Generation Burnout – Sind wir überfordert?

14. Dezember 2011
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Heutzutage werden immer mehr Anforderungen an die Medizinstudenten gestellt. Aber gleichzeitig ist die Zeit, die man für das Erledigen aller Aufgaben bekommt, sehr begrenzt. Durch dieses ungleichmäßige Verhältnis stoßen immer wieder einige Studenten an ihre Grenzen und erkranken sogar in manchen Fällen an dem Burnout-Syndrom.

Die Anforderungen im Studium werden immer höher, zeitaufwendiger und füllen den kompletten Zeitplan eines Studenten aus. Viele halten dem Druck nicht stand, brechen das Studium ab und wenden sich ganz anderen Dingen zu. Andere wiederrum versuchen trotz dem immensen Druck durchzuhalten und geben ihren Traum nicht auf, was sich bei einigen Studenten irgendwann enorm auf die Gesundheit auswirkt. Ich habe mit zwei Studenten gesprochen, für diese hat sich der Traum vom Medizinstudium in einen Alptraum verwandelt.

Den Anschluss verloren

Für Michelle* fing alles ganz harmlos an. Sie bekam nach dem Abitur gleich zum Wintersemester einen Studienplatz für ihr Wunschfach Medizin. Doch schon der Start in das neue Leben als Studentin lief bei ihr schief. Michelle kam zuerst nicht mit dem Lernen nach. „Ich merkte zu Beginn schon, dass das Lernpensum einfach sehr extrem war. Kaum war ich mit dem einen Thema fertig, wartete etwas Neues auf mich. Und jeden Tag wurde der Stapel größer. Dieses Lernpensum war ich einfach nicht gewohnt. Irgendwie hab ich mir alles nicht so schwer vorgestellt.“ Ebenso bestand sie in den ersten vier Semestern mehrere Scheine nicht. Dadurch konnte sie sich nicht wie geplant zum Physikum antreten und musste die Prüfung verschieben. „Als ich die fehlenden Scheine im fünften vorklinischen Semester nachholte, merkte ich, dass mir einfach alles zu viel wurde. Ich fühlte mich überfordert, übermüdet und litt an Schlaflosigkeit“, erzählt Michelle.

Fachwechsel als neue Chance zum Erfolg

Der Stress im Studium wirkte sich auch immer mehr auf ihr Privatleben aus. Nicht nur, dass die Beziehung zu ihren Eltern immer schlechter wurde, auch die Beziehung zu ihrem damaligen Freund litt sehr darunter. „Irgendwie bekam ich weder mein Leben als Medizinstudentin noch mein Privatleben in den Griff, also musste ich einen Ausweg finden. Es hat lange gedauert, bis ich es mir eingestand, dass ich es nicht schaffe.“ So entschloss sie sich nach einer langen Bedenkzeit dazu, sich ihre Scheine von dem zuständigen Prüfungsamt anerkennen zu lassen und auf Zahnmedizin umzusteigen. Dadurch wurde ihr Lernpensum geschmälert und sie konnte sich das Lernen besser einteilen. „Außerdem hab ich mich für eine Therapie entschieden, da sich durch mein Versagen im ersten Studium eine starke Prüfungsangst entwickelt hat. Ich musste auch einfach mal die Probleme, die durch das Studium entstanden sind, aufarbeiten. Meine Beziehung ist aber daran zerbrochen“, erzählt mir Michelle. Doch mit der Zeit wurde es dank dem Fachwechsel und der Therapie besser. Michelle:“ Mittlerweile habe ich glücklicherweise Erfolg in meinem Studium, was sich auch positiv auf mein Leben auswirkt. Ich kann mit Niederlagen auch viel besser umgehen als vorher und setze mich nicht mehr so unter Druck.“

Zu Beginn ein richtiger Überflieger

Anders als Michelle erging es Thomas*. Auch er bekam sofort nach dem Abitur einen Studienplatz für Medizin. Für ihn war das Medizinstudium immer sein größter Traum, den er sich immer erfüllen und dafür kämpfen wollte. Er war von Anfang an der Student, den Kommilitonen wohl als den „absoluten Überflieger“ bezeichnet hätten. Er bestand all seine Prüfungen in der Vorklinik beim ersten Versuch, das Physikum brachte er mit Bravour hinter sich und in der Klinik war kein benoteter Schein schlechter als die Note eins. Er verbrachte die meiste Zeit seines Studiums in der Bibliothek und lernte von morgens bis abends, um stets überall sehr gute Leistungen zu erbringen. „Dadurch ließ ich extrem mein Privatleben schleifen“, erzählt mir Thomas, „ich hatte keine Freunde, keine feste Partnerin und generell keinen, der ein offenes Ohr für mich gehabt hätte. Unipartys hab ich gemieden, weil sie für mich zeitraubend waren. Mit Kommilitonen hatte ich wenig Kontakt. Ich hab noch nicht mal mit ihnen zusammen gelernt, weil ich immer Angst hatte, dass es Zeitverschwendung wäre, mich mit Studenten abzugeben, die schlechter sind als ich.“

Ein schleichender Prozess

Der ganze Prozess war bei Thomas eher schleichend. Es begann mit dem Grübeln vor dem Einschlafen, ob er denn überhaupt gut genug ist für das Studium und wie sich das Ganze noch steigern lassen könnte. Irgendwann setzte bei ihm die Schlaflosigkeit ein, er wurde depressiv, war ständig übermüdet und wurde aggressiv. „Irgendwann merkte ich auch, dass ich mich komplett einsam fühle, dass ich keine Freunde habe, welche mich hätten auffangen können und dass ich generell keinen einzigen sozialen Kontakt habe. Das hat mich zusätzlich fertig gemacht.“ Kurz vor dem zweiten Staatsexamen kam dann der endgültige Zusammenbruch. „Ich konnte nachts kein Auge mehr zumachen, war müde, war sehr depressiv und hatte Suizidgedanken. All diese Symptome haben mich zum Aufhören gezwungen und ich habe eine Pause eingelegt.“ Sein zweites Staatsexamen hat Thomas auf unbestimmte Zeit verschoben und macht momentan eine medikamentöse Therapie sowie eine Gesprächstherapie. „Mir geht es langsam wieder besser dank der Therapie. Ich habe gelernt, dass Lernen und Erfolg im Studium nicht alles bedeuten. Mittlerweile habe ich auch ein paar nette Leute kennengelernt sowie langsam eine neue Beziehung aufgebaut, welche mir viel Kraft spendet“, erzählt Thomas. Bald möchte sich Thomas auch wieder langsam auf das zweite Staatsexamen vorbereiten, er hofft aber, nicht in alte Muster zu verfallen. „Ich stelle mittlerweile mein Wohlergehen und meine sozialen Bindungen in den Vordergrund und ich hoffe, dass ich es mit diesem Rückhalt schaffen kann.“

Das Medizinstudium ist mitunter das begehrteste Studienfach, denn es ist sehr interessant und bringt viele tolle Erfahrungen mit sich. Aber nicht umsonst wird es auch als eines der stressigsten und zeitaufwendigsten Fächer bezeichnet. Viele Ärzte berichten auch, dass der Lernaufwand sehr intensiv ist. Die Anforderungen und der Druck sind daher sehr hoch, daher zerbrechen viele Studenten auch daran. Wichtig ist, dass man sich dies eingesteht und auch nie zu stolz ist, zuzugeben, wenn es nicht mehr geht und sich etwas ändern muss. Wie heißt es so schön: „Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.“
*Namen wurden von mir geändert

43 Wertungen (3.53 ø)
Allgemein

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9 Kommentare:

Michael Klomp
Michael Klomp

@Andreas: Bist du überhaupt Medizinstudent?? Oder warum lässt du hier so einen Unfug von dir?

#9 |
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Student

@Tino Hennig
Es sind nicht 50% der Absolventen, die aussteigen. Das wäre ja fatal. Es sind wahrscheinlich knapp 12%, die nicht kurativ tätig werden. (http://www.aerzteblatt.de/v4/plus/down.asp?typ=PDF&id=6100). Man kann das nicht genau überprüfen. “Nicht kurativ tätig sein” heißt: medizinische Forschung, Wirtschaft, Industrie, Ausland. Und dann bleibt sicherlich noch ein kleiner Teil, der tatsächlich komplett in eine andere Brache wechselt.
Laut dem verlinkten Artikel steigen allerdings über 50% der Fachärzte aus der kurativen Tätigkeit aus.

#8 |
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Altenpfleger

Erstaunlicherweise entscheiden sich ca. die Hälfte aller Medizinabsolventen (also auf diejenigen bezogen, die alle Prüfungen erfolgreich absolviert haben) nachträglich (!) gegen den Ärzteberuf. Woran mag das wohl liegen?

#7 |
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Studentin der Humanmedizin

Nachdem ich mir die Kommentare durchgelesen habe, frage ich mich wirklich, was das für Menschen sind, die meinen, die Studenten von heute seien überhaupt nicht mehr belastbar und seien eh nur auf Party aus.

Ich selbst gehe kaum aus, sehe meine Freunde wenns hoch kommt 4 Mal im Jahr und stecke wirklich viel Zeit ins Studium. Trotzdem kann man einfach nicht alles schaffen, was von einem laut Gegenstandskatalog gefordert wird. Wie auch, wenn der Sundenplan morgens um 8 Uhr anfängt und dann bis 19.30 Uhr dauert? Wie soll man denn da noch Selbststudium betreiben, um Dinge, die die Profs aus Zeitmangel in der Vorlesung nur anschneiden, aufzuarbeiten?
Obwohl ich selbst die Mittagspausen zum lernen nutze, ist es einfach fast unmöglich hinterherzukommen. Und bin keine von denen, die unbedingt in jeder Klausur eine 1 schreiben muss. Aber ich finde es schade, das der Druck einen zwingt, nur noch stupide auswendig zu lernen; Zeit, um zu verstehen (und damit viel besser zu lernen) bleibt da kaum.

Ich wusste vorher, worauf ich mich einlasse und komme auch “nur” aus einfachen Verhältnissen, was heißt, dass ich finanzielle Unterstützung von meinen Eltern vergessen kann.
Ich merke selbst, dass ich mich nicht grade gesund fühle, wenig schlafe und mich auch viel weniger bewege, weil ich einfach nur noch am Schreibtisch hänge.

Muss man den heute ein bedürfnisloser Roboter sein, um den Anforderungen des Medizinstudiums gerecht zu werden? Dadurch wird man einfach nur noch zum gefühlslosem Zombie. Wie soll so jemand später als Arzt die Probleme der Patienten nachvollziehen und -empfinden können? Und wie sollen diese dann ein gutes Vertrauensverhältnis aufbauen? Also ich möchte nicht einer mir unsympathischen Person zum Teil sehr intime Dinge erzählen.

@andreas: Ich finde es einfach nur unverschämt, die Studenten als schlaff, degeneriert und passiv zu bezeichnen. Obwohl das Studium sehr zeitaufwendig ist, sind viele gerade in der Fachschaft sehr aktiv und setzen sich für ihre Kommilitonen ein. Das zeigt mir nur, dass da jemand ein Kommentar von sich gibt, der anscheinend von der ganzen Sache überhaupt keine Ahnung hat.

#6 |
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Michael Klomp
Michael Klomp

Erstens: Über wen handelt denn der Beitrag? Das sind doch diese typischen 1er Abiturienten, die schon in der Schule keinen Spaß haben konnten, weil Noten alles für sie sind. Ich glaube einfach nicht, dass es unmöglich ist neben dem Studium einen Ausgleich zu finden.
Zweitens: Wir sind doch in einer Situation, in der unsere Noten eh völlig egal sind. Es herrscht Ärztemangel! Wir werden sowieso eingestellt. Also kommt klar und seht ein, dass man nicht unbedingt nur einsen braucht.
Drittens: Es war doch von vornherein klar, dass dieses Studium auwendig wird. Ich gebe Herrn Dr. Schröter völlig recht. Man muss sich halt einfach mal auf den Allerwertesten setzen.
Mein Fazit: Mit Disziplin und Vernunft kann man das meiste schaffen.

#5 |
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Dr. med. Mathias Schröter
Dr. med. Mathias Schröter

Man muss auch während des Studiums nicht andauernd auf Partys gehen, man muss auch keine Beziehung haben oder einen Freund/in. Das kann man mit 26 oder später immer noch. Und andere können das, erziehen ggf. nebenher noch Kinder, und schaffen es auch.
Es ist eher eine Frage der Disziplin, auch der Weltanschauung und damit der Verarbeitung des Lebens.
Es gibt zudem noch viel schwerere Studiengänge, wie Wirtschaftsingenieurwesen, und der Berufsalltag sieht dementsprechend aus.
Wer also nur Medizin studiert, weil Papi auch Arzt war oder weil es ja gesellschaft angesehen ist, also aus dem Ego heraus, hat in dem Beruf eh nichts verloren.
Zudem gibt es spöter dann noch Konkurrenzkampf in der Klinik, und Konkurrenzkampf im Leben, zudem ein marodes Gesundheitssystem.
Man weiss eigentlich also, was man vor sich hat, und jedes Studium ist eine Ausbildung !
Und Lehrjahre sind keine Herrenjahre.
Disziplin und Ordnung sind gefordert, vor allem innere Ordnung.
Und die hat die Partygesellschaft heute oft nicht mehr.
Viele in meinem Studium mußten zudem auch immer Freunde habem, womit hier meist lockere und wexhselnde Partnerschaften gemeint waren, oft stand der Sex im Vordergrund. Viele führten so eher ein Lotterleben. Die hatten auch am meisten Probleme, obwohl Papi und Mami ihnen alles bezahltem oft sogar noch ein Auto.
Ich hatte nichts davon, sondern mußte mir alles selbst erarbeiten, und habe es auch geschafft.

Zielorientierte Menschen sind ein gutes Ziel ! Zudem hat man es später auch mit psychisch kranken Menschen zu tun, und wie soll man denen Halt geben, es geht ja nicht nur um den Körper, wenn man selbst innerlich keine Halt hat, keine Weltanschauung oder völlig unausgegoren ist ??

#4 |
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Dr. med. Mathias Schröter
Dr. med. Mathias Schröter

Ich habe während meines Studiums 5 Jahre nachts auf Intensiv gerarbeitet, 2 Jahre zusätzliche eine exoerimentelle Promotion gemacht, und 6 Jahre ehrenamtlich in der Seelsorge einer großen Freikirche gearbeitet.
Zudem war klar, dass eine Arbeit an der Uni oder Großklinik kein 8h-Job ist, sondern oft 10-12 h am Tag, + Wissenschaft. Wo ist also das Problem ?
Die Generation Freizeit und allgemein ist heute einfach nicht mehr belastbar.

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Rebekka Sikner
Rebekka Sikner

Klar, Anna, du hast schon Recht, die Anforderungen haben längst ein unangenehmes Maß erreicht. Ich wollte nur sagen, dass nicht das schwere Studium der Grund für die Depressionen der o.g. Studenten ist. Als wir uns dafür entschieden haben, wussten wir, dass es eines der schwersten und längsten überhaupt ist, dem ist halt nicht jeder gewachsen. Dem Berufsleben unter den derzeitigen Umständen allerdings noch weniger. Ich habe alle Achtung vor denen, die das durchhalten und hoffe ganz egoistisch, dass sich was geändert hat, bis ich soweit bin… Aber um das zu erreichen – was konkret schlagt ihr denn vor? Die “überflüssigen” Pflichtseminare werden nach jedem Systemblock (Modellstudiengang) diskutiert und es wurde schon eine Menge für nachfolgende Jahrgänge geändert. Soll ich zu meinem Prof gehen (oder später zu meinem Chefarzt) und sagen, das sehe ich nicht ein, das lern ich nicht? zu dem Dienst komm ich nicht? so knapp scheint es ja noch nicht zu sein, dass man sich das erlauben könnte… meiner Meinung nach kann man Forderungen nur dann stellen, wenn man nicht entbehrlich ist!

#2 |
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Rebekka Sikner
Rebekka Sikner

liebe Medizinstudenten, ihr wisst ja sicher, dass “Burnout” die verbreitetere und akzeptiertere Bezeichnung für “Depression” ist und die eine ernstzunehmende Erkrankung und neben Stress auf mangelnde Bewältigungsstrategien und Prädisposition zurückzuführen ist. Nicht das Studium ist Schuld, es ist nur ein möglicher Auslöser. Das ist der eine Punkt.
Der andere Punkt ist an dich, lieber Andreas: selbst wenn wir es schafften, das System so zu ändern, dass wir weniger zu Lernen haben – was sollte das bringen? Dann wären wir schlechter vorbereitet auf das, was uns später im “richtigen Leben” erwartet. Und die mit der Prädisposition hätten ihr “Burnout” eben ein paar Jahre später als Assistenzarzt. Ich find es ganz in Ordnung, dass sich schon während des Studiums herausstellt, wie gut man mit Stress umgehen kann. Da kommt eine Generation von Ärzten auf die Patienten zu, die gelernt hat, mit Höchstanforderungen fertigzuwerden und möglicherweise nicht zusammenbricht nach der dritten Nachtschicht allein im Dienst und dem fünften toten Patienten in einer Woche!

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