Stationsdrachen: Fürchtet Euch nicht!

7. Dezember 2011
Teilen

Als Medizinstudent merkt man schnell wie wichtig im Krankenhausalltag eine gute Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Pflegepersonal ist. Der Arbeitsalltag ist angenehmer und einfacher, wenn man sich gut mit den Schwestern und Pflegern versteht. Doch so einfach ist das nicht.

Eigentlich sollte es doch nicht so schwer sein: Krankenschwestern/-pfleger und Ärzte könnten Hand in Hand miteinander arbeiten und sich gegenseitig unter die Arme greifen. Wo das gut klappt, herrscht eine gute Arbeitsatmosphäre und der Alltag kann leichter bestritten werden. In der Realität sieht es leider auf manchen Stationen anders aus. Als Medizinstudent hat man es gegebenenfalls schwer sich einzugliedern. Man gehört noch nicht so richtig zu den Ärzten und das bekommt man von den Schwestern und Pflegern zu spüren. Worin besteht der Konflikt? Sind die Studenten selbst Schuld? Was kann man machen um die Situation von Anfang am besten anzugehen?

Wer sind Sie überhaupt?

Typisches Szenario: Erster Tag der Famulatur, man ist noch leicht nervös, überfordert sich alle Namen der neuen „Kollegen“ zu merken, weiß nicht wo was zu finden ist und schon geht es los mit … den Blutentnahmen! Soweit so gut, Blutsaugen kann man ja nie oft genug üben. Aber wo sind die Butterfly-Nadeln? Das Fach ist leer. Logische Konsequenz: die Schwester im Raum fragen, wo man sie finden kann. „Wenn da keine mehr sind, dann sind welche im Lager, aber dafür habe ich nun gar keine Zeit. Und wer sind Sie überhaupt?“, kommt im genervtem, latent aggressivem Ton zurück. Erster großer Fehler: sich nicht vorstellen. Dass es unhöflich ist sich nicht vorzustellen, wissen die meisten und dass einem das Nicht-Vorstellen im Krankenhaus schnell krumm genommen werden kann, weiß jeder Medizinstudent spätestens nach seinem ersten Praktikum. Aber diese Pflicht ist gar nicht so einfach zu erfüllen. Man muss den richtigen Moment abpassen.

Denn manchmal kann das Vorstellen auch massiv stören: „Das ist gerade wirklich nicht der richtige Moment“. Und wenn man sich dann vorstellt, scheint es oft auch überhaupt nicht zu interessieren: „Aha“. Aber das ist alles besser als sich nicht vorzustellen. Das gilt übrigens natürlich nicht nur für Schwestern und Pfleger, bei Ärzten ist das genau so wichtig. Man muss die Situation vielleicht aber auch mal von der anderen Seite her belichten. Wenn jemand Fremdes in ein Büro reinkommt und sich etwas aus den Schrank nehmen will, möchte derjenige, der dort arbeitet, vielleicht auch wissen, um wen es sich handelt. Außerdem kommen, vor allem in der Uniklinik, so viele fremde Menschen rein und raus, dass es auf die Dauer etwas belastend sein kann, wenn immer wieder verwirrte fremde Studenten etwas von einem wollen.

Einfach mal ‘nen Kuchen mitbringen

Es gibt einfach einige Dinge, auf die man achten sollte, um sich nicht noch unbeliebter zu machen. Ordnung muss sein. Nach den Blutentnahmen ist es zum Beispiel sehr wichtig, das Blutabnahme-Tablett wieder abzuräumen, alles wieder an den vorgesehenen Ort zu verstauen und den Arbeitsplatz so zu hinterlassen, wie man ihn aufgefunden hat. Falls man beim Legen eines Zugangs die halbe Bettdecke mit Blut übergossen hat, sollte man es in Betracht ziehen, die Bettdecke zu wechseln. Essen ist heilig. Wenn es Kuchen oder Brötchen im Schwesternzimmer gibt, sollte man nicht davon ausgehen, dass alle sich einfach bedienen dürfen. Besser ist es abzuwarten, ob einem etwas angeboten wird. Etwas in die Kaffeekasse zu hinterlegen oder selber Kuchen mitzubringen ist manchmal auch keine schlechte Idee.

Einen Stationsdrachen, dem man es nie richtig recht machen kann, gibt es hin und wieder mal. „In meinem Pflegepraktikum, wurde ich sogar beim Essenverteilen belehrt, dass ich das falsch machen würde und wie es anders viel besser ginge. Wenn diese eine Schwester anwesend war, habe ich angeblich alles falsch gemacht, was man falsch machen konnte. Dadurch war ich in ihrer Anwesenheit noch unsicherer und habe dann wirklich Fehler gemacht“, erzählt Clara, 3. vorklinisches Semester. Aber auch im Praktischen Jahr kann man noch vergrault werden. „Ich saß ganz seelenruhig im Schwesternzimmer und habe niemanden gestört, weil sonst niemand da war. Da kam dann eine Schwester zu mir und erklärte: ‘Das hier ist das Schwesternzimmer, das Arztzimmer ist dort drüben’. Ich war so perplex, dass ich mich schweigend ins Arztzimmer verkrochen habe“, erzählt mir Max, der vor zwei Wochen Examen gemacht hat. Eine andere Kommilitonin hatte im Kreissaal einen Stationsdrachen vom Hebammen-Typ erlebt: „Ich wollte sehr gerne eine Geburt sehen – für Medizinstudenten ist das gar nicht so einfach – und da war ich schon überglücklich, weil die Patientin mir erlaubt hatte, dabei zu bleiben, sowie auch der behandelnde Arzt. Leider hatte ich mich aber noch nicht bei der zuständigen Hebamme anmelden können. Bevor ich sie fragen konnte, hatte sie mich quasi schon rausgeschmissen. Auch wenn die Patientin einverstanden war, sie hatte keine Lust mich dabei zu haben.“

Wenn Blicke töten können…

Der Ort, in dem sich solche Situationen sehr zuspitzen, ist der OP-Saal. Sobald man als Student einen OP-Saal betritt, kann man eigentlich nur Fehler machen. Wenn man sich dem sterilen Operationsmikroskop nähert – noch in ca. 2 Metern Entfernung – hört man von hinten schon in schrillen Tönen: „Vorsicht, das ist steril!“. Manchmal hat man das Gefühl, dass schon der Blick eines Studenten die Kraft habe, Dinge unsteril zu machen, so sehr wie darauf herumgeritten wird. Wenn man versucht bei der Lagerung des Patienten mitzuhelfen, wird man angemeckert, weil man sich dumm anstellt. Wenn man nicht mithilft, wird man angesprochen, warum man nur so unnütz herumstehen würde. Dadurch steigt die Unsicherheit und damit die Wahrscheinlichkeit sich ungeschickt anzustellen oder Dinge umzuwerfen. „Ich zum Beispiel habe in meiner Famulatur nach einer OP statt dem Heizgerät das Röntgengerät ausgestöpselt, weswegen die Schwestern alle Daten zum Patienten neu eingeben mussten. Die waren verständlicherweise genervt und ich wurde mehrere Tage nicht sehr freundlich gegrüßt. Als ich jedoch Kuchen mitbrachte, war der Ärger wieder vergessen“, erklärt mir Anna, die kleine Leckereien als Besänftigung nur empfehlen kann.

Man muss dazu sagen, dass es glücklicherweise nicht überall so zugeht. Auch wenn fast jeder Student mal die eine oder andere schlechte Erfahrung gemacht hat, können auch viele von guten Kontakten erzählen. Als Student weiß man vielleicht – oder hoffentlich – viele theoretische Dinge, aber am Anfang ist man noch nicht gut an den Krankenhausalltag gewöhnt und muss praktische Fähigkeiten noch erlernen. Wenn man sich gut mit den Schwestern und Pflegern versteht, kann man sehr viel von ihnen lernen. Sie haben auf derjenigen Station oder in demjenigen OP zum Teil schon viele Jahre gearbeitet und kennen sich natürlich viel besser aus, wissen wann was angeordnet und wann was wie gemacht werden muss. „Die Anästhesie-Pfleger in einem Krankenhaus, in dem ich famuliert habe, waren super nett und haben sich Zeit gelassen mir zu zeigen, wie man Zugänge legt und haben mich gerufen, wenn in einem anderen OP ein arterieller Katheter gelegt werden sollte. In dem Krankenhaus im OP herrscht insgesamt zwischen Ärzten und Pflegern eine gute Atmosphäre. Ich habe mich wohl gefühlt und bin jeden Tag gerne hingegangen“, erzählt Nina, aus dem 5. klinischen Semester. „In meinem Pflegepraktikum, hat mich eine junge Schwester überall mitgenommen, mir viel erklärt, gezeigt und mich vieles selbst machen lassen. Mit ihr habe ich bis heute noch Kontakt“, berichtet auch Lisa, aus dem 3. klinischen Semester von ihrer damalig guten Erfahrung.

Besserwisser nicht gern gesehen

Woran liegt es, dass die Atmosphäre in einigen Fällen so angespannt ist? Kann es an dem stressigen Alltag liegen, an der Verantwortung, die das gesamte Krankenhauspersonal tragen muss und auch an der psychischen Belastung jeden Tag mit kranken Menschen zu arbeiten? Die Abneigung gegen Medizinstudenten bei einigen Schwestern und Pflegern könnte unter anderem darauf zurückzuführen sein, dass sie schlechte Erfahrungen gemacht haben, mit besserwisserischen arroganten Studenten, die meinen alles besser zu können. Vielleicht hat es mit den Lasten der hierarchischen Ordnung zu tun, die auch heute noch im Krankenhaus herrscht. Andererseits tritt dieses Phänomen nicht nur im Krankenhaus auf, man kann eben nicht mit jedem gut auskommen.

Wenn man mit vielen Menschen in einem Team zusammenarbeitet, ist es immer so, dass es mit einigen besser klappt als mit anderen. Wichtig ist es als Student freundlich und offen zu sein, sich vorzustellen, wenn man auf eine neue Station kommt. Zu zeigen, dass man mit anpackt, auch wenn es nicht genau zum eigenen Aufgabenbereich gehört. Ein Professor sagte einmal zu uns im Untersuchungskurs: „Wie bekanntlich wäscht eine Hand die andere. Wenn es möglich ist, jemanden anderen bei seiner Arbeit unter die Arme zu greifen, wird derjenige sich das merken und wenn man dann selbst in die Bredouille kommt, wird man positiv überrascht sein, auch einmal Unterstützung zu bekommen.“

67 Wertungen (4.16 ø)
Allgemein

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

2 Kommentare:

Josef M. Spettmann
Josef M. Spettmann

Ein sehr guter Artikel, ich gratuliere.
Wir dürfen uns nur nicht von den “Johnny´s” dieser Welt das Leben schwer machen lassen.

#2 |
  0
Jelte Jacobsen
Jelte Jacobsen

Dieses Problem betrifft nicht nur Studenten!
Ich selbst habe nach der Schule ein Freiwilliges Soziales Jahr absolviert und lerne nun Gesundheits- und Krankenpflege. Ich muss sagen, dass diese “Zustände” nicht nur Studenten betreffen, sondern auch Auszubildende, FSJ’ler, Praktikanten usw. …
Aber aus meiner Erfahrung und meinem Empfinden kann ich sagen, dass ein FREUNDLICHES HALLO, ICH BIN DER/ DIE… schon sehr viel bewirken kann!
So schlimm sind wir garnicht ;-)

#1 |
  0
Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: