Krankenhausvergütung auf dem Prüfstand

6. Mai 2013
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Wissenschaftler untersuchten nun die Krankenhausvergütung in europäischen Ländern und vergleichen weiterhin erstmalig die europäischen Systeme mit dem amerikanischen Vergütungsmodell.

Warum erhält ein Krankenhaus in Polen für die stationäre Behandlung eines Herzinfarktes rechnerisch rund 400 Euro, aber ein Krankenhaus in Irland für einen vergleichbaren Fall rund 7.900 Euro? Obwohl die Vergütungssysteme in Europa auf einem ähnlichen Prinzip beruhen, unterscheiden sie sich beträchtlich. Zusammen mit elf europäischen Partnern hat Prof. Dr. med. Reinhard Busse, Leiter des Fachgebiets Management im Gesundheitswesen an der TU Berlin, einen systematischen Überblick über Unterschiede und Gemeinsamkeiten von zwölf europäischen Krankenhausvergütungssystemen erstellt und die Ergebnisse in einem Buch und einer Vielzahl von Artikeln veröffentlicht.

Grundsätzlich beruht die Krankenhausvergütung in vielen europäischen Staaten auf den sogenannten „Diagnosis Related Groups“ (DRGs). Eine DRG beschreibt eine Gruppe von Patienten mit ähnlichen klinischen Merkmalen, die einen ähnlichen Ressourcenaufwand erfordern. Dabei differenzieren die DRGs zumeist auch nach dem Schweregrad der Krankheit. Einige Länder, zum Beispiel Deutschland, setzen pro DRG eine Fallpauschale fest, die die Krankenhäuser abrechnen dürfen. Dieses ursprünglich in Amerika entwickelte System zur Klassifizierung von Patientengruppen ist heute Grundlage der Vergütungssysteme der Krankenhäuser in fast allen europäischen Ländern.

Vergütungssysteme transparenter und gerechter gestalten
Die Anzahl der möglichen DRGs schwankt dabei beträchtlich, von unter 600 verschiedenen DRGs in Polen bis zu rund 4.400 in den Niederlanden. „Fast jedes Land hat seine eigenen DRGs. Über die unterschiedlichen Bemessungs- und Informationsgrundlagen dazu gab es bislang wenig bis gar keine Informationen. Die Gründe für die großen innereuropäischen Schwankungen bei der Vergütung waren daher unbekannt“, so Dr. Wilm Quentin, Mitarbeiter von Professor Reinhard Busse.

„In dem Forschungsprojekt EuroDRG, das von Reinhard Busse geleitet wurde, haben wir neben einem allgemeinen Vergleich zehn konkrete Fälle, wie Herzinfarkt oder Schlaganfall, pro Land durchgerechnet und herausgearbeitet, wo sich die Systeme unterscheiden und wo jeweils Optimierungsbedarf besteht“, berichte Quentin. Bei Patienten mit Herzinfarkt wird zum Beispiel in England und Österreich nicht unterschieden, ob die Patienten bestimmte Komplikationen oder Begleiterkrankungen zeigen. Daher erhalten Krankenhäuser für komplizierte Fälle die gleiche Bezahlung wie für weniger komplizierte Fälle. Das gleiche trifft auch für Schlaganfallpatienten zu. Außerdem unterscheiden viele DRG-Systeme, zum Beispiel in Frankreich, Irland und Schweden nicht, ob bei Schlaganfallpatienten versucht wird, das verursachende Blutgerinnsel im Gehirn aufzulösen. Auch die mit diesem Eingriff verbundenen Kosten werden nicht adäquat vergütet. Es ist das erklärte Ziel dieser Forschung, dazu beizutragen, dass im Dialog mit Ärzten und Entscheidungsträgern, Vergütungssysteme in den einzelnen Partnerländern transparenter und gerechter gestaltet werden.

Können die USA von europäischen Systemen der Krankenhaus-Vergütung lernen?
Für die Aprilausgabe der amerikanischen Zeitschrift „Health Affairs“ wurde Prof. Dr. med. Reinhard Busse jetzt aufgefordert, die in Europa weiterentwickelten Vergütungssysteme mit dem aktuellen Vergütungssystem in den USA zu vergleichen. „Die europäischen Länder Deutschland, England, Frankreich, die Niederlande und Schweden geben für Krankenhausbehandlungen einen deutlich geringeren Anteil des BIP aus als die USA – bei einem sehr hohen gesundheitlichen Standard“, erklärt Wilm Quentin. „Unser Vergleich zeigt, dass, obwohl die Systeme in den USA und Europa nur bedingt vergleichbar sind, die USA an einigen Stellen von den Erfahrungen der europäischen Systeme profitieren könnten.“ Wird in den USA ein Patient entlassen und zwei Tage später mit dem gleichen Krankheitsbild wieder eingeliefert, so kann das Krankenhaus dort erneut eine Fallpauschale abrechnen. In einem vergleichbaren Fall in Deutschland oder England kann das Krankenhaus nur dann eine neue Fallpauschale berechnen, wenn die Entlassung mehrere Wochen zurück liegt. „Ziel ist es, Krankenhäuser anzuhalten, Patienten erst dann zu entlassen, wenn sie wirklich genesen sind“, so Quentin.

Unterschiede finden sich auch bei der Ärztehonorierung. In den europäischen Fallpauschalen ist das Arzthonorar inbegriffen. In Amerika dagegen muss der Arzt extra bezahlt werden, was zu unterschiedlichen Rechnungen für die gleiche Leistung führen kann. Außerdem wird in Europa die Menge der zu behandelnden Patienten teilweise gedeckelt, um zu verhindern, dass Krankenhäuser aus finanziellen Gründen immer mehr Patienten behandeln, die nicht unbedingt ins Krankenhaus müssten. „Daher gibt es in den meisten europäischen Systemen – im Gegensatz zu den USA – einen Mechanismus, um einen starken Anstieg der Patientenzahlen zu verhindern“, erläutert Quentin. Zum Beispiel werden in Deutschland zusätzliche Leistungen, die eine bestimmte, für jedes Krankenhaus ausgehandelte, Erlössumme übersteigen, nur zu einem reduzierten Satz vergütet.

Reflektion tatsächlicher Kosten
„Ganz generell zeigt der Vergleich, dass die Vergütungssysteme in vielen europäischen Staaten breitere, aktuellere und genauere Informationen heranziehen, um Fallpauschalen festzulegen, die dann einen umfassenderen Geltungsbereich haben als in den USA. Dabei berücksichtigen sie auch eher den Schweregrad einer Erkrankung. Im Ergebnis reflektieren die europäischen DRGs daher besser die tatsächlichen Kosten“, summiert Wilm Quentin.

Originalpublikation:

Hospital Payment Based On Diagnosis-Related Groups Differs In Europe And Holds Lessons For The United States

Reinhard Busse et al.; Health Affairs, doi: 10.1377/hlthaff.2012.0876; 2013

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1 Kommentar:

Mawe Budweg
Mawe Budweg

Das ist mal wieder so typisch, daß die Europäer sich einbilden alles gerechter und besser zu machen und dann auch noch günstiger. Wenn ich das schon wieder lese hier…erinnert mich stark an Planwirtschaft…Gesamtkosten werden gedeckelt! Erlöse für KH werden im Vorhinein festgelegt und alles darüber nur zu einem reduzierten Satz vergütet??? Was soll daran toll sein? Wer hier schon lange auf der Strecke bleibt sind die Patienten, die nur noch eine Minimalversorgung bekommen sowie das versorgende Personal, dessen Arbeit weder entsprechende Wertschätzung seitens des Arbeitgebers noch eine adäquate Vergütung erfährt. Ein Arzt Sonntags die ganze Nacht aktiv (offiziell nur Bereitschaft) für 10 Euro brutto die Stunde + Nachtzuschlag (1,69Euro). So stellt der angehende Mediziner sich das aber nicht vor. Das nenn ich mal Ausbeutung? Warum gibt es das? Weil das System sonst schon lange zu den heutigen DRGs nicht mehr funktionieren würde. Die Medizin wird besser und teurer, die Leute älter und kränker bevor sie sterben und vor allem medizinisch viel aufwändiger!!! Jeder kriegt medizinisch alles ob es sinnvoll ist oder nicht. Die Politik drückt sich vor notwendiger Leistungsbegrenzung in aussichtslosen Fällen. Für entsprechendes Personal ist kein Geld. Eine schlanke Schwester allein zuständig für 25 dicke Pflegepatienten…jetzt schon Gang und gebe und das in Deutschland. 10 Stunden Wartezeit in der Notaufnahme, wer kennt es nicht? Assistenzärzte die an der psychischen Belastungsgrenze stehen, weil Sie im Dienst nur noch von einem Notfall zum anderen hetzen…und sich Vorwürfe machen Ihre Arbeit nicht verantwortungsvoll genug zu verrichten…(nach 30 Stunden im Dienst)…PIIEEEEP…keine Zeit drüber nachzudenken…Notfall……30 Stunden? ach ja offiziell gibt es das ja nicht mehr…ich vergaß. Wacht mal auf. Hier ist nicht alles Gold was glänzt!
Die Reserven sind raus aus dem System…da hilf auch die teuerste Unternehemensberatung nichts mehr. Merken tun die Verantwortlichen es leider erst wenn Sie selbst im KH liegen… der Sensenmann mit einem akuten Herzinfarkt am Bett auftaucht und das klingeln nach dem einzigen Arzt im ganzen Klinikum leider 5 Minuten zu lange dauert, weil der gerade einen anderen Notfall hat.(Effektivitätssteigerung durch Erhöhung der Arbeitsdichte nennt man das)
Mit freundlichen Grüßen ans System… MB.

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