Neonatologie: Früher wird alles besser

8. April 2015
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Die Frühgeborenenmedizin macht Fortschritte: Binnen zehn Jahren haben sich die Chancen kleiner Patienten drastisch erhöht. Fachgesellschaften raten, Frühchen und ihre Familien auch nach dem stationären Aufenthalt engmaschig zu betreuen. Ein Knackpunkt ist Personalmangel.

Jahr für Jahr erblicken hierzulande etwa 60.000 Babys zu früh das Licht der Welt. Bei 6.000 von ihnen müssen Ärzte intensivmedizinisch intervenieren. Ihre Überlebenschancen haben sich innerhalb einer Generation stark erhöht, berichtet die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI). Eine Tendenz, die für alle Industrienationen gilt.

Woche um Woche

Ärzte nahmen im Neonatal Research Network, einem Projekt des US-amerikanischen National Institutes of Health, seit dem Jahr 2000 Daten von 22.248 Kindern auf. Sie haben jetzt detaillierte Auswertungen veröffentlicht. Zu den Resultaten: Von 2000 bis 2003 verstarben 27,5 Prozent aller Frühchen, und von 2008 bis 2011 waren es nur noch 25,8 Prozent. Der Rückgang fällt mit relativen 9,6 Prozent mehr als deutlich aus. Mortalitäten verringerten sich mit der jeweiligen Gestationswoche. Insgesamt starben 94,9 Prozent aller Frühchen, die vor der 22. Woche geboren wurden. Ab der 24. Woche stiegen die Überlebenschancen an. Wer in der 28. Woche auf die Welt geholt wurde, hatte deutlich bessere Prognosen – hier lag die Mortalität noch bei 7,8 Prozent.

Die Chancen steigen

Ravi Mangal Patel, Atlanta, kommentiert, primäres Ziel sei deshalb, Frühgeburten zu vermeiden. Werdende Mütter nehmen heute immer häufiger Vorsorgeuntersuchungen in Anspruch. Als wichtigste Maßnahme gilt der Verzicht auf Nikotin. Auch setzen Ärzte Progesteron bei schwangeren Frauen mit asymptomatischer Zervixverkürzung oder bei Patientinnen mit Frühgeburt in der Vorgeschichte ein. ASS hat sich zur Prophylaxe von Präeklampsien bewährt. Trotz aller Bemühungen haben Gynäkologen nicht immer Erfolg. Dann bleibt nur, Frühchen intensivmedizinisch zu betreuen. Als Todesursachen gibt Patel in frühen Phasen allgemeine Unreife und das Atemnotsyndrom an. Bei später Geborenen steht eine nekrotisierende Enterokolitis im Mittelpunkt, und ab der 28. Woche sind bronchopulmonale Dysplasien relevant. Ravi Mangal Patel erklärt die besseren Chancen vor allem durch weniger Atemnotsyndrome und bronchopulmonale Dysplasien – hier hätte es medizinisch die größten Fortschritte gegeben. Im Mittelpunkt stehen schonendere Methoden der Hochfrequenzbeatmung. Bei nekrotisierenden Enterokolitiden seien die Zahlen jedoch angestiegen, heißt es im Beitrag. Jenseits medizinischer Möglichkeiten verweist DIVI-Präsident Professor Dr. Gerhard Jorch auf einen weiteren Aspekt: „Besonders wichtig für die Patienten ist das Pflegepersonal.“ Fachkinderkrankenschwestern oder -pfleger für Pädiatrie und Intensivmedizin hätten mit Abstand den häufigsten Blick- und Handkontakt mit kleinen Patienten. Sie müssten Jorch zufolge ihre Arbeit „ohne zu großen Zeitdruck ausüben, geschult und erfahren sein und sich die Freude an ihrem Beruf erhalten können“. Eine zentrale Forderung lautet, die Frühgeborenen-Intensivmedizin und die Erwachsenen-Intensivmedizin gleichberechtigt zu behandeln.

Endlich zu Hause

Damit ist es nicht getan – die Betreuung darf sich nicht auf die Zeit nach der Geburt beschränken. Hilfestellungen im familiären Umfeld beeinflussen das weitere Schicksal ebenfalls stark. Grund genug für die Deutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie (DGKCH), weiteren Beistand für Kinder und Eltern beim Übergang in den heimischen Alltag zu fordern – sowohl medizinisch als auch psychosozial. Dies sei essentiell, um den Behandlungserfolg in der Klinik nicht zu gefährden, sagen Experten der DGKCH. Es geht nicht nur um medizinische Probleme. Vielmehr gerät das Familiengefüge schnell aus dem Lot. Geschwister kommen zu kurz, und die Beziehung beider Partner leidet. „Durch die Summe der Belastungen für die Eltern besteht die Gefahr, Wichtiges bei der Versorgung des Frühgeborenen zu übersehen“, warnt Professor Dr. Bernd Tillig, Präsident der DGKCH. Er rät zur sozialmedizinischen Nachsorge, einer Regelleistung gesetzlicher Krankenkassen: Kinderärzte, Psychologen, Case Manager sowie Heil- und Sozialpädagogen unterstützen Eltern gemeinsam. Damit gelingt es, medizinische Notfälle auf ein Minimum zu reduzieren. Häufig reichen die bewilligten Stunden jedoch nicht aus.

Ein Leben lang benachteiligt?

Läuft alles nach Plan, sind ehemalige Frühchen im Erwachsenenalter uneingeschränkt leistungsfähig und beruflich beziehungsweise sozial voll integriert. Medizinische Nachteile gibt es immer noch. Aktuellstes Beispiel: Flavia M. Cicuttini aus Melbourne hat Daten der Australian Diabetes, Obesity and Lifestyle Study (AusDiab) analysiert und dabei Überraschendes entdeckt. Unter 3.604 Teilnehmern waren auch 75 Personen mit Hüftendoprothesen. Bei ihnen verdoppelte ein niedriges Geburtsgewicht das Risiko signifikant. Weitere Einflussfaktoren, etwa Nikotinkonsum, den Body Mass Index, sportliche Aktivitäten, Diabetes oder Hypertonie, haben Forscher ausgeschlossen. „Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass Personen, die vorzeitig oder mit niedrigem Geburtsgewicht geboren werden, im Erwachsenenalter eher Hüftoperationen aufgrund einer Arthrose benötigen“, sagt Cicuttini. Sie vermutet Entwicklungsstörungen als Ursache und rät Betroffenen in größeren Abständen zu Untersuchungen. Ehemalige Frühchen bleiben dem Arzt treu.

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3 Kommentare:

Michael van den Heuvel
Michael van den Heuvel

Liebe Frau Dzaebel, liebe DocCheck-User!

Dazu noch eine Zahl: Tatsächlich haben Rauchverbote den stärksten Effekt auf Frühgeboten. In “The Lancet” ist zu lesen, dass entsprechende Verbote die zahl an Frühgeburten um 10,4 Prozent verringert haben. Hier der Abstract:
http://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736%2814%2960082-9/abstract

Beste Grüße

Michael van den Heuvel

#3 |
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Gast
Gast

Das liegt z.B. am Rauchen!
Fast 10% der deutschen Schwangeren sollen tatsächlich rauchen.

#2 |
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Ines Dzaebel
Ines Dzaebel

Sehr geehrter Herr von den Heuvel,

danke für Ihren Artikel. Mich würde für einen Folgeartikel vor allem interessieren, ob den die Rate der Frühgeburten nun endlich gesenkt wurde ( um wieviele Prozentpunkte und seit wann? ) oder – nach meinem Wissen – diese Rate trotz aller Bemühungen seit Jahren stabil ist. Und woran das liegt? Wo sind die Ursachen dafür, daß es diesem medizinisch doch weit entwickelten Land nicht gelingt, Frühgeburten effektiv zu verhindern?

Viele Grüße, Ines Dzaebel.

#1 |
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