Ritalin: Nichts wie weg

22. Mai 2015
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Deutschlands Ärzte verschreiben Methylphenidat bei ADHS mit mehr Augenmaß. Das fanden Forscher am BfArM jetzt heraus. Über mögliche Gründe lässt sich nur spekulieren. Demgegenüber kommen entsprechende Pharmaka häufiger als Hirndoping zum Einsatz.

Methylphenidat – früher in fast aller Munde: Die verordnete Menge schnellte zeitenweise explosionsartig nach oben. Ein paar Zahlen: Gemessen am Vergleichszeitraum 1999 stieg der Verbrauch in 2000 um sage und schreibe 91 Prozent. Bis 2008 ging es mit plus 17 Prozent weiter, und seit 2009 waren es noch drei Prozent. Im Jahr 2013 ging es erstmals um zwei Prozent nach unten. Entsprechende Zahlen hat das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) veröffentlicht. „Von einer echten Abwärtstendenz können wir derzeit sicherlich noch nicht sprechen“, so BfArM-Präsident Professor Dr. Walter Schwerdtfeger. „Gleichwohl werten wir diesen ersten leichten Rückgang nach dem massiven Anstieg der vergangenen 20 Jahre als ein positives Signal, das möglicherweise auf einen kritischeren Umgang mit Methylphenidat hindeutet.“

Vielfältige Hintergründe

Die Frage, warum es über Jahre hinweg zu einem stetigen Anstieg der verordneten Menge an Methylphenidat kam, können sogar Experten nicht zweifelsfrei beantworten. Sie sprechen von verbesserten Diagnosemöglichkeiten, wollen aber auch Fehl- und Überdiagnosen nicht ausschließen. Sie fordern, dass Therapien unter Aufsicht eines Spezialisten für Verhaltensstörungen durchgeführt werden. Das ist nicht immer der Fall.

Off label war gestern

Da die Erkrankung zwar im Kindesalter beginnt, sich jedoch häufig bis ins Erwachsenenalter hinein fortsetzt, kommen ältere Patienten als mögliche Zielgruppe mit hinzu. Früher blieb Ärzten nur, Methylphenidat „off label“ zu verordnen. Die Ausweitung der Zulassung auf Erwachsene mit ADHS in 2011 hat nicht zu einem außergewöhnlichen Verbrauchsanstieg geführt – aber zu mehr Rechtssicherheit.

Pille im Job

Trotzdem ist nicht alles eitel Sonnenschein. Immer mehr Arbeitnehmer erhöhen ihre Leistungsfähigkeit vermeintlich mit Medikamenten, unter anderem Methylphenidat, Piraceton, Fluoxetin und Metoprolol. Auf Basis von Abrechnungsdaten aller 6,2 Millionen Versicherten gibt die DAK-Gesundheit aktuelle Trends zu Protokoll. Seit 2008 stieg der Anteil aller Versicherten mit Hirndoping auf Rezept von 4,7 auf 6,7 Prozent. Geht die verordnete Menge an Methylphenidat bald wieder nach oben? Ausschließen kann das derzeit niemand.

11 Wertungen (4.64 ø)

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4 Kommentare:

Gast
Gast

komischerweise, weis man gar nicht genau im Voraus, wie das Ritalin im Einzelfall wirken wird. Er kann sowohl “aufregen”, aktivieren, der Blutdruck steigt, wie “beruhigen”. Das zeigt schon, dass immer auch etwas Experimentelles bei der Anwendung dabei ist, übrigens wie bei vielen “neurotropen” Substanzen.
Das Hirn ist halt kein einfaches Organ und weil es noch in der Szene (fälschlich) als Beruhigungsmittel gilt, wird es noch nicht als “Droge” missbraucht, hat aber die Potenz dazu. Deshalb soll man es auch nicht plötzlich absetzen.
Skepsis ist angebracht und nach den geltenden Richtlinien ist daher eine medikamentöse Monotherapie verboten.

#4 |
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Gast
Gast

Ich muss hier wehement dem letzten Kommentar widersprechen.
Methylphenidat zu verabreichen, hat überhaupt nichts mit ruhig stellen zu tun. Wer das so sieht, kennt sich nicht aus , denn Methylphenidat gehört zur Gruppe der Psychostimulantien !
Bei richtiger Diagnose ist Methylphenidat nach wie vor das erste Mittel der Wahl zur medikamentösen Therapie von ADS / ADHS und hat durchaus seine Einsatzberechtigung.

#3 |
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Gast
Gast

Kinder mit Tabletten ruhig zu stellen ist für mich Körperverletzung.

#2 |
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Gast
Gast

Der Begriff Doping zeigt wenigstens, dass so etwas gefährliche Nebenwirkungen hat.
Was mir nicht an dem Begriff gefällt, ist die damit verbundene Illusion, man könnte damit die Hirnleistung steigern.
Eher das Gegenteil ist der Fall, ähnlich wie beim Alkohol.
Wer sehr “ängstlich” ist kann natürlich mal eine Beruhigungstablette nehmen (früher Valium), er darf nur damit nicht Auto fahren.

#1 |
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