Mobbing: Hänseln mit Suizidgefahr

25. März 2015
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Mobbing ist eine verheerende Form der Diskriminierung, die vor allem als vorübergehendes Jugend-Phänomen gilt. Tatsächlich sind große Teile der Erwachsenen involviert: Sowohl für Opfer als auch Täter hat Mobbing fatale Konsequenzen, wie Metaanalysen belegen.

In einer kürzlich veröffentlichten Metaanalyse von 47 Studien mit insgesamt mehr als 400.000 teilnehmenden Jugendlichen beobachtete ein amerikanisches Forscherteam für alle am Mobbing beteiligten Gruppen deutliche Assoziationen zwischen psychosozialer Tyrannei und Suizidalität: „Opfer, Täter und jene, die sowohl mobben als auch gemobbt werden, zeigen signifikant häufiger suizidale Gedanken und Handlungen als unbeteiligte Jugendliche“, fasst Projektleiterin Melissa Holt zusammen, Assistenzprofessorin für Beratungspsychologie an der Boston University. Bisher hatte der Fokus in diesem Forschungsbereich mehrheitlich auf den Auswirkungen für die Opfer gelegen.

Wenn auch für die Täter im Vergleich am geringsten ausgeprägt, lag das Risiko für suizidale Denk- und Verhaltensweisen bei Opfern, Tätern und den Täter-Opfern, die in beide Rollen schlüpfen, mindestens doppelt so hoch wie bei Unbeteiligten. Überlegungen zur Selbsttötung machten sich dabei eher in den Köpfen der Mädchen breit, selbstverletzende Taten wurden jedoch wesentlich häufiger bei den männlichen Vertretern aller drei Rollen beobachtet. Die am stärksten ausgeprägte Assoziation fand sich jedoch in allen Belangen bei den Täter-Opfern. Sie zeigten eine mehr als vierfach erhöhte Chance für suizidales Verhalten als Unbeteiligte, die männliche Subpopulation sogar mehr als sechsfach.

„Alles andere als harmlos“

Mit dem Suizidverhalten jüngerer Mobbing-Opfer hatte sich vor rund einem Jahr bereits ein niederländisches Forschertrio in einer Zusammenschau aus 34 Studien eingehender auseinandergesetzt und ähnliche Zusammenhänge aufdecken können. Das Risiko für das Auftreten suizidaler Gedankengänge lag hier bei den Gemobbten ebenfalls mehr als doppelt so hoch wie bei den Unbeteiligten. Noch deutlicher wurde die Gefahr des Mobbings bei den tatsächlichen Suizidversuchen. Nur eine der neun in Frage kommenden Studien offenbarte kein signifikant erhöhtes Risiko für Selbsttötungsversuche bei den jugendlichen Mobbing-Opfern.

Studienleiter Mitch van Geel betrachtet die gesammelten Ergebnisse daher als eindeutigen Beweis für die gesundheitliche Gefährdung, die vom Mobbing ausgeht: „Manche Leute glauben, dass Mobbing zum Erwachsenwerden dazugehöre, dass es relativ harmlos sei oder sogar den Charakter stärke. Nun zeigen Metaanalysen, dass Mobbing mit Depressionen, psychosomatischen Problemen und sogar Suizidversuchen assoziiert ist. Die Schlussfolgerung sollte daher lauten, dass Mobbing alles andere als harmlos ist.“

Einmal gemobbt, nie mehr gestoppt

Die psychosoziale Sprengkraft der systematischen Drangsal lässt sich daran messen, dass ihr Echo mitunter noch Jahrzehnte später nachhallt. Wer in der Kindheit oder Jugend regelmäßig gemobbt wurde, leidet auch noch mehr als 30 Jahre danach eher an psychischen Störungen im Sinne von Depressionen, Angststörungen und Suizidalität. Darüber hinaus besteht bei ehemaligen Mobbing-Opfern im mittleren Alter eine signifikante Assoziation zu sozialen und finanziellen Schwierigkeiten sowie einer als niedrig empfundenen Lebensqualität. Diese Langzeiteffekte des Mobbings blieben auch dann erhalten, wenn potenzielle Störgrößen wie der IQ, der sozioökonomische Status der Eltern, Drogen- und Alkoholprobleme, familiäre Konflikte sowie körperliche und sexuelle Gewalterfahrungen berücksichtigt wurden.

Zu derart weitreichenden Folgen führe Mobbing in erster Linie, wenn es den Betroffenen in der weiterführenden Schule widerfahre: „Hier muss man durchaus mit etwas wie einem Mini-Trauma rechnen. Das liegt daran, dass der Umgang mit Gleichaltrigen für die kognitive, emotionale und soziale Entwicklung sehr wichtig ist. Wird man nun während der ganzen weiterführenden Schulzeit gemobbt, fehlt einem der Umgang mit Gleichaltrigen und dieses Defizit kann man im weiteren Leben nicht mehr aufholen. Diese Phase gibt es im Leben nicht noch einmal“, betont Dr. Mechthild Schäfer, Entwicklungspsychologin an der Ludwig-Maximilians-Universität in München.

The Unsocial Network

Im Zuge der Evolution des Internets hin zur wesentlichen Kommunikationsplattform hat sich zudem das Cybermobbing rasch als populäre Erweiterung herkömmlicher Mobbing-Disziplinen etabliert. In den meisten Fällen nutzen die Täter die digitalen Kanäle vornehmlich für Hänseleien, Beschimpfungen und üble Nachreden. Bei Befragungen des Bündnisses gegen Cybermobbing gaben 8,1 % der Erwachsenen und 16,6 % der Jugendlichen an, bereits zur Zielscheibe solcher Angriffe geworden zu sein. Als Täter gaben sich unter den Schülern sogar 19,9 % zu erkennen, allerdings nur 1,0 % der Erwachsenen. Angesichts dieser außerordentlichen Diskrepanz liegt die Vermutung nahe, dass die Dunkelziffer deutlich höher ist.

Bei der Instrumentalisierung neuer Medien stehen die sozialen Netzwerke an vorderster Front, allen voran Branchenprimus Facebook. Ähnlich beliebt ist die Benutzung des Handys oder Smartphones zu Mobbing-Zwecken. Obwohl die digitalen Anfeindungen nicht von Angesicht zu Angesicht getätigt werden, beherbergen auch sie ein zerstörerisches Potenzial für die Psyche der Opfer: Für sich betrachtet liegt die Prävalenz anhaltender Traurigkeit sowie suizidaler Gedanken, Absichten und Versuche jeweils höher als bei jenen, die ausschließlich vis-à-vis schikaniert werden. Alleine tritt das Cybermobbing jedoch kaum auf und findet sich in der Regel im Schlepptau traditioneller Mobbing-Methoden – je mehr Dimensionen die Täter für ihre Vorhaben nutzen, desto stärker leidet die Psyche der Opfer.

(K)ein Spaß für Groß und Klein

Über die Gesamthäufigkeit von Mobbing unter Kindern und Jugendlichen gibt in Deutschland der nationale Zweig der HBSC-Studie (Health-Behaviour in school-aged children) Aufschluss, die im Auftrag der WHO alle vier Jahre bei 11- bis 15-Jährigen durchgeführt wird. Entgegen reißerischer Berichterstattungen und der einhelligen Überzeugung mancher Nostalgiker zeigen die Trends der letzten Jahre eine positive Entwicklung: Zwischen 2002 und 2010 stieg die Rate der Unbeteiligten von 73,3 % auf 81,4 %. Im gleichen Zeitraum sanken dementsprechend die Zahlen der Täter, der Opfer und der Täter-Opfer. Am auffälligsten war dabei der Rückgang männlicher Täter von 16,7 % auf 10,9 % aller Jungen.

Doch die Mobbing-Problematik haben Kinder und Jugendliche nicht exklusiv gepachtet. Nach Angaben des Bündnisses gegen Cybermobbing stehen die Großen den Kleinen dabei in nichts nach: Ein Anteil von 28,3 % der Erwachsenen steht 25,3 % der Jugendlichen mit Erfahrungen als Mobbing-Opfer im Beruf bzw. der Schule gegenüber. Unangefochten auf Platz eins erreichen Schüler, Studenten und Azubis die höchsten Mobbing-Quoten (35 %). Gleich dahinter drängen sich jedoch Wissenschaftler und Forscher (29 %) sowie Angehörige von Gesundheitsberufen (28 %) auf dem „Siegertreppchen“. Legt man den Mobbing-Report von 2002 zu Grunde – die letzte umfassende Studie mit repräsentativem Anspruch –, hat sich die Zahl der betroffenen Erwachsenen seither beinahe verdreifacht.

Luke, ich bin dein Vater – und dein Sohn

Sucht man nach den Gründen für Mobbing, dreht man sich vermeintlich im Kreis. Entgegen der landläufigen Meinung haben übliche Verdächtige wie der sozioökonomische Status kaum Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit, in Mobbing involviert zu sein. Unabhängig vom Wohlstandsindex der Eltern war die Rate der Unbeteiligten im Jahr 2010 in allen Gesellschaftsschichten nahezu identisch. Stattdessen stehen bei den Jugendlichen bereits vor dem Mobbing emotionale und psychosoziale Konflikte im Vordergrund, die vielmehr mit dem Verhalten als dem Gehalt der Eltern zusammenhängen.

Bei den Erwachsenen zeichnen sich ähnliche Teufelskreise ab. In einer Beobachtungsstudie unter jungen Ärzten offenbarte sich der bidirektionale Charakter des Mobbings: Depressive Symptome erhöhten das Risiko, in die Opferrolle gedrängt zu werden und umgekehrt. Darüber hinaus stellten Kostev et al. in einer Retrospektive fest, dass die designierten Opfer bereits vor den Anfeindungen signifikant häufiger unter respiratorischen, kardiovaskulären und muskuloskelettalen Erkrankungen litten. Infolge der Demütigung stieg dann die Prävalenz psychiatrischer und neurologischer Leiden wie Depressionen, Angst-, Schlaf- und Somatoformen Störungen bei den Geächteten erheblich an.

Ein Wink mit dem Baseballschläger

In Anbetracht des teils erheblichen Grads der Assoziation zu psychischen Störungen bis hin zur Suizidalität – in der Altersklasse von 15 bis 29 Jahren bildet die vorsätzliche Selbsttötung weltweit die zweithäufigste Todesursache – handelt es sich bei Mobbing mindestens um einen bedeutenden Indikator und Multiplikator, wenn nicht sogar um eine wesentliche Ursache psychischer und sozialer Probleme, die erhöhter Aufmerksamkeit bedürfen. Daher stellt Mobbing unabhängig von der Rolle, dem Alter, dem Geschlecht oder dem Wohlstand stets ein ernstes Warnsignal dar.

137 Wertungen (4.67 ø)

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18 Kommentare:

Gast
Gast

#17 Nichtssagend. Und NATÜRLICH Werbung…

#18 |
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Psychotherapeut

Ich kann mich noch genau erinnern, als ich vor weit über zehn Jahren mit der Anti-Mobbingarbeit begann. Da war das Wort schon – leider genau so wie heute noch weitgehend – nur unter der Tischkante aussprechbar. Mittlerweile darf man es ja zum Teil schon wirklich aussprechen, wobei man häufig Beschwichtigungstiraden ausgesetzt wird. Im Rahmen des von mir gegründeten Mobbingnetzwerk-Nord und den dazu gehörigen Beratungsstellen haben wir von Anfang auch die so genannten Täter beraten und teilweise bei Bedarf und Einverständnis behandelt. Dafür habe ich bitterböse Kommentare bekommen und bekomme sie heute noch. Allerdings zeigt dieser Bericht, wie wichtig das ist!
Wir müssen auf allen Ebenen tätig werden und mit diesen katastrophalen Wertungen aufhören.
Wo viele Menschen zusammen sind, wird und wurde auch schon immer gemobbt. Dieser Umstand ist für mich erst einmal biologisch gegeben – ich meine damit: unveränderlich.
Die Wertung beginnt für mich bei dem Umgang mit solchen Situationen. Sage ich “Bei uns gibt es kein Mobbing!” wie wir häufig bei Schulen und Behörden erleben oder stelle ich mich den Umständen pro aktiv und gehe damit um. Hier beginnen dann die schicksalhaften und lange währenden Weichenstellungen.
Ich bin immer wieder in meinen Seminaren erstaunt, wie wenig Dienststellen zur Mobbingprävention – die es durchaus wirksam gibt – tun. Und auch wie wenig häufig die Betriebsräte und Personalräte und die MAV`s davon verstehen. Und doch holen sie sich nicht sehr häufig Rat bei Fachleuten.Und das, wo wir doch das Jahrzehnt des betrieblichen Gesundheitsschutzes und betrieblichen Eingliederungsmanagements haben – ich muss tatsächlich hier beim Schreiben schmunzeln, aber das sieht ja niemand.
Wir empfehlen jeder beratenen Person, diese Situation in und mit sich gut zu klären, weil unserer Erfahrung nach die große Gefahr besteht, wieder in eine solche Situation zu geraten, wenn man damit im Unklaren bleibt. Das kommt auch in dem Bericht – endlich – mal deutlich zutage.
Außerdem deckt sich unsere Erfahrung auch dahin gehend, dass Mobbingbetroffene häufig mehrere Male dem Mobbing ausgesetzt sind oder schon waren.
Unser Ansatz ist weniger ein beratender wie bei der Gewerkschaft oder beim Anwalt, sondern eher ein pschodynamischer und teils – therapeutischer. Damit machen wir sehr gute Erfahrung, weil viele Menschen gar nicht stabil genug sind, die Konflikte, zu denen häufig Gewerkschaft und Co. raten, aufzunehmen. Die Stabilität muss und kann wieder erarbeitet werden, bevor man an die Konfliktklärung und die Zukunftsplanung geht.
Wer mehr wissen möchte, belese sich gerne unter mobbingnetzwerk-norde.de und unter mobbingnetzwerk-nord.de/fairkom (das möchte ich hier jetzt bitte nicht als Werbung gewertet sehen).

#17 |
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HP Maria Gutmann
HP Maria Gutmann

Bei einem 1-jährigen Frankreichaufenthalt und einer Tätigkeit als Aushilfslehrerin
durfte ich die Erfahrung machen, dass unsere Mentalitäten doch recht unterschiedlich sind.
Eine befreundete Klavierlehrerin sagte mir einmal, ” wir Franzosen werden dazu erzogen, immer alles bis zu Ende durch zu diekutieren und dies auch dem Gegenüber zu zugestehen, auch wenn das so anstrengend ist, soviel Betonung auf Verstand und auch Herz aber zu wenig Bauch..”, sie meinte das also durchaus selbstkritisch…..

Darauf habe ich ihr erwidert , dass genau dieser ” Mangel” sich so entspannt und angenehm anfühlt, weil eben nicht halb unterbewußt bei jeder Kommunikation Beurteilungen und Vergleiche , sozusagen als Hintergrundrauschen mitlaufen, die ja oft Unstimmigkeiten vorausgehen und die bei uns in Deutschland so gang und gäbe sind, dass sie erst richtig ins Bewußtsein rücken, wenn sie fehlen..dieser “Mangel an Bauch”, wunderbar!!
In romanischen Ländern , wie atheistisch sie sich auch geben mögen, scheint mir der Fokus noch etwas stärker zu sein auf auch christliche Werte ,wie Respekt voreinander und eine aus dem Herzen kommende Höflichkeit, die auch dem Gegenüber Raum läßt und deshalb eher schützt vor der Tendenz ,mit einer instinktiven ,aufzüngelnden Aggressivität zu reagieren, wie es hier oft bei der kleinsten Frustration zu beobachten ist , verbunden mit dem Eindruck, derjenige fühle sich bei dieser aggressiven Reaktionsweise durchaus im Recht.
Hier beginnt ein Teufelskreis , denn nur zu oft fühlen sich aggressiv handelnde Menschen als Opfer ihrer Umgebung, einfach weil sie etwas am anderen stört und sie ” nervt”, das heißt aus Mangel an Toleranz und einer zu großen Nachsicht gegenüber eigenen aggressiven Tendenzen!
Also mehr Herz und Verstand ,die dem Bauch auch mal sagen “ist das eigentlich in Ordnung , was du hier fühlst und machst ( mobbst)?”
Hier ist natürlich Erziehung gefragt , auch an uns selbst und das ist in einer Umgebung mit so viel narzisstischen Tendenzen sicherlich nicht einfach…
Dennoch ist die Maxime ” leben und ( andere und auch sich selbst ) leben lassen als Mentalität für ein friedliches Miteinander wahrscheinlich unverzichtbar ,macht mit Sicherheit auch glücklicher!!
und schützt vor Gewalt gegen andere ( Mobbing) sowie Gewalt gegen einen selbst ( Tätersuizid)

#16 |
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Siven Relindise
Siven Relindise

@ Nr. 11., Simone P., Mobbing kann i.d.R nur da Fuß fassen wo es stillschweigend geduldet wird. besser kann man es kaum noch formulieren.
stimmt auch dass das geschreibe hier nichts nutzt, lt. vorkommentar.
Na Dann alle hier: tägliche zivilcourage !!! und andere dazu ermutigen, rekrutieren. die stimme erheben, dem täter das baby beim namen nennen, was viele scheuen. und demonstrativ dem opfer zur seite stehen.
vorsicht, erkennen wenn professionelle hilfe benötigt wird und dazu ermutigen: opfer und täter.
ausschau nach angeboten halten, sich selbst und die eigenen Kinder schulen/stärken lassen.
danke dem autor.

#15 |
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Heilpraktikerin

Liebe Frau Dr. Rothe,
Sie haben völlig Recht, der Begriff “Mobbing” ist als solcher nicht im Strafgesetzbuch verankert. Jedoch setzt sich dieser Begriff ja aus mehreren möglichen Handlungen zusammen, welche durchaus eine strafrechtliche Relevanz aufweisen können.
So sind möglicherweise tangiert:
– die Artikel 1-3 des GG
Im StGB sind diverse §§ auffindbar, die sich mit folgendenTatbeständen befassen:
– Körperverletzung, vorsätzlich oder fahrlässig
– üble Nachrede
– Verleumdung
– Nötigung
– Beleidigung
und auch interessant:
– unterlassene Hilfeleistung
Wobei man fairerweise einräumen muss, dass Täter auch schlau genug sind, nicht öffentlich zu mobben.
Es gibt die Möglichkeit, alle Einzeltaten zu dokumentieren mit Tag, Zeit, Hergang und evtl. Zeugen.
Nachdrücklich abraten möchte ich von Racheakten, wie ebenfalls Unterlagen verschwinden zu lassen oder ähnlichem, oder auch davon, den/die Täter durch Drohungen unter Druck zu setzen!
Nochmals meine Empfehlung: Holen Sie sich fachkompetente Hilfe und Beratung!
MfG
Simone Pfaue
HP für Psychotherapie

#14 |
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PD Dr. med. Ulrike Rothe
PD Dr. med. Ulrike Rothe

Toller Artikel, aber was/wem nützt er, solange es ein gesamtgesellschaftliches Problem bleibt, die Ohnmacht der Opfer bleibt und niemand in die kriminellen Handlungen eingreift, Mobbing stillschweigend geduldet wird, dem Opfer heimlich doch die Schuld gegeben wird, kurz gesagt, Mobbing nicht endlich Strafdelikt wird (ähnlich dem Stalking!) und den Tätern Grenzen gesetzt werden und sie bestraft/verurteilt werden??
Leute wacht endlich auf, protestiert und führt endlich Änderungen herbei, damit unsere Spezies nicht durch Burn-out, Destruktivität, Suizidalität etc. ausstirbt!!

#13 |
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Medizinjournalist

Auswirkungen der ständigen Überforderung unseres inneren Ausgleichssystems, das externe Einflüsse mit internen Verarbeitung zu balancieren sucht, sind sicher vielfältig. Die Mobbing-Problematik gehört zu den auffälligen Folgen. Die aggressive Autofahrerei ganz gewiss auch. Das Plafond der “Streitigkeiten” wächst insgesamt rapide. Quasi-anonyme Verhältnisse, wie im Unsocial Network oder in abgedunkelten Autos mit blendend hellen Drängellichtern vorne dran, vereint die Struktur und zeigen klar, wo das Problem ist.. Meine Spannungen können und müssen einem anderen aufgehalst werden – nur so wird man sie los.

Das wird nicht besser werden. Berufliche Ausbeutung, Zeitdruck in Familien, mitmachen müssen bei allen Hypes und jedem neuen Modetick und unter ständig steigenden Regelungendrucks aus allen Verwaltungen verheißen nix Gutes. Letztlich ist es ein zuviel auf der Waagschale Lasten und zuwenig auf der Waagschale wofür das alles? Und was hat der Mensch im Menschen davon? Da es nicht ausgeglichen wird, landen unsere Psychen alle im burn-out.

Eigentlich ist das eine schöne Reserve-Politik der Evolution. Unsere Spezies, der Mensch, wird an dem von ihm selbst erstellten Ungleichgewicht wieder eingehen – aus dem Kreis der Lebenden ausscheiden. Die mit massenhaft Fernsehen und schnellem Internet ausgestatteten hochmodernern Gesellschaften weisen direkt mit der Nutzung in Zusammenhag stehend für die notwendige Reproduktion zu wenige Geburten auf.

#12 |
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Simone Pfaue, HP für Psychotherapie
Simone Pfaue, HP für Psychotherapie

Nun, da muss differenziert werden zwischen wirtschaftlichem Denken und Handeln im erlaubten, also legalen Rahmen , was -da stimme ich Ihnen zu- zu Lasten derer gehen kann, die innerhalb der Arbeitswelt eine schwächere Position einnehmen. Dafür, für die Einhaltung und Nachbesserung ist der Gesetzgeber, sowie auch die Gewerkschaften zuständig.

Mobbing als solches ist eine Handlung eines Einzelnen, bzw. einer Gruppe, welches darauf abzielt, einer Person Schaden zuzufügen auf körperlicher, seelischer, materieller Ebene oder darauf abzielt, diese Person zu quälen und zu demütigen, zur Aufgabe oder zum Weggehen zu veranlassen.
Und -auch da stimme ich Ihnen zu- es findet meist von oben nach unten statt (“Bossing”); wird also weitergegeben; seltener auf gleicher Ebene (Mitarbeiter untereinander) und noch seltener von unten nach oben (“Staffing” -Mitarbeiter gg. Chef)
Macht übrigens nüchtern und unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten betrachtet überhaupt keinen Sinn, da die Arbeitsproduktivität und die Stimmung im Betrieb leiden und die Zahl der Krankheitstage steigen.
Wichtig: Rechtzeitig Hilfe/Beratung holen, auch um nach Kriterien einschätzen zu können, ob der Tatbestand des Mobbings vorliegt.
MfG

#11 |
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B. Dührsen
B. Dührsen

Sehr schöner Artikel, gute Kommentare. Nur leider ist das Problem nicht nur in der Schule angelegt, sondern wohl ein auf die gesamte Gesellschaftsstruktur zutreffendes.
Die Leiharbeit- bzw. Personalvermittlungsbranche ermöglicht tägliches Mobbing auf ganz legale Weise. In Betrieben, die Leiharbeiter neben Festangestellten beschäftigen, wird eine Vielzahl der Leiharbeiter nicht genauso gut/schlecht behandelt, wie die Festangestellten. Ist der Chef dann eher ein Mensch, der selber nicht für eine gute Stimmung und Sicherheit sorgt, dann zieht sich das Mobbing vom Chef über Angestellte hin zu Leiharbeitern. Diese Menschen leben dann nicht nur finanziell prekär, sondern auch psycho-sozial.
Große Firmen, die festangestellte Mitarbeiter und “Zulieferer” auf dem gleichen Gelände beschäftigen, mobben durch tägliche etablierte Strukturen ohne Ansehen des Menschen und eigentlich auf Kosten der gesamten Gesellschaft. Mobbing im Großen! Das macht mich traurig. Eine Lösung oder Patentrezept habe ich aber leider auch nicht.

#10 |
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Heilpraktikerin

Mobbing als solches muss erst einmal als eine evolutionärbiologisch sinnvolle Handlung betrachtet werden; es beschreibt einen Gruppenangriff schwächerer Tiere gegen einen stärkeren Feind und ist somit ein sozialer Akt des Schutzes der eigenen Art (s. Konrad Lorenz).
Auch beim Menschen machte es in früheren Zeiten Sinn, Fremde, die ein anderes Verhalten zeigten aus der Sippe auszugrenzen, da “Anderssein” gleichbedeutend mit “Bedrohung des Bewährten” und “darauf einstellen, aber mit Verlust wertvoller Energie” assoziiert war.
Soweit, so sinnvoll. Auch heute noch findet ein automatisches Einschätzen des Anderen statt welches mit spontaner Sympathie oder Antipathie einhergeht. Auch Stärke oder Schwäche des Individuums werden über nonverbale Botschaften innerhalb weniger Sekunden kommuniziert.
Nun sollte der heutige Mensch im Ggs. zu früheren Zeiten in der Lage sein, seine Handlungen, vor allem, wenn ein großer zeitlicher Reaktionsspielraum zur Verfügung steht, also keine akute Gefahr droht, zu reflektieren bevor die Handlung einsetzt. Kann er auch (meist), macht er aber nicht immer.
Warum das? Weil die Faktoren Macht und Aggression mit einzubeziehen sind, die einen Bezug zum Selbstwertgefühl haben. Werde ich durch verschiedene Faktoren unter Druck gesetzt, wie hohes Arbeitsaufkommen ohne gemäßen Handlungsspielraum oder aggressiver (aggredi=sich nähern, angreifen) demütigender Umgang in Partnerschaft, Nachbarschaft oder Familie (Erziehung!) führt dies dazu, dass ich diesen Druck weitergeben möchte, auch um wieder in eine höhere Position zu gelangen, als mir durch die Demütigungen zugewiesen wurden, da dies innerhalb der Sippe entscheidend war für das Überleben (der Schwächste/Kranke durfte z.B. nur die Reste fr-essen die die anderen übrig ließen oder wurde zurückgelassen, wenn zu schwach um weiter zu ziehen).
Druck, welcher bei mir verbleibt, kann zu den genannten Autoaggressionen, bei Vorliegen weiterer ungünstiger Umstände bis zum Suizid führen.
Das alles steckt noch in uns, wird aber im Idealfall kompensiert durch Werte und Normen des sozialen Miteinanders. Klappt nicht immer, aus diversen Gründen. Was dann?
Dann braucht es einen Menschen, der
– in seiner Erziehung erfahren hat, dass er unabhängig von Verhalten oder Können einen Wert als Mensch als solcher aufweist und dieses auch verinnerlicht hat (Selbstwert, ganz wichtig!)
– dadurch nicht gewillt ist, Mobbing an sich zu dulden (beachte da auch Primär- und Sekundärgewinn)
– zu einer Gruppe von Personen gehört, die ihn in Krisenzeiten wieder daran erinnern und zu ihm stehen (Wertschätzung), auch schön im Artikel beschrieben
– Menschen mit Zivilcourage, die keine falsch verstandene mutlose Pseudotoleranz leben, sondern sich einbringen, unterstützen und Dinge, die falsch laufen beim Namen nennen
Mobbing kann i.d.R. nur da Fuß fassen, wo es stillschweigend geduldet wird.

Simone Pfaue
HP für Psychotherapie

#9 |
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Auch ich danke fuer den Artikel, Kompliment, solide statistische Arbeit.
Dass auch Täter erhöhte Suzidalität betrifft, überrascht mich nicht: Alexander Hassmüller hat in seinem Kommentar #7 schon den entscheidenden Hinweis gegeben: Zur Destruktivität des Mobbings gehört ein reales Machtgefälle. Wenn das Mobbing von Mutter, Vater, Lehrer, Chef, usw. ausgeht, werden sich unsichere, aber noch handlungsfähige Abhängige damit identifizieren, sich zwar heimlich schämen, aber sich am Mobben des Schwachen beteiligen, schon um selbst aus der Schusslinie zu kommen. Das ist das, was Alltagshänseleien konkurrierender Individuen von destruktivem Mobbing unterscheidet, nicht im spontanen Empfinden Betroffener, aber in den Handlungskosequenzen aller Beteiligten. Kriminell ist die/der Ranghoehere.
Ach, wenn ich an so manche Lehrer und Chefs denke, was sind das doch selber fuer arme Wichte. Jetzt wirds richtig komplex, viel lohnender Stoff fuer weitere statistische Recherchen.

#8 |
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Alexander Hassmüller
Alexander Hassmüller

Danke für den Artikel. Meine ersten Erfahrungen mit Mobbing machte ich als Schüler vor 45 Jahren. Einige Lehrer gefielen sich darin, die leistungschwächeren der Lächerlichkeit preiszugeben. Ein gut teil der Schüler beteiligten sich and der von den Lehren inizierten Kampagen. Dieses Grundmuster findet sich überall. Die Schwachen sind beliebtes Opfer und müssen herhalten um von der eigenen Unzulänglichkeit abzulenken. Das ist ganz im Sinne des Systems, erlaubt doch die Abgrenzung nach unten, dass man oben ungestraft weiter nach gutdünken verfahren kann. Später sammelte ich Erfahrungen dieser Art im Berufsleben. Mobbing von oben bis Mitarbeiter zusammenbrachen und nicht mehr arbeitsfähig waren. Das ist in meinen Augen ein krimineller Akt, leider ist den Tätern nur schwer beizukommen.

#7 |
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Gast
Gast

Darüber reden und schreiben ist eine Sache, sicherlich auch wichtig.
Es fehlen Handlungskometenz um die Ohnmacht zu überwinden.

#6 |
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Nichtmedizinische Berufe

Damit Mobbing an Schulen und in Betrieben kein Thema mehr ist, bedarf es der Ausbildung und des Know-How jener, die mit Menschenführung zu tun haben. Lehrer, Personalchefs und auch Schulleiter sollten verpflichtet werden, sich mit dem Thema auf Fortbildungen intensiv zu beschäftigen, um Mobbing zu erkennen, die Abläufe zu kennen und einschreiten zu können. Des Weiteren sollten sie auch die Charakterbildung und Menschlichkeit ihrer ihnen Anvertrauten vorantreiben. Das gilt vor allem für Schulen.
Dennoch sind natürlich in erster Linie die Eltern für diesen Bereich der Erziehung zuständig. Zivilcourage ist gefragt, mutiges Eingreifen, um diesen schwelenden Sumpf von Unterdrückung, Erpressung, Drangsalierung aufzubrechen und dem Betroffenen zu helfen.
Oft ist es das nicht richtige Handy, die unpassenden Klamotten, die uncoole Frisur oder andere Dinge, die Anlass zum Mobben geben. Niemand hat aber das Recht, über andere zu urteilen, jeder hat laut Grundgesetz das Recht auf Freiheit, auf Entfaltung der Persönlichkeit. Das sollten Mobber nicht kaputt machen dürfen.

#5 |
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Prof. Dr. Beate Blättner
Prof. Dr. Beate Blättner

Wichtiges Thema, danke.

#4 |
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therapeut
therapeut

Ich begegne dem Problem in meiner Arbeit als Ergotherapeut fast täglich.
Hier sollten die Schulen deutlich intensiver unterstützt werden.
Es ist sehr schwer solche Muster zu durchbrechen in einer Klasse.
Diese Studie zeigt aber wie wichtig es wäre den Opfern eine Anlaufstelle zu bieten die dann auch tatsächlich handelt und in Aktion tritt.
Hier ist schon einiges passiert, aber noch lange nicht genug!

#3 |
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Gast
Gast

Der Beitrag hat mich erschüttert – jedes Opfer ist eins zu viel. Ich empfinde es als sehr wichtig, dass die Gesellschaft analysiert, warum Kinder zu Tätern werden, sinnvolle Präventionsmaßnahmen in der Schule, für Elternhäuser, Vereine u.a. entwickelt und wir uns alle überlegen müssen, wie tolerant wir miteinander umgehen.

#2 |
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Nichtmedizinische Berufe

Toller Artikel – danke! ( den hätte ich schon in den Siebzigerjahren gebraucht, als das noch keiner ernst genommen hat.)

#1 |
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