Anästhesie: Schlaf mit kleinen Unbekannten

24. April 2015
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Hierzulande treten Zwischenfälle durch Anästhesien äußerst selten auf – Patienten schlummern während einer Vollnarkose sicher wie in Morpheus' Armen. Was genau im Gehirn vor sich geht, untersuchen Forscher nach wie vor. Neue Anästhetika stehen ebenfalls auf ihrer Agenda.

Narkosen – aber sicher: Hierzulande herrschen hohe Standards, das zeigen wissenschaftliche Analysen. Die Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI) und der Berufsverband Deutscher Anästhesisten (BDA) haben Daten zu 1,36 Millionen Narkosen erfasst und analysieren lassen. Dabei traten 36 schwere Komplikationen auf, sprich Todesfälle oder bleibende Dauerschäden. Nur zehn Ereignisse standen in eindeutigem Zusammenhang mit der Narkose. Rein statistisch liegt das Risiko schwerer Zwischenfälle bei eins zu 140.000.

Kleine Kinder, große Folgen

Manche Folgen einer Inhalationsnarkose fallen erst auf den zweiten Blick auf, berichtet Greg Stratmann, San Francisco. Zusammen mit Kollegen untersuchte er 56 Kinder zwischen sechs und elf Jahren. Jeder zweite Studienteilnehmer hatte in den ersten beiden Lebensjahren eine Inhalationsnarkose erhalten, und zwar mit Halothan, Isofluran oder Sevofluran. Stratmann führte mit seinen Probanden verschiedene Gedächtnistests durch. Bei mehreren Untersuchungen schnitten Kinder der Anästhesie-Gruppe deutlich schlechter ab als Teilnehmer der Vergleichsgruppe – vor allem hinsichtlich der räumlichen Wahrnehmung und der Wiedererkennung von Farben. Einzelne Komponenten von Gedächtnistests verliefen ebenfalls schlechter. Hinsichtlich des Verhaltens beziehungsweise der Intelligenz gab es keine Auffälligkeiten. Kritiker der Studie führen an, dass kleine Kinder nicht ohne medizinische Notwendigkeit operiert werden – ihre Vorerkrankung selbst könnte zu Defiziten geführt haben.

Langsam, langsam …

Ähnliche methodische Schwächen hat eine Arbeit zur Periduralanästhesie (PDA). Werdende Mütter entscheiden sich oft für diesen schmerzfreien Weg der Niederkunft. Dass sich die Austreibungsphase entsprechend verlängert, ist nicht neu. Bislang war in amerikanischen Leitlinien von einer Stunde die Rede. Yvonne W. Cheng, San Francisco, hat Daten von 42.268 Frauen ausgewertet. Entschieden sich Erstgebärende für eine PDA, dauerte es fünfeinhalb Stunden, bis 95 Prozent aller Kinder das Licht der Welt erblicken. Zum Vergleich: Ohne PDA waren es zwei Stunden und 17 Minuten. Auch bei Multipara gab es Unterschiede zwischen der Gruppe ohne (eine Stunde, 21 Minuten) und mit PDA (vier Stunden, 15 Minuten). Bleibt als Kritik, dass hier lediglich von einer Assoziation gesprochen werden kann, nicht unbedingt von einer Kausalität. Gerade bei Multipara hat der Wunsch nach einer PDA möglicherweise gesundheitliche Gründe, was hier nicht erfasst wurde. Biochemische Phänomene bleiben auch heute noch mit Fragen behaftet – weniger bei PDAs, aber vor allem bei Vollnarkosen.

Zeit zu erwachen

Ein Aspekt: Welche Gehirnregionen sind am Erwachen aus der Allgemeinanästhesie beteiligt? Älteren Arbeiten zufolge beschleunigt Methylphenidat diesen Prozess – zumindest bei Ratten. Die Substanz verstärkt Effekte von Dopamin, was für eine Beteiligung des Belohnungssystems spricht. Um entsprechende Hypothesen zu überprüfen, platzierten Wissenschaftler bei Ratten Elektroden in der Substantia nigra beziehungsweise im ventralen tegmentalen Areal – zwei Kernregionen, in denen Dopamin synthetisiert wird. Dann folgte eine Vollnarkose mit Isofluran beziehungsweise mit Propofol. Stimulierten Experimentatoren die Area tegmentalis ventralis über Elektroden, erwachten die Ratten. Impulse zur Aktivierung der Substantia nigra zeigten keinen Erfolg. Damit haben Neurobiologen ihre Hypothese, dass Regionen an der Spitze des Hirnstamms unser Erwachen nach einer Narkose steuern, bestätigt. Ältere Arbeiten zu Propofol ergaben, dass das Anästhetikum an GABA-A-Rezeptoren bindet. Anschließend öffnet sich ein Chloridkanal, und es kommt zur Hyperpolarisation. Die Nervenzelle fällt quasi aus. Aufgrund relativ lockerer Wechselwirkungen mit der Bindungsstelle gelingt es Ärzten, Anästhesien mit dem Pharmakon gut zu steuern. Nebenwirkungen und die hohe Plasmaproteinbindung gelten als nachteilig. Grund genug für Forscher, nach neuen Molekülen zu suchen.

Systematisch zum Erfolg

Kein leichtes Unterfangen: Alte Anästhetika gingen häufig aus Zufallsentdeckungen hervor. Heute arbeitet die pharmakologische Forschung unter anderem mit Substanzbibliotheken und mit Screening-Verfahren. Genau hier lag bislang der Knackpunkt. Wie lässt sich die Wirkung hunderttausender Moleküle auf unser Gehirn automatisiert untersuchen? Ein relativ einfaches Assay bietet Abhilfe. Apoferritin fungiert als Modell neuronaler Bindungsstellen, und 1-Aminoanthracen simuliert Liganden. Verdrängen Chemikalien 1-Aminoanthracen, könnte es sich um neue Anästhetika handeln. Mit diesem Testprinzip hat Roderic G. Eckenhoff, Philadelphia, jetzt rund 350.000 Moleküle aus einer Substanzbibliothek gescreent. Er fand 2.600 potenziell geeignete Kandidaten, die er an Kaulquappen testete. Blieben noch vier Substanzen übrig. Nach Tierexperimenten mit Nagern verringerte sich deren Zahl auf zwei. Eckenhoff betont, es handele sich um Molekülstrukturen, die bislang nicht als Anästhetika zum Einsatz gekommen seien. Weitere tierexperimentelle Studien werden folgen.

83 Wertungen (3.95 ø)

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13 Kommentare:

Gast
Gast

ja was passiert genau bei der Vollnarkose?
Das ist genauso spannend,
wie die Frage, warum wir überhaupt schlafen müssen.

#13 |
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Arzt
Arzt

Dieser Sven hat mit Vollidioten begonnen,
“Vollnarkose” ist völlig in Ordnung,
Herr Michael van den Heuvel, jeder weis was damit gemeint ist.
(Der Philosoph bleibt im Nominativ und heißt dann “philosophus mansisses”)

#12 |
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Alex Baird-Winter
Alex Baird-Winter

Oh, Ihr Lieben, warum muss man sich gegenseitig immer beweisen, dass man noch besser ist? Darf ich mitmachen? :-) Meiner Erinnerung heißt es “Sic tacuisses, philosophum mansisses…” (die Endung ..os ist griechisch, aber es handelt sich ja um einen lateinischen Hinweis auf Gold im Schweigen, hihi)

#11 |
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Die Teilnarkose ist kein korrektes deutsches Wort sondern eine sprachliche Fehlbildung der Umgangssprache (restringierter Code). Die in Rede stehenden medizinischen Fachtermini sind übrigens griechisch (wie die Mehrzahl der klinischen Begriffe) und nicht lateinisch. Si tacuisses, philosophos mansisses, lieber Gast Nr 8.

#10 |
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Gast
Gast

Nur zur Info eine Narkose (griechisch) ist definiert durch die Ausschaltung des Bewustseins. Vollnarkose ist also eine Tautologie. Anästhesie bedeutet “Gefühlslosigkeit” und kann nur Teile des Individuums betreffen.
Ein Facharzt für Anästhesie

#9 |
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Gast
Gast

eine “Teilnarkose” ist z.B. eine “Regionalanästhesie”,
das eine ist ein korrektes deutsches Wort, das andere ein medizinischer Fachausdruck aus dem Lateinischen.
Nur zur info, lieber @Dr. med. Sven Goddon

#8 |
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Es gibt keine “Finger-Narkosen” oder “Teilnarkosen”. Narkose ist ein Synonym für Allgemeinanästhesie. Was, bitte, soll eine “Finger-Allgemeinanästhesie” oder eine “Teil-Allgemeinanästhesie sein? Der Oberbegriff aller Anästhesieverfahren ist Anästhesie und nicht Narkose.

#7 |
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Nur Vollidioten sagen Vollnarkose.

#6 |
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Dr. med. Manfred Budde
Dr. med. Manfred Budde

Tierversuche taugen nichts

#5 |
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Arzt
Arzt

… allein mir fehlt der Glaube.
Zudem ist “Narkosemittel” nicht gleich “Narkosemittel”.
Die Halothane sind doch out.
Zu #1 auch eine “Finger-Narkose” ist eine Narkose, nur keine Vollnarkose.

Andererseits ist nach meiner Erfahrung manche Vollnarkose schonender als eine Teilnarkose.

#4 |
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Hier noch die Quelle: http://www.nature.com/npp/journal/v39/n10/abs/npp2014134a.html Herzliche Grüße Michael van den Heuvel

#3 |
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Der Link zu den Kinder-Gasnarkosen führt leider in Leere – wäre es möglich, den genauen Literaturverweis dafür zu bekommen?

#2 |
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Dipl.-Med.^ Bernd Weinert
Dipl.-Med.^ Bernd Weinert

In einer medizinischen Zeitung ist es etwas peinlich, wenn Ausdrücke aus dem Alltagsgebrauch als Termini benutzt werden. Eine Anästhesie, also eine Narkose, ist immer “voll” oder der Chirurg flippt aus. Das Wort “Vollnarkose” ist sachlich falsch. Das erfährt man ganz schnell, wenn man auf den Button “Vollnarkose” klickt, der im Text sogar rot markiert wurde.

#1 |
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