Alkoholsucht: Auswertung läutet Alarmglocken

7. April 2015
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Die Sterblichkeit von Patienten mit Alkoholsucht in Allgemeinkrankenhäusern ist um ein Vielfaches höher als bei Behandelten ohne Alkoholabhängigkeit. Im Schnitt sterben sie rund 7,6 Jahre früher. Ein Grund könnte die fehlende Diagnose von Begleiterkrankungen sein.

„Mit der Alkoholsucht sind sowohl psychische Probleme als auch erhebliche körperliche Beeinträchtigungen der Gesundheit verbunden“, sagt Dr. Dieter Schoepf von der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Bonn. „Im Schnitt sterben Alkoholiker, die wegen gesundheitlicher Probleme in britischen Allgemeinkrankenhäusern behandelt wurden, aufgrund des Zusammenwirkens mehrerer körperlicher Begleiterkrankungen 7,6 Jahre früher als Patienten ohne Alkoholsucht“, berichtet der Wissenschaftler.

Bei der Studie handelt es sich dabei um eine Langzeitbeobachtung: Die Daten erstrecken sich über einen Zeitraum von 12,5 Jahren. Mit ihrer Hilfe analysierten die Wissenschaftler die körperlichen Begleiterkrankungen von 23.371 Krankenhauspatienten mit Alkoholsucht und verglichen sie mit einer Kontrollgruppe aus zufällig ausgewählten 233.710 Behandelten ohne Alkoholismus. „Im Beobachtungszeitraum starb etwa jeder fünfte Krankenhauspatient mit Alkoholsucht in einem der Krankenhäuser, während es bei der Kontrollgruppe nur jeder zwölfte Patient war“, fasst Prof. Heun das Ergebnis zusammen.

Die große Zahl erfasster Patienten und die umfangreiche Kontrollgruppe erlaubten eine sehr differenzierte Auswertung. Der für solche Untersuchungen ungewöhnlich lange Beobachtungszeitraum ermögliche darüber hinaus, auch Krankheiten zu erfassen, die nur allmählich Beschwerden machen. Dass die Untersuchung mit Daten aus Großbritannien durchgeführt wurde, hängt mit dem leichteren Zugang zu den notwendigen Informationen in England zusammen. „Die Ergebnisse beziehen sich zwar auf Allgemeinkrankenhäuser in Manchester, sie sind aber aufgrund der großen Stichproben repräsentativ und lassen sich deshalb auf andere Allgemeinkrankenhäuser in anderen Ländern verallgemeinern“, sagt Dr. Schoepf.

27 Begleiterkrankungen treten gehäuft bei Alkoholsüchtigen auf

Insgesamt 27 körperliche Krankheiten traten gehäuft bei Patienten mit Alkoholsucht auf: etwa der Leber, der Bauchspeicheldrüse, der Atemwege, des Magen-Darm-Traktes und des Nervensystems. Im Gegensatz dazu waren etwa Herzinfarkte, Herzkreislauferkrankungen und Grauer Star bei den Patienten mit Alkoholismus weniger häufig als bei der Kontrollgruppe. „Patienten mit Suchtproblemen werden oft als Notfälle in Kliniken eingeliefert. Bei der Diagnose stehen dann die akuten Symptome im Vordergrund – das führt möglicherweise dazu, dass nicht alle körperlichen Erkrankungen erfasst werden“, vermutet Dr. Schoepf. Auch ein geringeres Schmerzempfinden und Wahrnehmungsstörungen der Suchtkranken könnten dazu führen, dass bestimmte Krankheitsbilder von den Ärzten nicht erkannt werden.

Frühzeitige Therapie kann die Lebenserwartung erhöhen

Aus Sicht der Wissenschaftler verdeutlicht die erhöhte Sterblichkeit der Patienten mit Alkoholismus in Allgemeinkrankenhäusern, dass die Sucht als Ursache der vielfältigen körperlichen Folgen in einem deutlich früheren Stadium therapiert werden muss. „Durch gewissenhaftes Screening und die frühzeitige Behandlung von psychischen und körperlichen Begleiterkrankungen sollte es möglich werden, die Lebenserwartung von Alkoholkranken deutlich zu erhöhen“, sagt Prof. Heun.

Originalpublikation:

Alcohol dependence and physical comorbidity: Increased prevalence but reduced relevance of individual comorbidities for hospital-based mortality during a 12.5-year observation period in general hospital admissions in urban North-West England
Dieter Schoepf et al.; European Psychiatry, doi: 10.1016/j.eurpsy.2015.03.001; 2015

48 Wertungen (2.81 ø)

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7 Kommentare:

Gast
Gast

nur 7,6 Jahre?
Die haben Musiker und Filmsternchen vergessen.

#7 |
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Werner Brose
Werner Brose

Die Erkenntnis, dass ungesundes Verhalten Auswirkungen auf die Gesundheit hat, ist sicher nicht neu.

Es ist naheliegend, eine andere Perspektive einzunehmen:
Im Zusammenhang mit ärztlichen Untersuchungen auftretenden Hinweisen sollte auf eine Verhaltensänderung hingewirkt werden – und zwar mit Zeit und modernen Gesprächsführungsmethoden. Das wird nach meiner Erfahrung sowohl im ambulanten als auch im stationären im Sinne unterschätzt und vernachlässigt….

#6 |
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Wiebke Vanselow
Wiebke Vanselow

Gleicher Grundtenor wie bei den Kollegen: welcher Alkoholabhängige kommt zu irgendeiner Behandlung zum dem Beschwerdebild angemessenen Zeitpunkt wie ein “normaler” Patient ?
Und dieser massive systematische Fehler fließt dann über die so gut dokumentierte und mit riesigen Zahlen aufwartende wissenschaftliche Studie in die “evidence-based medicine” mit bestem Level ein, und darauf basieren die Leitlinien mit ihren heutzutage verbindlichen Vorgaben.
Ich habe mich im Laufe der letzten 30 Jahre zunächst häufig geärgert, meine Dissertation aus einem entsprechenden Grund kurz vor der Fertigstellung abgebrochen zu haben – heutzutage bin ich dankbar darüber, das Ziel einer Dissertationsarbeit, nämlich i.W. wissenschaftliches Arbeiten, gerade dadurch voll erreicht zu haben !

#5 |
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Jochem Jerry Knoll
Jochem Jerry Knoll

PDas

#4 |
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Bernd Heinecke
Bernd Heinecke

Das Ganze fällt unter die Rubrik “nice to know”, aber schön, dass es dazu eine Studie mit genauen Zahlen gibt. Geahnt oder gewusst haben die meisten von uns das auch schon vorher, da es zum “Tagesgeschäft” in der Klinik gehört. Aber ist ja nicht unsere Sache, die Patienten von der Alkoholsucht zu “bekehren”. Ein verbales Verurteilen der Patienten bringt auch nichts, da es an der Sucht nichts ändert. Jeder Alkoholkranken hat wahrscheinlich einen Grund warum er zuviel Alkohol konsumiert und das ist sehr bedauerlich!!
Und jetzt mit einem Augenzwinkern:
Mann sollte mal eine Studie durchführen, um wie viel früher ein Diabetiker stirbt, der es leider nicht sein lassen kann, jeden Tag 2 Tafeln a´ 300g Schokolade zu essen. Am besten noch unterteilt in eine Gruppe, die Traube-Nuss ist, und die andere Gruppe, die weiße Schokolade mit Kokosraspeln futtert.
Das wäre bestimmt genauso “nice to know”!
In diesem Sinne:
Man muss die Patienten “verschleissen” wie sie sind, und nicht wie man sie gerne hätte!!

#3 |
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Dr. rer. nat. Stefan Lyer
Dr. rer. nat. Stefan Lyer

Eine Patientengruppe, die sich in hohem Maße selbst ein Zellgift zuführt, was ausser der Sucht zu mindestens 27 Begleiterkrankungen führt, stirbt im Mittel 7,6 Jahre früher als andere Patienten.
Erstaunliche Erkenntnis!
Das ganze wird dann nur noch getoppt durch die Aussage, dass eine frühzeitige Therapie der Alkoholsucht die Lebenserwartung erhöhen kann.
Gratulation!

#2 |
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Gast
Gast

Ich schlage hier mal als Therapie vor,
mit dem übermäßigen Trinken aufzuhören.

#1 |
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