Morbus Pick: Ludwig, der Atrophische

26. Januar 2012
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Nach Morbus Alzheimer und vaskulären Demenzen gilt Morbus Pick als dritthäufigste Ursache des geistigen Verfalls. Einer der berühmtesten Patienten war König Ludwig II. Auch 125 Jahre nach seinem Tod ist es um Diagnostik des Leidens schlecht bestellt.

Eine historische Fehldiagnose: Wie Professor Dr. Hans Förstl von der Technischen Universität München herausfand, war „Märchenkönig“ Ludwig II. keineswegs paranoid. Förstl konnte erstmals Akten aus dem Wittelsbacher Hausarchiv einsehen und gelangte zu neuen Erkenntnissen: Der Regent hatte zwar eine schizoide Persönlichkeit, litt allem Anschein nach aber an einer frontotemporalen Demenz, bekannt als Morbus Pick. Dafür sprechen auch Dokumente der Leichenschau, in denen von Schrumpfungen im Frontalhirn die Rede ist. Nach Ludwigs Tod dauerte es bis zur wissenschaftlichen Erstbeschreibung noch ein paar Jahre: Um 1900 veröffentlichte der Neurologe Arnold Pick (1851-1924) erste Fälle „Schwachsinniger“, so die damalige Bezeichnung, in deren Gehirnen er Atrophien nachweisen konnte. Mittlerweile ist klar, dass die Krankheit vergleichsweise häufig auftritt.

Soziale Auffälligkeiten

Von der frontotemporalen Demenz (FTD) sind unter 100.000 Einwohnern drei und vier Menschen betroffen. Geht man davon aus, dass bis zu neun Prozent aller Demenzen als FTD einzuordnen sind, macht das in Deutschland etwa 40.000 Patienten aus. Deren Leiden beginnt meist schleichend zwischen dem 40. Und 60. Lebensjahr. Untersuchungen zeigten ein durchschnittliches Alter von 54, jedoch mit ungewöhnlich breiter Spanne: Manche Patienten erkranken bereits mit 20, andere erst mit 80 – deutlich anders als bei Morbus Alzheimer.

Die Betroffenen stumpfen emotional immer weiter ab, verwahrlosen und verhalten sich sozial inkompatibel: Schlechte Manieren, schmutzige Witze oder anzügliche Kommentare stehen auf der Tagesordnung. Orientierungsstörungen oder Gedächtnisverluste lassen sich anfangs aber nicht nachweisen. Nach und nach kommen weitere Verhaltensänderungen sowie Sprachstörungen mit hinzu. Auch hier berichten Psychiater von einem progressiven Verlauf: Fällt es anfangs schwer, das richtige Wort zu finden, können Patienten später keine grammatikalisch richtigen Sätze mehr bilden. Schließlich treten Aphasien auf, andere Erkrankte wiederholen hingegen ständig eigene oder fremde Phrasen. Am Ende des Prozesses versteifen sich die Muskeln, und Harn- sowie Stuhlinkontinenz tritt auf.

Ein verstecktes Leiden

Trotz dieser Symptomatik übersehen Kollegen die frontotemporale Demenz gelegentlich – zu Beginn spricht eben viel für eine Schizophrenie. Bildgebende Verfahren wie Computertomographie oder Magnetresonanztomographie liefern nicht die besten Hinweise, allerdings finden Radiologen mit der Positronen-Emissions-Tomographie und der Einzelphotonen-Emissionscomputertomographie untrügerische Anzeichen einer Läsion.

Auch Untersuchungen, die Sprach-, Gedächtnis- beziehungsweise Verhaltensstörungen unter die Lupe nehmen, helfen weiter. Dazu gehört beispielsweise der Ekman-Test, ein Verfahren des US-amerikanischer Anthropologen und Psychologen Paul Ekman: Er stellte Bilderbögen mit verschiedenen Gesichtsausdrücken zusammen, die Wut, Trauer oder Angst versinnbildlichen. Diese nonverbalen Emotionen nehmen FTD-Patienten nicht mehr wahr, was sich im Alltag anhand ihres sozial inkompatiblen Verhaltens zeigt.

Eine andere Untersuchung kommt von den Autismusforschern Alan Leslie, Simon Baron-Cohen und Uta Frith. Deren „Sally und Anne-Experiment“ arbeitet mit zwei Puppen, besagte Sally und Anne. Das Vorgehen: Sally legt einen Ball in einen Korb und geht zur Tür hinaus. Anne nimmt Sallys Ball aus dem Korb und versteckt diesen in einer Schachtel. Wo wird Sally bei ihrer Rückkehr das Objekt ihrer Begierde suchen? Die korrekte Antwort lautet: im Korb, wo sie den Gegenstand selbst deponiert hatte. Mit diesem Gedankengang haben FTD-Patienten Probleme, sie können sich nur schwer in andere Individuen hineinversetzen und erwarten vielmehr, Sally würde sofort in die Schachtel greifen. Doch erklären alle Untersuchungen nicht, welche Prozesse auf zellulärer Ebene ablaufen.

Massentod im Gehirn

Molekularbiologisch betrachtet degenerieren bei Morbus Pick immer mehr Nervenzellen in den Stirn- und Schläfenlappen zu ballonartig aufgeblasenen „Pickzellen“. Mikroskopisch sind außerdem Einschlüsse zu finden, die Pick-Körperchen, gefüllt mit Tau-Proteinen. Da entsprechende Hinweise im Gehirn von Alzheimer-Patienten fehlen, ist zumindest pathologisch eine klare Abgrenzung beider Krankheiten möglich. Außerdem breitet sich die Pick-Erkrankung streng begrenzt im frontotemporalen Bereich aus, während sich Alzheimer-Degenerationen nicht auf bestimmte Regionen beschränken.

Neuere Untersuchungen rücken Von Economo-Neurone in den Mittelpunkt des Interesses, gerade einmal 200.000 dieser Zellen existieren im menschlichen Gehirn. Vergleiche legen nahe, dass diese in der Evolution relativ spät aufgetreten sind und möglicherweise das soziale Bewusstsein steuern könnten. Auch waren bei FTD-Patienten gerade diese Zellen stark in Mitleidenschaft gezogen, wie Untersuchungen an den Gehirnen Verstorbener zeigten.

Übel im Erbgut

Auf der Suche nach den Ursachen dieser Degeneration fanden Wissenschaftler schnell Indizien im Erbgut. Bei bis zu 50 Prozent der Patienten treten in der Familie Demenzerkrankungen verschiedener Genese gehäuft auf. Dennoch sprechen etliche Anhaltspunkte für eine große Heterogenität. Im Mittelpunkt des Interesses stehen vor allem die Gene PSEN1, verantwortlich für Transmembranbproteine, und MAPT, relevant für das in Ablagerungen entdeckte Tau-Protein. Neue Erkenntnisse brachte eine genomweite Assoziationsstude mit 515 Patienten. Die Daten lieferten Hinweise, dass Mutationen in TMEM106B mit einem hohen Risiko der FTD einhergehen könnten. Bei manchen Patienten sammelt sich das zugehörige Eiweiß TDP-43 in den betroffenen Gehirnregionen, ein möglicher Auslöser des zellulären Untergangs.

Behandlung? Fehlanzeige!

Trotz des molekularbiologischen Verständnisses von Morbus Pick existieren immer noch keine Therapiemöglichkeiten, so dass sich die durchschnittliche Überlebenszeit von acht Jahren nicht wesentlich verändert hat. Cholinerge Defizite wie bei der Alzheimer-Erkrankung bestehen keine, deshalb sind die etablierten Acetylcholinesterase-Hemmer hier fehl am Platze. Einzelne Versuche setzen bei sexuell enthemmtem Verhalten auf Analoga des Gonadotropin-Releasing-Hormons (GnRH) wie Buserelin oder Leuprorelin, um den Testosteron-Spiegel im Blut abzusenken. Auch Neuroleptika kommen zum Einsatz.

Inwieweit oxidativer Stress das Krankheitsgeschehen beeinflusst, wird immer noch kontrovers diskutiert. Zumindest im Experiment führte ein entsprechendes Millieu zu pathologischen Änderungen an Raumstrukturen des Proteins TDP-43. Weitere Untersuchungen müssen noch folgen – momentan lässt sich die FTD auch über versuchsweise eingesetzte Antioxidantien, etwa Vitamin E oder das Coenzym Q10, nicht signifikant bessern.

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1 Kommentar:

Dr. med. ERNST  H. Tremblau
Dr. med. ERNST H. Tremblau

So lange die königlich-bayrische-wittelsbachische Familien-
Archiv-Verwaltung die Dokumente im öffentlichen Interesse
nicht freigibt ist wohl nichts zu mmachen.-
Haben Staatzrechtler jemals versucht, diese Sperre zu üffnen.
Wäre für Professer von Gudden die Ärtzekammer zuständig
oder besteht da (auch) ein Geheimhaltungsinteresse seitens
der Nachfahren der Familie Gudden ?

Gibt es Verjährungsfristen nach denen solche familiären
Blockaden verlöschen ?

Danke!
eht

#1 |
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