EU: Hochspannung im Forschungsnetz

17. März 2015
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Medikamentenentwicklung in der Kritik: Mit einer Initiative wollten Politiker eigentlich die Zusammenarbeit von Hochschulen, außeruniversitärer Forschung und Herstellern verbessern. Nun kritisiert ein Recherche-Verbund, das Geld sei vor allem Konzernen zugutegekommen.

Mehr Wettbewerbsfähigkeit pharmazeutischer Forschungseinrichtungen – entsprechende Ziele verfolgte die Europäische Union mit ihrem siebten Forschungsrahmenprogramm. Im Jahr 2009 wurde die Innovative Medicines Initiative (IMI) gegründet: eine öffentlich-private Partnerschaft zwischen Kommission und Industrie. Auf Herstellerseite beteiligte sich die European Federation of Pharmaceutical Industries and Associations (EFPIA). Im Dachverband engagieren sich nationale Verbände forschender Hersteller sowie Firmen. Ein hehres Ziel: Hochschulen, außeruniversitäre Forschungseinrichtungen und Konzerne sollten Hand in Hand den pharmazeutischen Fortschritt vorantreiben – mit einem Polster von mehr als fünf Milliarden Euro. Davon kommen 2,5 Milliarden aus Steuertöpfen. Experten planten unter anderem Projekte zu Morbus Alzheimer und zu Diabetes. Verbesserungen der Arzneimitteltherapiesicherheit standen ebenfalls auf der Agenda. Doch es kam anders.

Steuergelder für Konzerne

Ein länderübergreifender Recherche-Verbund mit Vertretern des Spiegels, des SRF, des Schweizer Radios und Fernsehens sowie der belgischen Tageszeitung „De Standaard“ hat unschöne Details an die Oberfläche befördert. Im Mittelpunkt ihres Interesses standen Strukturen, Finanzen, aber auch Mitarbeiter. Eigentlich wollte die EU den Gordischen Knoten aus dringend benötigten Medikamenten für kleine Patientengruppen einerseits und profitablen Geschäftsfeldern andererseits durchtrennen. Doch Konzerne sahen die IMI als profitables Modell, Geld zu sparen. Auf einer älteren, mittlerweile nur noch über das „Web Archive“ aufrufbaren Website der EFPIA heißt es dazu: „In some cases, this offers tremendous cost savings, as the IMI projects replicate work that individual companies would have had to do anyway.“ Anstatt Ressourcen abzugreifen, hätten sich Konzerne eigentlich über Sachleistungen, sprich Labors oder Personal, beteiligen müssen. Details dazu gelten als vertraulich; die Öffentlichkeit erfährt keine Zahlen. Mit Transparenz ist es generell nicht weit her. Zwar überprüft der Europäische Rechnungshof, wohin Steuergelder fließen – auf Basis von IMI-Unterlagen. Ergebnisse erfährt wiederum nur die IMI selbst.

Profitable Indikationen

Auch bei ihren Forschungsthemen verfolgen Konzerne eigene Interessen. Ursprünglich sollten sie Indikationen anhand der WHO-Zusammenstellung „Priority Medicines for Europe and the World“ bearbeiten. Dazu gehören Antibiotika gegen multiresistente Bakterien, speziell – aber nicht ausschließlich – gegen Tuberkulose-Erreger. Präparate gegen Herz-Kreislauf-Leiden oder gegen chronisch-entzündliche Erkrankungen kommen mit hinzu. Wie der Recherche-Verbund herausfand, arbeiten forschende Hersteller im Rahmen der IMI – wenig überraschend – lieber an Diabetes und Krebs, zwei wesentlich veritableren Krankheitsbildern. Dass es keine Kontrollen gibt, scheint Teil des Systems zu sein. Während Forschungsprogramme in EFPIA-Büros entstehen, kommen Wissenschaftler und Start-ups wesentlich später zum Zuge. Ihnen bleibt nur, Anträge zu bewerten. Zwei große Hochschulverbände, nämlich die League of European Research Universitys (LERU) und die European University Association (EUA) prangern in einem offenen Brief zu knappe Mittel beziehungsweise schlechte Verteilungsmodalitäten an. Geht es um wissenschaftliche Daten, verhalten sich Konzerne nicht immer kooperativ. Im „British Medical Journal“ kritisieren Forscher des Mario Negri Institute for Pharmacological Research, sie hätten von GSK nicht alle forschungsrelevanten Informationen erhalten.

Patienten instrumentalisiert

Von der Entwicklung zur Zulassung: Dass Konzerne etliche Patienten-Selbsthilfegruppen finanziell fördern, ist nicht neu. Bei der IMI gehen Konzerne noch einen Schritt weiter. Laien haben die Möglichkeit, sich an der European Patients’ Academy on Therapeutic Innovation (EUPATI) weiterzubilden – über Aspekte der Arzneimittelzulassung. Reine Information oder unzulässige Beeinflussung? Ein Ethikbeirat existiert zwar. Ende 2012 hat das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) dieses Gremium jedoch unter Protest verlassen; kein gutes Zeichen.

Geschickt ausgewichen

Auf die zahlreichen Vorwürfe antworten IMI-Vertreter mit einer allgemein gehaltenen Erklärung, ohne Details zu entkräften. Mehrheitlich seien Akademiker gefördert worden; viele kämen „aus den besten Universitäten Europas“. Rund 17 Prozent aller Mittel gingen an kleine und mittelständische Unternehmen. Gleichzeitig wird auf Organisationsstrukturen wie den Verwaltungsrat oder den wissenschaftlichen Ausschuss verwiesen. Europäische Institutionen inklusive des Parlaments würden die IMI prüfen, heißt es weiter. Eine aktuelle Forschungsagenda sei „eng am Bericht der Weltgesundheitsorganisation 2013 über vorrangige Medikamente für Europa und der Welt“ ausgerichtet. Die Erklärung wird kaum ausreichen, um wieder zur Tagesordnung überzugehen.

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1 Kommentar:

Patientin
Patientin

Da sollte man lieber Ärzte subventionieren, denen kann man wenigstens vertrauen.

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