Beratung: Gut gegen gemasert

3. März 2015
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Nachdem ein kleiner Junge in Berlin an den Masern gestorben ist, fordern Politiker Konsequenzen. Apotheker präsentierten schon vor Monaten Konzepte – und scheiterten am Widerstand des Bundesrates. Eine Impfpflicht sehen sie im Unterschied zu Ärzten noch skeptisch.

Die neunjährige Angelina aus Kleinostheim hat nicht mehr lange zu leben. Sie bekam mit drei Monaten Masern – und leidet heute an einer subakuten sklerosierenden Panenzephalitis (SSPE). Kausale Therapien gibt es nicht. Symptomatische Behandlungen verlängern das Leben um Monate oder Jahre. Kein Einzelfall: Max S. aus Sachsenheim ist 2014 an den Folgen von SSPE gestorben. „Es tut sehr, sehr weh“, schreiben die Eltern. „Noch schlimmer wird es, wenn man darüber nachdenkt, dass er heute noch leben könnte, hätten ungeimpfte Kinder ihn 1995 nicht mit dem Masern-Virus angesteckt.“ Und beim kürzlich verstorbenen Kleinkind aus Berlin gingen Mediziner noch von einer Vorerkrankung aus, die zum Tod geführt hätte. „Maserntod ein Fake“, titelte das Portal „Impfen? Nein, danke!“. Schließlich obduzierten Ärzte den Körper des Verstorbenen. Die Charité bestätigte kurz darauf, dass Masern ursächlich zum Tode geführt haben. „Das Kind war geimpft, aber nicht gegen Masern“, sagte Berlins Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU). Nach aktuellen Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) sollte die Erstimpfung im Alter von elf bis 14 Monaten erfolgen, nicht früher – eine gefährliche Lücke. Hinzu kommt, dass sich immer weniger erwachsene Menschen impfen lassen. Jetzt sind Apotheker gefragt.

Bleibende Schäden bis zum Tode

In diesem Zusammenhang melden sich Standesvertreter zu Wort. Versicherte suchen nicht selten in ihrer Apotheke Rat, bevor sie zum Arzt gehen. Die Landesapothekerkammer (LAK) Baden-Württemberg empfiehlt Patienten dringend, sich impfen zu lassen. Impfrisiken seien „angesichts der Krankheit überschaubar“, heißt es in einer Information für Pharmazeuten. LAK-Präsident Dr. Günther Hanke ergänzt: „Ich warne eindringlich alle Eltern vor sogenannten Masernpartys.“ Wer sein Kind absichtlich dieser Gefahr aussetze, mache sich eventuell strafbar und riskiere bleibende Schäden bis zum Tode. Ziel ist, Skeptiker im Handverkauf zu überzeugen: vielleicht der effektivste Weg.

Prävention ohne Apotheker

An und für sich kein neuer Gedanke: Im November hatte die ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände umfangreiche Stellungnahmen zum Präventionsgesetz formuliert. Standesvertreter schlugen vor, den Impfstatus als honorierbare Leistung zu überprüfen, um gravierende Probleme aufgrund geringer Durchimpfungen zu lösen. Sie brachten elektronische Impfausweise ins Gespräch, die „mit Einverständnis des Versicherten von Ärzten und Apothekern geführt werden“. Niedrigschwellige Angebote seien zeitnah beziehungsweise wohnortnah erreichbar. Und natürlich sahen Apotheker darin einen Weg, die alte Problematik zu umgehen, dass elektronische Gesundheitskarten momentan keine weiteren Funktionalitäten zulassen. Ein weiteres Argument: Immer wieder kommt es zu Versorgungslücken bei Impfstoffen. Vor mehr als zwölf Monaten waren unter anderem MMR-Impfstoffe betroffen. Als Lösung schlug die ABDA vor, Vertragsärzte sollten Impfstoffe über Apotheken aus der Region beziehen. Ländervertreter griffen entsprechende Forderungen im Bundesrat nicht auf.

Mehr Druck, mehr Erfolg?

Angesichts dieser Enttäuschung stellen sich Pharmazeuten vor Ort immer häufiger hinter Forderungen der Ärzteschaft, während sich apothekerliche Verbände bedeckt halten. Andere Heilberufler reden Klartext: „Aus medizinischen Gründen spricht alles für eine solche Pflicht“, sagt Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer (BÄK). Eigentlich habe sich Deutschland gegenüber der Weltgesundheitsorganisation WHO verpflichtet, Masern bis zu diesem Jahr zu eliminieren. Montgomery: „Davon sind wir weit entfernt.“ Günther Jonitz, Präsident der Ärztekammer Berlin, geht einen Schritt weiter. Die Einführung einer Impfpflicht sollte zwar immer das Letztmittel sein, betonte Jonitz. In Anbetracht von aktuell über 500 Fällen, dem größten Masernausbruch seit 2001 in Deutschland, sei eine Impfpflicht aber “kein Eingriff in Persönlichkeitsrechte”, sondern diene dem Schutz der Bevölkerung, insbesondere dem Schutz von Kindern. „Der Gesetzgeber sollte seine Aufgabe des Bevölkerungsschutzes ernst nehmen und mutig entsprechende Maßnahmen einleiten“, erklärte Jonitz. Er spricht sich dafür aus, dass Krankenkassen auch die Impfkosten für Versicherte zahlen, die vor 1970 geboren wurden. Zum Hintergrund: Laut Angaben des Robert-Koch-Instituts liegt die Impfquote bei 96 beziehungsweise 92 Prozent für die erste und zweite Impfung. Defizite bestünden vor allem bei Jugendlichen und Erwachsenen. Deshalb gibt es momentan keine ausreichende Herdenimmunität. Und trotz aktueller Ausbrüche keinen steigenden Bedarf an Impfstoffen, berichten Hersteller sowie Großhändler. Lieferengpässe? Keine Spur. Bei Patienten ist die Botschaft noch nicht angekommen.

38 Wertungen (4.61 ø)

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5 Kommentare:

PTA
PTA

Bei Masern schwinkt leider noch immer die miserabel gemachte Studie des Briten Andrew Wakefield mit. Auch wenn es widerlegt wurde, so bleibt das Autismus-Gespenst noch immer in den Köpfen.

Masern ist keine Kinderkrankheit, sondern eine Gefahr für Leib und Leben. Dort muß angesetzt werden. Die Folgen der Krankheit werden gegenüber dem Impfschutz verharmlost. “Das hab ich auch als Kind gehabt.” ist kein Argument gegen Impfen.

Impfen pro und contra hat aber schon Benjamin Franklin beschäftigt. Darüber läßt sich trefflich streiten und polemisieren Herr Peschel. Mein Standpunkt ist einfach: Besser impfen, denn das Risiko ist überschaubarer.

#5 |
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Arzt
Arzt

Beratung reicht nicht.

#4 |
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Arzt
Arzt

Wollen jetzt Apotheker anfangen zu impfen oder was?
Lernt man das in der Pharmakologie?

Nein, #1 Herr Peschel, das können sogar Impfgegner und Laien im Paul Ehrlich-Institut online nachlesen.
Es besteht seit 2001 Meldepflicht für Masern und ebenso für diesbzgl. Impfschäden.
Tote durch Impfung hat es danach seit 2001 nicht gegeben.

Ich denke es hilft nur eine Impfpflicht,
oder entsprechend überwachte Sanktionen (Ausschluss) für Gemeinschaftseinrichtungen, wie Kindergarten.

#3 |
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Apotheker

Sehr geehrter Herr Peschel,
natürlich gibt es Impfschäden – genau so wie auch JEDE andere Therapie Nebenwirkungen/Unverträglichkeiten zeigen kann. Die Ursachen? Enzymdefekte (CYP 450 etc.), idiosynkratische Effekte, erworbene Allergien etc.

„Wenn behauptet wird, dass eine Substanz keine Nebenwirkung zeigt, so besteht der dringende Verdacht, dass sie auch keine Hauptwirkung hat.“

Gustav Kuschinsky: deutscher Pharmakologe (1904–1992)

Der Satz trifft es ganz gut.
Was aber sein muß ist eine Risikoabschätzung. Sie können schnell und leicht in Ihrem Garten bzw. etwas später zu Tode kommen, wenn Sie nicht gegen Tetanus geimpft sind. Sind sie gegen Tetanus geimpft? Wenn ja, warum? Eventuell nehmen Sie also dass Risiko einer Nebenwirkung in Kauf und müssen sich daür nicht wegen jedem Kratzer im Freien Gedanken machen.
Genau so bei Masern – Kinder haben hier sehr große Risiken, Erwachsene aber auch. Deshalb sollten Sie das Risiko für sich abwägen (und für Ihre Kinder).
Der Spaß hört aber auf, wenn Kinder welche geimpft würden, von älteren ungeimpften Kindern angesteckt werden – das ist nicht fair und verantwortungslos!

#2 |
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Wirtschaftswissenschaftler

Gibt es keine Impfschäden oder werden diese bewusst vertuscht…? Hier ein Impfschaden, anerkannt als Arbeitsunfall. Was nun ?
Führt eine Schweinegrippe-Impfung zu einem Gesundheitsschaden, kann dies als Arbeitsunfall anerkannt werden. Dies hat das Landessozialgericht (LSG) Rheinland-Pfalz in einem am Montag, 08.12.2014, in Mainz entschieden und damit einer Kinderkrankenschwester recht gegeben (AZ: L 2 U 99/13).

Die heute 54-jährige Frau arbeitete in der Kinderklinik der Universität Mainz. Im Jahr 2009 ließ sie sich gegen das Schweinegrippevirus H1N1 impfen. Die Impfung war vom Arbeitgeber und der ständigen Impfkommission des Robert-Koch-Instituts (STIKO) für Krankenhauspersonal „dringend empfohlen“.

Doch die Schutzimpfung hatte offenbar gesundheitliche Folgen. Kurze Zeit danach schwoll nicht nur der Arm an, auch eine Herzbeutelinfektion sowie neurologische Schäden traten auf. Seit dem 01.07.2010 bezieht die Kinderkrankenschwester eine volle Erwerbsminderungsrente. Sie ist zudem mittlerweile als Schwerbehinderte anerkannt.
Link http://www.anwalt.de/rechtstipps/impfschaden-nach-schweinegrippeimpfung-kann-arbeitsunfall-sein_065073.html

#1 |
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