Nocebo-Effekt: Krankheitssymptome durch Medien

2. Mai 2013
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Berichte über gesundheitsgefährdende Substanzen können dazu führen, dass empfindliche Menschen Krankheitssymptome entwickeln, obwohl es keinen Anlass dafür gibt. Deshalb sollten Medien verantwortungsvoll mit Warnungen vor Gesundheitsrisiken umgehen.

Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, die sich mit dem Phänomen der elektromagnetischen Hypersensitivität befasst hat. Bei dieser Symptomatik reagieren die Betroffenen nach eigenen Angaben auf elektromagnetische Wellen wie zum Beispiel Handy-Strahlung mit Beschwerden. Sie zeigen körperliche Reaktionen, und mithilfe der Kernspintomographie ist zu sehen, dass schmerzverarbeitende Hirnregionen aktiviert sind. “Es spricht allerdings vieles dafür, dass es sich bei der elektromagnetischen Hypersensitivität um einen sogenannten Nocebo-Effekt handelt”, erklärt Dr. Michael Witthöft von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU). “Allein die Erwartung einer Schädigung kann tatsächlich Schmerzen oder Beschwerden auslösen, wie wir es umgekehrt im Bereich schmerzlindernder Wirkungen auch von Placebo-Effekten kennen.” Wie die neue Studie zeigt, können Medienberichte, die vor Gesundheitsrisiken warnen, bei manchen Personen Nocebo-Effekte hervorrufen oder verstärken.

Betroffene können die Gefahr selbst nicht einschätzen

Immer wieder berichten Medien über Gesundheitsrisiken durch elektromagnetische Felder (EMF), die von Handys, Mobilfunk-Sendemasten, Hochspannungsleitungen und dem WLAN ausgehen. Menschen, die nach eigener Einschätzung auf elektromagnetische Felder sensibel reagieren, leiden unter Symptomen wie Kopfschmerzen, Schwindel, brennender Haut oder einem Kribbeln, die sie auf diese Emissionen zurückführen. Es gibt Betroffene, die sich wegen ihrer elektromagnetischen Hypersensitivität von der Arbeit und ihrem sozialen Umfeld zurückziehen und in extremen Fällen sogar in abgeschiedene Regionen umziehen, um elektrische Anlagen ganz zu meiden. “Tests haben allerdings gezeigt, dass Betroffene nicht unterscheiden konnten, ob sie tatsächlich elektromagnetischen Feldern ausgesetzt sind und dass ihre Symptome genauso von einer Scheinexposition ausgelöst werden können wie von realer Strahlung“, sagt Witthöft. Das als Nocebo-Effekt bekannte Phänomen wurde zunächst bei Arzneimittel-Studien festgestellt. Probanden zeigten Nebenwirkungen, obwohl sie gar kein Medikament, sondern ein Placebo erhalten hatten.

Starke Symptome durch den Dokumentarfilm

In den Untersuchungen, die Witthöft bei einem Aufenthalt am King’s College London zusammen mit G. James Rubin durchgeführt hat, wurde den 147 Testpersonen zunächst ein Fernsehbericht gezeigt. Ein Teil der Versuchsteilnehmer bekam einen Dokumentarfilm des Senders BBC One zu sehen, in dem teilweise drastisch über die Gesundheitsgefahren von Mobilfunk- und WLAN-Signalen berichtet wurde. Der andere Teil schaute einen Bericht von BBC News über die Sicherheit von Internet- und Handy-Daten an. Anschließend wurden alle Probanden einem WLAN-Scheinsignal ausgesetzt, von dem sie aber annehmen konnten, dass es echt sei. Obwohl in Wirklichkeit überhaupt keine Strahlung vorhanden war, entwickelten einige Probanden die typischen Symptome: 54 Prozent der Testpersonen berichteten über Beunruhigung und Beklemmung, Beeinträchtigung ihrer Konzentration oder Kribbeln in den Fingern, Armen, Beinen und Füßen. Zwei Teilnehmer haben den Test vorzeitig beendet, weil ihre Symptome so stark waren, dass sie sich nicht länger der vermeintlichen WLAN-Strahlung aussetzen wollten. Es zeigte sich, dass die Symptome bei Personen mit erhöhter Ängstlichkeit, die vor der Scheinexposition den Dokumentarfilm über mögliche Gefahren von elektromagnetischer Strahlung gezeigt bekamen, am stärksten ausfielen.

Gesundheitsrisiken in den Medien wissenschaftlich begründen

Die Studie zeigt, in welchem Maße reißerische Medienberichte, denen oft die wissenschaftliche Grundlage fehlt, auf die Gesundheit großer Bevölkerungsteile Einfluss nehmen können. Die Suggestion von Gesundheitsgefahren wirkt aller Wahrscheinlichkeit nach nicht nur kurzfristig wie eine sich selbsterfüllende Prophezeiung, sie kann auch langfristig dazu führen, dass sich Menschen für empfänglich halten und in entsprechenden Situationen auf Elektrosmog mit Symptomen reagieren. “Die Wissenschaft und die Medien müssen unbedingt stärker zusammenarbeiten und sich darum bemühen, dass Berichte beispielsweise über mögliche Gesundheitsrisiken neuer Technologien so wahrheitsgetreu wie möglich und nach bestem Wissensstand an die Öffentlichkeit gelangen”, folgert Witthöft aus den Ergebnissen der Studie.

Originalpublikation:

Are media warnings about the adverse health effects of modern life self-fulfilling? An experimental study on idiopathic environmental intolerance attributed to electromagnetic fields (IEI-EMF)

Michael Witthöft et al.; Journal of Psychosomatic Research, doi: 10.1016/j.jpsychores.2012.12.002; 2013

25 Wertungen (4.08 ø)
Medizin

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4 Kommentare:

Steffen Jurisch
Steffen Jurisch

Ein Arzttitel macht eben noch keinen Menschen der auch wirklich denken kann.
Natürlich ist eine übertriebene, schlecht recherchierte und nur auf die negativen Auswirkungen hinweisende Berichterstattung in den Medien nicht das was man unter der Aufklärung der Bevölkerung verstehen soll und kann.
Aber, sollen wir darum diese Art Berichte gleich stoppen und nur noch DSDS, Voice of Germany oder Germanys next top Model senden – ich meine, dann muss der Verbrauchen nicht mehr nachdenken, dann kann es sich der Verblödung gleich hingeben.
Natürlich gibt es Menschen die sensibler auf bestimmte Themen reagieren und dann Symptome entwickeln, die eigentlich nicht sein müssten. Und doch gibt es Morphogenetische Felder z.B. und wer stellt sicher, dass die Testpersonen nicht die Handystrahlung oder W-Lan Strahlung aus dem Nachbarraum spürten?
sich darüber den Kopf zu zerbrechen halte ich für den falschen Weg – der richtige wäre, wenn es auch nur einen Funken für den Verdacht der Schädlichkeit auf den menschlichen Organismus gibt, dann sollte dieser erforscht und abgestellt werden.
Ach ja, und so ganz nebenbei, wenn derart von Informationssendungen öfter ausgestrahlt würde werden, zu den besten Sendezeiten – und der Schrott dann eben nach 24 Uhr, dann würde sich mehr Menschen über das gesehene austauschen und Übertreibungen oder gar Blödsinn würde somit schneller aufgedeckt werden – was den hypersensiven Menschen helfen würde…

#4 |
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Rettungsassistent

Da bleibt mir die Frage ob dieser Nocebo – Effekt auch auf Ärzte und Medizinisches Fachpersonal angewandt werden kann.
Durch das “Mehr Wissen” kommen leider oft auch die Differentialdiagnosen zum Vorschein, die nach eintreten einer bestimmten Symptomatik allesamt eruiert werden.

Ich zum Beispiel denke da an Dinge wie: Das Ziehen in Arm und Rücken ausgelöst durch das Krafttraining vom Vortag wird differentialdiagnostisch gleich als Vorbote eines Herzinfarkts gewertet.

Oder bin ich hier eher in der Rubrik Hypersensibilität?

#3 |
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Physiotherapeut

Das typische “Visite”- Phänomen,
immer wieder Mittwoch nach der Sendung im NDR kommen die Pat. in die Physiopraxen und haben endlich das geschafft was Ärzte und Therapeuten bisher nicht konnten!

Sie haben endlich eine DIAGNOSE ;)

#2 |
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Endlich wird der Nocebo Effekt bzw. auch die Nocebo Antwort etwas häufiger thematisiert. Der enorm negative Einfluss ständiger und gnadenlos übertriebener Warnmeldungen auf die Gesundheit und Lebensqualität der etwa 20 % empfindsamer, disponierter Menschen in unserer Gesellschaft ist noch nicht annähernd erfasst oder gar quantifiziert worden. Mehr Zusammenarbeit von Wissenschaft und Medien ist nicht nur notwendig, sie muss vielmehr auf eine neue Ebene gestellt werden, die konsequenterweise fehlende Verantwortung im Rahmen der Berichterstattung wie Luftverpestung ahndet. Wer Unsinn schreibt, muss Zertifikate kaufen. Die Einnahmen dienen der korrekten Berichterstattung und der Hilfe für Betroffene. Aiuch und besonders Parteien, die davon profitieren, unsinnige Umweltängste zu verbreiten, sollten bei der Wahlentscheidung durchaus kritisch gesehen werden.

#1 |
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