Psychologie: „Verschobene Rache“ ist süß

7. Mai 2015
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Rache ist süß. Doch kann die Genugtuung auch dann noch süß schmecken, wenn sie gegen eine unbeteiligte Person gerichtet ist? Ja, allerdings nur, wenn diese Person und der ursprüngliche Täter einer gemeinsamen Gruppe angehören. Psychologen sprechen dabei von „verschobener Rache“.

Wenn man sich für erlittenes Unrecht nicht an der Person rächt, die einem das Unrecht zugefügt hat, sondern an einer unbeteiligten Person, spricht man von „verschobener Rache“. Ein besonders erschütternder Fall dieses Phänomens war die Ermordung des britischen Soldaten Lee Rigby in London im Mai 2013 durch zwei islamistische Fundamentalisten. Die Täter verkündeten damals, dass dieser Mord die Rache für die „tägliche Tötung von Muslime durch britische Soldaten“ sei.

Die bisherige Forschung erbrachte, dass die Wahrscheinlichkeit einer solchen Tat steigt, wenn der ursprüngliche Täter und die unbeteiligte Person, an der die Rache verübt wird, aus einer gemeinsamen Gruppe stammen und als einander ähnlich wahrgenommen werden. Unbekannt war jedoch, ob es sich bei der „verschobenen Rache“ um ein zielorientiertes Verhalten handelt. „Bislang wussten wir nicht, ob die Rächer ihre Tat hinterher bereuen oder ob verschobene Rache nicht sogar befriedigend sein kann“, sagt der Marburger Sozialpsychologe Mario Gollwitzer, der gemeinsam mit Arne Sjöström das Phänomen in drei Studien untersuchte.

Rächen oder nicht rächen…

In der ersten Online-Studie sollten 169 Probanden im Alter von 18 bis 56 Jahren eine Geschichte lesen und sich in den Protagonisten hineinversetzen: Der Protagonist wird von einer anderen Person ungerecht behandelt und rächt sich danach – entweder am Übeltäter selbst oder an einem unbeteiligten Stellvertreter. Zusätzlich erfahren die Probanden, dass die Gruppe, der beide (Übeltäter und Stellvertreter) angehören, entweder sehr eng zusammengehört oder nur lose verbunden ist.

In der zweiten Online-Studie sollten sich die 89 Probanden im Alter von 19 bis 36 Jahren an eine Situation erinnern, in der sie selbst Opfer eines Unrechts waren, sich aber nicht gerächt hatten. Anschließend sollten sie sich vorstellen, sie würden sich nun doch rächen, und zwar wiederum entweder am Übeltäter selbst oder an einem Stellvertreter. Wieder gehörten beide, Übeltäter und Stellvertreter, der gleichen Gruppe an, die entweder eng oder nur locker verbunden war.

Direkte Rache ist zufriedenstellender

Die Ergebnisse beider Studien zeigen, dass die Probanden nach direkter Rache am Übeltäter zufriedener waren und weniger Schuldgefühle hatten als nach „verschobener Rache“ am Stellvertreter. Die Zufriedenheit nach „verschobener Rache“ war jedoch dann hoch, wenn der Stellvertreter und der Täter einer engen gemeinsamen Gruppe angehörten. Die Zufriedenheit war hingegen deutlich niedriger, wenn die „verschobene Rache“ an einer Person geübt wurde, die weniger eng mit dem Täter verbunden war.

Eine weitere Studie unter Laborbedingungen mit 72 Teilnehmern im Alter von 18 bis 30 Jahren zeigte: Personen fühlen sich nach „verschobener Rache“ besonders befriedigt, wenn der ursprüngliche Übeltäter und die Person, die ihre Rache abbekommen hat, sich sowohl äußerlich als auch in ihrem Verhalten sehr ähnlich sind.

„Verschobene Rache“ als zielorientierte Handlung

Insgesamt erweist sich „verschobene Rache“ daher nicht einfach als ein irrationaler Impuls oder als willkürliches Ausleben der eigenen Frustration an irgendeiner anderen Person. „Sie stellt vielmehr eine zielorientierte Handlung dar, die unter der Bedingung, dass der Täter und die Zielperson der Rache aus einer eng zusammengehörigen Gruppe stammen, dem Rächer Genugtuung verschaffen kann. Auch ‚verschobene Rache‘ kann also in der Tat ‚süß‘ sein“, sagt Arne Sjöström. „Möglicherweise hält man aufgrund einer hohen Ähnlichkeit mit dem Täter auch die Zielperson für schuldig an dem Ereignis, das den Rachewunsch ausgelöst hat“ erläutert Mario Gollwitzer. Dieses Verhalten könnte man mit Kollektiv- bzw. Sippenhaftung vergleichen.

Originalpublikation:

Displaced revenge: Can revenge taste “sweet” if it aims at a different target?
Arne Sjöström et al.; Journal of Experimental Social Psychology, doi: 10.1016/j.jesp.2014.09.016; 2015

20 Wertungen (4.1 ø)
Medizin, Neurologie, Psychiatrie

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12 Kommentare:

Maria Maiwieden
Maria Maiwieden
#12 |
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Oh je, vor solchen retundanten Untersuchungen sollte im Vorab noch eine Kommission… HILFE! Ich empfehle das Buch von Giulio Cesare Giacobbe über die “Hirnwichserei”.

Also, diese Untersuchung ist einfach banal (Danke! Frau Robinson #9), denn in praxi sieht man das über Rollenzuschreibungen überall ob am Krankenbett, in Familien oder in resp. zwischen Gruppen.
Wichtig wäre doch, evidente Ansätze zu üben, um einer zunehmenden Menge von (jungen) Menschen gewaltpräventives Verhalten per sozialer Fähigkeiten/Konfliktlösestrategien nicht nur nahe zu bringen, sondern auch als Basiswert eines menschlichen Zusammenlebens im positiven Sinne “schmackhaft” zu machen.
Das hat was mit “Werten” zu tun! Denn wenn Gewalt, ob nun Rache oder was auch immer an aggressivem Verhalten, in Gruppen, zwischen Geschlechtern, Ethnien, Religionen etc. einen Stellen-“Wert” hat, dann sind wir menschlich nicht weiter als vor 5000 oder 10 000 Jahren.
Wie brauchen in der Praxis keine neuen akademischen Beschreibungen bekannter Phänomene, sondern effiziente Handlungsstrategien, denn auch im therapeutischen Handeln wird noch allzu oft aus “gut gemeint” “schlecht gemacht”.

#11 |
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Auch psychologische Fragestellungen sollten vor der Durchführung dr BEfragung einer Ethik-Kommission vorgelegt werden. Diese Untersuchung trägt nicht gerade zur Verbesserung des sozialen Gefüges bei.

#10 |
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Ärztin

Ich finde das recht banal. Jedes Attentat und jeder Krieg folgt doch diesem Prinzip und löst bei den Aggressoren Genugtuung aus. Rachemotive sind da schnell mal konstruiert.

#9 |
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Vater
Vater

Liebe wird gerne (zusehends) missbraucht.
Menschen, besonders Kinder wünschen sich Sicherheit, Geborgenheit.

#8 |
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Vater
Vater

zu#6 Ich kenne als erfahrener Vater eigener Kinder, das Adoptiv-Kinder-Problem in der engsten Verwandtschaft, deshalb ist meine Antwort: Nein, abgesehen von den Genen (der Apfel fällt nicht weit vom Baum) eher mangelnde Erziehung. Man ist nicht streng genug zu Adoptivkindern gerade, weil es Adoptivkinder sind.
Ich hatte sie auch zeitweise bei mir in der Wohnung und da klappte es merkwürdigerweise besser als bei den eigenen Eltern, wirklich nur mit Worten, die aber ernst und deutlich waren, natürlich etwas scheinheilig :-) weil ich mit dem Satz angefangen habe,
dass ich mich nicht in die Erziehung einmischen möchte,
allerdings in meinem Haus einige Regeln zu beachten seien. Das haben die sofort verstanden und tatsächlich beachtet.
Dazu gehörten auch “Kraftausdrücke” und Lügen :-), Aggressionen sowieso,
die soll man bitte nicht “rauslassen” liebe Psychologen, sondern kontrollieren, das fängt im Babyalter an.
Das heutige größte Erziehungsproblem ist imho die Nicht-Eltern-Umwelt,
die sich direkt an die Kinder richtet (Werbung+US-Fernsehen) und der Staat mit all den Gemeinschaftseinrichtungen ist auch nicht besonders “elternfreundlich”.
Das ändert allerdings nichts an ihrer Hauptverantwortung, die jedoch irgendwo ihre natürlichen Grenzen hat.

#7 |
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Würde man es auch als”verschobene Rache” bezeichnen, wenn ein Adoptivkind, das von seiner leiblichen Mutter vernachlässigt und zur Adoption freigegeben wurde, sich später an der Adptivmutter,die sie sehr liebevoll aufgezogen hat,rächt?

#6 |
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Rettungsassistent

Ein weiser Mann sagte mal: “Rache ist nur was für Idioten.”

Werden Unschuldige Racheopfer für die Tat eines Anderen/Anderer, potentiert sich diese Aussage.

Wenn ich z. B. an Blutracherituale denke, bei denen aus falschem Ehrgefühl ganze Familien ausgelöscht werden, fällt es mir schwer dafür eine psychologische “Entschuldigung” wahrzunehmen.

#5 |
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Dr Marianne Rinck
Dr Marianne Rinck

Das war keinesfalls sarkastisch gemeint. Ich stimme Ihnen völlig zu !

#4 |
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Ives Maintenant MD
Ives Maintenant MD

Liebe Frau @Dr Marianne Rinck, man muss keineswegs religiös sein um menschliches Fehlverhalten beim Namen zu nennen.

Dummerweise ist es ja fast Mode geworden durch Psychologen eine auch noch bedauernswerte Psychodiagnose aus Fehlverhalten zu machen.
Und dieses “gute Rauslassen” von allem Bösen, statt ein bischen Selbstbeherrschung.

#3 |
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Dr Marianne Rinck
Dr Marianne Rinck

Amen

#2 |
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Ives Maintenant MD
Ives Maintenant MD

die Rache ist mein,
sprach der Herr

#1 |
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