G7-Gipfel: Eine kleine Dosis Elmaucillin

8. Juni 2015
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Momentan tagen Politiker der G7-Nationen auf Schloss Elmau im Landkreis Garmisch-Partenkirchen. Sie diskutieren nicht nur über Fragen zur Außen- oder Sicherheitspolitik. Erstmals geht es auch gezielt um Antibiotikaresistenzen und armutsassoziierte Tropenkrankheiten.

Gesundheit ist eine zentrale Voraussetzung für Ausbildung, Arbeit und Wohlstand, schreibt die Weltgesundheitsorganisation WHO. Grund genug für Politiker, beim G7-Gipfel vernachlässigte, armutsassoziierte Tropenkrankheiten (NTD, neglected tropical diseases) und Antibiotika-Resistenzen auf ihre Agenda zu setzen. Neben Repräsentanten der sieben wichtigsten Industrienationen nehmen Staats- und Regierungschefs aus afrikanischen Ländern und aus dem mittleren Osten an einzelnen Beratungen teil – „am Katzentisch“, wie G7-Gegner anmerken.

Ein Schuss vor den Bug

Entsprechenden Ländern machen NTD sehr zu schaffen – Jahr für Jahr sterben etwa 500.000 Menschen an diesen Krankheiten. Gemäß der Londoner Deklaration von 2012 sollten häufige Leiden bis 2020 zumindest stark eingedämmt werden. Davon ist die internationale Staatengemeinschaft aber weit entfernt, wie Ebola-Ausbrüche in mehreren afrikanischen Ländern schmerzhaft gezeigt haben. Malaria, HIV, Tuberkulose, Lepra oder Wurmerkrankungen gelten als größte Herausforderung – mit etwa einer Milliarde direkt betroffener und 1,9 Milliarden gefährdeter Menschen. Gemeinsam wollen die G7-Staaten mit der Weltbank, der Weltgesundheitsorganisation WHO, mit internationalen, forschenden Pharmaunternehmen und der Bill & Melinda Gates Foundation Abhilfe schaffen. Allein im Jahr 2013 wurden Medikamente für 1,35 Milliarden Behandlungen gespendet; die meisten davon gegen lymphatische Filariose. NGOs kritisieren den kurzfristigen, wenig nachhaltigen Ansatz – und fordern mehr Hilfe zur Selbsthilfe. Je nach regionalen Gegebenheiten lassen sich Wirkstoffe vor Ort produzieren. Dazu gehört beispielsweise das alte Antiparasitikum Ivermectin. Viele gespendete Präparate erreichen aufgrund logistischer Probleme ihre Empfänger ohnehin nicht. Für Transport und Verteilung wäre jedenfalls ein milliardenschweres Budget erforderlich. Und trotz etlicher Programme werden nicht alle NTD wissenschaftlich untersucht. G7-Kritiker sprechen vom mangelnden Interesse großer Konzerne.

Spiel’s nochmal, Sam

Außer NTD stehen einmal mehr Antibiotikaresistenzen auf der politischen Agenda – mit weltweit zehn Millionen Todesfällen pro Jahr auch rein zahlenmäßig ein schwerwiegendes Thema. Der Versuch, Maßnahmenpakete für Industrie-, Schwellen- und Entwicklungsländer zu schnüren, gilt bei Experten als wenig aussichtsreich. Deutschlands Bundesregierung plädiert dafür, entsprechende Substanzen weltweit der Verschreibungspflicht zu unterstellen. Gerade in Schwellen- und Entwicklungsländern sind Antibiotika noch häufig als OTCs erhältlich. Doch lösen ärztliche Rezepte das Problem? Wohl kaum: Einerseits fehlen in schlecht versorgten Regionen Ärzte. Andererseits zeigen Studien, dass jede dritte Verordnung zumindest als „fragwürdig“ einzustufen ist – in Deutschland, wohlgemerkt. Der Einsatz antibiotischer Substanzen in der Massentierhaltung führt ebenfalls zu Resistenzen. Auch hier löst ein kollektives Verbot, wie es Schwarz-Rot gerne in aller Herren Länder sehen würde, das grundlegende Dilemma nicht. Unser Tisch ist reich gedeckt. Moderne Technologien sind greifbar, aber auch bezahlbar. Entwicklungsländern gelingt es bis heute nicht, Grundnahrungsmittel in ausreichender Menge herzustellen. Verschiedene Hilfseinrichtungen haben deshalb zusammen mit forschenden Herstellern einen Appell an die Gipfelteilnehmer gerichtet. Alle Unterzeichner fordern neben Forschung und Entwicklung auch Unterstützung durch einen globalen Fonds, damit alle Länder von etablierten Maßnahmen der Antibiotikaminimierung profitieren.

Immer der Masse nach

Antibiotikaresistenzen oder vernachlässigte, armutsassoziierte Tropenkrankheiten: Einmal mehr befassen sich Spitzenvertreter der einflussreichsten Nationen mit absoluten Mainstream-Themen, die medizinische Realitäten vor Ort nur teilweise abbilden. Bereits heute leiden weltweit 400 Millionen Menschen an Typ-2-Diabetes. Bis 2035 rechnen Experten sogar mit 600 Millionen Betroffenen. Die Stoffwechselkrankheit gilt als eine der weltweit häufigsten Todesursachen. Es geht keinesfalls nur um Industrienationen. Gerade in Schwellenländern und in Regionen mit benachteiligten Bevölkerungsgruppen schnellen die Fallzahlen nach oben. Präventionsangebote sind wirksam, erreichen jedoch nur wenige Bevölkerungsgruppen. Menschen in südamerikanischen Slums ändern ihr Verhalten nicht aufgrund von Flyern, Vorträgen und Websites. Hier helfen nur niedrigschwellige Angebote vor Ort, inklusive bezahlbarer Lebensmittel. Mehr als 70 Prozent aller Diabetesfälle könnten durch entsprechende Maßnahmen vermieden oder zumindest hinausgezögert werden. Von oralen Antidiabetika der neueren Generation profitieren momentan nur zahlungskräftige Patienten aus Europa und Nordamerika. An geltende Standards beim Patentschutz wagen sich G7-Vertreter momentan nicht. Ob vom Gipfel ansonsten Impulse ausgehen werden, ist fraglich.

32 Wertungen (4.34 ø)

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10 Kommentare:

Als 82 jährige Internistin kenne ich viele Diagnosen.Leider werden alte Therapien nicht mehr berücksichtigt.Schmierseifenwickel bei Pleuritis,mit Essig versetzte Socken vor allem bei fiebernden Kindern und so weiter.Typ2 Diabetes gab es im 2. Weltkrieg nicht.Ein Teil der Menschheit ernährt sich falsch.Bei Mittelohrentzündung warmes Schmalz ins Ohr. Bei verschiedenen Allergien auf zur Nordsee,Helgoland ect.

#10 |
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Dr. rer. nat. habil. Willibald Schliemann
Dr. rer. nat. habil. Willibald Schliemann

…… lerne gerade den Heilpraktiker ….. Na, dann wird’s ja werden!

#9 |
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Gast
Gast

Die können Diskutieren was Sie wollen. Dass die das wenigstens über diese Themen tun ist zumindest ein Zeichen, dass diese Probleme in der Tat existieren. Aber wen interessiert das wirklich? Nur die die krank sind, oder, meist nicht mal die. Ich arbeite im Gesundheitswesen als Physiotherapeutin, lerne gerade den Heilpraktiker und versuche mein bestes um die Bevölkerung auf zu klären. Aber meine Erfahrung ist, wozu soll man sich anstrengen? Wozu auf die Ernährung achten oder auf Süßigkeiten verzichten. Wozu sich bewegen…es gibt doch Tabletten! Wir spielen das ganze dumme Spiel mit, Tag für Tag! Nur wenn wir Bürger endlich `aussteigen` aus dem System, selbst beginnen an uns zu arbeiten, so dass die Politiker unsere Wünsche auch ernst nehmen können, nur dann wird sich auch politisch was ändern.! Und die einzige Hilfe für Entwicklungsländer ist meiner Meinung nach ein Verhütungsmittel für die Frauen, damit nicht so viele Kinder geboren werden, somit schaffen die einzelnen Familien vielleicht sich auch um Ihre Kinder zu kümmern. Das ganze Geld herumschicken, das bringt gar nix. Im Gegenteil, die hocken sich noch mehr auf den Hosenboden und denken `wird schon wer helfen`…und wieder sage ich : Es muss das eigene Interesse eines jeden Einzelnen da sein und jeder Einzelne muss an sich arbeiten, dann kann man die Welt verändern….

#8 |
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Dr.Bayerl
Dr.Bayerl

Die Zunahme von Diabetes II auch in Entwicklungsländern ist in aller erster Linie Folge einer auch dort zunehmenden ÜBERERNÄHRUNG.
Indien hatte vor 50 Jahren mit ca. 400 Millionen Einwohner Hungersnot etc. und ist heute mit über eine Milliarde Lebensmittelexporteur!
Das mit den 70% ist daher kompletter Blödsinn! Wo bitte ist die Quelle für so eine abwegige Behauptung?
Das ändert nichts an der Notwendigkeit, effektive (Reserve-)Antibiotika für den Mensch in der Tierhaltung zu verbieten.
Ich sehe keine erkennbaren Ansätze, dass hier die Politik ernsthaft tätig wird.

#7 |
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Gast
Gast

Man kann es doch einfach vorschreiben, sozusagen alternativlos,
am besten mit Sondersteuern, das können die Politiker am besten.
Den Mensch natürlich, die Tiere bekommen natürlich weiter Antibiotika, wetten?

#6 |
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Studentin der Pharmazie

Diskussion über Diskussion! Wie oft war das schon Thema.. hoffe das es fruchtet!
Meist kommt nur ein Mittelweg dabei herum,der es auch nicht besser macht (oder geringfügig) ! Egal was….bisher war es nie die richtige Lösung! Der Mensch zerstört sich und seine Umwelt! Verordnungen werden daran auch nicht viel ändern. Es gibt immer Umwege, die die Zerstörung von ” Allem ” vorantreiben! In jeder Hinsicht…wie war das mit dem Weltuntergang ( 22.-28. september 2015) , den Seuchen…okay ich rede gerade Mist! Aber ich glaube nicht, dass ein zufriedenstellendes Ergebnis zu Tage kommt. Vielleicht ein weiterer Ansatz, der in den kommenden Jahren wieder zunichte gemacht wird! Traurig….es wird nicht besser, sondern schlimmer werden….wie schon in den letzten Jahren!
Ich könnte einen Roman schreiben, der würde ausarten! Ich weiß nur: die beste Lösung wird es auch dieses Mal nicht geben!

#5 |
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Heilpraktikerin Brigitte Deml
Heilpraktikerin Brigitte Deml

Bravo, Dr. Traub, seh ich genau so…..

#4 |
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Vgl. dazu meinen DocCheck®Blogbeitrag: von gestern, 7. JUN 2015 –
KRANKE GESUNDHEIT – GESUNDE KRANKHEIT? –
Wenn sich mit einem gigantischen finanziellen Aufwand Staats- und Regierungschefs der sieben führenden Industriestaaten (G7) im idyllischen bayrischen Schloss Elmau bei GAP inmitten intensiver Land-, Alm-, Vieh- bzw. G7-Protestwirtschaft treffen, um ausgerechnet gemeinsam mit Gastgeberin und “Gesundheitskanzlerin” Frau Dr. Angela Merkel über “Gesundheitsthemen” zu plaudern, wirkt das wie eine Stationsbesprechung in einer geschlossenen Abteilung bei “Einer flog über das Kuckucksnest”…mehr…
http://news.doccheck.com/de/blog/post/2591-kranke-gesundheit-gesunde-krankheit/

#3 |
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Dr. med. Michael Traub
Dr. med. Michael Traub

Elmaucillin: stark überteuert, fraglich wirksam, nebenwirkungsreich…
aber Politiker sind ja immun, die brauchen das nicht!

#2 |
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Gast
Gast

Russland fehlt leider, das größte Land

#1 |
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