Prüfungsvorbereitung: Kreuz! Mich! An!

1. Februar 2012
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Wie lässt sich das heutige Medizinstudium erfolgreich meistern? Steht wirklich das Verständnis der Krankheitsbilder im Vordergrund? Oder reicht das stumpfe Pauken von Altfragen für gute Noten? Ein kritischer Kommentar über den ganz normalen Prüfungswahnsinn.

Naivität im ersten Semester

Zu Beginn meines Medizinstudiums war ich hochmotiviert, engagiert und leider auch ziemlich naiv. Ich dachte tatsächlich, dass es möglich wäre, immer vorbereitet in den Vorlesungen zu sitzen und dann abends zahlreiche dicke Lehrbücher konzentriert durchzulesen. Nach wenigen Wochen war ich bereits chronisch übermüdet, kam in einigen Fächern nicht annähernd mit dem Lesen und Lernen hinterher, und erntete schließlich sogar schlechtere Noten. Mit diesem Verlauf war ich lange nicht die einzige Studierende! Besonders ältere Kommilitonen, die schon einige Jahre aus dem Schulalltag heraus waren, taten sich sehr schwer und brauchen bis heute für einige Prüfungen mehrere Versuche. Ich selber war recht schnell unzufrieden mit meinem Studienalltag und versuchte aus Verzweiflung und Zeitnot spontan eine ganz neue Lernstrategie: Anstatt die Inhalte zu verstehen und Sachverhalte auswendig zu lernen, organisierte ich mir ein paar Altklausuren.

„Schwarzmarkt“ für Medizinstudenten

Bis es soweit kommen konnte, musste ich zunächst zum ersten Mal in meinem Leben durch eine wichtige Prüfung rasseln. Es handelte sich dabei um Physik I und ich hatte fast zwei Wochen damit verbracht, die Grundgesetze der Mechanik zu verstehen und teilweise auch noch erklären zu können. Am Abend vor der Klausur war ich mit meiner Vorbereitung hoch zufrieden und fiel aus allen Wolken, als ich am nächsten Tag kaum eine Multiple-Choice-Frage beantworten konnte. Bei meinem zweiten Versuche schenkte ich mir schließlich das Verständnis und lernte die Antworten aus drei Altklausuren auswendig. Richtig verstanden hatte ich die Fakten dabei zwar nicht, bekam aber trotzdem eine gute Zwei als abschließende Physiknote.

Schnell stellte ich fest, dass auch viele andere Studierende ähnliche Erfahrungen gemacht haben mussten. So gibt es an meiner Uniklinik tatsächlich ein eigenes Online-Portal von Studenten für Studenten, auf dem sämtlich Vorlesungsmaterialien, Skripten und Altklausuren jederzeit verfügbar sind. Und das ist nicht noch lange nicht alles! Zwischen den Vorlesungen werden alte Prüfungsmitschriften getauscht, kopiert wie auf einem Schwarzmarkt unter die Leute gebracht. Nicht zu vergessen die zahlreichen Bücher der Schwarzen Reihe, in denen Altfragen der letzten Jahrzehnte inklusive nachzulesen sind. Bei dieser etwas anderen Vorbereitungsstrategie, die mir selbst zum Überleben des Prüfungswahnsinns unverzichtbar scheint, bleibt tiefes Verständnis meist auf der Strecke. Die Zeitersparnis ist hingegen riesengroß.

Mit Strategie zum Prüfungserfolg

Mittlerweile studiere ich im 7. Semester und habe die Physik glücklicherweise unbeschadet hinter mir gelassen. Die zeitsparende Strategie der Prüfungsvorbereitung mit Altklausuren habe ich dagegen bis heute beibehalten. Im letzten Tertial standen beispielsweise knapp zehn Prüfungen von sieben verschiedenen klinischen Fächern auf meinem Stundenplan. Und das in der Regel parallel zum Unterricht im Wochentakt. Wenn man dann bedenkt, dass viele Studierende Familie haben und arbeiten müssen, um sich den Unterricht an einer Uniklinik leisten zu können, wird Eines ganz schnell deutlich: die verbleibende Zeit nach Pflichtveranstaltungen, Nebenjob und Alltagroutine reicht selten aus, um dicke Lehrbücher mit kleiner Schrift und bis zu 1000 Seiten Umfang zu studieren.

Wir Medizinstudierende möchten ja auch hin und wieder etwas essen oder ein paar Stunden schlafen. Schließlich gibt mir auch mein persönlicher Lernerfolg ein Stück weit Recht. Mit super geringem Lernaufwand und so wenig Anwesenheit wie nötig erziele ich relativ oft sehr gute Prüfungserfolge. Ob das Pauken alter Klausuren aus mir später eine gute und kompetente Ärztin werden lässt, steht hingegen auf einem ganz anderen Blatt geschrieben…

Was für ein Lerntyp bist Du? Flotte Nummer oder lange Bahn? Berichte in den Kommentaren von deiner besten Strategie!

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5 Kommentare:

Annemarie Lippert
Annemarie Lippert

@ Katharina (5):
Das kommt sehr auf die Uni und vor allem auf die Prüfer an. Bei uns wurde in den meisten Fächern, so weit möglich, Verständnis und Anwendung abgefragt (Erklären Sie bla, Berechnen Sie wasweißich). Klar mußte man viel lernen, aber man mußte es dann zumindest in ganzen Sätzen wiedergeben können und teilweise, zumindest in mündlichen Prüfungen, auch ableiten. MC-Fragen gab es nur im Grundstudium und dort (bis auf zwei testate) nur wenige als “Änhängsel” an eine normale Klausur, damit wir uns fürs Staatsexamen schon mal an den Fragentyp gewöhnen. Und spätestens im Praktikum muß man wissen, was man tut (es sei denn, man gehört zu denen, die sich von den Gruppenkollegen mitschleppen lassen und kommt damit durch).

#5 |
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Stefan Hartmann
Stefan Hartmann

Insbesondere die Vorklinik und auch die klinischen Scheinklausuren dienen dazu Grundwissen zu erwerben, in erster Linie aber ist es einfach Auslese, damit nicht zu viele auf einmal in die Kliniken schwappen. Wenn man etwas lernen will, z.B. wie der Stationsalltag läuft oder wie man herausfindet was ein Patient hat, muss man sich in Famulaturen, Block oder PJ engagieren und an einen Arzt dranhängen, der einem gerne etwas beibringt…das ist dann der liberale Teil des Studiums :(

#4 |
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Tobias Kuhnert
Tobias Kuhnert

Jetz muss ich noch mal was zu Greifswald loswerden. Natürlich ist es richtig, dass mna mit Altfragen lernen recht gut weg kommt und es auch Klausuren mit sehr hohem Anteil an Altfragen gibt. Im Anschluss an den Theorieblocknhat man in den Blockpraktia der einzelnen Fächer durchaus genügend Zeit den Theoretischen Stoff sinnvoll und auch im Patientenkontakt zu vertiefen. Nur setzt das ein gewisses Maß an Interesse für den Patienten und das Fach vorraus. Nur manche machen lieber nichts und sagen alles ist viel zu einfach, da die Prüfungen eben nicht immer nur neue Fragen enthalten. Weil wenn man sich immer neue Fragen ausdenken müsste käm so ein murks wie vom IMPP raus und das will doch aus kein Medizinstudent.
Außerdem geht. Es nicht darum 1000 seiten dicke Bücher zu lesen und zu lernen, sondern die wichtigsten Merkmale und Therapien von HÄUFIGEN Krankheiten sich zu merken. Das klappt eigentlich viel besser, als wenn man irgendwelche Kolibris für eine Kalusur von Prof. X lernen mus… Die letztendlich noch weniger Praxisbezug haben, als wenn immer die wichtigsten Dinge abgeprüft werden und man sich die dann merkt.
Aber natürlich gibt es dann Komilitonen, die sich dann beschweren, dass sie sich nicht genug hervortuen konnten…
Ich überlasse das Urteil, ob das lernen mit Altklausuren wirklich soo schlimm ist.

#3 |
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Studentin der Pharmazie

ja so ist das leider auch in der Pharmazie. Viel lernen wenig verstehen. Also ist es nicht nur ein Problem der Medizin sondern wohl eher der Uni im allgemeinen bzw der Naturwissenschaften ( Bio, Chemie, Medizin, Pharmazie….). Und das richtige lernen findet dann eh erst im PJ statt.

#2 |
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Gordeen Barkovsky
Gordeen Barkovsky

Leider muß ich mich dieser Meinung anschließen. Ich weiß zwar noch nicht was die Klausuren der nächsten Woche bringen. Doch verständnis wird an der Uni schon lang nicht mehr groß geschrieben, bestehen ist das Zauberwort. 60% bringen Altklausuren allemal, mehr braucht man erst einmal nicht.
Ich frage mich nur wenn ich am Ende alles gekreuzt habe und alles bestanden wo dann auf meinen Patienten die Kästchen sind?

#1 |
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