MERS-Virus: Sterblichkeitsrate überschätzt?

10. April 2015
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Das 2012 entdeckte MERS-Virus scheint weiter verbreitet zu sein als angenommen. Demnach verläuft vermutlich der größte Teil der Infektionen ohne schwere Krankheitssymptome. Besonders Kamelhirten und -schlachter weisen eine dreiundzwanzigfach erhöhte Infektionsrate auf.

Das MERS-Virus wurde erstmals 2012 in Patienten mit einer schweren Atemwegsinfektion identifiziert. Seitdem wurden mehr als 1.000 schwere Erkrankungsfälle nachgewiesen; rund 300 davon endeten tödlich. Dass die MERS-Erkrankung so schwer verläuft, scheint aber eher die Ausnahme zu sein. Die Forscher haben darin mehr als 10.000 Blutproben aus Saudi-Arabien ausgewertet. Die getesteten Personen hatten in den letzten Jahren keine gravierende Infektion durchgemacht. Dennoch enthielten 15 Proben Antikörper gegen das MERS-Virus.

Die Probanden stammen aus unterschiedlichen Regionen des riesigen Landes. Ihre Altersverteilung stimmt zudem mit der in der Gesamtbevölkerung überein. Das macht die Ergebnisse besonders aussagekräftig. „In den letzten zehn Jahren haben sich in Saudi-Arabien wahrscheinlich mehr als 40.000 Menschen mit MERS angesteckt, ohne es zu merken“, schätzt Christian Drosten, Professor für Virologie an der Universität Bonn.

Kinderkrankheit bei Kamelen

Die Studie stützt auch eine These, die die Bonner Wissenschaftler bereits vor zwei Jahren aufgestellt haben: „MERS ist eigentlich eine Krankheit, die vor allem Kamele befällt“, sagt Drosten. „Unter ungünstigen Umständen kann das Virus gelegentlich auf den Menschen überspringen“. 

Tatsächlich fanden die Wissenschaftler in einer ergänzenden Studie bei Kamelhirten und Schlachtern bis zu 23mal höhere Infektionsraten als im Schnitt. Besonders häufig tragen zudem junge Männer MERS-Antikörper – in Saudi-Arabien züchten viele Männer nebenberuflich Kamele.

Eine direkte Übertragung von Mensch zu Mensch sei vermutlich relativ selten, betont Drosten. Daher sei – anders als bei Ebola – unter normalen Umständen keine MERS-Epidemie zu befürchten. Zwar gab es im vergangenen Jahr im saudi-arabischen Dschidda einen größeren MERS-Ausbruch. Dieser wurde jedoch durch schlechte Krankenhaus-Hygiene begünstigt.

Originalpublikation:

Presence of Middle East respiratory syndrome coronavirus antibodies in Saudi Arabia: a nationwide, cross-sectional, serological study
Christian Drosten et al.; Lancet Infectious Deseases, doi: 10.1016/S1473-3099(15)70090-3; 2015

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3 Kommentare:

Tourist
Tourist

Wusste gar nicht dass es so viele Kameltreiber gibt.
Aber in Deutschland überwiegt ja auch die Angst vor der harmlosen Impfung
die Angst vor dem Virus, wie man bei Masern sieht.
Leider gibt es für MERS noch keine Impfung.

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Dr. rer. nat. Arthur Wunderlich
Dr. rer. nat. Arthur Wunderlich

Das wäre in der Tat interessant.
Und: welche Symptome gibt es bei MERS-infizierten Kamelen?

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Johannes Reinders
Johannes Reinders

Mich interessiert, ob auch in anderen Kamelzucht-Ländern die MERS-Infektion auftritt.
Da es auch in Australien mehr als 500.000 Kamele gibt, sollte man auch dort eine
Untersuchung durchführen. Wie wird übertragen ? – Gibt es dazu Antworten ? Danke.

#1 |
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