Commotio cerebri: Nachbeben möglich

3. Januar 2012
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Die Mehrzahl der Menschen mit angeschlagenem Kopf spüren nach einigen Wochen nichts mehr von den Folgen ihrer Gehirnerschütterung. Manchmal reagiert das Gehirn aber auch auf leichte Beben mit schweren Funktionsausfällen - oft erst Jahre danach.

„Was geht bloß im Kopf meines Patienten vor?“ – der Arzt, der sich diese Frage stellt, versucht sich entweder empathisch in die Lage seines Anvertrauten hineinzuversetzen oder ist Neurologe. Und wer mit Kopfschmerzen einen Arzt aufsucht, hat meist nicht zuviel über den Durst getrunken, sondern häufig eine Gehirnerschütterung. Warum aber spüren manche nur leichte Kopfschmerzen nach ihrem Unfall, können sich jedoch Monate oder Jahre später nichts mehr merken, während tiefe Bewusstlosigkeit zuweilen ganz ohne Folgen bleibt? Oft sei ein ganz normales Gespräch mit Schädel-Hirn-Trauma-Patienten möglich, berichtet Veit Braun, Chefarzt der Neurochirurgischen Klinik in Siegen, zehn Minuten später könne sich der Patient aber an nichts mehr erinnern. Auch bei der mildesten Form eines solchen Traumas, der Gehirnerschütterung, sind Langzeitfolgen nicht ausgeschlossen.

Viele Daten von Boxern und Soldaten

Immerhin, rund jeder vierte erleidet irgendwann in seinem Leben einen solchen Stoß. Weitaus höher liegen die Raten bei Sportlern mit Körperkontakt zum Gegner, wie im klassischen Fall des Boxkampfs. Aber auch American Football und Rugby sind erschütterungsreich und in der neurologischen Forschung dementsprechend „beliebt“ – DocCheck berichtete. Leider liefern auch Explosionen in Kriegsgebieten besonders der amerikanischen Forschung immer wieder Teilnehmer an Studien. Trotzdem sind die Vorgänge im Schädelinneren bei Stößen immer noch weitgehend unbekannt. Schwellungen, Blutungen und das Absterben von Nervenzellen lassen sich gut mit CT und MRI beobachten. Wer aber genauer wissen möchte, wie es Nervenzellen bei einer Gehirnerschütterung geht, braucht dazu eine höher auflösende Technik. Diese liefert etwa die Diffusions-Tensor-Bildgebung, eine Variante der Kernspin-Resonanz, die Bewegung der Wassermoleküle im Blickfeld aufzeichnet.

Überaktiven Nervenzellen folgt spürbare Erschöpfung

Damit werden sich auch feine Schäden an Nervenzellen sichtbar, die durch gedehnte Axone entstehen. Jeffrey Bazarian, Neurologe an der New Yorker Rochester Klinik beschreibt sie bildhaft: „Ein Neuron ist wie eine lange dünne Spaghettinudel mit dem Zellkörper an einem Ende. Das macht sie für Dehnungen sehr empfindlich.“ Bei einem Schlag rotiert der Kopf um seine Achse im Nacken und mit ihm das Gehirn im Schädel. Dabei, so Bazarian, würden diese Spaghetti-Fasern gedehnt. Damit wird auch klar, dass die größte Belastung auf dem Gewebe liegt, dass am weitesten von der Drehachse entfernt ist, dem Frontallappen.

Vor dort gehen auch die typischen Symptome einer Gehirnerschütterung aus: Konzentrationsschwäche, Erinnerungslücken, Probleme bei der Koordination und Schwindel. Sie dauern meist nur einige Tage, manchmal aber auch Wochen und Monate. Die Dehnung der Nervenfaser reißt Natrium– und Kalziumporen der Membran auf, die beim Weiterleiten der elektrischen Potentiale wichtig sind. Wenn dann unkontrolliert Ionen in die Zelle fließen, muss sie die aufwändige Arbeit von Ionenpumpen wieder nach außen schaffen. Deswegen folgt auf die Phase von überaktiven Nervenzellen eine mit spürbarer Erschöpfung, die meist mehrere Tage anhält.

Poren-Überproduktion erhöht Empfindlichkeit

In der Zeit, die eigentlich der Erholung dienen soll, ist das Gehirn dann besonders empfindlich für weitere Erschütterungen. Und tatsächlich zeigen Statistiken von Sportlern, die mehrere Gehirnerschütterungen erlitten haben, dass die zweite meist kurz hinter der ersten folgt. Und meist ist es so, dass der der zweite Schlag den Schaden noch verschlimmert. Denn wenn Kalziumkanäle, so zeigen Laborversuche an isolierten Nervenzellen, durch den unerwünschten Zug kaputtgehen, bildet die Zelle innerhalb weniger Stunden viele neue Poren. Die aber machen die reparierte Leitung noch empfindlicher für eine erneute Belastung.

Schließlich, so fand Jamshid Ghajar von der New Yorker Brain-Trauma-Foundation, können Defekte an den Nervenzellen wandern. Kurz nach dem Trauma stellten die Forscher zuerst Schäden im Frontallappen fest. Nach einem Jahr waren aber bei einigen Patienten auch andere Regionen betroffen, die anfangs noch vollkommen in Ordnung erschienen.

Trauma mit Folgen: Alzheimer oder Epilepsie

Wenn die Dehnung auch das innere Gerüst des Nervenzellstrangs zerstört, steigt die Gefahr unerwünschter Nachwirkungen. Denn Mikrotubuli transportieren auch ein Regulatorprotein für die Synapsenbildung, das Amyloid Precursor Protein. Ohne flüssigen Transport stapeln sich die Beta-Amyloid-Proteine in Form von Plaques und sorgen für Veränderungen eines anderen Proteins: Tau. Tau-Knäuel und Amyloid-Plaques sind beide eng mit degenerativen Gehirnveränderungen verknüpft. Sie finden sich bei rund einem Drittel aller verstorbenen Opfer von Schädel-Hirn-Traumata und ähneln zumindest im äußeren Erscheinungsbild denen bei Alzheimer-Patienten. Auf der jüngsten internationalen Alzheimer-Konferenz berichteten Forscher von einem Demenzrisiko von 7 bis 15 Prozent für Trauma-Patienten. Aber auch andere neurologische Störungen beginnen manchmal mit einer einfachen Gehirnerschütterung. Jakob Christensen von der dänischen Aarhus Universität fand je nach Schwere der Verletzung ein zwei- bis siebenfaches Risiko für zukünftige epileptische Anfälle.

Alzheimer-Prävention für erschütterte Gehirne?

Für Gehirn-Erschütterte deuten sich aber auch Möglichkeiten an, ihr Degenerations-Risiko zu senken. Mark Burns von der Georgetown University in Washington gelang es mit verschiedenen Wirkstoffen die Anhäufung von Amyloid-beta Plaques bei Mäusen mit Schädel-Hirn-Trauma zu unterbinden. Die behandelten Tiere erholten sich deutlich schneller von den Folgen ihres durchgeschüttelten Gehirns. Ihre Fehlerquote bei Koordinations-Tests war nur halb so hoch wie der von Artgenossen, die keine Gamma-Sekretase-Inhibitoren bekommen hatten.

Immer deutlicher wird, dass es nach einem Unfall am Kopf auf eine gründliche Diagnostik auch noch Wochen danach ankommt. Nach früherer Lehrmeinung bleibt eine Gehirnerschütterung ohne Langzeitfolgen. Das sieht zum heutigen Zeitpunkt anders aus. Denn zuweilen ist ein solcher Unfall der Startschuss für vorzeitige Alterserscheinungen im Gehirn. Und manche Gehirnerschütterung braucht mehr als nur Ruhe.

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Medizin, Neurologie

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15 Kommentare:

Rettungsassistent

da kommt mir so ein gedanke…. die mutter meiner großen tochter ist als kind durch ein dach gefllen und recht tief gelandet.
sie hatte alle merkmale einer commotio.
seit dem hat sie mit migräneanfälle zutun die sehr heftig sind, sehr sehr heftig.
jetzt mein gedanke:
könnte es sein das durch solche traumen im kindesalter später extreme kopfschmerzen/migräneanfälle entstehen?
wäre doch ein gedanken gang oder?
ich bin jetzt keeein neurologe die sich damit ja jeden tg mit beschäftigen aber könnte ja sein?

#15 |
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Rettungsassistent

eine sehr gute information,die mutter von meiner großen tochter ist im kindesalter durch ein dach gefallen und recht tief gelandet. sie hatte sehr große kopfschmerzen und übelkeit halt das was man als königsmerkmale bei einer commotio so bekommt.
sie hat seitdem migräneanfääle die sehr oft auch unter extrembelastungen auftreten.
könnte das nicht auch so ein fall für auslöser für migräne sein?
wäre doch im bereich des möglichen, oder?

#14 |
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Benno Mertens
Benno Mertens

Wie soll die langfristige Nachsorge bei C.C. aussehen, wenn Eingangs Folgendes erwähnt wird?:
“Oft sei ein ganz normales Gespräch mit Schädel-Hirn-Trauma-Patienten möglich, berichtet Veit Braun, Chefarzt der Neurochirurgischen Klinik in Siegen, zehn Minuten später könne sich der Patient aber an nichts mehr erinnern.”
Bedeutet das, dass wenn sich der Pat. an ds Gespräch erinnern kann, Langzeitschäden ausgeschlossen werden?

Ansonsten finde ich die Diskussion ausnahmsweise erfrischend :-)

#13 |
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Ich vermisse eine nähere Erklärungder Äußerung Commotio braucht mehr Ruhe gibt es hier therapeutische Optionen?

#12 |
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Medizinjournalist

@ 8 Sehr geehrter Herr Schramm,
Ich weiß jetzt natürlich nicht, welche Erfahrungen Sie bei Langzeitbeobachtungen von Patienten mit Gehirnerschütterung haben. Ich habe mich für den Artikel in zahlreichen Fachpublikationen eingelesen und komme zu anderen Schlüssen – ohne dass ich Panik verbreiten will. Ich will nur darauf hinweisen, dass die Schlussfolgerung ¿leichte Gehirnerschütterung – keine Bedenken¿ nicht immer richtig ist.
Das New England Journal berichtet im Juni 2011 über amerikanische Soldaten : ¿Abnormalities revealed on DTI were consistent with traumatic axonal injury in many of the subjects with traumatic brain injury. None had detectible intracranial injury on computed tomography.” (DTI= Diffusion tensor imaging) “As compared with DTI scans in controls, the scans in the subjects with traumatic brain injury showed marked abnormalities in the middle cerebellar peduncles (P<0.001), in cingulum bundles (P=0.002), and in the right orbitofrontal white matter (P=0.007). In 18 of the 63 subjects with traumatic brain injury, a significantly greater number of abnormalities were found on DTI than would be expected by chance (P<0.001). Follow-up DTI scans in 47 subjects with traumatic brain injury 6 to 12 months after enrollment showed persistent abnormalities that were consistent with evolving injuries.¿
DTI findings in U.S. military personnel support the hypothesis that blast-related mild traumatic brain injury can involve axonal injury.

Eine deutsche Gruppe schreibt 2010:
C. Konrad et al: DOI: 10.1017/S0033291710001728 (2010) : Titel: Long-term cognitive and emotional consequences of mild traumatic brain injury.
¿Structural brain damage at time of testing was excluded by magnetic resonance imaging (MRI).¿ Ergebnis: The mTBI individuals had significant impairments in all cognitive domains compared to the healthy control subjects." (mTBI = mild traumatic brain injury)
(time of testing = Durchschnittlich 6 Jahre nach der Gehirnerschütterung)

Und Lancet Neurologie zu Studien bei Boxern: (2011, 10,302)
...indicate that repetitive mild traumatic brain injury, including repetitive concussive and subconcussive injury, might cause pathophysiological changes in the brain and the spinal cord. These changes can lead to neurological symptoms, such as behavioural and personality changes, dementia, parkinsonism, and, in some people, motor neuron disease.

Wenn Neurologen diese Ergebnisse anders interpretieren als ich, lasse ich mich bezüglich meines Artikels natürlich gern berichtigen.

#11 |
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Hebamme

Es scheint mir wichtig und richtig, wenn Stösse,Kompressionen oder Verletzungen am Kopf sorgfältig behandelt und ernst genommen werden.
Besonders bei Neugeborenen und Kindern.
Auf der anderen Seite besteht durch die Plastizität des Gehirns gutes Potential, vorhandene Schädigungen zu reparieren. Es gibt snfte Therapien wie Osteopathie oder Craniosakrale Therapie, die die Selbstheilungskräfte unterstützen können…

#10 |
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Petra Wirth
Petra Wirth

Wie wäre es, wenn nach Schädel-Hirn-Traumen prophylaktisch in 1-jährigem Rhytmus neurologische Kontrollen empfohlen werden über einen bestimmten Zeitraum? Kein MRT oder sonstige teure Tests, sondern einfache schriftliche oder optische Tests? Es wäre sicher sinnvoller als Medikamente zu verordnen erst mal nur zu beobachten. Wäre auch für Langzeitstudien vieler tausender Nicht-Boxer oder nicht-kriegsgeschädigter Unfallopfer sinnvoll!?

#9 |
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Student

Der Inhalt des Artikels befriedigt – wenn überhaupt – rein akademisches Interesse. Grundlagenforschung ist gut, aber auch ein regelmäßiges follow up hat doch keine Konsequenz. Was nützen Tests gegen Alzheimer?

#8 |
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Dr. Axel Schramm
Dr. Axel Schramm

Also ich finde den Artikel sehr unglücklich… Die Vermischung von SHT, Contusio und Commotio und die etwas sensationslüsterne Panikmache, jedes leichte Trauma könnte irgendwie dann in Alzheimer münden ist aus meiner Sicht verantwortungslos. Die von Ihnen verlinkte Studie wurde an Ratten durchgeführt, bei denen eine klar nachweisbare STRUKTURELLE Hirnläsion durch ein Trauma verursacht wurde. Genau hier ist in der klinischen und auch gutachterlichen Praxis in der Regel die Trennlinie zu ziehen: Zeigen sich im MRT keine Läsionen, also keine Kontusion, sollten Patienten beruhigt und über den gutartigen weiteren Verlauf aufgeklärt anstatt verunsichert und auf Langzeitfolgen fixiert werden.
Nach ihrem Artikel müßte ich des Weiteren Panik bekommen, dass meine beiden – wie nunmal alle kleinen Kinder – häufig auch mal auf den Kopf gefallenen Jungs nun auf eine Alzheimer Erkrankung zulaufen.
Bitte korrigieren Sie diesen Artikel umgehend und recherchieren Sie nochmals sauber um welchen Schweregrad des Traumas es sich jeweils gehandelt hat und stellen Sie dies dann auch entsprechend getrennt dar.
Als relativ “neuer” DocCheck-User würde ich mein Vertrauen ungern gleich in den ersten Wochen verlieren…

#7 |
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Phantastischer Zusatzmarkt: MS.
So Pathologen und MRI-Experten dem Dogma der selektiven Entmarkung nicht blind vertrauten, sahen sie bei MS in Gehirn wie Rückenmark Nervenfasern wie Nervenzellen ähnlich wie nach zentralnervösem Trauma zugrunde gehen.

#6 |
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Medizinjournalist

Vielleicht hab ich mich im Artikel undeutlich ausgedrückt. ich meinte damit natürlich nicht die noch in der frühen Forschung befindlichen Gamma-Sekretase-Inhibitoren nach Trauma, sondern ich meinte erst einmal regelmäßige Follow-Up Untersuchungen nach der Gehirnerschütterung.
Und: Natürlich habe ich in dem Artikel sowohl leichte Schädelprellung wie auch schwere Gehirnerschütterungen angesprochen. Denn darum ging es mir letzten Endes: Dass es sich letzten Endes eben NICHT sagen lässt, dass der schwache Stoß folgenlos bleibt, das schwere Schädel-Hirn-Trauma aber zwangsläufig zu einem Funktionsverlust der Gehirns führt.

#5 |
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Ärztin

Ich sehe schon, alle LeserInnen sind begeistert! Die jugendlichen Teilnehmer der Boxprojekte in den sozialen Brennpunkten werden uns die Türen einrennen mit der dringenden Frage, ob es vielleicht sinnvoll sein könnte, diese höchstwahrscheinlich sehr preiswerten Medikamente dauerhaft zur Prävention einzunehmen.

#4 |
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Genau das ist die Frage ! Im Artikel geht es munter durcheinander: Schädelprellung, Commotio und Contusio cerebri. Und wir steuern alle munter auf den Endzustand des Alzheimers zu, alle, die sich mal schlimm den Kopf gestoßen haben. Um das zu verhindern müssen wir jetzt Ebixa, Reminyl, Aricept und Exelon verordnen. Haben Sie das nicht gelesen ? Oben in der Anzeige, an der richtigen Stelle ?

#3 |
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Prof. Dr. Siegmar Breckle
Prof. Dr. Siegmar Breckle

was ist zu tun? wie geht das mit den gamma-Sekretase.Inhibitoren?
Und ist Ruhe wirklich immer das Beste?
Bericht sollte ergänzt und erweitert werden.

#2 |
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Dr. med. Rafael BALOGH
Dr. med. Rafael BALOGH

Und manche commotio cerebri braucht mehr als nur Ruhe.????
Bitte was ist zu tun wenn Ruhe nicht ausreicht.!!!
Bericht ist unvollständig.Bitte ergänzen.

#1 |
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