Antibiotika-Wettlauf: Hase oder Igel?

14. April 2015
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Resistente Bakterien treiben nicht nur in Kliniken ihr Unwesen – Haus und Hof gelten auch als mögliche Reservoire. Infizieren sich Menschen, schlägt die Stunde der Pharmakotherapie. Sind neue Wirkstoffe tatsächlich der richtige Weg – oder doch eher ein aussichtsloser Wettlauf.

Jahr für Jahr sterben mindestens 15.000 Menschen in Deutschlands Kliniken, weil sie sich mit multiresistenten Keimen infiziert haben – bei unbekannt hoher Dunkelziffer. Jetzt macht Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) ernst – mit einem Zehn-Punkte-Plan.

Mehr Forschung, mehr Hygiene

Er schlägt vor, Meldepflichten zu verschärfen. Schon beim ersten Nachweis von multiresistenten gramnegativen Erregern (4MRGN) und Clostridium difficile müssen Ärzte Informationen weitergeben. Außerdem sollen Patienten – wie in anderen Ländern längst üblich – die Möglichkeit bekommen, sich vor stationären Aufenthalten untersuchen zu lassen. Momentan betrifft das nur Risikopatienten. Im Gespräch sind Sonderhonorare für Screenings. Kliniken will Gröhe verpflichten, Hygieneinformationen regelmäßig und vor allem leicht verständlich zu veröffentlichen. Regelmäßige Fortbildungen für Health Professionals plant der Bundesgesundheitsminister ebenfalls mit ein. Besonders heikel: mehr Personal im Hygienebereich. Bis 2016 stünden dem Ministerium zufolge 365 Millionen Euro für Einstellungen, Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen zur Verfügung. Hinzu kommen umfangreiche Forschungsvorhaben, etwa im Rahmen der Deutschen Antibiotika-Resistenzstrategie (DART) beziehungsweise der neuen „Task Force Antibiotikaforschung“. Wissenschaftler halten die Pläne für sinnvoll, jedoch nicht für ausreichend.

Unerwünschte Untermieter

Zum Hintergrund: Auch Menschen, die weder im Krankenhaus noch im Pflegeheim waren, erkranken immer häufiger an sogenannten CA-MRSA (Community-Acquired MRSA). Wie es dazu kommt, haben Loren G. Miller und Michael Z. David, Los Angeles, untersucht. Aus früheren Arbeiten war bereits bekannt, dass jeder zweite Mitbewohner von MRSA-Erkrankten ebenfalls resistente Keime auf der Haut trägt. Jetzt sequenzierten Molekularbiologen MRSA-Isolate aus 21 Haushalten – von Erkrankten und von weiteren Personen in deren Umfeld. Es handelte sich um den hier zu Lande seltenen Stamm USA300. Aus Genomanalysen folgerten die Forscher, dass sich entsprechende Erreger bereits zwei bis acht Jahre im Haushalt befanden, bevor es zur Infektion gekommen war. Um Patienten zu sanieren, sei es erforderlich, stärker das Lebensumfeld mit einzubeziehen, schreiben sie in ihrer Veröffentlichung. Miller und David können derzeit nicht ausschließen, dass Haustiere ebenfalls MRSA übertragen.

Im Boden viel Neues

Neben der Epidemiologie gibt es ebenfalls neue Errungenschaften aus der pharmazeutischen Forschung. Doch so manches Präparat ist – wie das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) lapidar feststellt – mit „bedeutenden Risiken“ verbunden. Dazu gehören beim kürzlich zugelassenen Telavancin sogar Nephrotoxizität, QTc-Verlängerungen und Reproduktionstoxizität. Grund genug, den Wirkstoff lediglich als Last-Line-Therapie einzusetzen, sollten alle Stricke reißen. Zeitgleich suchen etliche Labors nach neuen Molekülen. Ihre vielversprechende Strategie: der iChip, ein kleines Gerät, um Bakterien im Erdreich zu finden. Liegt der kultivierbare Anteil im Labor bei einem Prozent, sind es mit iChips immerhin 50 Prozent. Jetzt gibt es einen ersten Durchbruch: Kim Lewis, Boston, hat mit dem neuen Tool 10.000 Bakterienstämme kultiviert. Darunter befand sich auch Elephtheria terrae, eine bislang unbekannte Spezies. Sie produziert das Antibiotikum Teixobactin, ein Depsipeptid, das die Bildung bakterieller Zellwände stört. Diese speziellen Eiweißmoleküle enthalten sowohl Peptid- als auch Esterbindungen. Behandelten Forscher MRSA-infizierte Mäuse mit Teixobactin, blieben die Nager am Leben. Ohne Wirkstoff starben sie an einer Sepsis. Aufgrund von In-vitro-Tests erwartet Lewis auch Effekte gegen Bacillus anthracis, Clostridium difficile, Streptococcus pneumoniae und Mycobacterium tuberculosis. In zwei Jahren sollen erste klinische Studien beginnen. Momentan deutet viel auf eine geringe Resistenzneigung hin. Trotzdem kritisieren Apotheker die ewige Jagd nach neuen Wirkstoffen.

Einfach abgeschaltet

Professor Dr. Stephan Sieber, München, schlägt deshalb andere Wege ein. Sein Ziel ist nicht, Bakterien abzutöten. Vielmehr nimmt er ihnen die Fähigkeit, im Körper Entzündungsreaktionen auszulösen. Siebers Ziel lautet, molekulare Virulenzfaktoren zu bremsen. Als Schlüsselfaktor gilt bei Staphylococcus aureus die Endopeptidase ClpP (caseinolytic protease P). Sie wird durch Beta-Lactone gehemmt. Bei Mäusen schrumpften bakterielle Abszesse nach topischer Gabe entsprechender Moleküle. Derivate dieser Grundstruktur waren auch im Blutkreislauf stabil. Gute Nachrichten, allerdings werden 2,3 Millionen Euro aus dem Fördertopf des Bundesforschungsministeriums früher oder später erschöpft sein. Zur weiteren Entwicklung benötigen die Forscher Sponsoren.

15 Wertungen (4.8 ø)

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5 Kommentare:

Gast
Gast

Herr v.d. Heuvel, schön, dass Sie auch auf das Clostridium dificile hinweisen,
das hat sich durch die unermüdliche Tätigkeit der Hygieniker in den letzen zwei Jahrzehnten verzehnfacht,
weil sie den Schwestern das Hände-Waschen verboten haben, was diese natürlich gewissenhaft einhalten.
“Hygienisch” heißt daher heute: kein Händewaschen mehr, nur noch Alkohol.
Sogar Chirurgen werden zunehmend angepflaumt, wenn sie das vor der Op ignorieren.
In Bremen sind diese Superexperten noch nicht einmal mit einer lächerlichen Klebsielle (Darmkeim) fertig geworden.
Aber wie #2 richtig sagt, liegt wohl in der Landwirtschaft die größte Leiche im Keller.
Hier könnten Hygieniker lernen :-)

#5 |
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Arzt
Arzt

@Carola Kübrich, das Problem in Deutschland ist eher eine neue eher rel. wohlhabende Mittelschicht von Impfgegnern, die beratungsresistent und unsolidarisch sind. Leider machen da auch einige Ärztinnen und Ärzte mit, denen sollte man die Approbation entziehen.

#4 |
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Carola Kübrich
Carola Kübrich

Es ist absolut notwendig, dass “Fremde” aus fernen Ländern, die sich hier frei bewegen , geimpft und dringend einer umfassenden Wurmtherapie unterzogen werden. Es ist bekannt, und wird nicht transparent nachvollziehbar veröffentlicht:
Es gibt nachweislich Infektionsquellen im “Supermarkt” über Obst und Gemüse, entstanden durch die Weitergabe über das “Anlangen – und wieder-Hinlegen” – !!!

Es sollte eine Aufklärungskampagne gestartet werden, für die hier her Kommenden erklärt, dass mit Wasser und Seife nach dem Toilettengang die Hände gereinigt werden sollen.

Das machen nämlich die meisten Asylsuchenden nicht.

#3 |
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Arzt
Arzt

Lieber Herr van den Heuvel, das gibt es inzwischen auch in Deutschland,
bei jedem Bauer in Münsterland z.B. mit Viehhaltung.
Hygieniker nützen da wirklich nichts.
Diese Berufsgruppe ist eher schon etwas lästig geworden.

#2 |
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Apotheker

Mehr Personal im Hygienebereich? Stellt erstmal ausreichend Personal für die Pflege zur Verfügung!
Wenn das Krankenhauspersonal sich mal ausreichend um eigene Hygiene kümmern könnte, statt unter Zeitdruck von Bett zu Bett zu hetzen, wäre nicht nur in Sachen MRSA etwas gebessert. Sondern gleichzeitig auch in Hinblick auf Dekubitus, schnelle Mobilisierung/Rekonvaleszenz, ‘Kümmern und Zuhören’…

#1 |
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