Drogensucht im Alter: Opium haut Opi um

29. Mai 2015
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Substanzen mit Abhängigkeitspotenzial sind längst in Deutschlands Heimen angekommen. Etwa 14 Prozent aller zu pflegenden Personen haben Alkohol- oder Medikamentenprobleme. Arbeiten Health Professionals eng zusammen, gibt es Wege aus dem Teufelskreislauf.

Aktuelle Zahlen der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS): Im letzten Jahr starben bundesweit 1.032 Menschen durch Betäubungsmittel. Hinzu kamen 74.000 Opfer durch Alkohol oder durch den kombinierten Konsum von Alkohol und Tabak. „Weltweit ist Alkohol inzwischen die fünfthäufigste Ursache für Tod und Behinderungen: Übermäßiger Alkoholkonsum tötet mehr Menschen als HIV/Aids, Gewalt und Tuberkulose zusammengenommen“, so ein WHO-Sprecher bei der Vorstellung des neuen Gesundheitsberichts. Experten am Bundesministerium für Gesundheit (BMG) rechnen im Rahmen verschiedener Modellprojekte mit bis zu 400.000 älteren Alkoholabhängigen. Nicht immer fallen Betroffene auf. Senioren leben häufig allein, ohne soziale Kontakte. Sie selbst und ihr Umfeld deuten körperliche und seelische Symptome der Abhängigkeit als vermeintliche Folgen des Alterns. Grund genug für das BMG, Fachkräfte in der Pflege stärker zu sensibilisieren. Ein Fazit: Alkoholbezogene Interventionen sind in der ambulanten oder stationären Pflege durchaus möglich, falls alle Beteiligten an einem Strang ziehen.

Rohypnol im Rollator

Ethanol ist nur ein Thema – nicht selten greifen ältere Menschen zu Medikamenten. Häufigkeit, Dauer oder Indikation entsprechen nicht der Zulassung. Schätzungsweise vier bis fünf Prozent aller Pharmaka besitzen in diesem Kontext nennenswerte Suchtpotenziale. Ärzte verschreiben zwar weniger Benzodiazepine. Im gleichen Atemzug steigt die Menge abgegebener „Z-Substanzen“ (Zolpidem, Zopiclon, Zaleplon) rapide an. „Doch das Nutzen-Schaden-Potenzial von Z-Drugs ist insgesamt nicht besser als das der Benzodiazepine“, kritisieren DHS-Experten in einer Stellungnahme. Hypnotika wiederum landen eher auf Privat- als auf Kassenrezepten. Bei Tranquilizer-Verordnungen rechnet die DHS mit mehr als 50 Prozent an Privatverordnungen. Damit wird es schwierig, genaue Zahlen anzugeben. Schätzungsweise 1,5 bis 1,9 Millionen Menschen sind von unterschiedlichen Pharmaka abhängig – meist Senioren.

Verschiedenen Suchtsurveys zufolge nehmen 0,5 Prozent aller Menschen über 60 Schlafmittel missbräuchlich ein, und 0,2 Prozent sind abhängig. Missbrauch (0,6 Prozent) und Abhängigkeit (0,8 Prozent) sind bei Beruhigungsmitteln häufiger zu finden. Daraus resultieren Symptome wie Gangunsicherheiten, Stürze, Schwindel, Ängste, Depressionen oder Stimmungsschwankungen bis hin zur Aggressivität. Bleibt als Lösung für Pflegekräfte, Beobachtungen im Team zu diskutieren und Ärzte beziehungsweise Apotheker zu kontaktieren. Patienten profitieren von einem umfassenden Medikationsmanagement. Speziell bei sedierenden Pharmaka macht die „4K-Regel“ Sinn: klare Indikation, korrekte Dosierung, kurze Anwendung und kein abruptes Absetzen. Das Thema betrifft primär Ärzte. Sehen Apotheker eklatante Verstöße, etwa bei Stammkunden, sollten sie pharmazeutische Bedenken geltend machen und vor der Abgabe Rücksprache mit Praxen halten.

Taten statt Tüten

Die nächste Problematik: Wie Daten aus Behandlungseinrichtungen zeigen, diagnostizieren Ärzte immer häufiger bei älteren Menschen „psychische und Verhaltensstörungen durch Opioide“ (ICD-10-GM: F11). Jenseits des 60. Lebensjahres konsumieren 0,1 Prozent aller Menschen Cannabis, und weitere 0,2 Prozent andere illegale Drogen. Ihre Lebenserwartung steigt – nicht zuletzt dank pharmazeutischer und medizinischer Fortschritte. Was tun? Apotheker und Ärzte hatten wiederholt kritisiert, sich bei Drogenersatztherapien im rechtlichen Graubereich zu bewegen. Manche Vorschriften wurden seit 20 Jahren nicht geändert worden.

Unter dem Motto „Warum das Betäubungsmittelgesetz (BtMG) aus suchtmedizinischer Sicht auf den Prüfstand gehört” meldet sich auch die Deutsche Gesellschaft für Suchtmedizin (DGS) zu Wort. Ein Aspekt, der besonders für ältere Patienten relevant ist: „Das Abstinenzdogma ist gefallen“, schreiben Suchtmediziner. „In dieser Zielhierarchie steht die stabile Abstinenz heute nach der Sicherung des möglichst gesunden Überlebens, der Reduzierung des Konsums und der Verlängerung abstinenter Perioden nicht mehr an erster Stelle.“ Jetzt sind Regierungsvertreter in Berlin aufgewacht. Ein neues Eckpunktepapier des Bundesgesundheitsministeriums zeigt, wohin die Reise geht. Künftig soll Pflegepersonal in Heimen Substanzen zur Substitutionstherapie verabreichen dürfen. Hermann Gröhes Haus plant außerdem, stationäre Reha-Einrichtungen und Gesundheitsämter mit der Therapie zu beauftragen. Patienten selbst sollen, falls ihre Behandlung schon erfolgreich fortgeschritten ist, den Bedarf für bis zu 30 Tage zur selbstständigen Einnahme erhalten. Momentan sind sieben Tage das Höchste der Gefühle. Warten wir auf den Paradigmenwechsel.

19 Wertungen (4.21 ø)

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8 Kommentare:

Gast
Gast

hallo @Lucky Unchanged, hattest du einen Unfall?
Schmerzen haben doch eine Ursache.
pardon, musst selbstverständlich nicht antworten,
ist nur reine Neugier, so mit 48 ohne Heilung?

#8 |
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Lucky Unchanged
Lucky Unchanged

Ich wurde mit 48 Jahren Schmerzpatient und aufgrund eurer Suchtproblematik bekam ich lange keine Opiate. Die meisten von euch werden solche Schmerzen im Alter bekommen, daß ihr gar nicht wisst, was los ist und dass ihr Schmerzen habt.
Und darüber diskutiert ihr als absolute medizinische Laien. Ob man solchen Patienten Schmerzmittel geben soll. Ich habe einen Vorrat legaler Designer-Opiate angelegt und ihr könnt ruhig überlegen, ob ihr mir Opiate gebt.
Viel Spaß und Glück im Alter und auf dem Sterbebett von Lucky Unchanged.

#7 |
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Gast
Gast

Das Drogeproblem nimmt tendenziell eindeutig zu:
http://www.aerztezeitung.de/politik_gesellschaft/gesundheitspolitik_international/article/887505/eu-drogenmarkt-macht-sorgen.html?sh=1&h=1788003471

“In Deutschland wuchs 2014 allein die Zahl der von den Designerdrogen verursachten Todesfälle im Vergleich zu 2013 von 5 auf 25.
… Laut dem Bericht der Drogenbeauftragten der Bundesregierung, Marlene Mortler, ist Cannabis der Hauptgrund für junge Menschen in Deutschland, eine Suchtberatung oder -behandlung zu nutzen.

Götz warnt diejenigen, die dennoch das Gefahrenpotenzial der im Nachtleben von Berlin und Hamburg, Zürich und Madrid inzwischen fest etablierten Modedrogen herunterspielen: “Das kann sehr, sehr schnell eine größeren Umfang erreichen, aus 10 Toten können schnell 1000 werden.”

#6 |
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Ärztin
Ärztin

Man hat tatsächlich den Eindruck, dass “Substitutionsärzte” ihr Geschäft ausweiten möchten.
Das sollten Sie doch nicht unterstützen, lieber Herr Michael van den Heuvel.
Sie müssen doch eher an die Gesundheit der Patienten denken!!!

#5 |
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Ärztin
Ärztin

selbstverständlich muss die Abstinenz als Ziel IMMER an erster Stelle stehen!

#4 |
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Dr.Bayerl
Dr.Bayerl

bitte auch nicht illegale Drogen mit der klassischen “Gesellschaftsdrogen” Alkohol und Nikotin in einen Topf werfen!
Dass Alkohol gerade im Alter eine große Rolle spielt, kann man schon bei Wilhelm Busch nachlesen.

#3 |
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Dr.Bayerl
Dr.Bayerl

Wer als Arzt laut sagt: “das Abstinenzdogma ist gefallen”,
ist eher selbst ein Fixer.
Zudem ist das Wort Dogma per se negativ belegt,
das Gegenteil sollte Ziel jedes Arztes sein.

#2 |
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Studentin der Pharmazie

Top Artikel! Und: jetzt habe ich einen ” Insterburg & Co- Ohrwurm” ! :-D

#1 |
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