Mobbing auf Station: Vorsicht, Lästerologe!

25. Januar 2012
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Harte Dienste, neue Gesichter und Kritik von allen Seiten. Als Anfänger zu Beginn einer fachärztlichen Weiterbildung hat man es nicht immer leicht. Denn während die jungen Ärzte sich bemühen, den vielen Ansprüchen gerecht zu werden, haben ihre erfahrenen Kollegen einen neuen Sport für sich entdeckt: das Anfänger-Mobbing.

Schon der erste Tag als Assistenzarzt gleicht einem Überlebenskampf im Haifischbecken. Alle Stationsbetten sind voll, entlassene Patienten warten auf ihre noch ungeschrieben Arztbriefe und das Pflegepersonal braucht dringend einen Arzt zum Blutabnehmen. In dieser Hektik des täglichen Stationsalltags verbleibt natürlich nur wenig Zeit, um einem Neuling die gängigen Abläufe und klinikspezifischen Verhaltensregeln beizubringen. Hat der Anfänger Glück, findet sich ein verständnisvoller junger Mitstreiter, der sich bereits eingelebt hat. Die beiden sitzen dann ja fast im selben Boot und helfen sich gegenseitig. Gibt es dagegen nur Kollegen vom alten Eisen, die den Montag schon mit einem genervten Gesichtsausdruck und schlechter Laune beginnen, sieht die Situation schnell anders aus. Eine falsch und vermeintlich dumme Nachfrage des Neulings und schon wird dieser zum Gesprächsthema Nummer Eins während einer routinierten Dünndarm-OP.

Ungeschriebene Gesetze

Eigentlich ist es schon etwas schockierend, dass sich angesehene Oberärzte zum weibischen Lästern herablassen können. Schließlich haben sie auch mal angefangen und mussten sicherlich auch schon einmal unter starren Hierarchien und Schikane von älteren Kollegen leiden. Aber diese Zeit schien lange vorbei zu sein, als ich im Rahmen eines chirurgischen Blockpraktikums unfreiwillig Zeugin der neuen Trendsportart wurde: das Anfänger-Mobbing. Seit etwa zwei Wochen gab es nämlich auf der chirurgischen Station einen neuen Assistenzarzt, der nach Ansicht eines erfahrenen Facharztes zu wenig „Biss“ zeigen würde. Kommentare ähnlichen Inhaltes fielen im Operationssaal, nachdem der Betroffene den Saal zur Abhaltung der Stationsvisite verlassen hatte. Alle konnten die unterschwelligen Demütigungen mit anhören: alle OP-Schwestern, die Anästhesisten und auch Studenten wie ich. Lästern hinter dem Rücken! Ich war ziemlich überrascht und erinnerte mich unweigerlich an meine Schulzeiten zurück.

Ausholen zum Gegenangriff

Diese Situation ist sicher kein Einzelfall und begrenzt sich natürlich nicht nur auf den medizinischen Bereich. Mobbing am Arbeitsplatz ist beispielsweise im Büroalltag Gang und Gebe und hat schon so manches Opfer in ernsthafte seelische Probleme gerissen – wer die Serie ‘Stromberg‘ kennt, weiß was gemeint ist. Das Bewusstsein über Mobbing ist die eine Sache. Die Lösung oder wirksame Gegenmaßnahmen stehen auf einem ganz anderen Blatt geschrieben. Keine Frage: Wenn ein Kollege plötzlich anfängt, über einen neuen Arzt herzufallen, sollten die Anwesenden sich nicht anschließen und somit den Angriff bereits im Keim ersticken. Ich entschied mich seinerzeit auch spontan dazu, einfach die Klappe zu halten. Einerseits war ich ja auch nur Praktikantin. Andererseits ging mich der „Biss“ des neuen Arztes natürlich nichts an. Als Opfer sind die Handlungsoptionen dann aber doch eher unangenehm.

Sicher bestünde eine Möglichkeit darin, den Chef oder Mentor anzusprechen oder sogar direkt ein offenes Gespräch mit dem vermeintlichen Täter zu suchen. Ob solche Maßnahmen vielleicht nicht doch nur alles schlimmer werden lassen, ist wohl stark von der jeweiligen Situation und Toleranzschwelle des „Opfers“ abhängig. Der neue chirurgische Assistenzarzt wird vermutlich gar nichts mitbekommen und sich mit der Zeit erfolgreich behaupten. Es werden wieder neue Anfänger in die Klinik kommen, sodass er bald sogar selbst ein paar negative Worte über seine neuen Kollegen verliert. Das ist wohl einfach der Kreislauf des Kliniklebens.

63 Wertungen (2.49 ø)
Studium

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3 Kommentare:

Studentin der Humanmedizin

“zum weibischen Lästern”

Sehr unschöne Formulierung. Lästern die männlichen Ärzte denn nicht? Und wenn sie lästern, ist das dann “männliches Lästern”?

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Altenpfleger

Sehr geehrte Frau Simon,
ich glaube Sie nehmen das Thema Mobbing ein wenig zu leicht. Hilfreich für ein Mobbingopfer ist ihr Artikel jedenfalls nicht. Oft erfährt der Gemobbte als Letzter davon, dass er gemobbt wird. Da ist es wenig hilfreich, wenn man sich das Gerede anhört und schweigt. Ich sage nicht, dass man immer sofort Position beziehen muss, weil man sich damit auch selbst schaden kann. Aber man kann zumindest den Gemobbten informieren und vielleicht mit ihm gemeinsam nach Verbündeten suchen, die braucht er nämlich am aller nötigsten. Mobbing kommt von Mob, was soviel bedeutet, wie aufgebrachte Menge. Wir kennen das Wort vom Begriff Lynchmob. Da hat auch Einer plötzlich Alle gegen sich und weiß oft nicht einmal, warum. Alles, was er sagt wird ihm im Munde umgedreht, weil ihn Niemand ernst nimmt und ihm keiner glaubt. Mobbing kann wirklich Jeden treffen und Niemand kommt da ohne Schaden wieder heraus-übrigens auch nicht die Mobbenden.

Also bitte Frau Simon, wenn Sie hier einen Artikel schreiben nehmen Sie das Thema ernster und informieren Sie sich genauer. Trotzdem gut, dass Sie das Thema ansprechen, weil es leider unterschätzt wird-wie man sieht. Danke.

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Monika Lehner
Monika Lehner

Die Frage ist sicherlich, ob negative Kommentare des “alten Eisens” nur “harmlose” Spöttelei sind oder tatsächlich in Mobbing ausarten, bei dem sowas andauert kommt, der Betroffene sowas mitbekommt und darunter zu leiden hat. Oder ist der Kollege einfach nur jemand, der alle so behandelt?

Fassen wir uns doch mal alle selber an die Nase, wie oft haben wir nicht selber mal ein böses Wort über wen fallen lassen, weil wir einen schlechten Tag hatten, die Person uns grade genervt hatte oder die Chemie einfach nicht stimmte? Oder wie oft fiel uns ein Folgekommentar ein, wenn ein Kommilitone/Freund/Kollege so einen Kommentar über eine andere Person los ließ? Lästern liegt wohl eindeutig in der Natur des Menschen, wenn man sich die Palette an Schadenfreude im Fernsehn betrachtet: seien es schlechte Kandidaten bei DSDS oder der australische Dschungel.

Allerdings sollten wir ein Gespür für den Unterschied entwickeln und wenn es Probleme gibt, die gelöst werden müssen, diese mit der Person persönlich klären. Wenn ich weiß, dass mich jemand nicht mag (und ich diese Person vielleicht auch nicht leiden kann), mag mich das ärgern, aber es tangiert mich weniger, wenn mal ein dummer Spruch fällt.

#1 |
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