Tinnitus: Auch bei Kindern piept’s

30. April 2015
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Tinnitus ist nicht nur ein Problem unter Erwachsenen, auch Kinder und Jugendliche sind häufig betroffen. Ursachen sind oft eine hohe Lärmbelastung, etwa durch MP3-Player oder Konzerte – und Stress. Eltern wissen häufig nichts von dem Problem und Ärzte unterschätzen es.

Das Deutsche Zentrum für Musiktherapieforschung (DZM) in Heidelberg hat jüngst darauf hingewiesen, dass bei Jugendlichen ab 14 Jahren Tinnitus ähnlich häufig vorkommt wie bei Erwachsenen. Die dort behandelten Patienten gaben vor allem zwei Gründe für ihren Tinnitus an: Erstens eine hohe Lärmbelastung, beispielsweise durch die Benutzung von MP3-Playern oder den Besuch von lautstarken Freizeitveranstaltungen wie Konzerten oder Diskotheken. Als weiterer Grund wurde Stress genannt, insbesondere schulischer Stress, und die damit verbundenen psychischen Belastungen wie Ängste, Depressionen und Schlafstörungen.

Das DZM kritisiert, dass Tinnitus bei Jugendlichen in Deutschland bislang deutlich unterschätzt wird. Als Folge sei das Behandlungsnetzwerk nicht ausreichend ausgebaut. Vor allem gebe es keine ambulanten Therapien, die wissenschaftlich überprüft seien. Aufgrund der hohen Nachfrage habe das DZM deshalb jüngst sein Behandlungsspektrum erweitert. Wichtig sei, im Rahmen der Therapie auch die psychischen Belastungen der Jugendlichen zu adressieren.

Weltweit klingelnde Ohren

Dass das DZM auf die Bedeutung des Tinnitus und damit auch auf die Wichtigkeit seiner eigenen Existenz hinweist, verwundert natürlich nicht. Doch die Aussagen des DZM werden durch andere Quellen gestützt. Während die Prävalenz von Tinnitus bei Erwachsenen hierzulande meist mit bis zu 15 % angegeben wird, gibt es zwar zu Tinnitus bei Kindern und Jugendlichen keine genauen Angaben aus Deutschland, doch in Belgien beispielsweise leiden einer 2014 veröffentlichten Studie zufolge 6,6 % der befragten jungen Erwachsenen (Alter 18-27 Jahre) unter einem chronischen Tinnitus aurium. Nach Freizeit-bedingter Lärmexposition berichteten sogar 73,5 % von einem transienten Tinnitus, der aber innerhalb von 72 Stunden wieder verschwand.

Ähnliche Zahlen finden sich auch für Schweden, wo die Prävalenz für permanenten Tinnitus bei den 13- bis 19-Jährigen 8,7 % beträgt. Und in den USA litten einer 2013 veröffentlichten Studie zufolge 18,3 % der 14- bis 18-Jährigen unter einem permanenten Tinnitus und 74,9 % unter einem temporären, Lärm-induzierten Tinnitus. In derselben Studie wurde zudem die Einstellung der Jugendlichen zu den Themen Lärm und Gehörschutz untersucht. Die meisten Jugendlichen hatten eine neutrale Einstellung zu Lärm, und nur ein sehr geringer Prozentsatz (4,7 %) verwendete einen Gehörschutz.

Tinnitus schon in der Grundschule

Doch nicht nur bei den Jugendlichen ist die Prävalenz von Tinnitus hoch. Auch Kinder könnten deutlich häufiger unter Tinnitus leiden als bislang angenommen. Einer Studie aus Schweden zufolge berichteten 41 % der 7-Jährigen, mehr als einmal Lärm-induzierten Tinnitus oder spontanen Tinnitus erlebt zu haben. Ähnlich sieht es in Polen aus, wo 33 % der befragten 7-jährigen Kinder angaben, Tinnitus zu haben. Das Gravierende daran: 75 % der Kinder beklagten sich nicht spontan bei den Eltern über die Ohrgeräusche. Dass dies kein länderspezifisches Problem ist, zeigen Studiendaten aus Brasilien: Auch dort litten 21,7 % der befragten 6- bis 10-Jährigen unter kontinuierlichem Tinnitus, weitere 3,8 % berichteten über einen pulsatilen Tinnitus. Und auch hier waren der Hälfte der Eltern die Probleme ihrer Kinder nicht bekannt.

Die Gründe für die hohe Prävalenz von Tinnitus bei Grundschülern wurden bisher zwar nur unzureichend untersucht, Lärm durch Diskobesuche und Konzerte kommt aber in diesem Fall wohl eher nicht in Frage. Professor August Schick von der Universität Oldenburg ist der Meinung, dass Lärm in Schulen und Kindergärten das größte Problem ist: „Untersuchungen haben gezeigt, dass Kinder in der Schule dem größten Lärm ausgesetzt sind. Und genau dort müssen die Verantwortlichen sie auch schützen, indem sie für eine sinnvolle und physikalisch richtige Raumakustik sorgen. In einigen Kindergärten müsste der Nachwuchs erwiesenermaßen einen Gehörschutz tragen, weil dort eine Lärmbelastung von über 85 Dezibel gemessen wurde.“

Das Problem der unzureichenden Dämmung wird durch die heutigen neuen Unterrichtsformen noch verschärft. „Die Schüler arbeiten heute selbstständiger, aber dafür sind die Räume nicht gebaut. So entsteht der gleiche Effekt wie in der Kneipe: Wenn am Nachbartisch laut geredet wird, muss die Lehrkraft auch lauter sprechen. So schaukelt sich das gegenseitig hoch“, erklärt der Bremer Arbeitswissenschaftler Gerhart Tiesler.

Vorsorgen ist besser als Therapieren

Viele Tinnitus-Therapieoptionen sind bisher nicht ausreichend in validen klinischen Studien untersucht worden. Eine Übersicht über die aktuellen Behandlungsempfehlungen findet sich in der Ende Februar aktualisierten Leitlinie „Chronischer Tinnitus“. Besondere Bedeutung kommt dabei der auf die Diagnostik gestützten Beratung und Aufklärung des Patienten zu, dem sogenannten Tinnitus-Counseling, welches die Grundlage jeder Therapie sein sollte. Zudem empfiehlt sich eine tinnitusspezifische kognitive Verhaltenstherapie (tKVT) auf der Grundlage eines validierten, strukturierten Therapiemanuals. Die Tinnitus-Retraining-Therapie (TRT) wird dagegen nicht empfohlen, da die Schalltherapie keinen Zusatznutzen aufzuweisen scheint. Aus diesem Grund ist der therapeutische Nutzen der TRT wohl allein auf ihren KVT-Anteil zurückzuführen – auf den man sich dementsprechend beschränken kann. Zudem treten im Zusammenhang mit Tinnitus gehäuft psychiatrische und/oder psychosomatische Komorbiditäten auf, insbesondere Angststörungen, Depressionen und Schlafstörungen. Diese sollten unbedingt mitbehandelt werden, gegebenenfalls auch mit Arzneimitteln.

Obwohl Tinnitus nur bei einem geringen Prozentsatz der Betroffenen zu einem hohen Leidensdruck führt, ist es mehr als nur eine Lappalie. Die Hinweise mehren sich nämlich darauf, dass Tinnitus ein frühes Warnsignal für Lärm-induzierten Hörverlust ist. Aus diesem Grund kommt dem Schutz vor Lärmschädigungen eine besondere Rolle zu. Dass Aufklärungskampagnen in diesem Bereich durchaus Erfolg haben können, zeigt das Beispiel Belgien: Dort führte eine staatliche Aufklärungskampagne dazu, dass der Anteil der Jugendlichen im Alter von 14 bis 18 Jahren, die einen Gehörschutz verwendeten, von 3,6 % auf 14,3 % anstieg. Obwohl die langfristigen Effekte der Kampagne noch näher untersucht werden müssen, ist sie ein positives Signal dafür, dass Aufklärung auch Erfolg hat.

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9 Kommentare:

Ives Maintenant MD
Ives Maintenant MD

Der arme Dickdarm muss heute alles ausbaden,
nun ja, Geräusche kann er tatsächlich machen.

#9 |
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Zu ‘5 und Zu ##6: Wann lernt ihr denn endlich, dass der Organismus nicht nach dem monokausalen Prinzip funktioniert? Tinnitus ist ein Symptom, die Ursache sitzt irgendwo, u.U. im Darm. Prof Pöppel in Ingolstadt hat Erfolge durch Aufenthalt in einem stillen Raum, einem Resonanzfreiem Raum. Bei 10% besteht Erfolg. Das ist auch erwähnenswert.

#8 |
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Gast
Gast

Disko-Schwerhörigkeit bei Jugendlichen ist wirklich nichts neues,
auch ohne Tinnitus.

#7 |
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Gast
Gast

Ich gehe nur noch zu Zahnärzten, die Handschuhe benutzen,
damit dieser Familientinitus-Virus nicht übertragen werden kann.

#6 |
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Gast
Gast

Herr Zahnarzt, der Tinnitus sitzt nicht im Darm, sondern im Ohr und noch hinter dem Trommelfell,
da kriegt man die Heilerde nicht hin, ohne das Trommelfell zu zerstören.

#5 |
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Dr. med. dent. Joachim Schafmann
Dr. med. dent. Joachim Schafmann

Jahrelanger Tinnitus ist in meiner Familie nach einer F.X. Mayr Kur verschwunden. Das war eine wunderbare und interessante Erfahrung. Inzwischen hilft bei nur mehr sehr selten wiederkehrendem Tinnitus (vor allem in Stresssituationen) ganz einfach Heilerde innerlich und der Tinnitus verschwindet sehr schnell. Offenbar gibt es auch einen Zusammenhang zwischen Tinnitus und Darmflora. Eine einfache Therapie, für 3-4 Wochen 1 TL Heilerde Ultra in 1 Tasse Wasser nahrungsfern einnehmen, am besten abends.
Als Zahnarzt habe ich diesen Tipp schon öfter an Patienten weitergegeben und sie hatten häufig Erfolg. Nicht selten war auch eine Verbesserung der Zahnfleischsituation zu beobachten.
Zahnarzt S. J.

#4 |
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Gast
Gast

Schlimmer ist, dass sie schwerhörig werden!

#3 |
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Dr. med. Danny Fritzsche
Dr. med. Danny Fritzsche

Wäre sehr spannend, ob japanische Kinder auch Ohrgeräusche angeben. Bei 45db, die als Grundpegel kleinen Kindern erlaubt sind (Leihbüchereiniveau) könnte sich das Bild der möglichen Ursachen abrunden.

#2 |
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Gast
Gast

In dem Zusammenhang interessant: Eine Studie der Universität Regensburg, bei der 88% der Teilnehmer eine Verbesserung erzielten.
http://www.biomedcentral.com/1472-6882/12/235

#1 |
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