Wer arm drin ist, ist arm dran

20. Januar 2012
Teilen

Nicht nur der objektive sozioökonomische Status beeinflusst die Gesundheit. Auch der subjektive soziale Status hat anscheinend einen Einfluss auf unser gesundheitliches Wohlbefinden, da er eng mit der Funktion der Beta-Adrenorezeptoren zusammenhängt.

In den USA schon länger Usus, im deutschsprachigen Raum jedoch erst zögerlich im Kommen, sind Studien zum Zusammenhang zwischen subjektivem sozialem Status (SSS) und der Gesundheit. Noch im November 2010 konnten Ruth Hegar und Andreas Mielck vom Helmholtz-Zentrum München keine einzige deutschsprachige Studie zum Thema “subjektiver sozialer Status und Gesundheit” finden.

Frank Eutenheuer (Philipps-Universität Marburg), Paul J. Mills (University of California, USA) et al. zeigten nun in ihrer aktuellen Studie, dass ein niedriger subjektiv empfundener sozialer Status in vivo die Beta-adrenergen Rezeptoren anscheinend downregulieren kann. Downregulierte Betarezeptoren werden als Anzeichen für eine anhaltende sympathische Überaktivierung angesehen ‑ diese wiederum ist verbunden mit einem erhöhten kardiovaskulären Risiko.

Die Wissenschaftler untersuchten 94 gesunde Studienteilnehmer. Diese sollten ihren Status anhand der “MacArthur-Skala zum subjektiven sozialen Status” einschätzen. Die MacArthur-Skala ist das gängige Instrument, um den subjektiven sozialen Status (SSS) abzubilden. Dabei handelt es sich um das Bild einer 10-stufigen Leiter, auf der die Studienteilnehmer ein Kreuzchen auf die Stufe einzeichnen sollen, auf der sie zu stehen meinen.

Die Sprossen der sozialen Leiter

Die Studienteilnehmer sollten dabei auf zwei verschiedenen Leitern ihre Kreuzchen setzen: einmal auf eine Leiter, die sich auf ihren sozialen Status in den USA bezieht (SSS-USA) und einmal auf eine Leiter, die den lokalen Status betrachtet (SSS-C, “C” = community). Interessant ist, dass es hier durchaus Unterschiede geben kann: Ein Teilnehmer kann sich beispielsweise innerhalb seines Landes als relativ weit unten auf der “sozialen Leiter” ansiedeln, weil er wenig gebildet ist und ein geringes Einkommen hat. Lokal kann er sich jedoch als relativ weit oben stehend empfinden, weil er beispielsweise in der lokalen Glaubensgemeinschaft oder im Sportverein ein angesehenes Mitglied ist. Der objektive Status der Teilnehmer wurde mit dem Hollingshead Two-Factor Index erfasst, der den Status “Beruf” und “Bildung” abfragt.

Um die Sensitivität der Beta-adrenergen Rezeptoren zu erfassen, nutzten die Autoren die sogenannte “Chronotrope Dosis 25”, kurz “CD25”, als Marker. Dabei wird den Studienteilnehmern der Beta-adrenerge Agonist Isoproterenol infundiert. Dann wird analysiert, welche Menge notwendig ist, um die Herzfrequenz um 25 Schläge pro Minute zu steigern. Je geringer die Beta-Rezeptorsensitivität, desto höher die notwendige Isoproterenol-Dosis. Es zeigte sich: Die Senisitivität der Beta-Rezeptoren war bei Teilnehmern mit geringem subjektiven sozialen Status signifikant reduziert (SSS-USA: p = 0,007, SSS-C: p < 0,001). Auch nach Anpassung der Daten nach soziodemographischen Variablen (Alter, Ethnizität, Geschlecht), Gesundheitsfaktoren (Bewegung, Rauchen, Body-Mass-Index) und objektivem sozialen Status, war der SSS-C immer noch ein signifikanter Prädiktor der Beta-Rezeptorsensitivität.
Die Autoren schließen daraus, dass die Beta-Adrenorezeptorenfunktion eine entscheidende Verbindung zwischen dem subjektiven sozialen Status und der Gesundheit darstellt.

77 Wertungen (4.1 ø)
Medizin

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

5 Kommentare:

Weitere medizinische Berufe

Wer “Reich” ist lebt länger, wer “Arm” ist muß früher sterben !

Das war doch schon immer so !

Es wird sich hier auch nichts ändern !

Die spitze Feder

#5 |
  0

nichts Neues aus der Sicht der Sozial – und systematischen Psychologie.
Aber super, da dies jetzt untersucht wird.
Leute werden mit sozialem Druck sich arm denkend gemacht. Dies beginnt mit der Haltung der Mütter, die miteinander in Konkurrenz stehen, wer die besseren Kinder hat und damit ihr eigenes leben und Erfüllung hinten an stellen. Auch das Kinder erziehen wird zu unlösbarem Stress mit Hausfrauen Burnout

#4 |
  0
Altenpfleger

Nun ja. So mancher Einsiedler soll den Legenden nach über eine beneidenswerte Gesundheit verfügen. Für solche Menschen stellt sich die Frage nach sozialem Status nicht. Mir stellt sich da die Frage, ob es sich – egal ob nun zutreffend oder nicht – um eine grundlegend falsifizierbare Aussage handelt.

Fest steht allemal, dass der subjektiv empfundene soziale Status eine größere Auswirkung auf das Wohlbefinden (und somit auf die Gesundheit)hat als der objektive. Warum das so ist, bedarf wohl keiner näheren Erläuterung.

#3 |
  0

Korrelation ist noch keine Kausalität.
Wer schütz uns vor dem Vormarsch der Psychologen?
Das ist keine Wissenschaft mehr.

Es gibt z.B. eine Korrelation von Bildung (Intelligenz) und Zigarettenkonsum.
Im Endeffekt raucht der Gebildete WENIGER, OBWOHL er wahrscheinlich mehr Geld hat, als der Ungebildete.
Stimmt dann noch der Slogan von der Abhängigkeit der Gesundheit vom Geld?
Andererseits gibt es Sportler, die alles andere als reich sind
und für ihren Sport ein sehr gesundes Leben führen.
Schon wieder ist die sozio-psychologische These falsch!

Wichtiger scheint mir daher die Betonung der Eigenverantwortung,
auch für das persönliche Glück.

MfG

#2 |
  0
Dieter Trautwein
Dieter Trautwein

Mens sana in corpore sana . Da war einfach. Wie viele evtl. vergessen haben, definiert die WHO den Begriff Gesundheit auch aus der sozialen Perspektive. D. h. keine neuen Erkenntniss

#1 |
  0


Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: