Müttersterblichkeit: Bis die Geburt euch scheidet

5. Mai 2015
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Eine Schwangerschaft birgt viele Risiken, manche davon können zum Tode führen. Ein Großteil dieser schwangerschaftsbezogenen Todesfälle ist einer neuen Studie zufolge jedoch vermeidbar. Außerdem hängt das Risiko stark von der Ethnie, dem Alter der Mutter und dem BMI ab.

Zu den häufigsten Todesursachen im Zusammenhang mit einer Schwangerschaft zählen der amerikanischen Kohortenstudie [Paywall] zufolge Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Präeklampsie oder Eklampsie, Hämorrhagien, venöse Thromboembolien (VTE) und Fruchtwasserembolien. Dabei unterschieden sich die einzelnen Todesursachen deutlich darin, mit welcher Wahrscheinlichkeit der Tod hätte verhindert werden können: Am ehesten galt dies für Todesfälle durch Hämorrhagien und Präeklampsie – der tödliche Ausgang hätte in diesen Fällen mit 70 bzw. 60%iger Wahrscheinlichkeit vermieden werden können. Insgesamt habe nach der Einschätzung der Experten bei 41 % der Todesfälle eine gute bis sehr gute Wahrscheinlichkeit bestanden, den Tod abzuwenden.

Die Forscher um Dr. Elliott Main stellten außerdem fest, dass die Todesursachen sich hinsichtlich bestimmter Faktoren wie Ethnie, Alter und BMI deutlich unterschieden. Beispiel Alter: Zwei Drittel der Präeklampsie-Toten und etwa drei Viertel der Frauen, die an Hämorrhagie und Fruchtwasserembolie verstarben, waren 30 Jahre alt oder älter. Bei den verstorbenen „Nicht-Müttern“ aus demselben Geburtsjahrgang betrug dagegen der Anteil der über 30-Jährigen lediglich 41 %. Die Altersverteilung von Frauen, die an Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder venöser Thromboembolie verstarben, unterschied sich dagegen nicht von derjenigen der Kontrollgruppe.

Kampf dem Sensenmann

Bei der Suche nach den Ursachen stellten die Forscher fest, dass es bei den tödlich verlaufenden Komplikationen auffällige Gemeinsamkeiten gab. Beispielsweise suchten die Patienten oft nur mit Verzögerung medizinische Hilfe auf. Außerdem vermuteten die Forscher, dass Patienten und Angehörige aufgrund von Wissensdefiziten oft die Schwere bestimmter Symptome oder Zustände nicht richtig einschätzen konnten. Im Zusammenhang mit Hämorrhagien fiel auf, dass der Tod hier besonders häufig mit einrichtungsbezogenen Faktoren assoziiert war. Dazu gehörten unter anderem Wissenslücken der Belegschaft und systematische Probleme wie ein Mangel an Protokollen für massive Bluttransfusionen sowie Verzögerungen bei der Verabreichung der Blutprodukte.

Anlass der Studie war die seit einigen Jahren wieder steigende Müttersterblichkeitsrate in den USA. Die Autoren der Studie betonen, dass gemeinsame Anstrengungen nötig seien, um diesen Trend wieder umzukehren. „Diese Ergebnisse unterstreichen die Notwendigkeit zielgerichteter Maßnahmen zur Verbesserung der Gesundheitsversorgung, beispielsweise krankenhausbasierte Sicherheitspakete zur Prävention von Hämorrhagie, Präeklampsie und venöser Thromboembolie sowie umfangreiche Programme zur Patientenaufklärung, Kommunikation und Weiterentwicklung der Teamarbeit“, so die Autoren der Studie.

Für ihre Studie identifizierten die Forscher mittels verknüpfter Geburts- und Sterbeurkunden aus den Jahren 2002 bis 2005 diejenigen Sterbefälle in Kalifornien, die im Zusammenhang mit einer Schwangerschaft eintraten. Aufgrund von Behandlungsunterlagen, Obduktionsbefunden und gerichtsmedizinischen Gutachten wurden Rückschlüsse auf folgende Parameter gezogen: Todesursache, klinische und demographische Merkmale, Wahrscheinlichkeit, mit welcher der Tod hätte verhindert werden können, diverse Einflussfaktoren (unterteilt nach Gesundheitsdienstleister, Gesundheitseinrichtung und Patient) sowie Verbesserungsmöglichkeiten. Insgesamt lagen der Analyse 207 schwangerschaftsbezogene Sterbefälle zugrunde.

Deutschland nur Mittelmaß

Während in den westlichen Industrienationen die Müttersterblichkeit zwar deutlich geringer ausfällt als in den USA, ist das Thema doch auch aus deutscher Sicht eine nähere Betrachtung wert. Hierzulande stagnieren sowohl die Müttersterblichkeitsrate als auch das Lebenszeitrisiko für Müttersterblichkeit, während unsere europäischen Nachbarstaaten sich in diesen Punkten in den letzten Jahren weiter verbessern konnten. Spitzenreiter im Jahr 2013 waren Polen und Österreich mit einem Lebenszeitrisiko für Müttersterblichkeit von 1:19.800 bzw. 1:19.200.

In Deutschland liegt dagegen die Wahrscheinlichkeit, dass ein 15-jähriges Mädchen im Verlauf ihres Lebens aufgrund einer Mutterschaft verstirbt, bei 1:11.000. Pro 100.000 Lebendgeburten sterben hierzulande sieben Frauen in Folge einer Schwangerschaft, in Polen sind es lediglich drei. Beim Vergleich dieser Zahlen ist es allerdings zu beachten, dass länderspezifische Registrierungsverfahren und ICD-Signierkriterien einen starken Einfluss haben. Trotzdem: Wenn sich der Trend fortsetzt, droht Deutschland im internationalen Vergleich den Anschluss zu verlieren (siehe Abbildung).

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Daten aus der UN World Bank Data on Lifetime Risk of Maternal Death

Zu den häufigsten Todesursachen bei Müttern in Deutschland gibt es zwar keine aktuellen Untersuchungen, es existieren Daten jedoch für Bayern, Österreich und die Schweiz. Im Zeitraum von 2001 bis 2008 standen in Bayern Krankheiten des Kreislaufsystems, Thromboembolien (inkl. Fruchtwasserembolie), Hämorrhagien und hypertensive Erkrankungen ganz oben auf der Liste der Ursachen von Müttersterblichkeit. Eine sehr ähnliche Zusammensetzung findet sich auch für Österreich und die Schweiz, allerdings scheinen hier Genital- und Urosepsis eine stärkere Rolle zu spielen. Deutlich neuere Untersuchungen (2009-2012) aus Großbritannien deuten darauf hin, dass die Bedeutung ganz anderer Todesursachen stark zugenommen hat: Zwei Drittel der Müttersterbefälle sind dort auf indirekte Ursachen medizinischer und psychiatrischer Art zurückzuführen, beispielsweise Herzerkrankungen, Epilepsie, Influenza und Suizid.

Vorher ist besser als nachher

Eine besondere Bedeutung haben standardisierte Protokolle für bestimmte Notfallsituationen. Diese können dabei helfen, die Gesundheitsversorgung von Schwangeren, Gebärenden und Wöchnerinnen zu verbessern. „Selbst wenn vom Verstand her jeder weiß, wie mit einer postpartum Hämorrhagie umgegangen werden muss: Bei einem schweren Fall bekommen Leute oft lebenswichtige Elemente nicht mit, beispielsweise ob die Infusion ordentlich läuft“, erklärt Dr. James Byrne, Vorsitzender der Abteilung Gynäkologie und Geburtshilfe am US-amerikanischen Santa Clara Valley Medical Center.

Eine klare Rollenverteilung, standardisierte Protokolle und übersichtliche Checklisten, die regelmäßig leitliniengerecht aktualisiert werden, sind zwar hilfreich. Mindestens ebenso wichtig ist es, die Anwendung dieser Maßnahmen gründlich einzuüben. Regelmäßig anberaumte Vorträge, Diskussionen und Probeläufe, bei denen Notfälle realistisch simuliert werden, legen den Grundstein für eine gute Versorgung im Ernstfall.

Originalpublikation:

Pregnancy-Related Mortality in California: Causes, Characteristics, and Improvement Opportunities [Paywall]
Main, Elliott K. et al.; Obstetrics & Gynecology, doi: 10.1097/AOG.0000000000000746; 2015

87 Wertungen (3.68 ø)
Gynäkologie, Medizin

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14 Kommentare:

Hebamme
Hebamme

Teilweise ist das schon wahr…obwohl mir der Titel auch nicht zusagt!
Allerdings kann ich bestätigen, dass der westliche, hier der bundesdeutsche “Lifestyle”, hinsichtlich der “Fresssucht”, den allgemeine, oft recht ungesunden Lebensweisen einer normalen,gesunden Schwangerschaft und Geburt nicht zuträglich ist! Das ist ein Fakt! Als Hebamme, die leider viele sehr schwergewichtige Frauen mit mehr als 100 -120 kg entbunden hat, kann ich bestätigen, dass es gefährlicher und mühsamer für alle Beteiligten, bes.natürlich für das Kind und die Mutter, ist, solche Geburten zu leiten und zu vollbringen!
Und die Schwangerschaften sind risikoreicher! Deutlich häufiger Gestosen usw.! Sofern sehr dicke Frauen denn überhaupt problemlos schwanger werden, da Fett ja bekanntermaßen hormonaktiv ist und ich oft erlebt habe, dass nach 30 u. mehr Kilo Gewichtsverlust plützlich endlich eine erfolgreiche Schwangerschaft eintrat!

#14 |
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Sehr geehrte Frau Aho-Ritter,
Ihren aktuellen Titel zum o.g. Beitrag ” bis dass der Tod Euch scheidet” finde ich ehrlich gesagt absolut geschmacklos formuliert. Ein bisschen mehr Fingerspitzengefühl wäre hier angebracht, abgesehen davon, dass Sie fachlich kaum etwas wirklich Neues benennen. Die Titel sind wirklich Bild- Zeitungs- Niveau: Sterbehilfe: Keine Bedienung bei McDeath, Parkinson: Ende der Zitterpartie, In-vitro-Fertilisation: Flotter Dreier per Gesetz..
Bitte etwas mehr Seriösität!

#13 |
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Gynäkologin
Gynäkologin

Ist eigentlich ein Thema für Entwicklungsländer, nicht für uns.
Unser “Problem” sind die “Zivilisationskrankheiten” also der gesundheitsschädliche “livestile”, der gefährdet natürlich auch eine Schwangerschaft.

Die Botschaft sollte aber eher sein, dass Schwangerschaft für die Frau gesund ist und besonders bei Spätgebärenden über 30 statistisch sogar die Lebenserwartung verlängert.
Wie klug von Mutter Natur,
die mag offenbar keine kinderlosen Frauen.

#12 |
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Gynäkologin
Gynäkologin

@Dr. Jana Präßler es gibt wirklich nur sehr wenig Ärzte die eine Hausgeburt empfehlen,
ihr “Vorsorgeangebot” ist immer höher als die AOK zahlt,
also was meinen Sie mit ihrem inakzeptablen Seitenhieb?
Ärzte sind Schuld für Übergewicht, Rauchen und Trinken???

#11 |
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Dr. Jana Präßler
Dr. Jana Präßler

Im Mutterpass steht als erster Satz: “Schwangerschaft und Geburt sind natürliche Vorgänge und stellen keine Krankheit dar.” – Ich finde es gut, dass dieser Artikel die Thematik der besonderen gesundheitlichen Situation der Schwangerschaft und Geburt aufgreift. In der Schwangerschaft können viele verschiedene Beschwerden, behandlungsbedürftige körperliche und psychische Veränderungen und Beeinträchtigungen sowie manifeste und sogar lebensbedrohliche Erkrankungen auftreten. Dem wird zwar durch die Vorsorgeuntersuchungen Rechnung getragen und auch durch verschiedene soziale Regelungen, die werdende Mütter und ihre Kinder schützen sollen, aber in der gesellschaftlichen und zT auch ärztlichen Wahrnehmung wird dies eher unterdrückt: siehe oben. Hier wäre ein Umdenken wünschenswert.

#10 |
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Gast
Gast

Trend in USA zu viele Hausgeburte!
Aber auch bei uns ist ja die allgemeine Intelligenz so deutlich gestiegen,
dass man sogar Geburtsparties zuhause riskiert,
hinzu kommt Rauchen, Saufen und natürlich Übergewicht.
Das ist alles in Polen besser.

#9 |
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Gesundheits- und Krankenpflegerin

Frau Schultze,
Sie sprechen mir aus der Seele.

#8 |
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Schreibt lieber mal über die Hebammensituation hierzulande!!! Ohne Sie werden bald wirklich mehr Frauen sterben an den Folgen der Geburt. Nur sie haben die Erfahrung eine Frau durch ihre lebenswichtigen Phasen zu leiten!

#7 |
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HP Julia Rosa
HP Julia Rosa

Der Titel geht gar nicht und der Inhalt ist stark oberflächlich gehalten sowie beinhaltet nichts neues.

#6 |
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Christiane Lücker
Christiane Lücker

Inwieweit kommt hier der BMi zum tragen?

#5 |
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Miriam Lefevre
Miriam Lefevre

Der Artikel zeigt meines Erachtens sehr gut ein allgemeines Problem – wir haben tolle Leitlinien und Verfahrensanweisungen die wir auch regelmäßig dem neusten Stand der Wissenschaft anpassen – Übungen für den Ernstfall kommen jedoch immer wieder zu kurz!
Der Titel provoziert- zum Lesen! Er erfüllt also seinen Sinn eines so genannten Aufmachers!

#4 |
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Gesundheits- und Krankenpflegerin

Reisserischer Titel, absolut daneben und was kommt dabei raus? Alles, was wir eh wissen – das Leben kann gefährlich sein.

#3 |
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Michaela Grigat
Michaela Grigat

Was für ein hundsmiserabler Titel – respektlos den Leidtragenden gegenüber.

#2 |
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Medizinjournalist

Weshalb wird das BMI als Ursache nur kurz genennt? Weil es routinemässig genenn t wird als Ursache aller Krankheiten?

#1 |
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