Psychose und Sucht: Wie Pech und Schwefel?

22. Februar 2013
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Mal sind es Angststörungen und Alkohol, mal Schizophrenie und Cannabis – psychische Störungen und Suchtmittelmissbrauch treten oft gemeinsam auf. Betroffene haben eine hohe Stress-Sensibilität. Ihr Leiden ist vielleicht eine Konsequenz unserer Lebensumstände.

Wenn Dr. Sibylle Hornung-Knobel über ihre Patienten spricht, denkt man spontan, dass ein Unglück eben selten allein kommt. “Typisch ist der Fall eines Mannes, der als Alkoholabhängiger aktenkundig war”, sagt Hornung-Knobel. “Eines Tages lieferte ihn die Polizei bei uns ein, und wir stellten fest, dass er halluzinierte. Er war nicht nur suchtkrank, sondern auch schizophren.”

Hornung-Knobel leitet die Station für Psychose und Sucht am Klinikum München-Ost und betreut viele solcher Patienten. Bei manchen sind die psychischen Störungen substanzinduziert, also Folge des Alkohol– oder Drogenkonsums. Bei anderen wurden sie unabhängig von der Sucht ausgelöst oder waren schon vor dem Substanzkonsum da und bleiben auch unter abstinenten Bedingungen weiter bestehen. In so einem Fall sprechen Psychiater heute von Komorbidität oder Doppeldiagnose (englisch: comorbidity bzw. dual diagnosis). Eine Ausnahmeerscheinung? Offenbar nicht.

Eher die Regel als die Ausnahme

Rund 80 Prozent der Patienten mit diagnostizierter Drogenabhängigkeit leiden zusätzlich unter psychiatrischen Störungen. “Das können Schizophrenien sein, Depressionen, Angst– und Persönlichkeitsstörungen, Zwänge, aber auch ADHS oder posttraumatische Belastungsstörungen”, so Hornung-Knobel. Umgekehrt haben 30 bis 50 Prozent aller psychiatrisch behandelten Patienten neben der psychischen Erkrankung auch eine Substanzstörung. “Sie sind abhängig von Alkohol, Sedativa, Cannabis, Stimulanzien oder anderen Drogen.”

Für dieses häufige, gemeinsame Auftreten von Psychosen und Süchten gibt es mehrere Erklärungsmodelle. “Zum einen könnten bestimmte Risikofaktoren das Entstehen einer psychischen Erkrankung und zugleich einer Sucht begünstigen”, erläutert Hornung-Knobel. In Frage kommen beispielsweise Ungleichgewichte im zentralen Transmittersystem aber auch antisoziale Persönlichkeitsstörungen.

Ein weiteres Modell besagt, dass eine Erkrankung als Folge der anderen entsteht, dann aber unabhängig davon persistieren kann. Davon ist bei der eingangs geschilderten Kasuistik auszugehen. “Der Patient hörte diese Stimmen, sie verfolgten ihn und machten ihm Angst”, erinnert sich Hornung-Knobel. Irgendwann griff er zum Alkohol, um die Stimmen zurückzudrängen und sich letztlich selbst zu behandeln. “Die Suchterkrankung ist in diesem Fall aus der psychiatrischen Erkrankung hervorgegangen”, kommentiert Hornung-Knobel. Umgekehrt könne Drogenmissbrauch auch eine Psychose anstoßen. “Zum Beispiel erhöht der Konsum von Crystal Meth und großen Mengen Cannabis das Risiko, unter bestimmten Bedingungen an einer Schizophrenie zu erkranken.”

Gemeinsam ist vielen Betroffenen, dass sie eine besondere Sensibilität mitbringen, wie der Diplom-Psychologe Frieder Niestrat schreibt. Woher auch immer sie rührt, sie spielt in vielen ätiologischen Modellen eine zentrale Rolle. “Menschen mit Doppeldiagnosen haben eine höhere Vulnerabilität gegenüber Umwelteinflüssen und weniger Abwehrmöglichkeiten”, bestätigt auch Hornung-Knobel. “Vermutlich ist es das, was sie dann unter Stress schneller zu Alkohol und Drogen greifen lässt und Wahnideen oder Halluzinationen fördert.”

Schwierige Diagnose, komplexe Behandlung

Ebenfalls gemeinsam ist vielen Betroffenen, dass sie oft lange auf eine korrekte Diagnose warten müssen. “Psychiatrisch tätige Therapeuten und Suchtfachleute arbeiten in der Regel unabhängig voneinander und kennen sich in der jeweils anderen Indikation nicht ausreichend aus”, erklärt Hornung-Knobel. Es sei dann schwer, hinter den offenkundigen Symptomen der einen Erkrankung auch die andere zu entdecken. “Wir testen die Patienten daher konsequent auf psychiatrische Erkrankungen und führen bei jedem ein Drogenscreening durch”, so Hornung-Knobel. Zudem baue man auf Angaben aus der Fremdanamnese.

Auch in der Behandlung wirkte sich das Nebeneinander der Versorgungssysteme lange Zeit ungünstig aus. Patienten verschwanden in einer psychiatrischen Klinik oder einer Suchtstation, um dann nach einem Suchtmittelrückfall oder einer psychiatrischen Verschlimmerung im anderen System wieder aufzutauchen, schreibt Niestrat. Ein möglicher Grund für den Drehtüreffekt: Es wurde immer nur einer der beiden Problemkomplexe therapiert mit zum Teil gegensätzlichen Behandlungsansätzen und –zielen.

Hornung-Knobel zufolge ist es vor allem die Suchterkrankung, die Behandlungserfolge gefährdet. “Denn während man die Psychose oft gut und stabil medikamentös einstellen kann, muss man bezüglich der Sucht immer mit einem Rückfall rechnen.” Und der setzt nicht selten eine Spirale in Gang.

“Viele Patienten nehmen dann ihre antipsychotischen Medikamente nicht mehr, sie werden neuerlich von Ängsten und Wahnvorstellungen geplagt und sind wegen des Drogenkonsums gleichzeitig enthemmt und gewaltbereiter”, weiß Hornung-Knobel aus Erfahrung. Eine Melange, die es in sich hat. “Schizophrene Patienten mit gleichzeitiger Suchterkrankung begehen 18 Mal häufiger Gewaltdelikte als schizophrene Patienten ohne diese Komorbidität.”

Jung und ohne Abschluss

Am aussichtsreichsten gilt daher ein integrativer Ansatz, wie er im Klinikum München-Ost angeboten wird. Darin werden beide Störungen als gleichwertig angesehen und gleichzeitig behandelt., “Wichtigste Elemente sind eine geeignete Pharmakotherapie sowie Schulungen, Motivations-, Bewältigungs- und Verhaltenstrainings”, sagt Hornung-Knobel. So lernen Patienten, psychisch belastende Situationen zu vermeiden oder zu meistern, mit aufkeimendem Suchtdruck fertig zu werden und im Supermarkt am Flaschenregal vorbeizugehen ohne zuzugreifen.

Mittlerweile gibt es bundesweit einige Einrichtungen, die nach diesem Prinzip arbeiten. “Leider noch viel zu wenige”, wie Hornung-Knobel betont. Erschwerend kommt hinzu, dass die Betroffenen immer jünger werden und mangels Schulabschluss und Berufsausbildung immer schwieriger zu resozialisieren sind.

“Jobs für gering Qualifizierte und Integrationsplätze sind Mangelware, stattdessen nehmen die Anforderungen und Belastungen zu”, sagt Hornung-Knobel. “Gut möglich, dass Doppeldiagnosen die Kehrseite dieser gesellschaftlichen Entwicklung sind.”

174 Wertungen (4.17 ø)
Medizin

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12 Kommentare:

Kristina Walker
Kristina Walker

Kommentar Nr. 5
Der Kollege Strauß hat es sehr sauber auf den Punkt gebracht.
Herrn Löffelmann Dank für den guten Einstiegsbeitrag.

#12 |
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Gesundheits- und Krankenpflegerin

Zu beitrag Nr. 10

Weil bei Kinder die Weichen gestellt werden können, ob der einzelne, mit solchen Diagnosen als Jugendlicher oder Erwachsener konfrontiert oder belastet wird.
DESHALB!

#11 |
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Rettungsassistent

Warum muss reflexhaft von manchen bei jedem, das als Schlagwort Psychopharmaka enthält, darauf hingewiesen, was wir mit Kindern falsch machen, auch wenn der Artikel eigentlich etwas ganz anderes behandelt?

Zum Artikel, der fordert doch letztendlich dazu auf, es sich nicht zu einfach zu machen und die erste Diagnose, die passt, zu nehmen, sondern auch mal über den eigenen Tellerand zu schauen, ob man wirklich alles erfasst hat.
Das ein solcher Artikel nicht in jedem Punkt völlig korrekt ist, kann man verschmerzen, das Fachpersonal wird trotzdem hoffentlich differenzieren können.

#10 |
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Martin Geibel
Martin Geibel

Ein wichtiger Beitrag zur Differentialdiagnostik und zur differenzierten Therapie der genannten Patienten. Gerade junge und unerfahrene Kolleginnen/en in den Aufnahme- Ambulanzen sollten sich das Problem der Komorbidität vor Augen halten, denn sie stellen ja oft wichtige therapeutische Weichen, die über das Gelingen der Maßnahmen entscheiden.

#9 |
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Doris Ecker
Doris Ecker

Ich bin Mutter eines Betroffen….
und versteh überhaupt nicht, warum mittlerweile die Problematik nicht ernstgenommen wird.
Man wird als Versuchs-Kandidat verwendet und hin- und hergeschoben.
Leider gibt es viel zu selten aus ärztl. Sicht, jemand, der sich mit diesem ernstzunehmenden Thema auch wirklich beschäftigt, bzw, dem der Mensch als solches etwas wert ist und oder bedeutet.
Lieber wird schnell mal was verordnet, verschrieben und sogar verabreicht, als solche betroffenen Menschen persönlich wahrzunehmen und ihn auf ihn einzugehen….
Die Pharmaindustrie macht so manches kaputt, was noch menschlich war….

#8 |
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Diplom Psychologe Dr. Rainer Balloff
Diplom Psychologe Dr. Rainer Balloff

In meiner Praxis werden besonders häufig Angst- und Panikstörungen von Jugendlichen berichtet, die dann in der Tat sehr häufig einen Klinikirrlauf hinter sich haben, wenn beispielsweise nur die Panikstörung behandelt wurde, aber nicht der zum Teil jahrelang anhaltende Alkoholmissbrauch. Allerdings darf nicht verkannt werden, dass – altersunabhängig – zumindest anfangs so gut wie immer eine Abhängigkeit bagatelliesert oder verschwiegen wird.

#7 |
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Gesundheits- und Krankenpflegerin

Ich sehe es mittlerweile nicht mehr als verwunderlich, wenn in unserer heutigen Gesellschaft nicht eine Zunahme von psychischen, psyochosomatischen oder auch psychatrischen Krankheitsbilder stattfinden würde.
Wir müssen funktionieren, wer nicht gesellschaftlich “mitschwimmen” kann, hat ein wirtschaftliches und soziales Problem,was natürlich nicht von den unterschiedlichen (sensiblen) Persönlichkeit halt macht.”Belastbarkeit” in unserer heutigen Zeit fordert mehr als der Einzelne oft ertragen kann, man “flüchtet”….heute muß man sich fragen “wie belastbar” sind wir, bis wir an unsere (dann krankmachenden) Grenzen kommen”. Familiäre, finanzielle und gesundheitliche Probleme betriffen heute doch so gut wie jeden Menschen.
Was mich aber ganz besonders wütend macht ist auch die Situation mit unseren Kindern. Dr. Wolfgang Bayerl schreibt auch daß die “pädagogische Ruhigstellung” von Kindern sehr bedenklich ist, aber nicht nur das, wir dürfen nicht immer nur darüber reden oder schreiben, wir müssen auch einmal umsetzen. Das würde heißen, nicht jedem Kind prinzipell unsere “Wunderdroge” Riatlin zu verabreichen, viele diese Kinder bräuchten einfach mehr Stabilität im Familiensystem, mehr Zuwendung und mehr Verständniss.Aber wenn Mütter oder Väter dahingegen keine Möglichkeiten haben, müssen es die Medikamente ausgleichen.Staatliche Angebote diesbezüglich gibt es zwar, jedoch sollte hier eine bessere Koordination erfolgen.Es ist einfach schrecklich, wieviele Menschen durch eine verkehrte Einschätzung anders “dargestellt” und diagnostiziert werden. Und falls mir jemand schreiben möchte, daß auch bestimmten Kindern in gewisserweise durch Medis “geholfen” wird, stimme ich dem voll und ganz zu, möchte aber anführen, daß nur “gedeckelt” wird, daß was im Topf “weiterbrodelt” sind dann unsere zukünftigen Erwachsenen mit psychischen Erkrankungen oder Psychosen..

#6 |
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Das ist ein komplexes und drängendes Thema und der Versuch, das hier in aller gebotenen Kürze darzustellen, ist aller Ehren wert. Und wenn man den Artikel als “Anreißer” versteht, geht’s auch in Ordnung.
Ich bin mir nicht sicher, ob die Doppelerkrankungen tatsächlich zugenommen haben, die Doppeldiagnosen ganz sicher. Besonders natürlich im stationären Bereich, logisch. Im ambulantenm Bereich sehe ich das bezüglich der Erkrankungshäufigkeit (DOPPEL!) nicht unbedingt.
Ich finde im Übrigen auch die gängige Undifferenziertheit bezüglich den konsumierten Substanzen nicht so hilfreich. Kokain macht etwas völlig anderes als Alkohol und THC ist noch mal differenzierter (Alter, Dosis, Frequenz usw.) zu betrachten als “Medikamente”, wobei ich mich immer frage, welche Medikamente gemeint sind. Ich hab’ auch schon von Fachkollegen gehört, dass “Schmerzmedikamente” gemeint waren incl. z.B. Novalgin.
Frau Hornung-Knobel wird ganz sicher zwischen Depression und Psychose unterscheiden können, für viele Kolleginnen und Kollegen und erst recht Sozialpädagogen usw. sind “psychische Störungen” aber ein Einheitstopf. Da wird schon mal eine einfache Halluzination oder auch etwas “psychotisches”, das man früher mit dem Begriff “Durchgangssyndrom” zutreffend belegt hat, als manifeste (und zukunftsträchtige) Psychose deklariert. Das macht die Arbeit nicht einfacher.

#5 |
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Nichtmedizinische Berufe

Danke für das von unserer Gesllschaft so verdrängte Thema. Im Tenor sehe ich ein ganz, ganz, ganz kleines Licht am Ende des Schulmedizin-Tunnels, den Menschen, die Persönlich ja sogar den Kranken GANZHEITLICH zu betrachten, akzeptieren und zu behandeln.
Natürlich ich nur bedingt, dass die 5000 Jahre nicht ausreichten die ganzheitliche Betrachtung von China bis nach Müchen als Quantensprung der Erkenntnis weiterzugeben. Peking – München sind wegen der entfernung mit der Tram ja auch nicht zu erreichen und liegt wohl immer noch hinter dem Horizont. Fah´doch mal hin, in der TCM steckt so einiges an Potetial drin.

namasté Wolf Henrichs

#4 |
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Mich irritiert in dem Artikel die Verwendung des Begriffs “Psychosen”, den der Autor offenbar als Oberbegriff für verschiedenste psychische Leiden verwendet, die m.E. gar keine Psychosen sind. So schreibt er selbst “Das können Schizophrenien sein, Depressionen, Angst- und Persönlichkeitsstörungen, Zwänge, aber auch ADHS oder posttraumatische Belastungsstörungen”. All diese Krankheitsbilder sind doch nicht automatisch psychotischer Natur?

#3 |
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#1 vielen Dank an einen Psychologen.
Ich halte die “Vermischung” von sehr unterschiedlichen Krankheitsbildern
gerade wegen der therapeutischen Konsequenz für falsch.

Ebenso bedenklich ist für mich die medikamentöse Ruhigstellung von “pedagogisch anstrengenden” Kindern.

#2 |
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“Er war nicht nur suchtkrank, sondern auch schizophren.”
Wenn jemand halluziniert, ist er nicht zwingend schizophren. Um eine Schizophrenie verbindlich zu diagnostizieren, bedarf es mehr. Sie ist sowohl durch mehrere Positiv- als auch Negativsymptome definiert. vgl. ICD-10 oder DSM-IV.

#1 |
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