Testosteron: Der Aggro-Mythos

25. Februar 2013
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Spitzensport, Mord und Doping - diese Begriffe verbinden Medien zurzeit mit Oscar Pistorius. Die Boulevardpresse macht dabei eine einfache Gleichung auf: Testosteron gleich Aggression. Aber können Hormone alleine wirklich zum Mörder machen?

Am 14. Februar fanden Polizisten am Tatort des tragischen Todes von Reeva Steenkamp mehrere Ampullen unklaren Inhalts. Ersten Meldungen zufolge sollte es sich dabei angeblich um Testosteron handeln. Männerhormone und ungezügelte Gewalt – das bietet gerade jetzt, wo sexuelle Zudringlichkeiten im Fokus der Öffentlichkeit stehen, eine attraktive publizistische Mischung. Obwohl noch gar kein Ergebnis forensischer Untersuchungen vorlag, spekulierte zum Beispiel die Abendzeitung München: “Schoss Pistorius im Testosteron-Wahn?”

Kastriert und brav?

Da Testosteron die Blut-Hirn-Schranke passiert und Androgenrezeptoren sowohl bei Frauen als auch bei Männern im zentralen Nervensystem häufig zu finden sind, liegt ein Zusammenhang zwischen Hormon und Verhalten auf der Hand. Schon früh entdeckten Wissenschaftler, dass männliche Mäuse oder Ratten nach der Kastration friedlicher wurden. Postnatale Testosterongaben machten Tiere jedoch aggressiv. Aus dem Brutverhalten von Vogelarten wie der Singammer leiteten Verhaltensforscher schließlich die “Challenge”-Hypothese ab: Männliche Tiere werden während der Paarungszeit durch Testosteron aggressiver, um Konkurrenten in Schach zu halten und Jungtiere zu verteidigen.

Mildernde Umstände für ein Hormon

Testosteron stand plötzlich unter Verdacht, auch bei Menschen Aggressionen zu verstärken und sogar Verfolgungswahn auszulösen: ein gefundenes Fressen für US-Verteidiger, um bei Gewalttätern auf mildernde Umstände zu pochen. Das “Handbook of Crime Correlates” befasst sich mit der Frage, ob Testosteron und Kriminalität tatsächlich zusammenhängen. Eine Pattsituation – Lee Ellis, Kevin M. Beaver und John Wright finden genauso viele Fachartikel, um diese These wahlweise zu untermauern oder zu widerlegen. Selbst Arbeiten, die von signifikant höheren Hormonwerten bei Schwerstkriminellen berichten, haben Kritikpunkte hinsichtlich Ursache und Wirkung. “Der Nachteil vieler Studien ist, dass sie lediglich den Testosteronspiegel der Probanden mit deren Verhalten vergleichen”, sagt Dr. Matthias Wibral vom Center for Economics and Neuroscience an der Universität Bonn. “Denn das Testosteron beeinflusst nicht nur das Verhalten, sondern das Verhalten umgekehrt auch den Hormonspiegel.” So lag bei Jugendlichen der Verdacht nahe, ansteigende Testosteronwerte während der Pubertät mit Straftaten in Verbindung zu bringen. Starke Bindungen innerhalb der Familie ließen das Hormon schnell alt aussehen – hier bestand kein Zusammenhang zwischen freiem Testosteron und kriminellen Handlungen. Endokrinologen bemängeln auch, dass Testosteronwerte generell im Speichel oder im Blut bestimmt werden – eigentlich wäre der Spiegel im Gehirn interessant. Doch dazu müssten Messungen in der Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit durchgeführt werden, was aus ethischen und technischen Gründen problematisch ist.

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Soziale Kompetenz dank Testosteron

Aus wissenschaftlicher Sicht gibt es noch viele Fragen zu klären. Vor rund zwei Jahren befasste sich Dr. Christoph Eisenegger, University of Cambridge, mit diesem Thema. “Wir wollten überprüfen, wie sich das Hormon auf das Sozialverhalten auswirkt”, erklärt der Forscher. Zusammen mit Kollegen konzipierte er eine Studie mit 120 Frauen. Sie erhielten entweder Testosteron oder ein Placebo, bekamen jedoch die gleiche Information, ihre Tabletten enthielten den Wirkstoff. Dann folgten Tests wie die Aufteilung eines Geldbetrags zwischen mehreren Personen. Ein Ergebnis dieses sogenannten Ultimatumspiels: Probandinnen, die Verum erhielten, verhielten sich sozialer als unter Placebo, teilten Beträge gerechter auf und verringerten ihr Risiko, bei “Verhandlungen” zurückgewiesen zu werden, auf ein Minimum. Eine mögliche Erklärung: “In der sozial komplexen Umwelt des Menschen sichert pro-soziales Verhalten den eigenen Status – und nicht Aggression”, so Dr. Michael Naef, Royal Holloway, University of London. Damit sei klar, warum Daten aus Tierexperimenten zu gänzlich unterschiedlichen Resultaten führten. Gingen Teilnehmerinnen bei Eiseneggers Studie allerdings davon aus, Testosteron eingenommen zu haben, obwohl sie in Wirklichkeit keinen Wirkstoff bekamen, verhielten sie sich ungerechter. Auch hier haben Mythen um Testosteron wieder das Ruder übernommen.

Neues Spiel – neues Glück

Mitte 2012 untersuchten Jack van Honk und David Terburg aus dem niederländischen Utrecht erneut, welche Effekte Testosteron in einem sozialen Umfeld hat. Um methodische Schwächen des Ultimatumspiels auszuschließen, setzten sie auf Public goods games (Öffentliche-Güter-Spiele): Virtuelle Summen können in einen zentralen Topf eingezahlt werden, um der Gemeinschaft zu dienen. Auch hier fanden Forscher positive Effekte des Testosterons auf das Sozialverhalten, und zwar bei Probandinnen mit niedrigem, pränatalem Testosteronspiegel. Dieser Wert lässt sich über die Länge des Zeigefingers im Verhältnis zur Länge des Ringfingers der rechten Hand bestimmen. Es besteht eine negative Korrelation zum Quotienten aus fetalem Estradiol und fetalem Testosteron.

Ein Hormon macht Männer ehrlich

Testosteron hat nicht nur bei Frauen positive Effekte. Auch das Sozialverhalten von Männern verbessert sich, wie Forscher der Uni Bonn herausfanden. Sie verabreichten 46 Probanden ein hormonhaltiges Gel, während 45 Teilnehmer wirkstofffreie Formulierungen erhielten. Beim anschließenden Spiel hatten alle Testpersonen die Möglichkeit, zu schummeln, um besser abzuschneiden. “Dabei zeigte sich, dass die Probanden mit den höheren Testosteronwerten deutlich seltener logen als die unbehandelten Testpersonen”, so Professor Dr. Armin Falk, Center for Economics and Neuroscience an der Universität Bonn. “Dieses Ergebnis widerspricht klar dem eindimensionalen Ansatz, dass Testosteron zu antisozialem Verhalten führt.” Auch hier argumentieren die Autoren mit gesellschaftlichen Normen wie Selbstwertgefühl oder Stolz, die Mensch und Tier eben unterscheiden.

Wenn die Seele leidet

Während Eisenegger und Falk hohen Testosteronspiegeln die Absolution erteilen, haben niedrige Werte durchaus Konsequenzen. Österreichische Urologen um Jakob E. Lackner untersuchten 675 augenscheinlich gesunde Männer. Sie bestimmten den Hormonspiegel ihrer Probanden und ließen diese noch Fragebögen zur physischen und psychischen Gesundheit ausfüllen. In der Tat bestand ein Zusammenhang zwischen niedrigen Testosteronspiegeln von 13,5 bis 14,5 nmol/l und seelischen Befindlichkeitsstörungen. Die Vergleichsgruppe hatte 15 bis 16 nmol/l im Blut. Als Untergrenze im klinischen Sinne gelten eigentlich weniger als 8,0 nmol/l, andere Arbeiten definieren das Minimum bei 11 bis 12 nmol/l. Offensichtlich kommt es schon früher zu deutlichen Symptomen. Auch hier fordern die Autoren, weitere Parameter in Betracht zu ziehen und den Fokus nicht nur auf Testosteron zu legen. Diese Aussage lässt sich auch auf das laufende Gerichtsverfahren übertragen.

Die Stunde der Experten

Im Fall Pistorius kommt auf die Anklagebehörden viel Arbeit zu. Sobald Forensiker des Staates und der Verteidigung ihre Gutachten vorgelegt haben, werden sie entscheiden müssen, ob sie strafmildernde Umstände geltend machen. Aus wissenschaftlicher Sicht ist der kausale Zusammenhang zwischen Testosteron und Aggression äußerst fragwürdig.

145 Wertungen (4.48 ø)
Allgemeinmedizin, Medizin

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15 Kommentare:

Ich hatte bei einem Busfahrer mit typischem Androgenmangelhabitus mit Depressionen einen Labortest gemacht und nach Feststellen des Hypogonadismus eine Substitution mit einem Gel begonnen. Drei Wochen später saß der Pat.,inzwischen nicht mehr depressiv, Hand in Hand mit seiner Ehefrau in meinem Sprechzimmer. Ich war beeindruckt von der guten Wirkung des Medikaments. Nach weiteren vier Wochen beschwerte sich die Patientin über den sich entwickelnden Eifersuchtswahn des Patienten. Die Therapie musste abgebrochen werden, weil beide Eheleute diesen Zustand nicht verkraften konnten.
Fazit: Testosteron kann gut gegen Depressionen wirken, kann aber auch paranoide Symptome hervorrufen.

#15 |
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Ulrike Froneberg
Ulrike Froneberg

Wenn es in diesem Fall einem Zusammenhang zwischen Testosteron und Aggression gibt, dann wäre es die gemeinsame Ursache von Hormonsubstitution und Kränkbarkeit durch die PArtnerin…

#14 |
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soeben erfolgt.HK

#13 |
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Testosteron, Triebtäter, Heilen, Kastration,Östrogen,Sexualverhalten,etc, was da so anklinkt erscheint m.E.,zu spekultiv. Wenn auch in der Tierzucht längs üblich,wie z.B.Kastrationen oder derzeit der gedopten, mit Hormonen vollgepumten Tiere, längst in unserer Nahrungkette, alles nur für den Profit.Ergo,
nur eine,wissentschaftlich unterlegte, Hormontherapie, nach div.Analysen, sollte akzeptiert werden, alles andere währe zu spekulativ!

#12 |
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Sehr geehrter Herr Prof. Dove!

Vielen Dank für den Hinweis, hier noch eibn anderes Zitat:

“A significant negative association between right 2D:4D ratio and Fetal Testosterone /Fetal Estradiol ratio…”

Quelle: http://www.earlyhumandevelopment.com/article/S0378-3782%2804%2900012-X/abstract

#11 |
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Welches brisante Thema wird von der Press nicht sofort aufgegriffen und ausschweifend publiziert ?

#10 |
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Prof. Dr. Stefan Dove
Prof. Dr. Stefan Dove

Lieber Herr van den Heuvel, Ihr informativer und ausgewogener Minireview in allen Ehren – aber an einer Stelle führt er zum falschen Schluss: Der Quotient 2D/4D ist nicht negativ, sondern positiv zum Verhältnis pränatales Estrogen/Testosteron korreliert. Je höher der Testosteronspiegel während der Geschlechtsdifferenzierung, desto länger wird im Durchschnitt der Ringfinger im Vergleich zum Zeigefinger. Siehe im angegebenen Link (JT Manning et al.)

#9 |
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Dr. Stefan Burike
Dr. Stefan Burike

Die Kastration (auch chemisch) hat natürlich bei Sexualtriebtätern Erfolge. Deswegen wird sie auch durchgeführt (u.a. Russland). Befürworte ich auch für jeden Kinderschänder!
Bei anderen Gewalttätern macht das sicher keinen Sinn.

#8 |
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Eberhard Krämer
Eberhard Krämer

Da wird einiges durcheinander gebracht. Gewalttäter geht es in aller Regel nicht um die Befriedigung eines agressiven Sexualtriebes, sondern um Gewaltausübung.Der Sexualtrieb könnte preiswert befriedigt werden. Inwiefern Testosterone bei Gewalttaten ausschlaggebend sind, ist bis dato nicht untersucht. Mann/Frau könnte ja auch auf in den Archiven noch vorliegenden Untersuchungen aus dem 3. Reich zurückgreifen, wo Kastration häufig erfolgte, doch allein daran zu erinnern, ist politisch inkorrekt. Na dann, weiterhin fröhliche Spekulation…

#7 |
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Nicht nur sind alle Menschen unterschiedlich, sondern noch mehr unterscheiden sich die verschiedenen Arten voneinander. Ich denke, dies wird in dem Artikel auch deutlich angesprochen. Man muss nur mal die verschiedenen Sozialstrukturen und die Rolle des Sexualverhaltens innerhalb derer bei den Hominiden vergleichen, um festzustellen, dass Sexualverhalten und dementsprechend auch Sexualhormone allein bei Gorilla, Pan troglodytes und Pan paniscus derart unterschiedliche soziale Funktionen haben, dass es unmöglich ist, Vergleiche zwischen Hunden oder Rindern (@ Frau Dr. Dornenfeld) und dem Menschen zu ziehen. Primaten unterscheiden sich wesentlich von anderen Arten in Bezug auf ihr Sexualverhalten, und vor allem beim Menschen ist Sexualverhalten eine vollkommen emergente Eigenschaft (Stichwort: verstecke Ovulation z.B.). Ohne mich jetzt auf die eine oder die andere Seite der Testosteron-Debatte positionieren zu wollen, kann ich jedoch nur betonen, dass Inferenzen aus anderen Arten (sogar anderen Hominiden) auf den Menschen extrem schwierig und von fraglicher Validität sind.

#6 |
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Ärztin

Die Menschen sind alle unterschiedlich, auch was die Wirksamkeit von Hormonen betrifft. Ich warne ausdrücklich davor, von kleinen Studien oder eigenen Erfahrungen auf alle Menschen zu schließen:

#5 |
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dr. med.dent. Wolfgang Stute
dr. med.dent. Wolfgang Stute

es ist geradezu langweilig ,immer nur Testosteron allein zu betrachten : auch hier ist das Umfeld das Entscheidende : Progesteron, Östrogen , Dhea ,LH usw ,
insbes. aber die Atmungskette in den Mitochondrein , denn ohne ATP läuft garnichts

#4 |
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Doktor Klaus Umbreit
Doktor Klaus Umbreit

Die tatsächlichen Zusammenhänge von Testosteron und Hirnfunktionen sind exakt beschrieben in “Der Phallus-Komplex” von Marc Chatenieu. [Kommentar von der Redaktion gekürzt]

#3 |
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Dieses uralte Thema ist belastet nicht nur von der Zeitgeist-Geschlechter-Debatte, also eher antimännlich,
sondern von grundsätzlich-philosophen Positionen der materialistisch deterministischen Positionen, die sowohl die strenge Naturwissenschaft (Systemtheorie, Emergenz) als auch die Philosophie selbst eigentlich schon als unzutreffend verlassen hat (Geist/Materie-Problem).
Natürlich ist sie gerade in USA noch weit verbreitet.
Eine moralische Kategorie ist weder physikalisch noch chemisch messbar,
hier wird, wie schon richtig angedeutet Ursache und Wirkung verwechselt.
Medizinisch ist wohl klar, dass eine (unphysiologische) Überdosis (Doping) schlicht gesundheitsschädlich ist, wie das fast für alle biologischen Wirkstoffe gilt, plötzlicher Herztod etc. ebenso wie eine eindeutige Unterfunktion von Substitution profitiert.
Ein Hormonexperte hat die Wirkung von Testosteron auf die “Handlungsweise” einmal folgendermaßen umschrieben:
Um dein Ziel zu erreichen, musst du einen steilen Berg rauflaufen,
dort stehen 2 Häuser,
in einem wohnt ein Priester als Symbol des Friedens und der Vergebung,
in dem anderen ein Rechtsanwalt als Symbol des Angriffs und des Kampfes.
Was ist die Wirkung von Testosteron:
der Mensch mit dem rel. hohen Testosteronspiegel hat deutlich schneller das Hindernis zum Ziel, den hohen Berg überwunden, er ist schneller am Ziel,
aber Testosteron beeinflusst NICHT die Entscheidung
zum Priester oder zum Rechtsanwalt.

mfG

#2 |
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Prof. Dr. med. KarlHeinz Rothenberger
Prof. Dr. med. KarlHeinz Rothenberger

Wenn der Zusammenhang zwischen Gewalttaten und Testosteron so einfach wäre, würde eine Kastration einen Triebtäter “heilen”. Dass dem nicht so ist hat u.a. Manfred Bleuler, Zürich eindrücklich betont.

#1 |
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