Update Migräne: Attacke, bitte aufhören

15. Mai 2013
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Allein in Deutschland leiden zehn Millionen Patienten an Migräne – teilweise mit Aura. Eine leitliniengerechte Therapie hilft vielen, aber nicht allen Betroffenen. Umso wichtiger sind neue pharmakologische und physikalische Strategien sowie Studien zu Komorbiditäten.

Migräneforschung weltweit: Auf der Jahrestagung der American Academy of Neurology (AAN) stellten Kollegen ihre Strategie gegen therapieresistente Migräne vor. Zeitgleich sind mehrere Fachartikel erschienen, die neue Aspekte auf das Leiden werfen.

Eine Schmerzkarriere beginnt

Bereits der Nachwuchs wird von Migräne gepeinigt. Neurologen aus den USA und aus Brasilien wollten wissen, inwieweit dadurch schulische Leistungen in Mitleidenschaft gezogen werden. Marco A. Arruda und Marcelo E. Bigal, Brasilien und New York, erfassten Daten von 5.671 Kindern. Über Fragebögen fanden sie heraus, dass 9,0 Prozent der kleinen Probanden an episodischer und 0,6 Prozent an chronischer Migräne litten – bei 17,6 Prozent lag wahrscheinlich Migräne vor. Schlechte Noten und Probleme korrelierten mit der episodischen beziehungsweise chronischen Form, wobei Dauer und Schwere der Schmerzen entscheidend waren. Kinder, die in ihrer Vorgeschichte häufig von Koliken geplagt wurden, litten später sechs Mal häufiger an Migräneattacken. Das hat eine amerikanische Fall-Kontroll-Studie jetzt ergeben. Bei 73 Prozent aller jugendlichen Migränepatienten ließ sich ein Zusammenhang durch Befragung der Eltern herstellen. Für die Entstehung von Dreimonatskoliken gibt es derzeit nur Hypothesen, Experten postulieren Regulationsstörungen oder gastrointestinale Ursachen. Sollte sich die Vermutung, dass es sich um eine frühe Manifestation von Migräne handelt, bestätigen, hätte das weit reichende Konsequenzen, wobei es keine Anhaltspunkte zur Pharmakotherapie in dieser Altersgruppe gibt.

Grünes Licht für schwarze Substanzen

Bei Erwachsenen stößt vor allem Melatonin (griechisch melas: schwarz), ein alter Bekannter, auf Interesse. Die Idee liegt nahe: Attacken treten in den frühen Morgenstunden auf, ein Zusammenhang mit Schlafmangel wurde mehrfach vermutet. Können Betroffene am Wochenende ihren Wecker endlich mal vergessen, kommt es zu Beschwerden. Melatonin selbst verbessert die Nachtruhe und hat antiinflammatorische Eigenschaften – eines der zahlreichen Erklärungsmodelle bewertet Migräne als aseptische Entzündung. Mario Peres, Brasilien, verglich in einer Studie mit rund 180 Patienten jetzt Melatonin, Amitriptylin und Placebo. Alle Teilnehmer gaben zu Beginn im Schnitt acht Schmerztage pro Monat zu Protokoll. Unter Melatonin verringerte sich die Häufigkeit um den Faktor 2,7, unter Amitriptylin um 2,18 und unter Placebo um 1,18. Die Ergebnisse waren bei Melatonin signifikant im Vergleich zu Placebo, aber nicht im Vergleich zu Amitriptylin. Offen bleibt, welche Tagesdosis an Melatonin optimal ist – Peres arbeitete mit drei Milligramm. Immerhin berichtet der Forscher, dass jeder zweite Migränepatient auf den Wirkstoff reagierte, in der Amitriptylin-Gruppe waren es 39 Prozent. Auch sei es bei Melatonin lediglich zu leichten Nebenwirkungen gekommen, während Patienten mit Amitriptylin unter starker Tagesmüdigkeit und Mundtrockenheit zu leiden hatten. Jenseits diverser Pharmaka bleiben physikalische Verfahren als Alternative.

Erfolgreiche Neurostimulation

Auf der AAN-Jahrestagung präsentierten Neurologen eine Pilotstudie zur Neurostimulation. Patienten erhalten dabei Gerätschaften, um den Vagusnervs transdemal zu reizen. Das 90-sekündige Prozedere kann gegebenenfalls mehrfach wiederholt werden. Peter J. Goadsby von der Universität San Franzisco nahm 30 Patienten in eine Studie auf und dokumentierte 79 Migräneattacken. Von allen Probanden wurden 38 Prozent innerhalb von zwei Stunden ihre Beschwerden los. Jetzt müssen placebokontrollierte Tests folgen, um mit besseren Daten weiterzuarbeiten. Kollegen um Jean Schoenen, Liège, sind schon deutlich weiter, sie haben Resultate einer doppelt verblindeten, placebokontrollierten Studie publiziert. Schoenen testete die supraorbitale transkutane elektrische Stimulation (TENS) bei 67 Migränepatienten. Pro Tag sollte das Gerät 20 Minuten angewendet werden. In der Gruppe mit einem Dummy blieb die Zahl an Kopfschmerztagen konstant, während Patienten durch elektrische Impulse pro Monat etwa zwei Kopfschmerztage weniger hatten. Bei jedem dritten Patienten wurde das Leiden deutlich erträglicher, unter Placebo berichtete nur jeder zehnte Studienteilnehmer davon. Krankenkassen übernehmen die Kosten bei Migräne nicht, was sich durch weitere Daten vielleicht ändern könnte. Schoenen bewertet das TENS-Verfahren als erfolgreich, fordert aber Multicenterstudien mit größeren Patientenzahlen.

Ein Aneurysma meldet sich zu Wort

Weitere Veröffentlichungen zeigen, dass migräneartige Kopfschmerzen teilweise als Warnzeichen für anderweitige Grunderkrankungen dienen. Neurologen der Uniklinik Jekaterinburg haben 199 Patienten befragt, die sich wegen eines Aneurysmas in Behandlung befanden. Als Vergleich diente eine Kontrollgruppe mit 194 Blutspendern. Das Ergebnis: Bereits weit vor der Ruptur klagten zwei von drei Betroffenen über migräneartige Kopfschmerzen, im Vergleich zu einem Drittel der Probanden in der Vergleichsgruppe. Die Autoren vermuten als Mechanismus noch unbekannte Stimuli in Nervenendigungen beim Aneurysma. Eine Migräne mit Aura wiederum geht mit kardiovaskulären Risiken einher.

Gefährliche Aura

Dazu präsentierten Neurologen Ergebnisse aus der Women´s Health Study mit 39.876 Frauen. Ihr Resultat: Migräne mit Aura steht mit 7,1 Ereignissen pro von 1.000 Probandinnen nach arteriellen Hypertonien (9,8 pro 1000) an zweiter Stelle der Risikoliste für Schlaganfall und Herzinfarkt. Erst später folgen Klassiker wie Diabetes, Tabakkonsum oder Adipositas. Da Migräne bereits in jungen Jahren auftritt, rät Tobias Kurth aus Boston, Patientinnen sollten unbedingt auf den Glimmstängel verzichten, Übergewicht vermeiden und ihren Blutdruck regelmäßig kontrollieren. Ärztliche Vorsorgetermine machen bei dieser Gruppe noch mehr Sinn als beim Durchschnitt der Bevölkerung. Frauen, die unter Migräne mit Aura leiden und hormonelle Kontrazeptiva einnehmen, haben zusätzlich ein deutlich erhöhtes Thromboserisiko. Neurologen gelang es, mit nasalem Ketamin die Schwere von Migräne-Auren verringern, nicht aber deren Dauer. Sie bewerten die randomisierte, kontrollierte Studie als Beweis für glutamaterge Mechanismen – Ketamin wirkt am NMDA-Rezeptor als nicht-kompetitiver Antagonist.

Intensiv forschen – leitliniengerecht therapieren

Viele dieser Ansätze erfordern jahrelange Arbeit, bis Neurologen Patienten damit behandeln. Wesentlich konkreter sind entsprechende Leitlinien zur Therapie der Migräne. Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie und die Deutschen Migräne- und Kopfschmerz-Gesellschaft haben ihre evidenzbasierten Handlungsanweisungen mittlerweile überarbeitet. In dem Dokument wird gefordert, medikamentöse Therapien grundsätzlich durch Verhaltenstherapie und Ausdauersport zu ergänzen. Verhaltenspsychologische Ansätze machen vor allem bei Patienten mit hochfrequenter Migräne Sinn.

126 Wertungen (4.27 ø)

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7 Kommentare:

Andrea Bevc
Andrea Bevc

Leider ist bei Schmerzkarriere unter MIGRÄNE nicht immer ein Kraut gewachsen, so daß in diesem Zusammenhange auf klinische Forschung und den sog. verhaltens- psychologischen Ansätzen nicht verzichtet werden kann. TOTAL PAIN LÄSST GRÜSSEN !

#7 |
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Ärztin

NAch 35 Jahren mit Migräne waren die Schmerzen nach sachgerechter Entfernung von Zahnmetallen verschwunden und sind seit nunmehr 17 Jahren nicht wieder in Aktion getreten ich habe nicht mal menr Kopfschmerzen. Angefangen hatte das ganze Elend nachdem ich als 13-jährige zu meinen zahlreichen Amalgamfüllungen ein Goldinlay bekam, es begann mit Schwindelattacken, Kreislaufproblemen und dann erste Migräneattacken.
Labordiagnostisch gibt die Glutathiontransferaseaktivität(gesamt) und auch GST-M1 Aktivität aufschluß über eine Mögliche Entgiftungsschwäche(nicht selten)

#6 |
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Mark Daehnicke
Mark Daehnicke

Guten tag
Da ich selber seit 26 jahren unter Mirgäne leiden und nix mehr geholfen hat nehme ich seit gut einem jahr Arginin zu mir und muss sagen ich bin so gut wie schmerzfrei vielleicht mal stärkere kopfschmerzen aber keinen migräne anfälle mehr wie früher !!

Besonders gut wirkt bei mir so genannte Trainingsbooster aus dem kraftsport bereich !
Und ich kann arginin als körper eigene armino säure nur empfehlen !!

#5 |
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dr. med.dent. Wolfgang Stute
dr. med.dent. Wolfgang Stute

meist immer das selbe Schema :
Beckenfehlstand,Atlas-Axis-Verschiebung, 3-D – Fehlstellung des Unterkiefers ,
devitale Zähne , Hormonprobleme ( vorwiegend Mangel ),dann O2- Utilisation ,
Kalium- Magnesium-Haushalt gestört ,Ma-Darm-Serotonin ,ATP-Mangel u. zu 80-90% einfach zu behandeln

#4 |
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Heilpraktikerin

Habe einige Migräne und Kopfschmerzpatienten osteopathisch und mit FDM (FaszienDistorsionsModell) behandelt. Alle haben Stauungsprobleme am Occiput (C0-C1) durch Verkürzung der occipitalen Nackenmuskeln oder deren Ansätze.
Dadurch staun die Kopfvenen wie Sinus sagittalis (sichtbar an der Vene Mitte Stirn) Die Halsfaszien (Sternoclaido) weisen Triggerpunkte auf die Schmerzen einseitig ums Auge auslösen usw. Diagnostisch habe ich z.B. oft ein inflexibles Diaphragma, gespannten Iliopsoas und Verklebungen im kleinen Becken gefunden. Osteopathen wissen dass diese einen Zusammenhang haben. (als ob man an einer Krawatte zieht und diese an den Nackenfaszien).
Das da Medikamente jeglicher Art nicht wirklich wirken, müsste da mehr als einleuchtend sein.
Behebt man alle Faszialen-Distorsionen, sind die Patienten beschwerdefrei.

#3 |
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Ich finde es irgendwie schade, dass so wenig von der “alternativen” Sichtweise (ist ja gar nicht “alternativ”, die empirische Sichtweise ist eher eine Ergänzung) wahrgenommen wird. Ich sehe da draußen einen ganzen Haufen Praktiker (auf beiden Seiten), die in den Praxen ihre Frau/Ihren Mann stehen und deren Interesse weniger Abstraktionen gilt als vielmehr, dem Betroffenen so effizient als möglich und dabei so risikoarm als möglich zu helfen.
Naturheilverfahren können beileibe nicht alle Kopfschmerzproblematiken bessern oder gar heilen. Aber sie bieten erstens eine gute empirische Basis mit einer gewissen Reproduzierbarkeit und zweitens eine prima Ergänzung und/oder Alternative zur klassischen Therapie.
Stichworte: Osteopathie, Diätetik, Orthomolekularmedizin, Detoxifikation usw.
Klappt nicht immer, aber immer öfter – trotz “Schmerzgedächtnis”.
Hoffe, das kommt an….
Aude sapere!

#2 |
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Woher kommt die Zahl “10 Millionen”? Das ist mit Sicherheit wieder eine der höchst obskuren Hochrechnungen aus Stichproben, wobei viele Kopfschmerzpatienten von “Migräne” sprechen, ohne eine solche zu haben. Dies zeigt die tägliche Erfahrung mit Kopfschmerzpatienten. Ich habe viele Migränepatienten, aber keineswegs leidet jeder 8. Patient an MIgräne. 20 % meiner Patienten sind Kinder und Jugendliche, und nur 4 Kinder/Jugendliche leiden unter echter! Migräne. Mir ist auch keine seriöse nachvollziehbare Studie bekannt, die den Zusammenhang zwischen Migräne und Schlaganfall belegt. Unsere Allgemeinpraxen bieten in der Regel einen guten Querschnitt der Bevölkerung und lassen hier auch epidemiologische Rückschlüsse zu.

#1 |
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