Auszeit für Dr. Schnipp

4. Januar 2012
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In Kliniken herrscht immer noch das Bild des Chirurgen vor, der nie müde wird und ohne Unterbrechung durchhält, bis eine Operation beendet ist. Wie eine Studie nun zeigt, verringern jedoch regelmäßige Pausen während des operativen Eingriffs den Stress der Ärzte.

Moderne Operationstechniken stellen hohe Anforderungen an die Konzentrationsfähigkeit von Chirurgen. Gerade laparoskopischen Eingriffe, bei denen über einen kleinen Schnitt ein Spezialendoskop eingeführt und die Operation via Monitor ausgeführt wird, verlangen ein präzises Arbeiten und lassen den ausführenden Arzt rasch ermüden. Nach schwierigen Operationen mit mehreren Stunden Dauer fühlen sich deshalb die meisten Chirurgen völlig erschöpft und brauchen eine entsprechend lange Erholungsphase, bis sie wieder in der Lage sind, erneut zu operieren. Dennoch waren Pausen während einer Operation bislang in Kliniken kein Thema.

Eine Studie der Klinik für Kinderchirurgie an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) erbrachte nun den Nachweis, dass kurze Unterbrechungen bei Operationen den Stress mindern und die Leistungsfähigkeit der Ärzte erhalten. Wie die Chirurgen um Professor Benno Ure im Fachmagazin Surgical Endoscopy mitteilen, verlängert sich durch die Pausen auch die Operationszeit insgesamt nicht. “Die Pausenzeit holten die Ärzte durch eine bessere Leistung wieder ein”, berichtet Ure, der Direktor der Klinik für Kinderchirurgie an der MHH ist. “Während der Unterbrechungen durften sich die Operateure hinsetzen, die Augen schließen und sich entspannen oder konnten sich mit ihren Kollegen unterhalten.”

Bergsteiger verwenden ähnliches Pausenschema

Für die Studie nahmen Ure und seine sechs Kollegen bei 51 Kindern einen minimalinvasiven Eingriff in der Bauchhöhle vor. Die Chirurgen wurden nach dem Zufallsprinzip dem jeweils zwei- bis dreiköpfigen Operationsteam zugeteilt. Bei 26 Kindern legten die Chirurgen während der Operation alle 25 Minuten eine fünfminütige Auszeit ein, bei 25 Kindern machten sie keine Pause. Ein ähnliches Pausenschema, so Ure, verwendeten professionelle Bergsteiger, die dank der regelmäßigen Erholungsphasen ihre Leistungsfähigkeit in schwierigem Terrain halten könnten.

Um herauszufinden, welche Auswirkungen Pausen während der Operationen auf die Chirurgen haben, untersuchte das Team um Ure verschiedene Parameter. Durch Entnahme von Speichelproben in regelmäßigen Abständen wurde die Konzentration der Stresshormone Cortison, Adrenalin und Testosteron gemessen. Außerdem mussten sich die Chirurgen jeweils vor und nach einer Operation Konzentrations- und Leistungstests unterziehen und Aussagen darüber machen, wie sie selbst ihre Leistungsfähigkeit und Müdigkeit einschätzen. Während des Eingriffs wurde zudem die Herzfrequenz aufgezeichnet.

Chirurgen fühlen sich weniger müde

Es zeigte sich, dass kurze Unterbrechungen durchweg positive Auswirkungen haben: Chirurgen, die Pausen machen, schütten deutlich weniger Stresshormone aus, zum Beispiel ist die Menge an Cortison um 22 Prozent geringer als bei denen, die ohne Pausen auskamen. Auch die Leistungsfähigkeit der Chirurgen, so Ure, werde durch die Unterbrechungen gefördert. Dem entspricht auch der Eindruck, den die Operateure von sich selbst haben. Sie gaben an, dass sie sich nach einer Operation weniger müde fühlen, wenn sie während des Eingriffs kurze Pausen gemacht haben.

Auf eine bessere Leistungsfähigkeit weist ebenfalls die ausgeglichene Herzfrequenz hin, die bei den pausierenden Chirurgen gemessen wurde. Operateure, die ihre Arbeit regelmäßig unterbrechen, machen außerdem weniger Fehler: “Die Fehleranfälligkeit war bei ihnen dreimal geringer als bei ihren Kollegen, die auf Pausen verzichteten”, sagt Ure. Auch die Befindlichkeit der Chirurgen nach der Operation besserte sich, wenn regelmäßige Pausen stattfanden: Die Operateure, so der Mediziner, hätten deutlich weniger Schmerzen in den Händen und im Rücken aufgewiesen, zudem seien ihre Augen nicht so schnell ermüdet.

Pausen haben günstigen Effekt für Patienten

Trotz der anfänglichen Skepsis unter den Ärzten hat sich das Kurzpausenschema in der Kinderchirurgie der MHH weitgehend durchgesetzt. „Bei allen Operationen, die voraussichtlich länger als eine Stunde dauern, werden Pausen eingelegt“, sagt Ure. Leistungsfähigere Chirurgen und eine geringere Fehleranfälligkeit sind natürlich auch von Vorteil für die Patienten. Um bei minimalinvasiven Eingriffen für bessere Sicht und mehr Bewegungsfreiheit zu sorgen, wird normalerweise der Bauch der Patienten mit Kohlendioxid aufgebläht, was aber die Blutversorgung der betroffenen Organe beeinträchtigt. In der vorliegenden Studie ließen die Operateure bei den Kindern während jeder Pause das Kohlendioxid ab. Durch diese Maßnahme verbesserte sich die Durchblutung der Organe im Bauchraum und hielt so die Nierenfunktion stabil.

In einer weiteren Studie möchte das Team um Ure nachweisen, dass die Anwendung eines Pausenschemas auch bei konventionell ausgeführten Operationen sinnvoll ist. Diese Studie soll demnächst beginnen und eine etwas größere Anzahl von Operationen umfassen. Ure, der vom klaren Ergebnis der Pilotstudie überrascht wurde, rechnet mit ähnlichen Ergebnissen. Er geht deshalb davon aus, dass sich langfristig die Einführung eines Pausenschemas bei allen aufwändigen Operationen generell durchsetzen wird.

81 Wertungen (4.59 ø)

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9 Kommentare:

Diplompsychologe Axel Lohse
Diplompsychologe Axel Lohse

@ Herrn Interessierter, der doppelte Beitrag resultiert nicht aus einer Gedächtnisschwäche oder Ähnlichem. Es war nicht erkennbar ob der Beitrag bei Doccheck angekommen war, wohl ein technisches Problem. Ich hatte ihn nicht kopiert und musste ihn halt nochmal schreiben. Das Ergebnis habe ich erst durch die doppelte Veröffentlichung zu einem späteren Zeitpunkt mitbekommen und nicht mehr ändern können. Es gibt wohl andere Zusammenhänge, die zu so einem Ergebnis führen können, als Sie sich vorstellen können. Aber danke für Ihre freundliche Interpretation, eine von vielen Möglichkeiten. Es spricht für/über Sie anonym über andere, ohne die Zusammenhänge zu kennen, zu urteilen. Ich sprach von narzistischer Befriedigung und nicht Veranlagung, ein kleiner aber wohl entscheidenter Unterschied. Vielleicht haben Sie ja den Mut aus der Anonymität herauszutreten …. ?

@ Redaktion vielleicht können Sie ja den ersten Beitrag löschen, wobei dann niemand mehr den bBitrag von Herrn Interessierter verstehen kann …

#9 |
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Wenn Herr Ure sich vom Ergebnis seiner “Studie” überrascht zeigt, dann kann man sich nur fragen, was der gute Mann eigentlich im Hirn hat. Es ist völlig evident und in allen Bereichen menschlichen Tuns seit Jahrzehnten bekannt, daß regelmäßige Pausen für den Arbeitserfolg von zentraler Bedeutung sind. Sollte sich das bei Operateuren noch nicht herumgesprochen haben, so bin ich Gott froh, daß mir bislang ein Eingriff durch einen unausgeruhten Arzt erspart geblieben ist. Auch ein Chirurg ist nur ein Mensch. Und deshalb braucht er Pausen!

#8 |
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Ärztin

In der Ruhe liegt die Kraft. Eine weitere Studie um eine Binsenweisheit zu belegen. Aber vielleicht war sie einfach nötig um Verwaltungen vorgelegt zu werden. Da klärt man noch die “Schuldfrage” ob fünf Minuten Zeitverlust zwischen zwei OP´s in der Verantwortung von OP-Team oder Anästhesie-Team liegen. Alles evidence based.

#7 |
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Sabine Berner-Mühlhans
Sabine Berner-Mühlhans

Wie schön die Erkenntnis, dass Ärzte auch Menschen sind mit so banal wie basalen Bedürfnissen wie Ausspannen, essen, schlafen, Toilettengang, Pausen einlegen, mit Kollegen sprechen …
Ich schließe mich der Kollegin an, die da sagt: gesunder Menschenverstand reicht offensichtlich nicht, um die trivialsten Zusammenhänge zu erfassen (da muss erst eine Studie her, die so überflüssig ist wie ein Kropf) und frage mich: wie kommen wir runter von soviel Irrsinn und Schwachsinn in den Arbeitsstrukturen unserer Kliniken? Vielleicht doch so einfach: mit Menschenverstand?

#6 |
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Diplompsychologe Axel Lohse
Diplompsychologe Axel Lohse

Diese häufig bei Chirurgen anzutreffende Arbeitsweise dient wohl eher der heroisch-narzistischen Befriedigung der Bedürfnisse derjenigen, die solche Arbeitsweisen fördern und fordern in Unkenntnis oder Ignoranz arbeitspsychologischer und neruropsychologischer Erkenntnisse der 60, 70, und 80iger Jahre des letzten Jahrhunderts. Wozu es jetzt erneuter ‘wissenschaftlicher’ Untersuchung bedarf erschleißt sich mir nicht, bräuchte es doch nur der konsequenten Umsetzung der damaligen Erkenntnisse, wie es ja auch in sogenannten sicherheitsrelevanten Bereichen, wie z. B. dem Flugwesen zumindest gefordert ist oder wollen sie von einem übermüdeten Piloten geflogen werden?
Psychologisches Wissen und Fähigkeiten sollten nicht nur im Marketing in unserer Gesellschaft alltäglich werden. Das wäre auch ein Weg der Burnoutproblematik und Frühberentung durch chronische psychische Dekompensationen etwas entgegen zu setzen.

#5 |
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Diplompsychologe Axel Lohse
Diplompsychologe Axel Lohse

Diese ‘chirurgische’ Arbeitsweise befriedigt wohl eher narzistisch heroische Bedürfnisse, derjenigen die solche Arbeitsweisen fordern und fördern unter Mißachtung von individual- und arbeitspsychologischen Erkenntnissen der 60iger, 70iger und 80iger Jahre des letzten Jahrhunderts.
Wenn psychologische Erkenntnisse in unserer Gesselschaft weitgehend auf die Bereiche Marketing und Werbung beschränkt werden, darf man sich über solche Entwicklungen wenig wundern. Martin Wehrle gibt einen unterhaltsamen Einblick in die Hintergründe und Ergebnisse solcher Arbeitsweisen.

#4 |
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Dr. Hellmut Anger
Dr. Hellmut Anger

Bedurfte es wirklich einer Studie, um dies Ergenis zu bekommen?
Fragt doch mal jemanden, der im Op steht oder stand!
Aber heute muss ja alles qualitätgemänätscht und evidenzbasiert sein, gesunder Menschenverstand allein reicht einfach nicht mehr!

#3 |
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Dr. med. ERNST  H. Tremblau
Dr. med. ERNST H. Tremblau

Das heldenhafte Arbeiten sogar die Nächte durch ist leider auch bei Politikern üblich. Mir ist unverständlich wie solcher
unbiologische Unfug auch noch von den Medien gelobt wird und
die Damen und Herren , die uns Steuerzahlern und Wählern dienen
darauf auch noch stolz sein wollen.-
Ich lasse keinen meiner bescheidenen öffentlichen Auftritte aus,
darauf kritisch hinzuweisen !
Die vielen nachträglichen Gesetzänderungen lassen an schlechte Beschlüsse
zur Schlafenszeit denken.
Verbot der Nachtarbeit wird die Gesetze verbessern !
Duch miese Gesetze leiden wohl mehr Menschen als durch
unausgeschlafene Chirurgen.

#2 |
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Für diese Erkenntnis braucht man keine “wissenschaftlichen Studien”
Chirugisch an mehreren Instituten gut ausgebildet, wollte ich es mal in meiner neuen oberärztlichen Stelle zeigen was für ein flotter Operateur ich sei.Ergebnis unbeabsichtigte Eröffnung der Blase. Beschämt wollte ich meine neue Stelle sofort wieder qittieren, als ein gütiger Chef mich wohlwollend nach der Operation zur Seite nahm, mir bestätigte ein guter Operateur zu sein, aber demnächst keinesfalls auf Zeit zu operieren. Dies in der Folge beherzigend konnte ich feststellen daß ich ohne Hektik stets viel schneller ans Ziel kam.
Auch als Autofahrer wird man erleben , daß man entspannt und ohne großen Zeitverlust sein Ziel erreicht, wenn der Fuß nicht immer wie Blei auf das Gaspedal drückt.

#1 |
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