Rotwein, Altern und ein transatlantischer Streit

5. Dezember 2011
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Weil das Glas Wein nur sehr begrenzt gegen frühzeitiges Ableben hilft, wollte man das Gen finden, das beim Anschalten Gesundheit und ein langes Leben verleiht. Doch Sirtuin-Gene scheinen weder das vermutete Ziel von Wein-Inhaltsstoffen zu sein, noch das Altern aufhalten zu können.

Wer seinen Teller nicht immer leer isst und aufhört, bevor er satt ist, hat beste Chancen, alt zu werden. Die „Kalorienbremse“ ist Forschungsgegenstand vieler Gruppen, die Langlebigkeit auf Stoffwechselebene untersuchen. Dazu kommen Beobachtungen verschiedener Völker, wie etwa der Einwohner der japanischen Insel Okinawa. Dort leben weltweit am meisten Menschen mehr als hundert Jahre. Zu ihrer Kultur gehört gemässigtes Essen.

Pharma statt Fasten

Weil der Zusammenhang zwischen kalorienarmer Nahrung und langem Leben bei Hefen, Fadenwürmern, Fliegen und auch Mäusen und Hunden eindeutig belegt ist, möchten viele allzu gern wissen, welche Signale der Körper beim gemässigten Hungern ausschickt, die den zunehmenden Verfall auch auf zellulärer Ebene bremsen. Könnte man das nicht auch erreichen, wenn man diese Signalkette an geeigneter Stelle mit einem Mittel aus der Apotheke beeinflusst?

Und es schien so, als wären die Anti-Aging Forscher tatsächlich auf eine ganz heiße Spur gestossen. Nur zu schön, dass darin auch die Erzählungen der Großeltern Platz hatten. Sie wussten, dass sie das tägliche Glas Rotwein so rüstig erhalten hatte. Resveratrol, so fanden die Biochemiker heraus, war der magische Stoff im Rotwein. Und der reagierte mit Sirtuinen, der Name für eine Gruppe „NAD-abhängiger Protein-Deacetylasen“.

Länger leben ohne Leiden

Die Sirtuine sind wahre Alleskönner. Werden sie aktiviert, wenn möglich, über das normale Maß hinaus, wirken sie in Mäusen gegen Kolon- und Mammakarzinome, regulieren den Fettstoffwechsel so, dass das Risiko von Kreislauferkrankungen abnimmt – auch dann, wenn die Maus mit kalorienreicher Kost gemästet wird. Schließlich zeigten Studien, dass reichlich Sirtuin auch die Ablagerung von ß-Amyloid im Gehirn bekämpft und so typische Alterskrankheiten wie Alzheimer aufhalten kann.

Eine Gruppe aus Massachusetts Institute of Technology im amerikanischen Cambridge fand schließlich heraus, dass Sirtuine das Leben des Fadenwurms Caenorhabditis elegans um rund die Hälfte verlängern können, wenn sie künstlich überexprimiert werden. Kurz darauf verhalf eine andere Gruppe mit einer Überdosis Sirtuin auch Drosophila, Labor-Fruchtfliegen, zu mehr als ein paar Tagen Lebenszeit.

Unreproduzierbare Experimente

Aber seit den ersten erfolgreichen Experimenten zu diesem Thema vor zehn Jahren schlichen sich in der Forschergemeinde immer wieder Zweifel ein, ob Sirtuine wirklich die lang-gesuchten Anti-Aging-Gene sind. Vielfach schafften es andere Arbeitsgruppen nicht, Leonard Guarentes Experimente mit den Fadenwürmern erfolgreich zu wiederholen. Wenn sie den überexprimierenden Fadenwurm-Stamm mit normalen Artgenossen kreuzten, war von einer Lebensverlängerung nichts mehr zu sehen. Aber auch Resveratrol schien bei Fruchtfliegen weniger Effekt auf die Lebensspanne zu haben als gedacht.

Vor einigen Wochen publizierten schließlich David Gems und seine Kollegen vom University College und anderen Mitarbeitern neue Befunde in Nature. Kreuzungen von langlebigen Fadenwürmern mit dem gemeinen Laborwurm führten zu Nachkommen, die zwar noch Sirtuine im Überfluss hatten, aber genauso schnell wie ihre Kontroll-Eltern starben. Weitere Kreuzungs-Experimente ergaben, dass das lange Leben zusammen mit einem anderen Gen vererbt wurde, das für die Entwicklung von Nervenzellen zuständig ist. Auch bei den Fruchtfliegen bestätigten sich die Zweifel gegenüber früheren Befunden. Im Vergleich zu Kontrollen mit Steuerelementen zur Sirtuin-Überexpression, aber ohne das Gen selber lebten die entsprechenden Insekten nicht länger. Bei entsprechender Diät erreichten aber auch normale Fliegen ein höheres Alter, ohne dass sich Unterschiede im Sirtuin-Level zeigten.

Nur ein Faktor unter vielen

So attackiert, wiederholte auch Guarente seine Experimente – mit anderen Kontrollen. Sein Team registrierte zwar noch ein längeres Leben bei Caenorhabditis, aber anstatt um knapp die Hälfte, lebten sie Würmer nur etwa 10-14 Prozent länger. Sein Kollege Stephen Helfand bestätigte jedoch in seinen Experimenten mit einem anderen System zur Überexpression bei Drosophila die Verbindung von Sirtuinen und Langlebigkeit.

Dass Sirtuine eine bedeutende Rolle bei der Kontrolle des Stoffwechsels besonders bei Diäten hat, bestreitet kaum mehr jemand der Experten. Möglicherweise ist es beim Altern aber nur eines unter vielen Elementen, wie etwa Johan Auwerx von der ETH Lausanne sowie David Lombard und Scott Pletcher von der Universität Michigan in begleitenden Kommentaren in Nature schrieben.

Altern – eine heilbare Krankheit

Hilft das Glas Rotwein auf dem Weg zu einem längeren Leben? Selbst Leonard Guarente zieht in einem Übersichtsartikel im New England Journal die Rolle von Resveratrol in Zweifel. Möglicherweise reagiert der Polyphenol-Wirkstoff der Weintrauben mit einem Nachweis-Gen, das die Forscher bei ihren Experimenten eingesetzt hatten. Tomas Prolla und seine Kollegen aus dem amerikanischen Madison beschreiben in ihrer Veröffentlichung zu langlebigen Labormäusen allerdings die vielfältigen Effekte von Resveratrol auf Herz und Skelettmuskeln sowie Gehirn, besonders im Zusammenhang mit kalorienarmen Essen.

Aus vielen Tierversuchen bis hinauf zum Hund ist klar, dass kalorienarmes Essen sowohl Tod als auch altersbedingte Krankheiten hinausschiebt. Eine Studie mit Rhesusaffen läuft seit einigen Jahren. Auf die Ergebnisse müssen die Forscher bei rund 25 Jahren eines Makakenlebens noch etwas warten. Große Studien am Menschen gibt es bisher nicht.

Ernährung hat wohl eng mit dem Altern zu tun. Sirtuine und andere Stoffwechselwege, die sich etwa auch durch Rapamycin beeinflussen lassen, haben eng mit der Verarbeitung unseres Essens zu tun. Veränderungen im Kaloriengehalt wirken sich dann nicht nur auf die Lebensspanne, sondern ebenso auf Herz, Muskeln oder auch Gehirn aus. Bei den Tests an Labortieren verlängern oder verkürzen sie nicht nur die Lebensspanne, sondern betreffen auch den Untergang von Nervenzellen im Kopf, die Glukoseaufnahme von Muskeln und die die Entstehung von Plaques in den Gefäßen. In vielen Veröffentlichungen sprechen Altersforscher schon von einer „Krankheit Altern“. Bis auf Weiteres wird es aber wohl keinen Wirkstoff geben, der zum gleichen Ergebnis wie kalorienarme Ernährung führt.

128 Wertungen (4.39 ø)
Medizin

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18 Kommentare:

Medizinjournalist

@ 18: Ganz genau weiß ich jetzt nicht, was Sie meinen, aber die entsprechenden Zahlen finden sich hier: http://okicent.org/study.html
Im Text finden sich auch die entsprechenden Literatur-Hinweise der Autoren in Fachjournalen.

#18 |
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Ingrid Langner
Ingrid Langner

Gibt es zu Okinawa eine nachvollziehbare Abhandlung im Netz?
Stammen die Zahlen nur aus Statistiken oder wurden sie ‘im Feld’ erfasst? Ähnlich wie in Griechenland scheinen nach Zeitungsberichten viele Menschen erst zu sterben, wenn die Kinder entscheiden, das Geld nicht mehr zu benötigen.

#17 |
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Das “Abnehmen” ist allerdings gerade im Alter zu spät bzw. statistisch sogar eindeutig schädlich.

Wahrscheinlich liegt es daran, dass der Bedarf an Eiweiß und “Mikronärstoffen” im Alten viel weniger sinkt, als der Kalorienbedarf.

Indirekt noch einmal ein Argument auch für mehr Bewegung im Alter.
Vielleicht auch für die ein- oder andere so oft zu Unrecht gescholtene “Nahrungsergänzung”

mfG

#16 |
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Altenpfleger

@ Nr. 13

Zitat: “Rotwein (alkoholisches Getränk) trägt nicht für die Gesundheit, sondern die Inhaltstoffe (sekundäre Pflanzenstoffe) in den Weintrauben selbst. ”
Da es hier aber um Resveratrol geht, macht es einen erheblichen Unterschied, ob ich einfach nur Weintrauben esse oder Rotwein trinke. Der alkokolische Gärungsprozess macht die Substanz erst für den Körper in nennenswerter Menge verfügbar.

#15 |
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“06.12.11 – 09:53
Dr Matthias Kratofiel
Zahnarzt/-ärztin

Lassen wir die Nahrung wie sie in der Natur bis zum technischen Urknall war”
[…]
Ernährungsmediziner, Hattingen”

Wie das mit dem Urknall ist, sollte man sich genauer ansehen. Da ist doch, gerade einige Wochen her, folgendes geschrieben worden:

http://news.doccheck.com/de/article/206510-darmflora-an-entstehung-von-ms-beteiligt/
“27.10.11 – 20:03
Dr Matthias Kratofiel
Zahnarzt/-ärztin

Noch vor Hund, Taube und Maus waren die Mikroben die ersten Kulturfolger. Als Menschenaffen begannen sich genomwidrig zu ernähren, riefen sie damit eine veränderte Darmflora auf den Plan, die ihm bis heute mit all ihren negativen Begleiterscheinungen- heißt Zivilisationskrankheiten- “treu”
gefolgt ist und erst wieder verschwindet, wenn die Ernährung auf Urkost umgestellt wird.

Ernährungsmediziner”

Die Frage, was diese ominöse “Urkost” sein sollte, müßte denn doch mal geklärt werden.

Zur “Urkost” gehört übrigens auch der Verzehr der menschlichen Plazenta. “Urkost” ist eine Erfindung des Herrn Franz Konz, siehe:

http://transgallaxys.com/~kanzlerzwo/index.php?topic=6052

Guten Appetit!

#14 |
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Ist das “franzoesische Paradoxon” nicht der Nachweis, um
zwei Glaeser Rotwein zu trinkun?

#13 |
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Naturwissenschaftler

Ich schließe meine Meinung zum Herrn Dr. Schnell an.
Denn die beste Kombination, was Menschen zu ihrer Lebensqualität überhaupt beitragen können ist:

1- ausreichende Bewegung
2- vernünftige Ernährung (und hier ist die KUNST).

Denn das Alter selbst ist vom Gott vorbestimmt und daran kann niemand eine Minute verlängern, wenn er kommt. Aber Menschen können nur ihr Leben ständig optimieren!!!

Denn je mehr man weiß über die Lebensmittel, ihre Inhaltsstoffe und ihre Zusammenhänge (zw. Inhaltstoff und Körper) desto ist großer die Chance paar Lebensjahre länger zu optimieren.

BEMERKUNG:
———
Rotwein (alkoholisches Getränk) trägt nicht für die Gesundheit, sondern die Inhaltstoffe (sekundäre Pflanzenstoffe) in den Weintrauben selbst.

MfG
(Drugs safety and Clinical research Associate)

#12 |
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Pflegewissenschaftlerin

Der Slogan, welcher inzwischen in fast jedem Pflegeheimin leitbild zu finden ist (den Jahren mehr Leben zu geben …..)als Diskussionsgrundlage zu liefern ist sehr arm.

#11 |
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Altenpfleger

Denaturierte Nahrung (Zivilisationskost, Fast-Food …) ist zweifellos pathogen und wichtigste Ursache verschiedener Erkrankungen.

Ehrlicherweise ist aber festzustellen, dass unsere Vorfahren, die sich bedingtermaßen von reiner Naturkost ernährten, im Durchschnitt nicht sehr alt geworden sind. Es müssen hier also noch andere Faktoren bezüglich Lebenserwartung eine Rolle spielen.

#10 |
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Es wird immer evidenter: Die menschliche Ernährung war/ist die größte Fehlentwicklung seit dem technischen Urknall, der Nutzung des Feuers.Hierbei ist die ganze Forschung kontraproduktiv gewesen. Sirtuine, Resveratrol, Rapamycin alles Irrlichter. Lassen wir die Nahrung wie sie in der Natur bis zum technischen Urknall war – das ist auch heute noch mnöglich-, schlagen wir viele “Fliegen mit einer Klappe”. Viele Zivilisationskrankheiten darunter: Übergewicht, Diabetes, Herz-Kreislauferkrankungen, Krebs, Alzheimer, Herzinfarkt, Schlaganfall … gehen zurück und echte Lebensqualität mit langer Jugendlichkeit, körperlcher und geistiger Fitnes und langem Leben kommt “wie von selbst” wieder zurück.

Ernährungsmediziner, Hattingen

#9 |
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Altenpfleger

@ Nt.8 (sehe leider nicht, wer den Beiträgen zuzuordnen ist. Systemfehler?)

Zitat: “Tausendmal wirksamer als Resveratrol” – das ist keine Kunst, denn um wirklich wirksam zu sein, müsste Resveratrol hochkonzentriert genommen werden – und da hört Wein bestimmt auf, gesund zu sein… ;-) ”

Wirksamer als qualitatives Merkmal. (Effizienz). Es war ja auch von Resveratrol als Wirksubstanz (da ibt es inzwischen NEM in Dosierungen von 500 mg pro Tablette) die Rede – nicht von Rotwein.

MfG

#8 |
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Medizinjournalist

Natürlich haben Sie alle recht: Bewegung halte ich auch für einen entscheidenden Faktor für ein langes GESUNDES Leben. Und darum gehts doch auch: Was nützt ein langes Leben in Pflegebedürftigkeit?
Zu den Konflikten um Sirtuine gab es diese Woche noch einen recht interessanten Nachschlag in SCIENCE (leider nur mit begrenztem Zugang) http://www.sciencemag.org/content/334/6060/1194.full . Er stellt klar, dass hinter den Auseinandersetzungen zur Rolle von Sirtuinen nicht nur wissenschaftliche, sondern auch persönliche Konflikte stehen.
So auch zu (1): David Sinclair ist ein ehemaliger Mitarbeiter von Gurarente. Auch Guarente ist mit Sirtris eng verbunden.(Chef des Scientific Advisory Boards von Sirtris) Glaxo hat Sirtris für eine hohe dreistellige Millionensumme gekauft. Ich persönlich würde nicht darauf wetten, dass deren Produkte wirklich eine Lebensverlängerung bringen (allerdings vielleicht (!) einen gewissen Schutz gegen Stoffwechselstörungen).
“Tausendmal wirksamer als Resveratrol” – das ist keine Kunst, denn um wirklich wirksam zu sein, müsste Resveratrol hochkonzentriert genommen werden – und da hört Wein bestimmt auf, gesund zu sein… ;-)

#7 |
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Altenpfleger

@ Nr. 2

Das Eine schließt das Andere nicht aus. Bedingt sich im Idealfall wohl gegenseitig. Ist wohl auch eine Frage der persönlichen Einstellung und was man im Leben alles noch so erreichen möchte.

#6 |
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Dies ist ein hochspekulatives Gebiet!
Sirtuine sind schon seit langem ¿focus sine q.e.d.¿.
Ich kann den Herren Frank-Normann & Konrad nur recht geben:
As the English say: ¿It is not the years in life, but the life in years!¿
Es ist noch immer ¿Lebensaufgabe¿ eines jeden Menschen, seine Lebensqualität zu definieren und zu leben!

#5 |
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Dr. med. Thomas Konrad
Dr. med. Thomas Konrad

Sehr alt zu werden, kann nicht das Ziel sein.
Lange jung zu bleiben aber schon.

#4 |
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Vergessen wurde das wirklich einzig wirksame Anti-Aging-“Medikament”: Bewegung. Hier sind die Wirkungen evidenzbasiert nachgewiesen! Kombiniert man Bewegung mit “vernünftiger” Nahrungszufuhr, gewinnt man an Gesundheit, Lebensqualität und Alter!

#3 |
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Ist es so wichtig, dem Leben mehr Jahre zu geben : Ist es nicht viel wichtiger, den Jahren mehr Leben zu geben ?!!!

#2 |
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Altenpfleger

David Sinclair, Professor an der Harvard Medical School und Mitbegründer des US-Unternehmens >Sirtris Pharmaceuticals< ließ in einem Interview ("Technology Review" Ausgabe 2/2010) verlauten, sein modifizierter Wirkstoff (SRT2104)wäre tausendmal wirksamer als Resveratrol. SRT2104 befindet sich meines Wissens nach in Testphase 2. Ich habe nur die Befürchtung, dass "Normalsterbliche" aufgrund des sicher hohen Preises normal sterblich bleiben oder aber eigene Wege finden, dem Leben mehr Jahre abzugewinnen.

#1 |
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