Neurodermitis: Blaulicht an, UV-Licht aus?

3. Februar 2012
Teilen

Immunsuppressiva oder UV-Licht helfen bei Neurodermitis. Doch ihre dauerhafte Anwendung verbietet sich aufgrund der zum Teil schweren Nebenwirkungen. Forscher konnten nun zeigen, dass eine Bestrahlung mit blauem Licht eine schonende Alternative darstellt.

Quälender Juckreiz macht vielen Neurodermitis-Patienten das Leben schwer. Immer wieder entzündet sich die Haut der Betroffenen – oft ihr ganzes Leben lang. Heilen kann man das atopische Ekzem – wie die Krankheit auch genannt wird – bislang nicht, aber die Symptome können durch unterschiedliche Methoden behandelt werden. Im Vordergrund stehen dabei die Behandlung der betroffenen Hautpartien mit Immunsuppressiva oder UV-Licht.

„Eine Bestrahlung mit UV-Licht hilft vielen Patienten etwas besser als die äußere Anwendung von Glukokortikoiden, aber von einer nachhaltigen Therapiewirkung sind wir noch weit entfernt“, sagt Privatdozent Detlef Becker, Oberarzt an der Mainzer Hautklinik der Universitätsmedizin Mainz. „Da UV-Licht jedoch Krebs verursachen kann und dieses Risiko von der Gesamtdosis der Bestrahlung abhängt, ist eine sehr häufige oder sogar kontinuierliche Anwendung dieser Methode auch keine wirkliche Lösung für die Hautprobleme der Neurodermitis-Patienten.“

Erfolgreiche Anwendung bei Hand- und Fußekzemen

In den vergangenen Jahren entwickelten Wissenschafter deshalb eine Bestrahlungsart, die ohne UV-Licht auskommt. Die Anwendung von blauem Licht wurde zunächst bei Hand- und Fußekzemen erfolgreich erprobt. Jetzt haben Becker und seine Mitarbeiter in einer weiteren Studie zeigen können, dass blaues Licht anscheinend auch Patienten mit großflächig auftretenden Ekzemen helfen kann. Wie das Forscherteam in der Fachzeitschrift PLoS One mitteilen, führte eine sechsmonatige Anwendung zu einer wesentlichen Verbesserung der Symptome.

An der Studie nahmen anfangs 36 Erwachsene teil; sie alle litten an einer schweren, langfristig nicht zu kontrollierenden Form der Neurodermitis. Jeder Proband wurde – sobald ein Krankheitsschub begann – an fünf aufeinander folgenden Tagen jeweils über einen Zeitraum von 48 Minuten am ganzen Körper mit Blaulicht bestrahlt. Anschließend wurden die Ekzeme der Patienten solange mit einem Kortikosteroid lokal behandelt, bis sie verschwanden.

Wiederholung der Behandlung nach erneutem Krankheitsschub

Erst wenn die Krankheit bei einem Studienteilnehmer erneut aufflammte, wiederholten die Ärzte die Prozedur aus Bestrahlung und nachfolgender Anwendung eines Kortikosteroids. Die Hälfte der Patienten erhielt mehr als vier dieser Therapieblöcke. Während der gesamten Studiendauer wurden die klinischen Symptome beurteilt, charakteristische Laborparameter bestimmt und die Patienten befragt.

Nach sechsmonatiger Behandlung hatten sich bei 26 von 28 Patienten die Hautprobleme deutlich abgeschwächt. „Dazu haben wir den EASI-Index herangezogen, der eine gängige Methode zur Bestimmung der Ausdehnung und des Schweregrads der Neurodermitis ist“, sagt Becker. „Die Mehrheit der Patienten war mit der neuen Therapie zufrieden und stufte sie als wirksamer ein als die bisherigen Behandlungen.“

Immunsystem spielt wichtige Rolle bei Neurodermitis

Über die Ursachen der Erkrankung herrscht immer noch Unsicherheit. In einigen Fällen scheint es eine Verknüpfung mit Allergien zu geben, da bei diesen Patienten die Konzentration der IgE-Antikörper im Blutserum deutlich erhöht ist. In anderen Fällen funktionieren bestimmte Strukturproteine in der Hornhaut der Betroffenen nicht richtig und machen diese dadurch empfindlicher für externe Einflüsse. Auch könnte ein Ungleichgewicht verschiedener Komponenten des Immunsystems die Ausprägung des Krankheitsbilds verstärken.

Bislang ist auch noch nicht wirklich klar, auf welche Weise die Blaulichttherapie die Symptome der Neurodermitis lindert: „Wir gehen im Moment davon aus, dass chromophore Substanzen wie Riboflavin das blaue Licht in der Haut absorbieren und Singulett-Sauerstoff erzeugen“, sagt Becker. „Diese sehr reaktiven Teilchen greifen wahrscheinlich in die Regulation des Immunsystems ein und bewirken so, dass ein Prozess in Gang kommt, der längerfristig die Krankheit herunterreguliert.“

Blaulicht ohne ausgeprägten immunsuppressiven Effekt

Die Auswertung der Hautbiopsien und der Laboruntersuchungen, so der Mediziner, habe ergeben, dass die Blaulichttherapie keine deutlichen immunsuppressiven Auswirkungen auf das Entzündungsgeschehen der Haut ausübe. Becker: „Im Gegensatz zur Behandlung mit UV-Licht basiert der Effekt der neuen Therapie vermutlich nicht auf der kurzfristigen Zurückdrängung der Entzündung.“

Nach diesen ersten positiven Ergebnissen wollen Becker und seine Mitarbeiter nun die Wirkung der Blaulichttherapie im Vergleich zu einer Kontrollgruppe überprüfen. Deshalb haben die Forscher eine weitere Studie gestartet, an der erwachsene Patienten im Alter zwischen 18 und 40 Jahren teilnehmen können, die seit mehreren Jahren unter einer mittelschweren bis schweren Neurodermitis leiden. Eine Hälfte der Probanden wird nach dem Protokoll der alten Studie behandelt, die andere Hälfte wird zunächst für ein Jahr mit Standardtherapien entsprechend der Leitlinie für das atopische Ekzem behandelt und erhält erst danach die Blaulichttherapie.

Fehlende Kontrolle mindert Aussagekraft der Studie

Auch andere Experten wie Professor Thomas Werfel, Leitender Oberarzt an der Klinik für Dermatologie und Venerologie der Medizinischen Hochschule Hannover, halten die Therapie mit Blaulicht grundsätzlich für vielversprechend: „Allerdings mindert das Fehlen einer Kontrollgruppe die Aussagekraft der Studie“, so Werfel. Der Dermatologe hofft deshalb, dass die neue Studie die Wirksamkeit der Methode eindeutig belegt und die Blaulichttherapie dann in der entsprechenden Leitlinie der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AMWF) empfohlen werden könnte.

97 Wertungen (4.25 ø)

Die Kommentarfunktion ist nicht mehr aktiv.

8 Kommentare:

Als Dermatologe habe ich ein 15-16jähriges Mädchen mit typischer AD betreut (Beugenekzem, Nacken,etc). Nach kurzer Hydrocortison acetat Phase reichten für viele Monate Harnstoffsalben. Eines Tages stand das Mädchen mit massivem nässenden Ekzem des gesanmten Gesichtes und Halses vor mir. – Vor drei Tagen akut aufgetreten auf davor erscheinungsfreier Haut.– Es hatte vor drei Tagen ohne Vorankündigung der Freund Schluß gemacht.
Als Schulmeiziner behandeln wir den Körper, und lassen oft Seele und Geist unberücksichtigt. Das haben wir in der Uni so gelernt….

#8 |
  4

Hab’ i. R. einer neu aufgetretenen,sehr massiven Ganzkörper- ND fast 3/4 Jahr sämliche klassischen und diverse alternative Therapien erfolglos über mich ergehen lassen (incl. stationär,Histamindiät etc,etc).Dann hab’ ich mich an eine Therapie,die ich selbst vor > 20 J schon einige Male erfolgreich bei Patienten durchgeführt, aber wieder vergessen hatte, erinnert: Vitamin C Hochdosis-infusionen: 30 g Vit. C in 5oo ml physiol. NaCL in ca. 1 1/2 h, 3 mal/Wo + 1 Amp. Ubichinon im. Schon nach der 1. Infus. ca. 50 % Besserung und erstmals 1 Nacht ohne den teuflischen, therapieresistenten Juckreiz. Konnte der befreundete Kollege, der mir die Infusionen gelegt hat, und ich selbst, kaum fassen. I. G. 6 Infusionen à 30g , 2 à 15g und 1 à 7,5 g in 3 1/2 Wochen (ausschleichen ist wichtig). Bin seitdem (> 1 J) nahezu völlig symptomfrei (noch 2 münzgroße Stellen ohne Juckreiz) und esse wieder was ich will. Zur Nachahmung empfohlen,da m. A. der ganz wenigen KI keinerlei NW zu befürchten! Näheres zur Vit. C-Hochdosisinfusionstherapie i. Ü. bei der Fa Pascoe (die i. Ü. auch das einzige, konservierungsfreie, ausreichend hoch konzentrierte Vit. C. (Stech)Ampullenpräparat dafür herstellt.).

#7 |
  0
Christine Donth
Christine Donth

Ich bin immer wieder erstaunt darüber, dass die Gabe von Glucocortikoiden und UV-Bestrahlung immer noch als Standarttherapie bei Neurodermitis gesehen wird. Meiner Meinung nach sind Cortison und Immunsuppressiva nur bei einem mittleren bis schweren Schub angebracht, ansonsten sind die nicht ewünschten Wirkungen zu stark; die Gefahren der UV-Bestrahlung sind hinlänglich bekannt. Jeder Neurodermitiker sollte als ganzes Individuum betrachtet werden und eine individuell konzipierte Therapie erhalten, diese ist meist am erfolgversprechendsten. Leider ist man als Betroffener immer noch sehr auf sich alleine gestellt. Ich persönlich bin inzwischen nahezu beschwerdefrei – dank strikter Diät (kein Fleisch, kein Fisch, histaminarm, keine Nahrungsmittel gegen die Allergien oder Unverträglichkeiten bestehen, keine Zusatzstoffe), konsequente Hautpflege (tägliches Duschen und Haarewaschen mit einem rückfettenden Duschgel mit Milchprotein und 1x täglich Eincremen mit einer wässrigen Zinksalbe), Einnahme von Zinkorotatdihydrat (25-50 mg / d in Absprache mit dem Hausarzt), regelmäßige Darmsanierung mit SymbioLact sowie Eigenbluttherapie zu Beginn der Pollenflugsaison – und natürlich das Meiden von Allergenen so gut es geht. Sicherlich kein allgemeingültiges Patentrezept, aber vielleicht eine Anregung, etwas über den Tellerrand der klassischen Schulmedizin hinauszublicken – ausprobieren muss letztlich jeder Patient für sich, was ihm hilft.

#6 |
  0
Cornelia Hüller
Cornelia Hüller

@ Frau Heydenreich: Ich bin über die selbe Abkürzung gestolpert, wie sie. Denke allerdings dass der Erlanger Atopie Score (kurz EAS) gemeint ist. Dies ist ein Fragebogen zur Erfassung des Vorliegens einer atopischen Hautdiathese. Der SCORAD bezieht sich ja eher auch die Ausdehnung.

#5 |
  0

Herr Henning, es ist wohl so wie Sie sagen. Es ist zwar ein bekanntes Verfahren, aber es gab wohl noch keine “Studienlage” dazu ;-)
Eine Frage an den Autor Herrn Dr. Braun: da wir bei uns in der Praxis unter anderem ergänzend mit Lichttherapie arbeiten, wüsste ich gerne um welche Wellenlänge es sich bei dem “blauen Licht” handelt. Blaues Licht ist sehr allgemein…

#4 |
  0

Wenn man es richtig schreibt, findet man auch was… Entschuldigung- erledigt

#3 |
  0

Nachdem ich mit dem Scorad arbeite, interessiert mich, was der Easy-Index ist und wo man darüber etwas findet. Über Goggle war ich erstmal nicht erfolgreich. Vielen Dank

#2 |
  0
Altenpfleger

Läuft dieser Artikel etwa unter der Rubrik “News”?
Bin etwas irritiert. Jedes einigermaßen modern eingerichtete Solarium bietet schon seit Jahren Blaulichtbestrahlung zur Linderung von Neurodermitis erfolgreich an. Betreibt man an der Mainzer Hautklinik neuerdings “historische Wissenschaft”? Fließen also wieder Forschungsgelder in Projekte, die sich außerhalb der “heiligen Gemäuer” längst als Basiswissen etabliert haben?

#1 |
  0
Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: