Mnemotechniken: Nichts als Bilder im Kopf

3. Juni 2015
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Jeder Medizinstudent muss da durch. Ob Knochen und Nervenverläufe in Anatomie, Bakterien und Viren in Mikrobiologie oder Medikamente in Pharmakologie. Da ist Pauken angesagt. Mnemotechniken zeigen, dass es nicht immer stures Auswendiglernen sein muss.

Schon die Römer und alten Griechen bedienten sich der Mnemotechniken. Deren vermeintlichem Erfinder Simonides von Keos (557 bis 467 vor Christus) schien recht schnell klar, dass unser Gedächtnis etwas mit Ordnung zu tun hat. Simonides dachte an einen Raum mit markanten Ecken und Vorsprüngen und platzierte dort im Geiste eine Reihe von Gegenständen. Wollte er sich an diese Dinge erinnern, ging er in Gedanken durch den Raum und rief sich an jedem markanten Punkt den entsprechenden Gegenstand ins Gedächtnis.

Detailwissen statt Stammeln

Auch im Medizinstudium erleichtern Mnemotechniken den Studenten das Lernen. Erst kürzlich erregte der amerikanische Medizinstudent Mike Natter Aufsehen mit einer speziellen Art, sich medizinische Themen zu merken. Er lernt mithilfe selbst gezeichneter Bilder. Diese sind ebenso amüsant wie anatomisch akkurat, dass die Internetwelt begeistert ist. Auch der deutsche Tiermedizinstudent Andreas Klostermann hat sich im Laufe seines Studiums mit der Mnemo-Gedächtnistechnik anatomische Begriffe und andere Studieninhalte gemerkt. „[…] Früher war es für mich unmöglich, Erinnerungsquoten von 95 % oder mehr zu erreichen; mittlerweile habe ich diesen Effekt in Prüfungen regelmäßig, wenn auch nicht immer. Für mich war das ein enormer Erfolg, da ich mich früher eher durch Prüfungen gestottert habe und meine hochintelligenten Mitstudenten um ihr Detailwissen beneidete.“

Andreas hat eine eigene Internetseite entworfen, um anderen Studenten die Mnemotechniken zu erklären und ihnen das Auswendiglernen zu erleichtern. So werden die Schlüsselwort-Technik für das Umsetzen von Vokabeln, Fachtermini oder abstrakten Stichpunkten in Bilder, die Story-Technik zum Aneinanderreihen von Bildern, die Loci-Technik zum schnellen Auswendiglernen von Stichpunktlisten und die Major-Technik zum Zahlenlernen genauestens und anhand von medizinischen Begriffen erläutert.

Mnemotechnik im Studium

Auch Paul von Poellnitz hat sich im Laufe seines Medizinstudiums in Freiburg intensiv mit den Mnemotechniken auseinandergesetzt. Als fertiger Arzt und Projektkoordinator im Studiendekanat der medizinischen Fakultät Freiburg gründete er die Seite noahmed.de, auf der Medizinstudenten fertige Vorlagen für Merkbilder samt Information finden können. Der Experte für Mnemotechniken erklärt, wie Medizinstudenten von ihnen profitieren können.

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© Paul von Poellnitz

DocCheck: Herr von Poellnitz, wie sind Sie auf die Idee gekommen, eine Seite über Mnemotechniken zu entwerfen?

Paul von Poellnitz: Im neunten Semester bin ich erstmalig über ein „Merkbild“ gestolpert. Auf der Suche nach einem Bild zur Bilharziose fand ich ein Merkbild, das die Familie dieser Parasiten, die Trematoden, durch einen Jungen darstellte, der sagte: „I need to trim toes“ = Trematoden. Das blieb sofort hängen. Danach habe ich weiter nach Merkbildern gesucht und angefangen, einzelne eigene Merkbilder zu zeichnen. Während meines schriftlichen Staatsexamens im Herbst 2013 habe ich immer mehr eigene Merkbilder produziert und den Entschluss gefasst, nach Abschluss die von mir kreierten Merkbilder auf einer Webseite zur Verfügung zu stellen. Das Konzept? Die Internetseite soll nach und nach die Inhalte abdecken, bei denen die Technik Merkbild von Vorteil ist. Also bei sehr abstrakten, weniger logischen Inhalten, für die es zumal beim ersten Lernen nur wenig Anknüpfungspunkte im Wissensnetz gibt.

DocCheck: Inwiefern haben Sie im Medizinstudium schon von Mnemotechniken profitiert?

Paul von Poellnitz: Ich habe Medizin in Freiburg studiert und im Herbst 2013 das Staatsexamen alter Ordnung absolviert. Seit dem siebten Semester habe ich mich mehr mit Mnemotechniken beschäftigt, seit dem neunten dann ausführlicher mit meinen Favoriten, den Merkbildern, die bei mir länger haften bleiben als reine Merksprüche oder Akronyme. Ich habe in Prüfungen dabei sehr von dieser Technik profitiert, da ich mir medizinische Inhalte leichter und länger merken und auch wiedergeben konnte.

DocCheck: Wie funktionieren die Mnemotechniken genau?

Paul von Poellnitz: Merkbilder gibt es schon sehr lange. […] In Deutschland scheint mir diese Technik noch wenig verbreitet. Im Grunde ist ja jedes Bild, dass uns an etwas erinnert, ein Merkbild. Merkbilder, so wie ich sie verstehe, setzen sich jedoch zusammen aus diversen Symbolen, einer eigenen Erzählung im Bild und/oder einer dem Bild innewohnenden Logik; und all die grafischen Elemente unterstützen den Erinnerungsprozess. Merkbilder, zumal in der Medizin, funktionieren so: Erstens: unbekannte Fakten werden an bekannte Gedanken, Erinnerungen, Symbole in unserem Wissensnetz angeknüpft. Das Antibiotikum Rifampicin kann ich mir einfacher merken, wenn ich an das Korallen-Riff denke. Zweitens hat es auch etwas mit dem Verorten von Symbolen zu tun: Unser Gedächtnis arbeitet viel mit räumlichen Anordnungen. Hierauf baut auch die sogenannte Loci-Technik auf. Viele von uns Studenten wissen ja noch, was wo auf einer Seite stand. Was da aber stand, wissen wir meist nicht mehr. Im Merkbild weiß ich, dass im Bild dieses oder jenes Symbol dargestellt war. Und das Symbol erinnert mich wieder an die Bedeutung. Konkret: links vom Riff war doch noch die Likör-Flasche – und die steht für die Liquorgängigkeit von Rifampicin. Drittens: So etwas wie die Logik des Bildes selbst: zu einem Riff gehören Korallen. Die sind hier im Bild rot und blau. Das seht für die Wirksamkeit von Rifampicin im gramnegativen und –positiven Bereich.

DocCheck: Können sich Medizinstudenten mit Mnemotechniken wirklich besser den Lernstoff merken?

Paul von Poellnitz: Die Wirksamkeit der Mnemotechniken ist selbstevident. Forschung in diese Richtung gibt es viel – so auch die bessere Abrufbarkeit von Wissen in dem Kontext, wie es gelernt wurde […]. Mnemotechniken nutzen unser gesamtes Wissensnetz: wir versuchen nicht nur einfach, Informationen pur aufzunehmen – da ist der Kurzzeitspeicher auf im Schnitt sieben Informationen limitiert („chunking“). Gedächtnisweltmeister nutzen beispielsweise auch Symbole oder Geschichten, um sich abnorm lange Zahlen zu merken. Zu den Merkbilder-Mnemotechniken gibt es […] eine Studie, die eine deutliche Zunahme der Merkleistung von Medizinstudenten, gerade mit mehr Abstand zum Gelernten ergab.

DocCheck: Welchen Vorteil haben die Mnemotechniken gegenüber konventionellen Lernmethoden?

Paul von Poellnitz: Meiner Erfahrung nach bringen Merkbilder mehr Spaß ins Lernen – beim Anschauen wie auch selber ausdenken. Aber noch wichtiger: Sie verbessern die Abrufbarkeit einer Fülle an Informationen zu einem sonst sehr abstrakten Thema. Und das Abrufen geht meist auch noch schneller. Beispielsweise, wenn man sich die Sphärozytose merken muss, wo die Erythrozyten wegen verschiedener Gendefekte eine Kugelform annehmen. Darstellen kann man die Sphärozytose im Merkbild zum Beispiel als eine die Erde umgebende blaue Sphäre. Die Sphäre wird durch einen Anker, ein Stück Speck sowie zwei lange Bänder durchbrochen. Hiermit merke ich mir die zugrundeliegenden Gendefekte: den Ankyrin– (Anker!), den Spektrin– (Speck!) sowie den Band-3- (3er Bande!) beziehungsweise Band-4.2-Defekt. Diese Fakten bleiben bei konventionellen Methoden sicherlich nicht lange hängen. Sie sind viel zu abstrakt, unkonkret und überhaupt nicht kontext-gebunden. Der Kontext wird erst durch das Merkbild und seine eigene Logik bereitgestellt.

DocCheck: Welchen Nachteil haben sie?

Paul von Poellnitz: Ganz klar die Zeit. Ich muss den zu lernenden Inhalt erst mal in die Merkbildsprache kodieren, also Symbole für die Fakten finden. Darin wird man übrigens auch schnell besser. Das Kodieren ist aber ein Prozessieren der Informationen – was allein schon ein Lernfortschritt ist. Genauso, wie wenn ich jemandem etwas erkläre oder mir beim Lesen der Vorlesung Notizen oder Mind-Maps mache. Doch dafür merke ich mir die Dinge im Anschluss besser und habe vermutlich auch noch mehr Spaß an der Sache. Ich kann an sehr trockene Stoffe herantreten und mir überlegen: wie könnte ich das als Merkbild darstellen? So werden die Sphingolipidosen plötzlich zur Sphinx – mit vergrößerter Milz.

DocCheck: Welcher Lerntyp profitiert am meisten vom Lernen mit Mnemotechniken?

Paul von Poellnitz: Von Merkbildern profitieren natürlich primär visuelle Typen. Das sind geschätzt ca. 60 % der Lernenden. Die 30 % eher auditiven Typen haben dann vielleicht eher etwas von Merkbildern im Videoformat. Von Mnemotechniken selbst profitiert aber sicherlich jeder. Allein die Auseinandersetzung mit dem Wissen auf unterschiedliche Art und Weise (Modalitäts- bzw. Variablititäts-Effekt) hilft ja schon.

DocCheck: Welche medizinischen Fächer sind am besten für das Lernen mit Mnemotechniken geeignet?

Paul von Poellnitz: Die seltenen und abstrakten Fächer oder Inhalte. Lernen am Krankenbett ist ja noch mit am effektivsten, wegen der hohen, emotionalen Aktivierung. Solche Dinge vergisst man ja zuletzt. Inhalte, denen wir aber selten bis nie begegnen, die zudem noch auf keine Weise in unserem Wissensnetz angelegt sind und sich guten, logischen Verknüpfungen entziehen – da braucht es andere Anknüpfpunkte. Und die liefern eben Eselsbrücken, wie die Merkbilder. Also: Humangenetik, Pharmakologie, Stoffwechselerkrankungen, die ganzen seltenen infektiologischen Erkrankungen.

DocCheck: Hat man denn dann später als Arzt nur noch Merkbilder im Kopf?

Paul von Poellnitz: Solange man die Inhalte nicht auf andere Art in seinem Wissensnetz verankert hat – hoffentlich ja! Wenn man dann später mit wichtigen Medikamenten oder Erkrankungen Kontakt hat, ersetzen diese Erfahrungen die Merkbilder. Für festes, also im Langzeitgedächtnis verankertes Wissen, brauchen wir in der Regel keine Eselsbrücken mehr. So wissen wir ja auch intuitiv, wo rechts und links ist. Für Beginner sind Eselsbrücken und gerade Merkbilder aber ein super Weg, um schnell Informationen in großer Fülle abzurufen.

DocCheck: Wie ist die Resonanz von Studenten, die Mnemotechniken nutzen? Und wie bekannt ist die Mnemotechnik unter Medizinstudenten?

Paul von Poellnitz: Die Technik „Merkbild“ scheint mir noch sehr unbekannt unter den Medizinstudenten. Die Resonanz bewegt sich zwischen begeistert und befremdet. Viele können sich sicherlich auf Anhieb nicht vorstellen, dass die etwas „comic“-haften Merkbilder wirklich helfen sollen, das doch so ernste medizinische Wissen besser zu behalten. Andere Kommilitonen wiederum haben aufs aktuelle Examen auch erstmals selber Merkbilder gezeichnet. Von ihnen habe ich sehr positive Rückmeldungen erhalten.

DocCheck: Sollte man sich dann nicht auch besser seine eigenen Merkbilder zusammenbauen, für jeden ist ja etwas anderes relevant/merkbar?

Paul von Poellnitz: Definitiv! Die Merkbilder auf meiner Seite beispielsweise arbeiten mit recht gängigen Symbolen zur Abstraktion der Inhalte. […] Ich greife aber auch viel auf das Englische zurück, was nicht für jeden sofort zugänglich ist. Man muss sich teils erst an die „Sprache“ und meine Gedankengänge gewöhnen. Bei eigenen Merkbildern kann jeder die Symbole selbst wählen, die für ihn eine stärkere Merkleistung erbringen. Aber: nicht jedem ist der Aufwand willkommen.

Aufwendige Eselsbrücken

Ein paar kostenlose medizinische Beispielmerkbilder gibt es auf der Homepage von Paul. Wer sich das Geld für den Rest jedoch lieber spart, kann sich auch seine eigenen Merkhilfen ausdenken. Dazu gibt es neben Andreas Klostermanns Seite auch zahlreiche andere kostenfreie Seiten und Videos im Netz. Mnemotechniken sind noch nicht sehr bekannt, das dürfte sich in Zukunft vielleicht ändern. Denn nicht nur Medizinstudenten müssen sich viel merken. Sie helfen uns, im Alter geistig fit zu bleiben und spielen auch bei der Prävention von Demenz eine Rolle.

Doch auch die Mnemotechniken müssen sich berechtigter Kritik stellen. Denn der ursprünglichen Begeisterung, die sie versprühen, folgt meist die Erkenntnis der eigenen Unfähigkeit, selbst derartige „Eselsbrücken“ zu generieren. Mnemotechniken sind eine Fähigkeit, die man mühsam erlernen muss. Man braucht ca. 25-30 Stunden netto Lernzeit, bis unser Gehirn weiß, was es tun soll. Es muss passende, merkfähige Bilder erzeugen und das möglichst schnell und einprägsam.

17 Wertungen (4.94 ø)

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1 Kommentar:

Vegas
Vegas

25-30 Lernstunden sind in Ordnung für eine nützliche Fähigkeit, die man ein Leben lang hat. ;-)

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