Brustkrebs: Diagnose-Stress fördert Störungen

20. April 2015
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Brustkrebspatientinnen zeigen schon vor der medikamentösen Behandlung Aufmerksamkeitsstörungen und machen signifikant mehr Fehler. Diese kognitiven Störungen werden offenbar durch posttraumatischen Stress infolge der Krebsdiagnose verursacht.

Bei Krebspatienten können Störungen der Aufmerksamkeit, des Gedächtnisses und anderer Basisfunktionen mentaler Prozesse auftreten, wie zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen feststellten. Diese kognitiven Beeinträchtigungen wurden lange ausschließlich auf Nebenwirkungen der Chemotherapie zurückgeführt und erhielten den Namen Chemobrain – bis eine Reihe von Studien ein „Chemo-Gehirn“ schon bei Patienten nachwies, deren medikamentöse Behandlung noch gar nicht begonnen hatte. Jetzt konnte ein Team um Dr. Kerstin Hermelink vom Brustzentrum der Frauenklinik der LMU zeigen, dass höchstwahrscheinlich posttraumatischer Stress infolge der Krebsdiagnose die bisher unerklärten Störungen vor Therapiebeginn verursacht.

Traumatische Diagnose

Vor allem bei Brustkrebspatientinnen wurde über Störungen kognitiver Funktionen schon vor Therapiebeginn vielfach berichtet. Zu den Ursachen gab es bisher nur Vermutungen: Die Krebserkrankung selbst könnte bestimmte Gehirnfunktionen beeinträchtigen, beispielsweise durch eine vermehrte Ausschüttung von Zytokinen, oder Krebserkrankung und kognitive Beeinträchtigung könnten eine gemeinsame genetische Grundlage haben. Die LMU-Forscher haben mit ihrer Studie nun eine andere Erklärung überprüft und bestätigt.

„Eine Krebserkrankung kann als Trauma erlebt werden. Vor allem kurz nach der Diagnose entwickeln viele Krebspatienten sogar Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung“, sagt Kerstin Hermelink. „Stress hat großen Einfluss auf unsere geistige Leistungsfähigkeit und hinterlässt deutliche Spuren im Gehirn – da lag es nahe zu untersuchen, ob die kognitiven Störungen, die manche Brustkrebspatientinnen zeigen, durch den Stress der Krebserkrankung verursacht werden.“

Stressbedingte Fehler

Die Wissenschaftler untersuchten mehr als 160 Brustkrebspatientinnen und 60 Frauen, bei denen eine Untersuchung der Brust keinen Verdacht auf Krebs ergeben hatte, zu drei Zeitpunkten im Verlauf des ersten Jahres nach der Diagnose. Vor Behandlungsbeginn zeigten die Patientinnen und die gesunden Frauen nahezu identische Leistungen in kognitiven Tests, nur in einem Test der Aufmerksamkeit unterliefen den Patientinnen deutlich mehr Fehler. „Wie vermutet hing die Fehlerzahl in diesem Test mit posttraumatischer Stressbelastung zusammen – je stärker die Teilnehmerinnen belastet waren, umso mehr Fehler machten sie. Der Zusammenhang war statistisch sehr signifikant“, sagt Kerstin Hermelink.

In der Studie wurde vor Therapiebeginn ein wesentlich geringeres Ausmaß kognitiver Beeinträchtigung gefunden als in einigen früheren Untersuchungen. „Das liegt vermutlich daran, dass wir Faktoren, die die Ergebnisse verzerren können, besonders sorgfältig kontrolliert haben“, sagt Hermelink. „Wir haben darauf geachtet, dass die Patientinnen und die gesunden Frauen der Kontrollgruppe sich möglichst wenig unterscheiden.“ Schon kleine Unterschiede im Alter, der Bildung oder der Intelligenz, die zwischen Patientinnen und gesunden Teilnehmerinnen bestehen, können zu unterschiedlichen Testleistungen führen und so fälschlich den Eindruck kognitiver Störungen bei Krebspatientinnen erwecken.

Geringere Störungen vor Behandlungsbeginn

„Unsere Ergebnisse sind eine gute Nachricht für Brustkrebspatientinnen“, ist Hermelink überzeugt. „Zumindest vor Behandlungsbeginn gibt es keinen Grund anzunehmen, dass Brustkrebspatientinnen unter mehr als minimalen kognitiven Störungen leiden, die durch den Stress der Erkrankung ausgelöst werden.“

Originalpublikation:

Elucidating Pretreatment Cognitive Impairment in Breast Cancer Patients: The Impact of Cancer-related Post-traumatic Stress
Kerstin Hermelink et al.; Journal of the National Cancer Institute, doi: 10.1093/jnci/djv099; 2015

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4 Kommentare:

Gast
Gast

Wieder so ein Psychologenkappes!
Wie soll man den so einer Frau die Brust abschneiden können, ohne ihr zu sagen, dass es Krebs ist?
Die Amputation eines Beines (SA) ist viel schlimmer.
Heimlichtuerei ist hier ganz sicher unangebracht.

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Ist es wahr? Wahnsinns Ergebnis!!! Als Praktiker hätte man so etwas nie vermutet! O.k., Zynismus, einer entbehrlichen Forschung gezollt, beiseite. Wenn für den übermorgigen Abreisetag in meinen Urlaub mit Wohnmobil orkanartige Stürme und schwere Regenfälle angesagt sind (ich jedoch eine bereits gebuchte Fähre erreichen möchte), werde ich wohl ein ähnliches kognitives Muster zeigen, oder? Was man hier exemplarisch an schwerwiegenden und zweifellos belastenden Lebensereignissen untersucht, ist, da wir Menschen sind, nichts Außergewöhnliches sondern normale Bandbreite des Reagierens auf Belastungen/Stress und Teil der prozesshaften Verarbeitung. Deswegen (herzlichen Dank Frau Hänicke #2) ist es fahrlässig, dramatisierend und häufig erst Behandlungsbedarf herbei redend, wenn ständig von PTBS gesprochen wird. Für das obige Beispiel: Wirklich angstbesetzte Patientinnen verweigern notwendige und zu lebensverlängernden Optionen führende Untersuchungen. Hier müssen wir ansetzen. Leben ist einerseits Überraschung, Kampf, Stress, Tief, Erschütterung – nicht, DASS es so ist, sondern WIE wir individuell(!) einfühlsam(!) BEGLEITEN (nicht immer gleich therapieren) können, sind die Fragen!

#3 |
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Wieso kann man nicht einfach mal von ANGST sprechen, statt so sperrige Begriffe wie posttraumatischen Stress zu benutzen? Darf man heutzutage keine Angst haben? Auch nicht vor einer lebensbedrohlichen Krankheit?

#2 |
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Eine sehr interessante Studie!
Es ist ein interessanter Ansatz, sich damit zu beschäftigen, wie sehr die Lebensqualität durch die Diagnosen der high end-Medizin beeinträchtigt wird. Wenn kognitive Defizite als Ausdruck einer PTBS auftreten, sagt das viel über die Schwere der Belastung aus.
Möglicherweise ist in diesem Zusammenhang auch die Zurückhaltung vieler Patienten gegenüber Untersuchungen zur Früherkennung zu sehen: die Menschen wollen – wohl unbewußt – sich diese Belastung so lange wie möglich ersparen.
Ob sie damit vielleicht in gewisser Weise Recht haben läßt sich kaum pauschal beurteilen.

#1 |
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