Stevia: Zucken beim Super-Zucker

27. Januar 2012
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Ende 2011 hat die EU-Kommission Bestandteile des Korbblütlers Stevia als neuen Süßstoff zugelassen. Dem ging eine kontroverse Diskussion über mögliche Gesundheitsschäden voraus. Kunden in der Apotheke äußern sich zunehmend verunsichert: Sind die pflanzlichen Inhaltsstoffe im Vergleich zu etablierten Substanzen wirklich harmlos?

Ein Traum, fast so alt wie die Menschheit selbst: Schlemmen ohne Kalorien, ohne Karies. Mit Süßstoffen kamen Chemiker diesem Ziel sehr nah. Sie synthetisierten bereits 1878 ein Molekül, das später unter dem Namen Saccharin bekannt werden sollte. Wie so oft, steckte dahinter der Kommissar Zufall: Ein Reaktionsansatz verselbständigte sich und lief dem Chemiker Constantin Fahlberg (1850 – 1910) über die Finger. Bald darauf bemerkte er den süßen Geschmack der Substanz – die Stunde null der Süßstoffe hatte begonnen.

Süßer als süß

In den folgenden Jahrzehnten fanden Wissenschaftler etliche Moleküle mit beträchtlichem Potenzial. Eine Zulassung in der EU erhielten dabei folgende Substanzen:

Süßstoff E-Nummer Süßkraft im Vergleich zu Saccharose Erlaubte Tagesdosis in mg / kg Körpergewicht und Tag (Acceptable Daily Intake, ADI)
Acesulfam (Acesulfam-K) 950 bis zu 200 x stärker max. 9
Aspartam 951 200 x stärker max. 40
Aspartam-Acesulfam-Salz 962 350 x stärker Es gelten die ADI-Werte der Bestandteile Aspartam und Acesulfam.
Cyclamat 952 bis zu 50 x stärker max. 7
Neohesperidin DC 959 bis zu 600 x stärker max. 5
Neotam 961 bis zu 13.000 x stärker max. 2
Saccharin 954 bis zu 500 x stärker max. 5
Steviolglycoside 960 bis zu 300 x stärker max. 4
Sucralose 955 600 x stärker max. 15
Thaumatin 957 bis zu 3.000 x stärker kein ADI-Wert; als unbedenklich zu betrachten

Kombinationen sind möglich, sowohl mit anderen Süßstoffen als auch mit Zuckeraustauschstoffen, also Zuckern, die insulinunanbhängig verstoffwechselt werden. Trotz der Zulassung blieben einige Bedenken: Gerade die ältesten Vertreter schienen bei Tieren eine karzinogene Wirkung zu haben, Blasenkrebs trat in einzelnen Untersuchungen vermehrt auf, andere Studien widerlegten die Hinweise. Eine große Metaanalyse entkräftete schließlich alle Befürchtungen für Saccharin und Cyclamat. Auch fanden die Autoren keine Anhaltspunkte für eine karzinogene Wirkung von Aspartam. Damit gab das Bundesinstitut für Risikobewertung für „alte“ Süßstoffe grünes Licht, sollte die maximal erlaubte Tagesdosis (Acceptable Daily Intake, ADI) nicht überschritten werden. Bei Produkten der zweiten Generation sind derartige Bewertungen noch schwierig, da langfristige Erfahrungswerte fehlen. Die Sorge vieler Konsumenten blieb bestehen, und Forscher machten sich auf die Suche nach weiteren Molekülen.

Süßes aus Südamerika

Aus den Blättern der südamerikanischen Pflanze Stevia rebaudiana extrahierten Naturstoffchemiker diverse Steviolglycoside. Deren Vorteile liegen in der jahrhundertelangen Erfahrung: Rund um Paraguay beziehungsweise Brasilien ist die Pflanze seit Ewigkeiten bekannt und beliebt, Ureinwohner trockneten die Blätter und mengten das Pulver verschiedenen Tees bei. Vor allem Steviosid beziehungsweise Rebaudiosid A schmecken bis zu 300 Mal süßer als Rohrzucker. Aus heutiger Sicht ist der Effekt Segen und Fluch zugleich: Wo Saccharose für die „Galenik“ von Süßspeisen wichtig ist – etwa in Kuchen – werden Stevia-Glycoside ihm nicht den Rang ablaufen, hofft die Zuckerindustrie. Anders sieht es schon wieder bei Softdrinks aus. Hier könnte sich ein riesiger Markt auftun, und das Zulassungsprocedere begann.

Harmlos – oder nicht?

In Japan sind Stevia-Extrakte bereits seit 1975 erhältlich. Nachdem ältere Studien Hinweise auf eine mögliche Mutagenität ergaben, verhängte die USA kurzerhand strikte Einfuhrverbote, die sich bis 1995 immer weiter lockerten. Seit 2009 dürfen die allseits beliebten Softdrinks offiziell mit Glycosiden aus dieser Pflanze gesüßt werden, und damit wuchs die Fangemeinde auch in Deutschland, nur gab es eben keine Zulassung. Mit allerlei Tricks versuchten Firmen deshalb, Stevia hier zu Lande in den Handel zu bringen: als Kosmetikum, als Badezusatz oder als Duftmischung. Befürworter argumentieren, die jahrzehntelange Anwendung in Japan und die sogar Jahrhunderte zurückgehende Tradition in Südamerika habe keine Hinweise auf mögliche Schadwirkungen ergeben. Allerdings lieferten Tierexperimente hinsichtlich einer möglichen Auswirkung auf die Fertilität kein einheitliches Bild. Untersuchungen beschäftigten sich auch mit der Frage, ob Steviol, ein Stoffwechselprodukt des Steviosids, schädlich wirkt. Zumindest bei Hamstern zeigten sich Anhaltspunkte auf eine teratogene Wirkung. Als methodische Kritik war allerdings zu lesen, dass die Tiere vielfach mit abiotisch hohen Mengen an Stevia gefüttert worden seien – hätte man Rohrzucker verwendet, wären ebenfalls diverse Erkrankungen aufgetreten.

Europa entscheidet

Jetzt mussten Gremien der EU über die Zulassung befinden. Auch der Gemeinsame FAO/WHO-Sachverständigenausschuss für Lebensmittelzusatzstoffe (Joint FAO/WHO Expert Committee on Food Additives – JECFA) überprüfte alle Daten des Naturstoffs etliche Male. Aus Tierexperimenten leiteten Toxikologen schließlich eine tägliche Höchstmenge von vier Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht ab: Sie ermittelten die maximale Dosis, bei der noch keine schädigende Wirkung auftrat, und versahen diesen Wert mit einem 100-fachen Unsicherheitsfaktor. Unter diesen Voraussetzungen vertreten heute alle Gremien die Ansicht, dass Stevia keine schädlichen Auswirkungen hat.

Höchstmengen überschritten

Allerdings plant die Nahrungsmittelindustrie, Stevia-Glycoside in Softdrinks, Süßwaren ohne Zuckerzusatz, Joghurts, Müsli, Schokoladen oder kalorienarmen Suppen zu verwenden. Kurz nachgerechnet: Unter Berücksichtigung durchschnittlicher Konsumgewohnheiten kam die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) auf neue Eckdaten. Bei Kindern etwa liegt die mögliche Aufnahme bei bis zu 16,3 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht und Tag. Auch Erwachsene überschreiten den empfohlenen Wert, sie kommen auf bis zu 6,8 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht und Tag. Damit ist der schwarze Peter wieder bei der EU – es gilt, nachzujustieren. Bis 2020 sollen zudem alle älteren Süßstoffe erneut unter die Lupe genommen werden.

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Medizin, Pharmazie

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11 Kommentare:

Weitere medizinische Berufe

Wie weit diese Zuckerersatzstoffe, pathogene Veränderungen im Körper verursachen, das weis heute noch keiner. Vielleicht in 20 oder40 Jahren, wenn neuer Erkrankungen auftauchen, wird man darauf kommen, dass die neuen Möleküle aus den Zuckerersatzstoffen dafür mit verantwortlich sind.
Den kranken und verstorbenen Menschen hilft das aber recht wenig.
Ich bleibe jedenfalls bei meinen Fruchtzucker und in Maßen, bei dem Industriezucker.
– Es muss ja nicht Cola oder Limonade sein, Wasser schmeckt auch lecker :-)

#11 |
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Dr. Udo Steinmann
Dr. Udo Steinmann

Dr.U.Steinmann, Apotheker
Informativer Artikel. Leider hinkt die breite Information der Verbraucher dem Interesse der Getränkeindustrie hinterher. Ein rieseger Markt. Coca Cola ist schon im Sattel und wird uns alle damit beglücken. Vielleicht hilft es ja unseren übergewichtigen Mitbürgern.

#10 |
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Altenpfleger

Was in diesem Artikel unterschlagen wird(vielleicht mangels entsprechender Hintergrundinformationen), die EU lant hier schon seit längerer Zeit ein gro0 angelegtes Subventionsprojekt, welches in direkter Konkurrenz zum Tabakanbau steht und Großinvestoren mit patentierbaren Derivaten der ursprünglichen Substanz (und damit erheblichen Gewinnen) anlocken soll.

Das allein ist der Grund, warum es nicht weiterhin nur als Badesalz Verwendung finden soll. Gesundheitliche Aspekte (“Bedenklichkeiten”) spielen da – anders als allgemein geglaubt – kaum eine Rolle.

Aus meiner Sicht ist Stevia der unbedenklichste Zuckerersatzstoff und Diabetiker profitieren vor allem vom vergleichsweise hohen Inulinanteil. Allerdings teilt Stevia mit den sythetischen Konkurrenzprodukten die Eigenschaft, dass die Geschmacksknospen eine Süße wahrnehmen die über bekannte Signalwege der Bauchspeicheldrüse schnellverwertbare Kohlenhydrate suggeriert, was eben nicht zutrifft. Das hat dann zunächst zur Folge, dass hohe Insulinmengen freigesetzt werden, für die es im Blut keine Verwendung gibt. Auf längere Sicht führt das zu einem intazellulären Flüssigkeitsdefizit vor allem der der Zellen des Fettgewebes, die wiederum nur in ausreichend hydriertem Zustand zu effektiver Lipolyse in der Lage sind. Im weiteren Verlauf entwickelt sich (neben anderen pathophysiologischen Verläufen) eine Insulinresistenz.

Fazit: Für die Verwendung von Zuckeraustauschstoffen und/oder Süßstoffen lässt sich kein gesundheitlicher Nutzen feststellen. Der Schein trügt nur bei oberflächlicher Betrachtung.

#9 |
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Apotheker

Es ist sehr information reich .Diabetikeranzal in Sudan ist
zunehmend.Stevia Granulat wird benutzt .Man importiet es von India und Saudia Arabia und davon sehr begistrt.

#8 |
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Barbara Schäfer
Barbara Schäfer

Lieber mit Zurueckhaltung! Der Hunger auf Suesses bleibt nach Verwendung von Suessstoff ja auch angeblich erhalten!

#7 |
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Heike Krammel
Heike Krammel

Klasse Artikel! Kompakt,informativ,keine Fragen bleiben offen! Danke

#6 |
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Maria Hermes
Maria Hermes

Kann mich meinem Kollegen Herrn Böckle nur anschließen! Vielen Dank für diesen informativen Artikel!

#5 |
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Selbstst. Apotheker

Besten Dank für die kompakte Übersicht, die für die
Beratungspraxis völlig ausreichend ist.

#4 |
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Ich benutze Stevia seit rund 15 Jahren und auch die meisten meiner Klienten sind davon begeistert.

#3 |
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Elke Engelhardt
Elke Engelhardt

Schön, das Stevia “keine schädlichen Auswirkungen” hat!
Ich vermisse allerdings die Studien, die mit den Menschen gemacht wurden bei denen Stevia seit Jahrhunderten zur Tradition gehören, den Ureinwohnern in Südamerika!

#2 |
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Renate  Weber
Renate Weber

Danke,

sehr hilfreich. Die “Diabetikergemeinde” ist zunehmend gut informiert, da heißt es mithalten.

Vielen Dank
werde die Infos weitergeben.
Renate Weber

#1 |
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