Datenbrille: Auf ein Glässchen im OP

2. April 2015
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Obwohl Google bei seinem viel gehypten Glass-Projekt vorläufig den Stecker gezogen hat, ist das Thema Datenbrille nicht vom Tisch. Gerade operativen Disziplinen bietet der sprachgesteuerte Kleinst-Computer interessante Anwendungsmöglichkeiten. DocCheck machte den Praxistest.

Noch vor wenigen Wochen postete Apple-CEO Tim Cook voller Schadenfreude: „Wir wussten von Anfang an, dass Google Glass ein Flop wird.“ Er sollte sich täuschen. Hinter der Entscheidung, Datenbrillen aus dem Explorer-Programm zu nehmen, steckt vor allem ein Strategiewandel mit „Glass at Work“ als neuem Fokus. Dazu zählen Anwendungen für die Industrie und für die Medizin. Einige Business-Kunden haben das neue Gadget bereits erhalten. Googles Strategie: User, allen voran Ärzte, sollen selbst herausfinden, wofür sich die Brille eignet, und die weitere Entwicklung steuern.

Konzentration auf das Wesentliche

DocCheck hat den Ball aufgefangen und einen schlanken Prototypen programmiert, der sich bei chirurgischen Eingriffen einsetzen lässt. Die Software beschränkt sich dabei zunächst auf das Wesentliche: Videoaufzeichnungen starten, pausieren und anhalten. Die entsprechenden Befehle können „Hands free“ gegeben werden – für den Operateur mit sterilen Handschuhen ein Muss. Was recht einfach klingt, erwies sich in der Praxis als knifflig – denn Google hat die Funktionen seiner Brille nicht gerade üppig dokumentiert. Hier muss der Suchmaschinen-Riese aus Mountain View noch kräftig nachbessern.

Harte Schule der Kardiologen

Privatdozent Dr. Navid Madershahian von der Klinik und Poliklinik für Herz- und Thoraxchirurgie der Uniklinik Köln nahm Google Glass und die DocCheck-App mit in seinen OP. Technik ist eines seiner Steckenpferde. Kein Wunder: Schon länger dokumentiert der Kollege Eingriffe, etwa für Lehrzwecke oder für Kongresse, aber eben mit normalen Kameras. „Die neue Ausrüstung bietet einige Optionen, um das Ganze zu vereinfachen“, so Madershahians erste Einschätzung. Ihm gefällt die Bauweise selbst: klein, leicht, gut zu tragen – auch bei längeren OPs. Aufnahmen erfolgen aus dem Blickwinkel des Operateurs, das macht Sinn. Angehende Herzchirurgen erleben die Eingriffe sehr authentisch. Auch gelingt es, ungewöhnliche Momente auf digitale Medien zu bannen. Madershahian: „Da sich die Brille permanent tragen lässt, erleben Studierende seltene, spannende Momente, die ansonsten oft verloren gehen.“ Nicht immer haben Ärzte eine Kamera herkömmlicher Bauart zur Verfügung. Neben der Ausbildung könnte Google Glass auch die Erhebung von Befunden und die Archivierung vereinfachen – bis hin zur Qualitätssicherung. Steht nach Monaten oder Jahren ein weiterer Eingriff an, der vielleicht sogar von anderen Kollegen ausgeführt wird, lässt sich die ursprüngliche OP ohne Aufwand nachvollziehen. Alles schön und gut? Leider nein – der Herzchirurg hat einige Verbesserungsvorschläge.

Nur nicht schwächeln

Defizite gibt es momentan vor allem beim Brillengestell: Je nach Gesichtsform und Augenabstand sitzt das teure Gadget schlecht. „Das Sprachverständnis ist auch noch nicht ganz ausgereift“, ergänzt Navid Madershahian. „Eventuell muss man Befehle mehrmals wiederholen“ – lästig in der Praxis. Zum harten technischen Kern: Google Glass stürzt häufiger ab, wird bei längerem Betrieb recht heiß, und der Akku hält nicht lange. Momentan beträgt die Betriebsdauer maximal 30 Minuten – „dann gehen unsere Operationen eigentlich erst richtig los“, so Madershahian.

Orthopäden am Drücker

Nicht nur Kardiologen beziehungsweise Chirurgen haben Interesse an der neuen Datenbrille. Andere Disziplinen profitieren ebenfalls. Jingyi Yu vom Department für Computer und Information, University of Delaware, sieht Einsatzmöglichkeiten, um Prothesen korrekt anzupassen. Er kennt die Problematik aus ingenieurwissenschaftlichem Blickwinkel. Normalerweise legen Arzt und Techniker 20 bis 30 Punkte fest und vermessen Patienten mit teuren Gerätschaften und mit hohem Zeitaufwand. Das muss nicht sein: Nimmt Google Glass Videos entsprechender Regionen auf, reichen schon 20-sekündige Clips. Mit seiner Datenbrille bewegt sich Yu um den Patienten und zeichnet alles auf. „Patienten und ihre Familien können das theoretisch sogar zu Hause durchführen und Daten auf einen Server laden.” Über spezielle Algorithmen geht es weiter an 3D-Drucker, um Prothesen herzustellen.

James C. Galloway, University of Dellaware, hat noch weitere Ideen: Schon heute filmen Eltern jede Bewegung ihres Nachwuchses. Warum nicht das Nützliche mit dem Angenehmen verbinden? Google Glass liefere Daten, aus denen Rückschlüsse auf Entwicklungsstörungen oder körperliche Beeinträchtigungen möglich seien, erklärt der Forscher. Daraus entwickelte sich sein GoBabyGo-Projekt. Bislang mussten Experten Videos zeitaufwändig aufnehmen und analysieren – jetzt übernimmt das Gadget entsprechende Aufgaben.

25 Wertungen (4.04 ø)
Medizin

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6 Kommentare:

Arzt
Arzt

Warum ausgerechnet ein Chirurg,
nehmt doch zum Anfang etwas weniger gefährliches,
z.B. einen Taxifahrer in einer Großstadt.

#6 |
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Mitarbeiterin von DocCheck

Vielen Dank für Ihre Anregungen. Natürlich lagen alle Einverständniserklärungen vor. Ihre Meinung ist uns wichtig und zu diesem Zweck haben wir eine kurze Umfrage zum Thema Google Glass in der Medizin erstellt.
Hier geht´s zur Umfrage: http://redirect.doccheck.com/google_glass/

#5 |
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Dr.Bayerl
Dr.Bayerl

Der normale Chirurg versteht es, sich bei einer Operation maximal zu konzentrieren.
Da stört so ein Ding schon gewaltig.
Gelegentlich ist der “Assistent” im Op auch der erfahrenere “Lehrer”,
der kann sicher nicht durch eine Brille ersetzt werden, wäre nicht zu verantworten bei einem Anfänger!
Hinzu kommt der ewige Gedankenfehler aller Telemedizinspinner,
es säße da irgendwo entfernt ein Superexperte, der Zeit hätte aus der Entfernung Diagnose und Therapie richtig anzuleiten.
Wenn der nicht am Tisch steht, hat der eben keine Zeit dafür.

#4 |
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Jochen Hoffmann
Jochen Hoffmann

Liebe Frau Schönwälder, Dr. Madershahian,

vor allem ist das gezeigt Video ein schönes Beispiel für die gelebte Sensibilität in Bezug auf den Datenschutz!
Ob es wohl schriftliche Einverständniserklärungen
1.) des Patienten,
2.) der Mitarbeiterin, die sich über die schlechte Abstimmung von drei Leuten beklagt und
3.) des Klinikums gibt,
dieses Video in dieser Form zu veröffentlichen?

Es bestätigt, dass die Vorbehalte gegenüber dieser und ähnlichen Systemen, nicht ernst genug genommen werden können.
Offenbar ist nicht einmal mehr der Datenschutz in einem Krankenhaus – dem Herzzentrum der Uniklinik Köln -, dem sich der Patient im Vertrauen auf dessen Verschwiegenheit in besonderer Weise – narkotisiert – ausliefert, gewährleistet.

Datenschutz beginnt als erstes im Kopf des medizinischen Personals!
Wenn nicht die mindesten Grundsätze verstanden und respektiert werden, ist den Verantwortlich unmitelbar der Zugang zu vertraulichen Patientendaten zu entziehen. Mit allen Konsequenzen für diese Personen!

Wer den Veröffentlichungen Eward Snowdens alleine nicht vertrauen mag und auch nicht verstanden hat, wie sehr Google das Motto “Wissen ist Macht” zur Grundlage seines weltweit vernetzten Geschäftsprinzips erhoben hat, möge sich das öffentlich Treffen Sigmar Gabriels und Googles Chef des Verwaltungsrats Eric Schmidt vom 14. 10. 2014 ansehen.
Die Kernaussage Schmidts: “Wir halten uns an alle Vorgaben der (deutschen) Regierung”.
Es nicht weniger als das euphemistisch verklausolierte Geständnis: Wir nutzen jede Möglichkeit, die nicht explizit verboten ist.

Wer also Geräte, die keine Prüfung und Zulassung nach MPG haben, im unmittelbaren Pateintenumfeld betreibt, handelt nicht nur offensichtlich – und wie hier, öffentlich – fahrlässig, er mißachtet auch in besonders schwerer Weise das Grundrecht auf informelle Selbstbestimmung des Patienten sowie der anderen oben genannten Personen, seien sie natürlich oder juristisch.

Mit besten Grüßen aus Hannover

#3 |
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Mitarbeiterin von DocCheck

Vielen Dank für Ihre Anmerkung!
Vorerst handelt es sich um einen Prototypen, der sich für die erste Testphase nur auf die Funktion Videoaufzeichnung konzentriert. Ein langfristiges Ziel soll sein, dass man während einer laufenden Operation Online Informationen abrufen kann. Um dieses Ziel zu erreichen, haben wir uns zunächst auf die Basisfunktionen fokussiert.
Liebe Mediziner, was denken Sie? Würden Sie die Google Glass nutzen?

#2 |
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Gast
Gast

Was die Brille dem Operateur nützen soll,
ist mir leider immer noch nicht klar geworden.

#1 |
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