Kontrazeptiva: Die dunkle Seite der Verhütung

12. Juni 2015
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Kontrazeptiva sind aus dem Arzneimittelschatz nicht mehr wegzudenken. Doch viele Präparate haben ihre Schwachstellen. Apotheker sollten Patientinnen stärker auf mögliche Risiken hinweisen. Und Politiker sind in der Pflicht, verhütungsbezogene finanzielle Hürden abzubauen.

Östrogen-Gestagen-Präparate erfreuen sich als hormonelle Kontrazeptiva großer Beliebtheit. Yana Vinogradova, Statistikerin aus Nottingham, warnt jetzt vor den Risiken neuerer Wirkstoffe. Zusammen mit Kollegen hat die Wissenschaftlerin im Gegensatz zu früheren Studien mit ähnlicher Thematik Zugriff auf eine riesige Zahl an Fällen erhalten. „QResearch“ und „Clinical Practice Research Datalink“ (CPRD) beziehen Informationen aus elektronischen Krankenakten britischer Patienten. Vinogradova fand mehr als 15.000 venöse Thromboembolien und wählte 10.562 Datensätze für ihre Arbeit aus. Demgegenüber stand die vierfache Zahl an Kontrollen. Das Ergebnis: statistisch signifikante Unterschiede bei alten und neuen Pharmaka zur oralen Kontrazeption. Nehmen 10.000 Frauen ein Jahr lang Desogestrel oder Cyproteronacetat ein, treten 14 zusätzliche venöse Thromboembolien auf. Bei Levonorgestrel und Norgestimat fanden Forscher nur sechs zusätzliche Ereignisse pro 10.000 Frauen. Julia Hippisley-Cox, eine der Co-Autorinnen, warnt Patientinnen jedoch, ihre Medikation eigenmächtig abzusetzen. Gleichzeitig stellt sie die veröffentlichten Zahlen in Relation zu anderen Risiken. So bekämen weitaus mehr Frauen während ihrer Schwangerschaft inklusive Postpartal-Phase eine Thrombose. Jetzt ist es an Ärzten und Apothekern, Risikopatientinnen zu identifizieren.

Gefährliche Gliome

David Gaist aus Odense stieß bei Untersuchungen auf weitere Risiken oraler Kontrazeptiva. Über das dänische Krebsregister fand er 317 Frauen im gebärfähigen Alter, die zwischen den Jahren 2000 und 2009 an einem Gliom erkrankt waren – ein extrem früher Zeitpunkt. Hinzu kamen 2.126 Frauen in der Kontrollgruppe. Dank elektronischer Rezepte hatte der Forscher Zugriff auf ärztliche Verordnungen. Rund 59 Prozent aller Gliompatientinnen nahmen Hormone zur Empfängnisverhütung ein. In der Vergleichsgruppe waren es 50 Prozent. Gaist spricht von einem erhöhten Gliomrisiko unter oralen Kontrazeptiva. Er berechnete eine adjustierte Odds Ratio von 1,5. Bei Präparaten ohne Östrogenkomponente lag der Wert bei 2,8. Alle Daten waren statistisch signifikant. Als Argument für die Kausalität führt David Gaist an, dass Gliome an Zelloberflächen verschiedene Hormonrezeptoren exprimieren. Er fand auch eine Dosis-Wirkungs-Beziehung. Mögliche Fehlerquellen lägen im Körpergewicht oder im Zeitpunkt der Menarche, heißt es weiter. Die Daten haben zwar keine generelle klinische Relevanz, liefern aber Impulse, um die Pathophysiologie von Gliomen besser zu verstehen.

Aus der Schutz

Weitaus wichtiger für den Apothekenalltag sind Interaktionen diverser Pharmaka mit Kontrazeptiva. Aufsichtsbehörden aus Großbritannien berichten vom Versagen Etonogestrel-haltiger Implantate, nachdem Frauen Johanniskrautöl eingenommen hatten. Etonogestrel-Implantate gelten mit einem Pearl-Index kleiner 0,1 als sehr sicher. Möglicherweise hat Hyperforin, einer der Hauptinhaltsstoffe des echten Johanniskrautöls, in der Leber die Bildung des Cytochrom-P450-Enzyms 3A4 induziert. Das wiederum führte zum beschleunigten Abbau des Etonogestrels. Grund genug für die Medicines and Healthcare Products Regulatory Agency (MHRA), Frauen mit hormoneller Kontrazeption von Johanniskrautöl abzuraten. Als besonders kritisch gelten nicht apothekenpflichtige Präparate ohne jegliche Beratung – in anderen EU-Ländern ein größeres Thema als hierzulande.

Pillen vom Staat

Bei diesen rein pharmazeutischen Betrachtungen bleibt ein Aspekt außen vor: Viele Frauen können sich – auch in Deutschland – orale Kontrazeptiva nicht leisten. „Finanzielle Probleme dürfen kein Grund dafür sein, auf sichere Verhütung zu verzichten“, hatte Manuela Schwesig (SPD) noch in ihrer Zeit als Sozialministerin Mecklenburg-Vorpommerns erklärt. In ihrer Heimat startete Ende 2013 ein Modellprojekt unter Beteiligung der regionalen Apothekerkammer. Die Idee: Frauen zwischen 20 und 35, die Arbeitslosengeld II oder Sozialhilfe beziehen, erhalten Verhütungsmittel über zwölf Monate kostenfrei. Tatsächlich hätten sich weniger Bürgerinnen gemeldet als ursprünglich erhofft. Beim letzten kleinen Parteitag in Bamberg sprachen sich Delegierte der CSU ebenfalls dafür aus, bedürftige Frauen bis 27 bei der Verhütung finanziell zu unterstützen. Wird ihr Konzept jetzt aufgehen? Es gibt durchaus andere Strategien wie im dänischen Halsnæs. Als Reaktion auf ungewöhnlich viele Schwangerschaftsabbrüche bei Frauen zwischen 16 und 25 Jahren bezahlt die Stadtverwaltung Kondome, orale Kontrazeptiva und die „Spirale“ – ohne Blick auf die soziale Situation. Das Projekt läuft seit rund einem Jahr und soll bald evaluiert werden. Vielleicht auch ein Denkanstoß für Deutschland.

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6 Kommentare:

DocCheck News Redaktion
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#6 |
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Gast
Gast

richtig, man sollte lieber mehr Geld in die Reproduktionsförderung stecken, das ist ganz entschieden gesünder.

#5 |
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Indra Gratzfeld
Indra Gratzfeld

Ich finde, weitaus wichtiger, als Gelder in irgendwelche Projekte zur flächendeckenden Versorgung mit Verhütungsmitteln zu pumpen, wäre zu allererst einmal umfassende Aufklärung. Wie viele junge (und auch ältere) Frauen wissen denn heutzutage nicht mehr über ihren Zyklus bescheid, wie lange zb Spermien leben und wie lange und wann eine Eizelle befruchtet werden kann?
Feminismus, und wie er (bzw der falsch verstandene) der Gesellschaft schadet, ist wieder ein anderes Thema.

#4 |
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Gast
Gast

dumme Frage, Kinder natürlich, nicht noch mehr Abtreibung.
Ihre pseudoheilige Antwort ist völlig daneben.
Feminismuss = Kinderfeindlichkeit vom Feinsten!
Wichtig wäre natürlich für die arbeitenden Eltern zumindest die grundgesetzwidrige steuerliche Benachteiligung zu beseitigen,
vom Bundesverfassungsgericht seit 1998 gefordert.
Es geht NICHT um die “Armen” die noch mit Kindern Geld verdienen.
Und ich hoffe ja nicht, dass Sie den total unmoralische Kita-Streik noch verteidigen wollen.

#3 |
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Gast
Gast

@Gast #1
Wären Ihnen Abtreibungen lieber? Oder sind sie der Meinung, in diesem unseren von Krisen geschüttelte Land sollte man Kinder aufzwingen, möglichst besonders denen, die sie sich gar nicht leisten können?

Die Kinderfeindlichkeit dieses Landes ist eine Sache (übrigens genauso wie die Missachtung der Menschen, die Kinder bis zur Erwerbsfähigkeit betreuen und pflegen!).

Aber JEDES Kind sollte ein Recht darauf haben, wenigstens von den Eltern ERWÜNSCHT und GELIEBT zu sein
– nicht nur von denen, die um Renten und Pensionen fürchten!

Wie auch immer – mir jedenfalls ist die Nicht-Zeugung lieber als Abtreibungen.

#2 |
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Gast
Gast

nun ja bei uns in Deutschland gibt es halt immer noch viel zu viel Kinder, Weltrekord hieß es doch vor kurzem,
dem muss mit Staatshilfe nachgeholfen werden,
.. wollten Sie doch sagen, Herr Michael van den Heuvel

#1 |
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