100 Tage Rezeptfreiheit: Pille danach – danach

26. Juni 2015
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Im März dieses Jahres wurde die „Pille danach“ in die Rezeptfreiheit verabschiedet. Während Familienverbände und Politiker der Änderung Beifall spendeten, blickten die Berufsverbände der Frauenärzte besorgt auf die neue Regelung. Wie sieht die 100-Tage-Bilanz aus?

Kurz nach dem Startschuss für den rezeptfreien Vertrieb der Pille danach schienen sich die schlimmsten Befürchtungen der Kritiker rasch zu bewahrheiten. Trotz strengen Werbeverbots schnellte die Zahl der Packungsabgaben bereits eine Woche nach dem OTC-Switch im Vergleich zur Vorwoche um 42 % nach oben. In absoluten Zahlen entsprach das einem Sprung von 9.500 Abgaben in der letzten Woche alter Ordnung auf 13.500 verkaufte Packungen in der Debütwoche. Während sich das Verordnungsvolumen im März des vergangenen Jahres auf 41.000 Pillen belief, gingen bis zum Ende des März 2015 mehr als 50.000 Präparate zur Notfallverhütung über die Ladentheke, davon schon knapp die Hälfte ohne ärztliche Verordnung.

Im Folgemonat April führte die Neuregelung fast erwartungsgemäß zu einem weiteren Absatzanstieg: Weniger als 10 % der 55.000 Packungen wurden noch im Austausch gegen ein Kassenrezept an die Frau gebracht, etwa doppelt so viele unter Vorlage eines Privatrezepts, der Löwenanteil von fast 80 % entfiel jedoch auf die neugeschaffene Selbstmedikation. Im Vergleich zum April letzten Jahres verzeichneten die Statistikdienstleister somit ein Plus von 15.000 Abgaben im April 2015. Unter Berücksichtigung des Premierenmonats März ergibt sich mittlerweile ein weit weniger drastischer Anstieg um ca. 30 % von 81.000 Packungsabgaben im Vorjahreszeitraum auf 105.000 Pillen in den Monaten März und April des laufenden Jahres. Inzwischen haben sich die Verordnungszahlen auf einem Niveau von 13.000 bis 14.000 Packungsabgaben pro Woche stabilisiert.

Regionale Unterschiede

Bei näherem Hinsehen fällt auf, dass die Rezeptfreiheit der Pille danach bisher zu regional sehr unterschiedlichen Auswirkungen auf den Verkauf geführt hat. Während der Absatzanstieg von Februar auf April in den südlichen Bundesländern Rheinland-Pfalz, Saarland, Baden-Württemberg und Bayern eher schwach ausfällt, imponieren im gleichen Zeitraum insbesondere in den neuen Bundesländern teils massive Zunahmen bei den Verkaufszahlen. Angeführt wird die Tabelle vom Freistaat Thüringen, in dem sich die Abgabe der Pille danach mehr als verdoppelt hat. Für die unmittelbar dahinter rangierende Mark Brandenburg vermelden die Statistikdienstleister einen Zuwachs von bis zu 85 %. Auf den Plätzen dahinter folgen Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen sowie die Stadtstaaten Hamburg und Berlin, in denen der Verkauf ebenfalls stark angezogen hat.

Unter Hinzunahme der tatsächlichen Pro-Kopf-Abgaben erscheinen die gebietsmäßigen Differenzen jedoch in einem anderen Licht. In den wachstumsschwachen Bundesländern Bayern und Baden-Württemberg bestand im April 2015 ebenso wie im Westen der Republik ein starker Absatz der Notfallkontrazeptiva pro Einwohner. Weit vorne liegen in dieser Statistik auch die Stadtstaaten Bremen, Hamburg und Berlin. Unterdessen verweilen die bevölkerungsbezogenen Absatzzahlen in den neuen Bundesländern trotz des immensen Zuwachses weiterhin deutlich unter dem deutschen Durchschnitt. Demnach scheint ein beträchtlicher Teil des bundesweiten Anstiegs auf den „Aufholbedarf“ im Osten des Landes zurückzuführen zu sein.

Ein Blick zurück

Ein Blick in die Vergangenheit verrät, dass der Markt für Präparate zur hormonellen Notfallkontrazeption in den letzten Jahren ohnehin nicht von Stillstand geprägt war. Erklärte sich im Jahr 2004 mit 39 % nur weniger als die Hälfte aller gynäkologischen Praxen dazu bereit, die Pille danach zu verordnen, gab es im Jahr 2013 mit einem Anteil von 99 % verschreibungswilliger Frauenheilkundler fast keine Verweigerer mehr. Dementsprechend verdoppelte sich die Abgabe bis 2013 von 236.000 Packungen auf 488.000 Packungen, zu gleichen Portionen verteilt auf den herkömmlichen Wirkstoff Levonorgestrel und das erst 2010 zugelassene Ulipristalacetat.

Umgekehrt stieg auch der Anteil der Nutzerinnen im gleichen Zeitraum von durchschnittlich 11 Patientinnen auf 30 Patientinnen pro Praxis an, denen die Pille danach verordnet wurde. Auf eine Nutzerin kam zwischen 2004 und 2013 jedoch konstant ca. 1 Verordnung pro Jahr, sodass die Pille danach trotz der rasanten Entwicklung über die Jahre hinweg der für Notfälle vorbehaltene Plan B blieb. Eine steigende Nachfrage für Notfallkontrazeptiva ist also kein gänzlich neuer Trend. Inwieweit die neugeschaffene Selbstmedikation allerdings das Nutzerverhalten verändert, lässt sich nach drei Monaten kaum beurteilen.

Kritik an der Beratungsleistung

Die OTC-Gegner befassten sich indes vor der Neuregelung weniger mit wachsenden Absatzmärkten als vielmehr mit der Sorge vor einer unzureichenden Beratungsleistung in den Apotheken. Es handle sich bei der Pille danach nicht um „eine harmlose Halsschmerztablette, sondern um ein starkes Medikament, das in den Hormonhaushalt der Frauen eingreift“, hatte Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml von der CSU gewarnt. „Deshalb ist eine ärztliche Untersuchung und Beratung der Frauen zu ihrem eigenen Schutz sehr sinnvoll“, so Huml weiter. Rückendeckung erhielt sie vor allem von den gynäkologischen Fachgesellschaften: Eine medizinisch kompetente, sorgfältige und vertrauliche Beratung zur Pille danach sei in den Apotheken problematisch und in den meisten Fällen unmöglich, hieß es in einer Stellungnahme.

„Wir Apotheker werden dies leisten, denn kompetente und diskrete Beratung gehört zu unseren alltäglichen Aufgaben“, hatte Dr. Andreas Kiefer, Präsident der Bundesapothekerkammer (BAK), zur Einführung der rezeptfreien Pille danach versprochen. Zu diesem Zweck erarbeitete die BAK in Abstimmung mit dem Bundesgesundheitsministerium (BMG) und den Frauenärzten einen detaillierten Handlungsleitfaden mit Hilfestellungen für die Beratung in der Apotheke. Zentrale Anweisungen betrafen die persönliche Abgabe an betroffene Frauen, die Vermeidung regelhafter Vorratskäufe sowie die in Einzelfällen nötige Empfehlung eines Arztbesuchs, allen voran bei Mädchen unter 14 Jahren. Bereits im Mai zog Kammerpräsident Kiefer stolz Bilanz: „Zwei Monate danach hat sich die Aufregung gelegt. Denn es hat sich wieder einmal gezeigt: Apotheker beraten sachkundig und diskret, auch in sensiblen Situationen.“

Lukratives Geschäft

Während die Beratungsleistung der Apotheker von Beginn an gesichert zu sein schien, standen der pharmazeutischen Branche ganz andere Hindernisse im Weg. Nachdem das BMG sich Anfang Januar der Entscheidung der Europäischen Kommission beugte und die rezeptfreie Pille danach ankündigte, dauerte es kaum zwei Monate bis zur vollständigen Umsetzung dieses Vorhabens. In der Kürze der Zeit gelang es nicht allen drei Herstellern, die insgesamt vier Präparate als OTC-Medikamente deklarieren zu lassen und kenntlich zu machen.

Einzig das von der EU-Kommission europaweit von der Rezeptpflicht befreite Ellaone (Ulipristalacetat) vom Hersteller HRA Pharma war zum OTC-Switch als nunmehr apothekenpflichtiges Medikament auf der Verpackung ausgewiesen. Erst einen Monat später erreichten die Levonorgestrel-haltigen Präparate Postinor (Gideon Richter), Unofem (Hexal) und Pidana (ebenfalls HRA Pharma) den neuen Markt – ein lukrativer Monat, in dem das teuerste der vier Notfallkontrazeptiva das Monopol für die Pille danach hielt. Zwar verringerte sich der Absatz von Pidana im vergangenen halben Jahr aufgrund der Startschwierigkeiten um mehr als ein Drittel, die Verkaufszahlen von Ellaone schossen allerdings im gleichen Zeitraum deutlich in die Höhe.

67 Wertungen (3.73 ø)

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14 Kommentare:

Gast, weiblich
Gast, weiblich

Es geht keinesfalls um Schuldzuweisung an Opfer! Die stellen sicherlich auch nicht die Mehrzahl der Anwenderinnen.
Abgesehen davon, ist den Missbrauchsopfern nicht damit gedient, dass durch Anwendung dieser Präparate die Tat als solche für die Täter folgenlos bleibt. Zu guter Letzt, wenn anhaltender Missbrauch vorläge, wäre eine ständige Anwendung wohl weder mgl. noch wünschenswert.

#14 |
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Gast
Gast

Bei der Dunkelziffer von sexuellem Mißbrauch von jungen Frauen und Mädchen ist es wenig angebracht, diesen allein die Schuld zu zuweisen. Das Leid ist unermeßlich und viele trauen sich nicht zum Arzt oder zur Polizei. Deshalb ist diese Rezeptfreiheit eine Hilfe.

#13 |
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Gast, Dr.med
Gast, Dr.med

Zum Artikel: “…Apotheker beraten diskret”. Unter einer diskreten Beratung stelle ich mir ein Gespräch unter vier Augen vor, also ohne dem Mithören von anderen Kunden und Mitarbeitern…

#12 |
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Gast
Gast

“aufgeklärt” über Sex wird viel zu früh und viel zu falsch,
aufgeklärt über Nebenwirkung von Hormonen zu wenig.

#11 |
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Gast, weiblich
Gast, weiblich

Ich meine, dass die “Bringschuld” der Aufklärung völlig ausreichend bedient wurde, erst im Kindergarten mit gerade mal 4 Jahren (ohne das Einverständnis der Eltern vorher eingeholt zu haben), dann noch mal in der Grundschule, dann in der weiterführenden Schule.
Außerdem steht heute eine mehr als ausreichende Vielzahl an Informationsmöglichkeiten zur Verfügung, Teenagersprechstunden,… – was soll denn noch alles geboten werden?
Das Problem liegt m.E. an der mangelnden Bereitschaft, Verantwortung übernehmen und Selbstdisziplin praktizieren zu wollen- in den höheren (Teenager)Altersstufen. Bei den jüngeren sind die Eltern gefragt, aufzuklären, am Ball zu bleiben, und zu wissen, wo Kind ist und mit wem es Umgang hat. Verantwortung bedingt eben ein gewisses Maß an Anstrengungsbereitschaft.

Zitat:”Zentrale Anweisungen betrafen die persönliche Abgabe an betroffene Frauen, die Vermeidung regelhafter Vorratskäufe sowie die in Einzelfällen nötige Empfehlung eines Arztbesuchs, allen voran bei Mädchen unter 14 Jahren.”
Unter 14!! Also mit 13 oder 12 Jahren?! Und in so großer Zahl, dass sie extra genannt werden müssen!
Auch wenn das Mädchen gefühlt reif genug ist, denke ich, ist es nach wie vor auch die Aufgabe der Eltern, so junge Menschen auch ein Stück weit vor Handlungen zu schützen, deren Tragweite sie nicht in der Lage sind, einzuschätzen.

#10 |
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Altenpfleger

Nicht nur junge Mädchen sind schlecht aufgeklärt, die Aufklärungsdefizite ziehen sich durch den kompletten Public-Health-Bereich…ich muss schon immer wieder mit Erschrecken feststellen, dass kaum jemand im Nicht-Medizinischem Bereich in der Lage ist, sich richtig die Hände zu waschen oder dass man bei einer Erkältung schon seit langem nicht mehr in die Hand, sondern in die Armbeuge niessen sollte. Die Ergebnisse überraschen mich demnach keineswegs!

#9 |
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Prof.Dr. Dohrmann
Prof.Dr. Dohrmann

Es fehlt leider an viel Aufklärungen für die jüngeren Mädchen die Sich in Ihrer Reifeentwicklung befinden

#8 |
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Dr. Friederike Weber-Diehl
Dr. Friederike Weber-Diehl

Aus Erfahrungsberichten junger Mädchen im Internet gewinne ich schon den Eindruck, dass bei der Beratung noch Verbesserungspotential besteht. Allzu oft fragen junge Mädchen in entsprechenden Foren, wie sich denn nun die “Pille danach” mit ihrer normalen Pille vertrage.

Auf Nachfrage stellt sich dann heraus: Das Mädchen verhütet “doppelt”, das Kondom ist abgerutscht, und sie saust in die Apotheke. Dort erhält sie eine Notfrallverhütung, ohne dass jemals nachgefragt wird, ob sie denn die Pille nimmt – denn wenn sie das korrekt tut, dann ist die Notfallkontrazeption selbstverständlich völlig unnötig.

Dazu muss man wissen: Sehr viele Mädchen nehmen die Pille wegen Regelschmerzen oder unreiner Haut und sind sich nicht immer bewusst, dass sie damit gleichzeitig auch eine zuverlässige Verhütung haben. Daher die Kondome.

Es ist die Aufgabe der Beratung, hier Klarheit zu schaffen, bevor man ein Medikament abgibt, das (im Falle des Antigestagens) sogar die Wirkung der normalen Pille beeinträchtigen kann.

#7 |
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Die Ökonomisierung der Medizin schreitet eben auf allen Ebenen voran. Monetär und ideologisch profitieren zu viele von diesem Deal, einzelne Frauen werden aber “nichtsahnend” Schaden erleiden. Noch dazu setzt der Gesetzgeber mit der Freigabe ein “unfreiwilliges” Signal der Harmlosigkeit dieser kleinen Pille.

#6 |
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Ist nun mal EU-Recht. Die Pille danach. Für ungewollten Geschlechtsverkehr (Vergewaltigung usw.) ja.
Ansonsten darf man doch ein bißchen Verantwortungsgefühl erwarten können, oder?
Oder entwickelt sich das Recht zunehmend dahin, jeder kann kopulieren, wie er/sie will und dann gibt es eben eine Pille? Kann man sich das nicht vorher überlegen?

#5 |
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Proem
Proem

Ausser Statistik nichtssagend, wie fast immer. Schade, die Brisanz solcher politischen Eingriffe in die Gesundheit wird nicht ansatzweise sichtbar.

#4 |
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Bei den regionalen Unterschieden sollte vom Bundesland Brandenburg die Rede sein, nicht von der Mark Brandenburg (Markgrafschaft des Heiligen Römischen Reiches) …

#3 |
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Gesundheits- und Krankenpfleger

Frau Huml hat doch recht !!!
Eine PTA hat eben nicht das Fachwissen eines Gynäkologen,
der Apotheker tut sich da schon schwer.

#2 |
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Thorsten Apelt
Thorsten Apelt

Nach 18 Jahren ÄBDZ kann ich sagen: Viele Ärzte verweigern die Verschreibung von Präparaten zur hormonellen Notfallkontrazeption und somit auch aufklärende Gespräche im Keim. Man könne es mit dem Gewissen nicht vereinbaren. Aber kein Wort über die Gefahren schlechthin. Andere verschreiben es mit dem Gedanken “die müssen selbst wissen, was Sie tun. Da mische ich mich nicht ein!” Der wirklich kleinste Anteil hat wirklich eine gute Aufklärungsarbeit über Risiken und (Neben-)wirkungen geleistet. Gynäkologen nehme ich hier mal aus, die bestimmt eine bessere Arbeit leisten und Frau Huml auch Rückendeckung gegeben haben. Aber es bleibt ja nicht ur diesen vorbehalten diese Medikamente zu verschreiben.

Deshalb sollte Frau Huml sich mal schön zurückhalten mit Ihren Äußerungen über schlecht beratende Apotheken.

#1 |
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