Prostata-OP: Muskel schließ dich

2. Dezember 2011
Teilen

Inkontinenz ist eines der Probleme, das nach der Entfernung von Prostatakarzinomen auftreten kann. Urologen haben nun eine Operationstechnik entwickelt, mit der die Funktionsfähigkeit des Harnröhren-Schließmuskels besser erhalten wird.

Wird bei Männern ein lokal begrenztes Prostatakarzinom entdeckt, plädieren die meisten Mediziner für eine operative Entfernung des walnussgroßen Organs. Eine vollständige Heilung ist dadurch fast immer möglich – fünf Jahre nach der chirurgischen Behandlung leben noch 80 bis 95 Prozent der Patienten ohne weiteren Tumornachweis. Trotz immer schonenderen Operationstechniken können dennoch Nerven oder der Harnröhren-Schließmuskel beschädigt werden. Eine mangelnde Erektionsfähigkeit oder Probleme beim Urinieren sind dann die Folge.

Urologen der Hamburger Martini-Klinik am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf haben nun eine Operationsmethode entwickelt, mit deren Hilfe es gelingt, die Funktion des Schließmuskels besser zu erhalten. Wie die Mediziner um Professor Hartwig Huland und Professor Markus Graefen in der Fachzeitschrift European Urology mitteilen, litten Patienten, die mit der neuen Technik behandelt wurden, unmittelbar nach der Operation deutlich seltener an Inkontinenz als konventionell operierte Patienten.

Exakte Berücksichtigung der Prostata-Anatomie

“Wir haben unsere Operationstechnik sehr genau der Anatomie der Prostata angepasst”, sagt Graefen, Leitender Arzt in der Martini-Klinik. Erst seit einigen Jahren ist bekannt, dass die Prostata nicht nur einen großen Teil der Harnröhre umschließt, sondern sich fast immer auch über Teile des Schließmuskels schiebt. Die Unkenntnis der genauen anatomischen Verhältnisse in der Prostata führte dazu, dass bei der Entfernung des Organs auch ein Stück des Schließmuskels abgetrennt wurde. Bei der neuen Methode wird die Harnröhre so präpariert, dass der Muskel vollständig erhalten bleibt. “Jeder Millimeter, den wir vom Schließmuskel erhalten, kann zu einer Verbesserung der Kontinenzfähigkeit führen”, sagt Graefen.

In der aktuellen Studie operierten er und zwei Kollegen über einen Zeitraum von einem Jahr insgesamt 691 Männer im Alter von 42 bis 77 Jahren, die an einem Prostatakarzinom erkrankt waren. Zuerst entfernten die Hamburger Urologen die Prostata bei 285 Patienten mit Hilfe der traditionellen Operationstechnik und anschließend bei 406 Patienten mit der neuen Methode. Nach der Operation wurden die Studienteilnehmer in regelmäßigen Abständen nach ihrem Befinden befragt. Es zeigte sich, dass eine Woche nach Entfernung des Katheters 50,1 Prozent der mit der neuen Technik behandelten Patienten wieder kontinent waren – im Vergleich zu 30,1 Prozent der Patienten aus der Kontrollgruppe. In den darauffolgenden Monaten glichen sich die Kontinenzraten in beiden Gruppen immer mehr an: Nach einem Jahr betrug diese in der Gruppe mit der neu entwickelten Technik 96,9 Prozent und in der Kontrollgruppe 94,7 Prozent.

Patienten fürchten Inkontinenz

Mittlerweile hat sich die vollständige Erhaltung des Harnröhren-Schließmuskels bei allen Operateuren der Martini-Klinik als Standard bei Prostataektomien etabliert. “Denn für Patienten, deren Prostata entfernt wurde, ist es das Schreckgespenst schlechthin, wenn sie nach Entfernung des Katheters den Harnfluss nicht mehr richtig kontrollieren können”, berichtet Graefen. “Deshalb ist es uns wichtig, so zu operieren, dass Patienten möglichst früh ihre Kontinenz wiedererlangen.”

Das Interesse, die neu entwickelte Operationstechnik zu übernehmen, ist auch bei Urologen anderer Kliniken groß. Allerdings, betont Graefen, sei es dafür notwendig, dass man noch während des Eingriffs eine Probe vom Absetzungsrand zwischen Prostata und Schließmuskel nehme, um diese auf Krebszellen zu untersuchen. Graefen: “Auch wenn es extrem selten ist, dass in dieser Region der Tumor überhaupt auftritt, wird mit einer solch raschen Diagnostik sichergestellt, dass die bessere Frühkontinenzrate nicht auf Kosten der Tumorfreiheit geht.” Die neue Technik, so der Mediziner, lasse sich bei allen operativen Zugangswegen einsetzen – nicht nur beim offenen Eingriff, wie ihn die Hamburger Urologen bevorzugen, sondern auch bei der laparoskopischen Operation, bei der über einen kleinen Schnitt in der Bauchdecke ein Spezialendoskop eingeführt und via Monitor die Prostata entfernt wird.

Viel Erfahrung notwendig

Auch anderer Experten beurteilen die neue Technik positiv: “Sie ist eine logische Weiterentwicklung der anatomiegerechten Entfernung der Prostata”, findet Privatdozent Stefan Conrad, der Leiter des Prostatazentrums am Diakoniekrankenhaus Friederikenstift in Hannover ist. Seiner Ansicht nach ließen sich mit der Technik der Hamburger Mediziner tatsächlich bessere Frühkontinenzraten erzielen, aber ein Operateur brauche viel Erfahrung und Liebe fürs Detail, um sie präzise umzusetzen. Sonst, so Conrad, sei die Wahrscheinlichkeit groß, dass durch Blutungen Sichtverhältnisse resultierten, die es unmöglich machen würden, den Schließmuskel so exakt wie gewünscht und gleichzeitig onkologisch sicher aus der Prostata herauszupräparieren.

137 Wertungen (4.47 ø)

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

10 Kommentare:

Franz Wagner
Franz Wagner

Notwendig: sorgfältige Indikationsstellung PLUS gute OP-Technik PLUS gute Reha/Anschlussheilbehandlung (Kontinenztrainung/Rekonvaleszenz/Krankheitsverarbeitung)

#10 |
  0

“nach der chirurgischen Behandlung leben noch 80 bis 95 Prozent der Patienten”
Was ist das für eine Aussage? 15 Prozent Streuung / statistisches Rauschen ???
Die Statistk ist eine “Hure”. Bismarck’s Ausspruch soll gewesen sein: Ich glaube nur DER Statistik, die ich selbst gefälscht habe. Ich habe das aber nicht überprüft.
Fakt ist allerdings, daß die radikale Prostatektomie in Einzelfällen eine gute Option sein kann, im statistischen Querschnitt (s.a. METZ, Univ. of Pennsylvania – und DAS habe ich nachgeprüft) aber gegenüber der Strahlentherapie und insbesondere der externenen conformalen Protonenbestrahlung mit einem SYNCHROTRON weit unterlegene ist – sowohl hinsichtlich der Heilung, als auch hinsichtlich der Lebensqualität (u.a. Inkontinenz und Impotenz). Siehe auch http://www.protons.com.
Leider ist die Protonentherapie in Deutschland/Europa noch immer für die Prostatakarzinom-Patienten praktisch kaum/nicht verfügbar. Außnahme für Einzelfälle das RPTC und neuerdings das DKFZ Heidelberg. Die gesetzlichen Krankenkassen weigern sich, die Kosten zu erstatten – die Privaten zunehmend leider auch.
So bleibt den armen Patienten leider angesichts der vielen Neuerkrankungen jährlich kaum eine realistische Alternative zur Operation. Auch die wegen der höheren Heilungsrate und der langfristig geringeren Einschränkungen der Lebensqualität zu empfehlende IMRT-Behandlung, die an etlichen Orten in Deutschland verfügbatr ist, wird zu wenig von den Kollegen der “schneidenden Zunft” den Patienten als ergebnisorientierte Therapie-Alternative empfohlen. Ja, nicht einmal erwähnt – wie ich aus meiner Arbeit in Prostatakrebs-Selbsthilfegruppen weiß! Keine gute Nachricht.

MEIN höchster PSA VOR meiner Protonentherapie war 436,0 ng/ml. Seit 9 Jahren schwankt er stabil um etwa 0,1 ng/ml – inzwischen mehr als 10 (!) Jahre nach Protonen-Therapie. Und das bei recht guter diesbezüglicher urogenitaler Lebensqualität für einen 70-jährigen Mann!

Angesichts der Fehlentwicklungen im deutschen Gesundheitswesen ist es allen Kollegen sehr zu danken, die sich unter Einsatz von VIEL Freizeit und persönlichem Engagement uneigennützig forschend und experimentierend aufopfern, für die Patienten weniger beanspruchende Operationsverfahren mit möglichst guten Heilerfolgen zu erzielen!
Leider wird auch dies gesellschaftlich (und materiell) wenig anerkannt. Dank also an die Autoren und insbesondere an jeden Arzt und seine nichtärztlichen Kollegen, die sich für das Wohl der Patienten engagieren – nicht nur in diesem Falle.

#9 |
  0
Dr. Cornelia Weigel
Dr. Cornelia Weigel

Danke für den Artikel. Aber das Gespensterbild finde ich absolut “daneben” – angesichts der Brisanz dieses Themas und der Verzweiflung der betroffenen Patienten. Sorry.

#8 |
  0
Dr. med. Ulrich Holtz
Dr. med. Ulrich Holtz

Die Angleichung der Kontinenzraten im ersten Jahr findet man schon lange beim Vergleich gleichermaßen hoch qualifizierter endoskopischer und offener Techniken. Problematisch bleibt aber das zuverlässige präoperative Staging, das für die Wahl eines mehr oder weniger aggressiven Verfahrens Ausschlag gebend ist.

#7 |
  0
Akos-Sigmund Bihari
Akos-Sigmund Bihari

Traurige Statistik
Facit: Op Indikation besser überlegen
ASB.
KÖLN

#6 |
  0
Hagen Pabsch
Hagen Pabsch

das Angst Thema nummer 1 gleich nach dem aufwachen. ein guter schritt und ein schock für die inkontinenz Industrie

#5 |
  0

Sehr gut hoffe diese Op Technik verbreitet sich schnell . Hauptproblem ist bei vielen eben die Inkontinenz.Medikamente und Gymnastik helfen meist frustrierend wenig,
Dr. R. Gegner Facharzt für Allgemeinmedizin

#4 |
  1
Dr. med. Fritz Roller
Dr. med. Fritz Roller

Klingt gut langzeitergebnisse müssen aber abgewartet werden.Standardisiertes operatives Procedere
Wird sich wohl mit zunehmender Erfahrung etablieren.

#3 |
  0

Das hoert sich gut an.-Viele Patienten haben neben der Angst vor erektiler Dyfunktion die meiste Sorge, postop inkontinent zu bleiben. Das ist die groesste gesellschaftliche und individuelle Plage. Warten wir aber die Ergebnisse einer groesseren Studie ab.

#2 |
  0

Ist ja wieder ein Hoffnungsschimmer,um das Problem der Harninkontinen post Op zu reduzieren.

#1 |
  0


Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: