Zeitempfinden: Depressive ticken anders

4. März 2015
Teilen

Depressive Menschen haben ein langsameres Zeitempfinden als gesunde, wie Psychologen in einer Metastudie ermittelten. Müssen sie jedoch ein ganz konkretes Zeitintervall von zum Beispiel zwei Minuten schätzen, gelingt ihnen das genauso gut.

Wie schnell die Zeit vergeht, ist eine außerordentlich subjektive Einschätzung und hängt meist von der jeweiligen Situation ab, ob man beispielsweise auf etwas wartet oder im Gegenteil eine Frist näher rückt. Allerdings scheinen depressive Menschen grundsätzlich ein anderes Zeitempfinden zu haben als gesunde. Darauf deuten Aussagen von Patienten hin, wonach ihnen die Zeit quälend langsam vergeht oder gar stillzustehen scheint. In einer sogenannten Metastudie haben Psychologen der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) nun die zu dieser Frage relevanten wissenschaftlichen Untersuchungen zusammengetragen und ausgewertet. Das Ergebnis: Depressive Personen haben im Vergleich zu gesunden Probanden tatsächlich das subjektive Empfinden, dass die Zeit langsamer vorbeigeht. Müssen sie jedoch ein ganz konkretes Zeitintervall von zum Beispiel zwei Sekunden oder auch zwei Minuten schätzen, gelingt ihnen das genauso gut wie Gesunden.

Sven Thönes und Daniel Oberfeld vom Psychologischen Institut der JGU haben für ihre Metastudie die Ergebnisse aus 16 Einzelstudien mit insgesamt 433 depressiven Probanden und 485 nicht depressiven Kontrollprobanden ausgewertet. „Psychiater und Psychologen in Kliniken oder Praxen berichten immer wieder davon, dass depressive Patienten das Gefühl haben, die Zeit schleiche langsam dahin oder vergehe im Zeitlupentempo“, berichtet PD Dr. Daniel Oberfeld. „Unsere Auswertung kann dies bestätigen.“ Erste wissenschaftliche Untersuchungen zu dem Thema gab es bereits in den 1940er Jahren. Die älteste Studie, die in die Analyse der Mainzer Psychologen einging, stammt von 1977.

Schätzung der Zeitdauer

Im zweiten Teil ihrer Metaanalyse untersuchten Thönes und Oberfeld die Schätzung der Zeitdauer von Ereignissen. Bei solchen Studien werden Probanden beispielsweise gebeten, die Länge eines Films in Minuten anzugeben, fünf Sekunden lang auf eine Taste zu drücken oder die Dauer von zwei unterschiedlich langen Tönen zu unterscheiden. Hier führten depressive Probanden die Aufgaben genauso aus wie gesunde, es zeigte sich also kein Unterschied. „Offensichtlich ist das subjektive Gefühl, wie die Zeit vergeht, für depressive Menschen etwas anderes als die tatsächliche Schätzung der Dauer eines externen Ereignisses“, fasst Oberfeld die Ergebnisse zusammen.

Zeitwahrnehmung bei Depression ist nicht hinreichend untersucht

Als Manko bei der Datenlage empfinden Thönes und Oberfeld, dass einige Aspekte für den Zusammenhang von Depressionen und Zeitwahrnehmung noch nicht hinreichend untersucht worden sind. So ist wenig darüber bekannt, wie sich Antidepressiva oder Psychotherapie auswirken oder ob Patienten mit bipolaren Störungen oder einer klassischen Depression unterschiedlich reagieren. Auf jeden Fall aber muss in künftigen Studien deutlich zwischen einer subjektiven Beurteilung des Zeitflusses und der Schätzung von präzise definierten Zeitintervallen unterschieden werden, raten die Autoren der Metastudie.

Originalpublikation:



Time perception in depression: A meta-analysis

Sven Thönes et al.; Journal of Affective Disorders, doi: 10.1016/j.jad.2014.12.057; 2015

20 Wertungen (3.85 ø)

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

8 Kommentare:

Ärztin
Ärztin

“Eine Ewigkeit dauert sehr lange, vor allem zum Ende hin.”
Ich war vor einigen Jahren selbst Betroffene, hatte eine schwere, langanhaltende Depression. Es ist, als wenn man für immer, für ewig in einem finsteren Nichts bleiben müsste. Solange noch kein Fünkchen Hoffnung besteht, da wieder heraus zu kommen, ist es wirklich, als bliebe die Zeit stehen. Das ist ja dieses “Gefühl”, komplett tot und vereist zusein: Der Strom des Lebens gehört nur noch den anderen. Man selbst schaut nur noch ohnmächtig zu, wie das Leben für die anderen weitergeht. Die eigene Verdamnis scheint für die Ewigkeit bestimmt zu sein, eine “Höllenerfahrung”, nur ohne Feuer, eher aus Eis. Die Gedanken sind in einer Endlosschleife gefangen, die nur den Ausweg sucht.
Aber ich (Bipolar) kenne auch das Gegenteil: die Hypomanie. Ja, und da scheint die Welt zu rasen, die Gedanken überschlagen sich, das Gefühl ist der pure Überschwang, der am besten ewig bleiben sollte. Und nichts hat sich bei mir je “schneller” verflüchtigt, als so ein kleiner, seltener Moment mit der Anmutung eines Paradieses.
Zwischen meinen Phasen geht auch meine “Gefühls-Uhr” wieder völlig normal- zum Glück!

#8 |
  0
Arzt
Arzt

“Hier führten depressive Probanden die Aufgaben genauso aus wie gesunde, es zeigte sich also kein Unterschied.”
so schreibt der Beitrag wörtlich

#7 |
  0
Nichtmedizinische Berufe

Diese Schlussfolgerungen finde ich nicht zutreffend. Richtig ist, dass das Zeitgefühl etwas mit dem Gefühl zu tun hat, das beim depressiven Patienten anders ist. Der Kontakt zum Umfeld spielt eine nicht unerhebliche Rolle(aktive bzw.passive Phasen).
So kann ein Depressiver in geforderten Situationen(aktives Handeln) genauso das Empfinden haben, dass die Zeit wie im Fluge vergeht.

#6 |
  0
Arzt
Arzt

Depressive ticken NICHT anders, bezüglich der subjektiven Zeitangaben, das zeigt diese Untersuchung.

#5 |
  0
Nichtmedizinische Berufe

Zu Kommentar 3:

Die HP liegt falsch: Depressive, zumindest mittel- bis schwer Depressive haben gar kein Gefühl. Denn deren Emotionalität ist ja durch die Krankheit massivst beeinträchtigt, wenn nicht gar – bis zum Ende der depressiven Phase – erloschen… Das ist ja der schlimme Kern der Krankheit: Der Verstand ist völlig normal, nur zum Menschsein oder zum Ganzsein – was die Depressiven extremst vermissen – gehört ja unbedingt die andere Hälfte, die Emotionalität. Deshalb spricht man ja auch statt von einer Depression von einer Gemütskrankheit. Was das Wesen der Krankheit sicher besser trifft.

#4 |
  0
Heilpraktikerin

Zeitempfinden hat ja etwas mit Gefühl zu tun. Depressive haben bekanntermaßen ein anderes Gefühl als Nicht-Depressive. Wäre eine mögliche Erklärung. Denn wenn sie mit dem Verstand z.B. eine messbare Zeit einschätzen sollen, liegen sie dabei ziemlich richtig.

#3 |
  0
Arzt
Arzt

Das ist nicht nur bei “Depressiven” so.
Manchmal “läuft die Zeit” verdammt schnell, zu schnell
und manchmal zu langsam!
(subjektiv natürlich)

#2 |
  0
Gast
Gast

Na toll!

#1 |
  0


Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: