Therapie: Zwischen Stop und Go

22. Mai 2015
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Immer häufiger entscheiden sich Ärzte und Patienten bewusst für einen Behandlungsverzicht, berichten niederländische Forscher. Das betrifft sowohl medizinische als auch pharmazeutische Maßnahmen. Ihr Ziel: mehr Lebensqualität.

Gerade am Lebensende erhalten viele Patienten die maximal mögliche Versorgung – in pharmakologischer und in medizinischer Hinsicht. Niederländische Ärzte gehen seit längerer Zeit einen eigenen Weg. Sie verzichten speziell bei älteren, unheilbar kranken Patienten häufig auf Therapien, die sie jüngeren Menschen durchaus zuteil werden lassen. Das haben Versorgungsforscher jetzt herausgefunden.

Register des Todes

Sandra Martins Pereira, Amsterdam, hat das niederländische Todesregister ausgewertet, um Details in Erfahrung zu bringen. Zusammen mit Kollegen analysierte sie alle Todesfälle, die zwischen August und November 2010 aufgetreten waren. Sie bat Ärzte, Details über Patienten zu kommunizieren. Zurück kamen 6.600 Fragebögen. Inhaltlich ging es um medizinische Entscheidungen am Lebensende. Forscher teilten für ihre weitere Arbeit alle Daten in drei Patientengruppen ein, orientiert am Alter: 17 bis 64 Jahre, 65 bis 79 Jahre und mehr als 80 Jahre.

Gezielter Verzicht

Insgesamt sahen Ärzte in 37 Prozent aller Fälle von weiteren Maßnahmen ab. Besonders häufig stellten sie die Gabe von Flüssigkeit und künstlicher Ernährung ein, gefolgt von der Medikation. Sandra Martins Pereira zufolge betraf der bewusste Verzicht vor allem Menschen über 80 (42 Prozent aller Datensätze). Bei den 65- bis 79-Jährigen waren es 36 Prozent, und bei den 17- bis 64-Jährigen 25 Prozent.

Weniger Therapie – mehr Lebensqualität

Die Forscher schreiben als Erklärung, es gehe hier nicht um „Altersdiskriminierung“, sondern um mehr Lebensqualität. Patienten profitieren nicht immer von der maximal möglichen Therapie. Ärzte würden dies zunehmend respektieren. Auch in Deutschland diskutieren Health Professionals, im Zuge der Palliativpflege Therapien auf ein sinnvolles Maß zu minimieren – nach der Diskussion mit Patienten beziehungsweise mit deren Angehörigen.

39 Wertungen (4.64 ø)

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4 Kommentare:

Gastin
Gastin

“… betraf der bewusste Verzicht vor allem Menschen über 80…” Und wer hat für diese Menschen entschieden?
Und an Gast2 dann muss man doch schon bei Kinder anfangen, die niemals selbstsändig leben können, oder wird das dann anders bewertet. Wird da am Leben gehalten und alte Menschen sollen möglichst schnell, kostengünstig verschwinden, ich gebe da M. Sander recht. Und meine eigne Erfahrung als Altenpflegerin, immer wenn Angehörige zuzahlen müssen oder sie um ihr Erbe bangen wird auch hier in Deutschland sehr schnell für einen ach so besseren Tod entschieden.

#4 |
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Gast
Gast

Mit dem richtigen Maß (und das zu beurteilen ist sicherlich das Schwierigste am Ganzen) ist ein Tausch Lebensqualität gegen Lebensjahre m. E. sinnvoll. Nach einem längeren Gespräch mit dem behandelnden Arzt meines demenzkranken Vaters sagte dieser: “es wäre schöner für ihren Vater, wenn er bei Ihnen zu Haus bleiben könnte. In einer Spezialeinrichtung würden alle heute möglichen medizinischen Therapien eingesetzt, um den Körper am Leben zu erhalten, während der Geist langsam stirbt. Der Mensch sieht sich sozusagen selbst beim Sterben zu.”

Dieser Satz gab mir doch sehr zu denken. Gibt es überhaupt noch Menschen, die an Altersschwäche sterben? Muss der Körper wirklich langsam verfallen, um die Maschinen an der Lebenserhaltung zu hindern?

Die größte Schwierigkeit hierbei ist sicherlich, dem Wunsch des Patienten gerecht zu werden, denn er kann sich oft nicht mehr äußern oder verstehen und Patientenverfügungen haben nicht alle.

#3 |
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Gast
Gast

Zum “natürlichen” Sterben gehört dazu, dass man nicht mehr mit Flüssigkeit versorgt wird, wenn man diese nicht mehr selbstständig zu sich nehmen kann. Ganz im Gegenteil ist die Versorgung mit Infusionen eine künstliche Herauszögerung des Todes und besonders wenn die Nieren nocht mehr richtig arbeiten und sich Ödeme bilden eine Qual für jeden Patienten. Man sollte das schon differenziert betrachten.

#2 |
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Studentin der Pharmazie

Ich möchte nicht wissen, wie viele Patienten nicht an ihrer unheilbaren Erkrankung versterben, sondern an Austrocknung! Vor kurzem erst selbst mitbekommen. Patientin mit weit fortgeschrittenen Krebs wurde einfach nicht mehr mit Flüssigkeit versorgt. Sie war vollkommen ausgetrocknet. ( Und vor allem war sie 4 Tage vorher geistig fit). Das Zimmer wurde einfach nicht mehr betreten….man hätte den Abgang wohl doch annehmlicher gestalten können!
Mag sein dass ein Patient nicht von allen Therapien profitiert, aber zumindest sollte z.B. ein Patient mit starken Schmerzen mit Medikamenten versorgt werden. Ich glaube nicht das der Verzicht darauf mehr Lebensqualität bringen würde…irgentwie ist das alles erschreckend! Frei nach dem Motto: “Der ist eh zu alt, nicht heilbar= also keine Therapie! Ist ja blödsinnig das wäre ja Verschwendung” !

#1 |
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