologische Beratungsstelle führt seit 23 Jahren ambulante Entwöhnungsbehandlungen bei Alkohol- und Medikamentenabhängigen auf der Basis der Kognitiven Verhaltenstherapie durch. Neben Antidepressiva kamen und kommen überwiegend Medikamente wie Antabus und neuerdings Campral zum Einsatz. Keine der von uns vor Ort kontaktierten Ärzte/tinnen ist jedoch bereit das ” out off label” Medikament Baclofen, trotz nachgewiesener Wirksamkeit,einzusetzen. Siehe dazu: http://www.baclofen-forum “andere Länder…. Toll x wieder!!

#5 |
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Volksdroge Nummer 1 ist Brot, Nr 2 ist Fleisch. Alkohol würde ich als Nr. 3 einstufen.
Zahnarzt und Ernährungsmediziner

#4 |
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Weitere medizinische Berufe

Wer Abhängigkeit n u r bzw. überwiegend biochemisch versteht, hat Abhängigkeit nicht verstanden. Aber die Pharmalobby wird sich über den Artikel freuen…..

#3 |
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Norbert Manteuffel
Norbert Manteuffel

und……..

#2 |
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Michael Tischler
Michael Tischler

Von 2002 bis 2009 verteuerten kanadische Politiker alkoholische Getränke um zehn Prozent, indem sie Mindestpreise einführten. Und siehe da ¿ zeitgleich sank die alkoholassoziierte Mortalität um 32 Prozent.
Und bei uns kostet die Flasche Wodka um 4 Euro.
Z.B bei Lidl in der Faschingszeit im Angebot 4,44 Euro

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