Hippocampus: Adressänderung bei Ängstlichkeit

5. Mai 2015
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Ängstlichkeit wird von Nervenzellen im Hippocampus kodiert und bevorzugt an ein Areal geleitet, das bisher kaum damit verbunden wurde. So gehen die Informationen nicht Richtung Amygdala, wo normalerweise Angstgefühle verarbeitet werden, sondern an den präfrontalen Cortex.

Generell werden Informationen über Gedächtnis und Emotionen vom Hippocampus an viele andere Gehirnregionen „versendet“, damit sie dort weiter verarbeitet werden. Das kann auf zweierlei Art passieren: „Wie ein Radiosender, der sein Programm ausstrahlt und jeder nimmt sich, was ihn interessiert, oder wie die Post, mit fix zugewiesenen Adressaten für verschiedene Informationen“, erklärt Thomas Klausberger, Leiter der Abteilung für Kognitive Neurobiologie der Medizinischen Universität Wien und Studienbegleiter.

Anhand der Funktionen „Gedächtnis“, „zielgerichtetes Verhalten“ und „Ängstlichkeit“ untersuchten die Wissenschaftler der Medizinischen Universität Wien den Informationsfluss der Neuronen im Hippocampus im Tiermodell mit Hilfe einer opto-genetischen und elektrophysiologischen Untersuchungsmethode, die über Lichtreize funktioniert. Sie konnten zeigen, dass dieser beim Gedächtnis breit gestreut ist, was daran liegen könnte, dass mehrere Gehirn-Areale dabei beteiligt sind. Aber im Fall von zielgerichtetem Verhalten und Ängstlichkeit sortiert der Hippocampus die Information und schickt sie mit Hilfe von unterschiedlichen Nervenzellen ganz gezielt an jene Zentren im Gehirn, die dafür spezialisiert und verantwortlich sind.

Präfrontaler Cortex entscheidet

Gleichzeitig wurde aber auch entdeckt, dass Ängstlichkeit von bestimmten Nervenzellen im Hippocampus kodiert und bevorzugt an ein Areal weitergeleitet wird, das bisher weniger damit in Verbindung gebracht wurde: Der Hippocampus leitet bei Ängstlichkeit die Informationen nicht an die Amygdala-Region des Gehirns, wo normalerweise Angstgefühle verarbeitet werden, sondern an den präfrontalen Cortex, wo eigentlich die Entscheidungen getroffen werden. Klausberger: „Wenn man etwa auf einen sehr hoch gelegenen ‚Skywalk‘ im Gebirge hinausgeht, ist man ängstlich und weiß nicht, ob man hinausgehen soll. Um den Ausblick zu haben, muss die Neugierde gewinnen und  die Ängstlichkeit überwunden werden. Die Entscheidung, ob man neugierig hinausgehen oder eher in Sicherheit bleiben soll, wird im präfrontalen Cortex getroffen.“ Klausberger: „Das beantwortet eine ganz generelle Frage der Neurobiologie, nämlich wie das Gefühl der Ängstlichkeit im Gehirn dargestellt und verarbeitet wird.“

Dabei darf die Emotion der Ängstlichkeit nicht mit akuter Angst, etwa bei einer überraschenden Begegnung mit einer Klapperschlange in freier Wildbahn, oft begleitet mit dem „Freezing“-Effekt, verwechselt werden.

Originalpublikation:

Selective information routing by ventral hippocampal CA1 projection neurons
Thomas Klausberger et al.; Science, doi: 10.1126/science.aaa3245; 2015

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Forschung, Medizin, Neurologie

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1 Kommentar:

Kleine ›Cerebrale-Kopernikus-Wende‹:
Bislang war die ›Amygdala‹ für so ziemlich alles gut. (›Fight or Flight‹, ›Feingefühlsabstimmung‹ etc.)
Jetzt werden ›limbische‹ auf ›corticale‹ Anteile verlagert!!!
Müssen wir das alte Paradigma aufgeben/revidieren?
Die Bedeutung des ›praefrontalen Cortex‹ ist viel zu lange unterschätzt worden (Sitz der Handlungsentscheidung, Planung, Individualität etc.). Warum sollte hier das ›Limbische System‹ nicht Einfluss nehmen?
Hat dies Ändererungen in der Therapie von ›GAS‹ (›target region‹)?

#1 |
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